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  1. #1
    Avatar von Düsentrieb_610
    Düsentrieb_610 ist offline Moderator
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    Entwicklungshilfe - warum staatlich?

    Mal ne dezente Frage zum Thema Entwicklungshilfe: Anlässlich des G8-Gipfels wird ja von illustrer Seite gefordert, Deutschland möge seine Verpflichtungen in dieser Sache wahrnehmen - es geht um so etwas wie die Hebung der bereitgestellten Mittel auf einen bestimmten Prozentsatzes des Bruttosozialprodukts.
    Wenn "die Bundesrepublik" etwas zahlt, dann muss das Geld irgendwo herkommen - aus den Taschen der Bürger, sofern das Land nicht selbst neue Schulden aufnimmt (was sich nicht empfiehlt). Die Regierung stockt jährlich um 750 Millionen auf, nehmen wir also an, größenordnungsmäßig sei nocheinmal dieser Betrag nötig, um der anstehenden Verpflichtung zu entsprechen.
    Bei 80+ Millionen Einwohnern sind das weniger als 10€ pro Nase(*). Warum also wenden sich Geldof, Grönemeyer & Co sich nicht an das Publikum (welches sicher leichter zu beeinflussen ist als die G8-Mannschaft) und appellieren, dass jeder morgen zu einer karitativen Organisation seines Vertrauens pilgern und nen kleinen Roten auf den Tisch des Hauses legen möge(**)?
    Ich hörte, als die erlauchte Charity-Prominenz durch die Talkshows tingelte, mit steter Regelmäßigkeit, dass "Deutschland" mehr ausgeben muss - nur witzigerweise nicht an jenes Deutschland adressiert, welches gebannt vor der Mattscheibe oder live im Studio saß. Kein einziges Mal vernahm man:
    "Lieber Zuschauer: Hast Du Deine 10€ schon gespendet?". Auch vom in Köln abgehaltenen Kirchentag sind keine vergleichbaren Aufrufe bekannt (obwohl die korrekte Handhabung des Klingelbeutels jedem guten Christenmenschen vertraut sein sollte ).
    Weshalb nicht?
    Auch so ließe sich schließlich der ausstehende Betrag zusammenbekommen, und zwar mit Sicherheit schneller, als wenn man den Umweg über die Haushaltsdebatte des Bundestages oder die Verhandlungstische in Heiligendamm geht.
    Auch wer bei den offiziellen Hilfskanälen sinistre Machenschaften und Korruption an allen Ecken und Enden vermutet, könnte sich gezielt jene Hilfsorganisation aussuchen, die ihm besonders integer erscheint und würde - jetzt, da er das Geld in guten Händen weiß - zweifellos besser schlafen.
    Auch dieses Argument muss mir in den Reden von Bono und Geldof entgangen sein.

    Liegt es am Ende daran, dass sich auf "die da oben" besser (vor allem: publikumswirksamer) mit dem Finger zeigen lässt, als dass man stattdessen die breite Masse auffordert, sich - jeder für sich - an die eigene Nase zu fassen und ganz direkt und ungefiltert seinen kleinen Beitrag zu leisten?



    * Das ist ein Beispielwert: Wer den ca. zu erwartenden Pro-Kopf-Betrag parat hat (ich bin im die Zeit zu faul zum Nachschlagen) und hier postet, erhält ein Fleißbienchen in der Farbe seiner Wahl.
    ** Oder eben auch nen Blauen oder Braunen - je nach Geberlaune und Familiengröße.
    Geändert von Düsentrieb_610 (08-06-2007 um 01:00 Uhr)
    "Es ist mehr wert, jederzeit die Achtung der Menschen zu haben, als gelegentlich ihre Bewunderung."
    (Jean-Jacques Rousseau)

    "Science flies you to the moon.
    Religion flies you into buildings."

    (Victor Stenger)

    Am Ende wird alles gut.
    Und falls nicht, ist es nicht das Ende.

