Mir ist heute durch Zufall der folgende Artikel in die Hände gefallen...

Was haltet ihr davon? Ich meine, daß da durchaus einige bedenkenswerte Ansätze drin stecken.

Viele Feinde, keine Ehre
James Bowman glaubt, daß der Terror weniger durch die Religion als durch eine Ehrkultur motiviert ist. Er fragt, was wir dem entgegenzusetzen haben
Die Ehre gilt als Gegenstand anthropologischer, historischer und literaturwissenschaftlicher Forschung. Aber die Frage der Ehre heute, zumal im Westen, wird selten thematisiert. Kulturen der Ehre sind Kennzeichen der "anderen" - seien es afrikanische, asiatische und ozeanische Stämme, oder die Mafia, Skinheads und ähnliche Jugendbanden in europäischen und amerikanischen Städten. Den aufgeklärten und fortschrittlichen Schichten des Westens anzugehören bedeutet aber fast zwangsläufig, keine Kultur der Ehre zu haben.
Die Gründe liegen auf der Hand. Der westliche Ehrbegriff geriet in Verruf, als er bemüht wurde, um die Gemetzel des Ersten Weltkriegs zu rechtfertigen. Dann haben Feminismus, Psychotherapie, Konsumstreben und individualistische Werte im Westen der Nachkriegszeit so sehr zum Niedergang der Ehre beigetragen, daß man sich kaum noch ernsthaft mit ihr auseinandersetzt.

Seit dem 11. September 2001 aber lassen sich die Existenz und das Potential von Ehrkulturen anderswo - vor allem in der islamischen Welt - nicht mehr ignorieren. Dort ist die Ehre als Beweggrund für den Terrorismus mit Sicherheit wichtiger als der Islam, der ja das Töten Unschuldiger verbietet.

Weil wir selbst keine Kultur der Ehre mehr haben, können wir die der Terroristen, die Flugzeuge ins World Trade Center und ins Pentagon lenkten, Bahnen und Busse in Madrid und London in die Luft sprengten, so schwer verstehen.
Sie verbindet ein Ehrgefühl, das eindeutig stammesorientiert und an persönliche Beziehungen geknüpft ist - an eine "Ehrengruppe", wie Professor Derek Brewer von der Universität Cambridge sie nennt. Für den Ehrbewußten ist es von allergrößter Wichtigkeit