  2. #2
    Avatar von Valas
    Valas ist offline "Dekan" (1500-2999 Beiträge)
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    Zitat Zitat von Düsentrieb_610 Beitrag anzeigen
    Liegt es am Ende daran, dass sich auf "die da oben" besser (vor allem: publikumswirksamer) mit dem Finger zeigen lässt, als dass man stattdessen die breite Masse auffordert, sich - jeder für sich - an die eigene Nase zu fassen und ganz direkt und ungefiltert seinen kleinen Beitrag zu leisten?
    Das ist sicher ein sehr wichtiger Grund dafür, aber es hat auch etwas mit der Mobilisierung der Leute zu tun. Würden die sich hinstellen und so etwas fordern, dann würden sie schnell den Eindruck von Bettlern erwecken, die "mir" nur an die Tasche wollen. So sieht es aber so aus, als ob sie nur einen winzigen Teil des riesigen Schatzes einfordern, den jeder Staatschef unter dem Bett versteckt hält.
    Das sieht man auch schön im Protest gegen die einzelnen Staatschefs. So wird etwa gerne vergessen, dass die sich alle demokratisch wählen lassen müssen (gut, ausser dem aus dem flächenmäßig größten Staat) und daher schlicht das machen müssen, was die Wähler wollen. In sofern ist der Protest schon etwas heuchlerisch, denn er ist in seiner Konsequenz eben reichlich antidemokratisch. Für einen Verein wie etwa Attac, der das Konsensprinzip als "gerechte" Form der Entscheidungsfindung nutzt, ist das ein ziemlich merkwürdiges Verhalten, dass sich nur damit erklären lässt, dass man den Staatschef als böse darstellt und ihm unterstellt, dass nur aus Vergnügen zu machen.
    Auch interessant ist, dass die Nummer 2 unter den CO2 Emittenten nie angesprochen wird, vermutlich sind die einfach zu weit weg, als das es interessiert.

    Vielleicht ist auch noch ein Punkt, dass die Menschen dann anfangen würden zu fragen, was denn überhaupt mit ihrem Geld passiert.
    Man vergleiche nur mal das ERP in Europa mit den Entwicklungsgeldern seit den 60ern (damals war Afrika ja gerade auf dem weg nach oben)
    Anglizismen sind Bullshit


    Wenn man weiß wer der Böse ist hat der Tag Struktur(Volker Pispers)


  3. #3
    Avatar von Rudi Ratlos
    Rudi Ratlos ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Es ist ja im Grunde eine hübsche Idee, dass der einzelne Bürger mehr Verantwortung zeigen und sein Teil zur Veränderung der Welt beitragen sollte. In der Praxis habe ich allerdings grösste Zweifel, dass auf diese Weise mehr als nur ein kleiner Prozentsatz der Deutschen zum Spenden bereit wäre.
    Zitat Zitat von Düsentrieb_610 Beitrag anzeigen
    Bei 80+ Millionen Einwohnern sind das weniger als 10€ pro Nase(*).
    Damit wiederum wäre verbunden, dass es eben nicht nur die zitierten 10 Teuro pro Person sind, die geleistet werden müssten, sondern ein 50- oder 100-Euro Schein. - Kurz, eine schöne Theorie, aber ich würde prognostizieren, dass sie in der Praxis am Egoismus der Bürger scheitern würde (oder wie Valas es formuliert, diese glauben "dass man ihnen nur an die Tasche will").
    Zitat Zitat von Düsentrieb_610 Beitrag anzeigen
    Auch vom in Köln abgehaltenen Kirchentag sind keine vergleichbaren Aufrufe bekannt (obwohl die korrekte Handhabung des Klingelbeutels jedem guten Christenmenschen vertraut sein sollte ).
    Ich denke, da bist Du falsch informiert. Gerade bei Kirchentagen (auf dem in Köln war ich nicht, aber auf anderen) werden seit Jahrzehnten solche Aufrufe gemacht. Und nicht nur das, in jeder kleinen Gemeinde werden regelmässig Spenden für Entwicklungsprojekte gesammelt. - Nur trifft darauf eben die Vermutung zu, die ich oben geschildert habe: Da nur ein geringer Prozentsatz aller Menschen an solchen Spendenaktionen teilnimmt, bleibt der totale Ertrag weit hinter dem zurück, was der Bund beschliessen kann. Schon allein deshalb sollte sich meiner Ansicht nach der Staat nicht aus der Verantwortung der Entwicklungshilfe heraushalten.

    Im übrigen könnte man diese Forderung genauso auf andere staatliche Investitionen übertragen: Klein-Hintertupfingen bekommt einen Zuschuss von Bund und Ländern für den Bau ihres Sportstadions für 200.000 Euro. Wenn jeder der 20.000 Einwohner seinen 10-Euro-Schein spenden würde, bräuchte der Bund dort ja nicht einzugreifen, oder?

    Sport ist ein gutes Thema. 20 Milliarden Euro wurden 2002 von Bundesbürgern für Sportkleidung und Material ausgegeben. Der Bund steuerte 1,4% des BSP als Investitionen bei. [1] Nun ist Sport ganz klar eine Freizeitbeschäftigung, ein Luxus der Industrieländer. Wie sieht es denn mit Investitionen aus, die für das Überleben von Menschen und Entwicklungshilfe ausgegeben wird?

    Das kann man im Bericht des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 2006 nachlesen: Der gesamte Bund investierte dafür 10,35 Milliarden US-Dollar (!) - also weniger als die Hälfte dessen, was Hänschen Müller und Liesel Schmidt bundesweit für ihren neuen Tennisschläger oder die neue schicke Trainingshose hinblättern.
    Noch interessanter wird es, wenn man das ganze prozentual auf das BSP umrechnet: Es bleibt eine Investition von 0,36% anteilig am deutschen BSP. Mit anderen Worten, weniger als ein Viertel dessen, was die Bundesregierung in Sportmassnahmen pumpt.

    Ich denke, man darf sich fragen, wo die Verhältnismässigkeit bleibt. Und die nun von Dir als so immense Erhöhung gesehenen angekündigten 750 Millionen Euro mehr für Entwicklungshilfe im Jahre 2008 fallen angesichts der Zahlen wohl kaum mehr ins Gewicht. (Ich habe es mal gerade umgerechnet, das wären dann 0,386 % des BSPs...)

    Vom deutschen Budget für Verteidigung will ich mal lieber nicht anfangen. Stattdessen nenne ich nur mal einen interessanten Vergleich:
    Weltweit wurden 2005 für Militärausgaben 1 Trillionen (!) US-Dollar ausgegeben, im gleichen Zeitraum entfielen auf Entwicklungshilfe 60 Milliarden US-Dollar.

    [1] http://www.berlin.ihk24.de/share/bw_...2/0203006a.htm
    Geändert von Rudi Ratlos (08-06-2007 um 09:39 Uhr)
    Wessen wir am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind.
    (Ralph Waldo Emerson, 1803-1882)

    Gehe nicht vor mir - vielleicht folge ich Dir nicht.
    Geh nicht hinter mir - vielleicht kann ich Dich nicht führen.
    Geh einfach neben mir - und sei mein Freund.
    (Albert Camus, 1913-1960)

  4. #4
    Avatar von Düsentrieb_610
    Düsentrieb_610 ist offline Moderator
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    Zitat Zitat von Rudi Ratlos Beitrag anzeigen
    Es ist ja im Grunde eine hübsche Idee, dass der einzelne Bürger mehr Verantwortung zeigen und sein Teil zur Veränderung der Welt beitragen sollte. In der Praxis habe ich allerdings grösste Zweifel, dass auf diese Weise mehr als nur ein kleiner Prozentsatz der Deutschen zum Spenden bereit wäre.
    Falls das so ist, dann handelt die Bundesregierung ja ganz im Sinne der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, wenn sie das Portmonnaie zunäht - schon die moderate Erhöhung der E.-Hilfe-Ausgaben wäre dann nicht im Sinne der Wähler.
    Ich komme ja gerade nur auf die Idee, weil der Jan Liefers sich gestern bei Illner darüber beschwerte, dass "die Politiker" ja allenthalben verkünden würden, Entwicklungshilfe (und generell die meisten Politikfelder) seien so komplex, dass der Normalverbraucher das gar nicht überblicken könne. Tatsächlich aber seien die Bürger (auch die Bildleser? ) blitzgescheit und sehr wohl in der Lage sich über all das (inklusive Steuerrecht, Demografie, CO²-Haushalt und Rentensystem) kluge Gedanken zu machen.
    Wenn das stimmt, dann ist zweifellos auch die "Spendenmüdigkeit" der breiten Bevölkerungsmehrheit ein Ergebnis tiefgründiger Überlegungen, so dass man sich eigentlich nur wundern kann, dass Merkel et al. öffentlich genötigt werden, dem "gesunden Volksempfinden" zuwider zu handeln und mehr Geld in Entwicklungshilfe zu stecken.
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  5. #5
    Giftzwergin ist offline "Dekan" (1500-2999 Beiträge)
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    viele von der protestseite geben bereits ihren teil, sie kaufen bspw. oft keinen herkömmlichen kaffee mehr, sondern den mit dem wunderschönen fairtrade-siegel (meiner meinung nach ein wesentlich sinnvollerer beitrag als der dauernde spendenwahn, der alljährlich an weihnachten ausbricht..). nur halt otto normalverbraucher und lieschen müller...denen ist der halt zu teuer, weil wegen bei aldi gibts ja billigeren. und das, was da in afrika und südamerika und überall anders passiert...ja, schon schlimm, nich? aber davon lassen wir uns doch in unserer seelenruhe nicht stören, also wirklich, wir können die welt ja eh nich ändern, nicht wahr?
    und das ist dann halt der grund, weshalb diverse gruppen staatliche unterstützung anfordern. dann regt sich otto normalverbraucher vielleicht mal kräftig auf, was die da oben wieder mit seinen steuergeldern machen, so ein quatsch, wieso denn afrika, und was ist mit uns, blabla (falls er es überhaupt mitbekommt), aber seine steuern zahlt er halt im endeffekt trotzdem. vielleicht nicht die beste methode, bestimmt auch nicht die fairste - aber die einzige möglichkeit, gegen den ganzen individuellen egoismus auch mal anzukommen. denn wie gesagt: zu fairem konsumverhalten, was den entwicklungsländern mehr bringen würde als die dauernde abhängigkeit von den reichen staaten, lässt sich ja keiner überreden.

    aber noch ein kleiner kommentar:
    Zitat Zitat von Valas Beitrag anzeigen
    ...und daher schlicht das machen müssen, was die Wähler wollen.
    naja, ganz so stimmt das nicht, wir haben schließlich Artikel 38 GG, nachdem unsere gewählten vertreter "... an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen." sind. die müssen also nur dafür sorgen, dass ihre wählerschaft nie auf den gedanken kommt, dass die andere partei vielleicht ne alternative bieten könnte. ansonsten darfste theoretisch alles machen, was das gesetz erlaubt, sobald du mal gewählt bist - und das is ja nicht grad wenig. ok, und es darf dir nicht passieren, dass die kollegen plötzlich finden, dass du zu weit gehst. aber solang du dir mit denen einig bist, kann dir nicht viel passieren.
    ...Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch...

    Ich bin ein Held - ich muss besser sein als ein Monster!! (mit bestem Gruß an den Fußnackenmasseur...)

    Mehr Hunde für Deutschland!

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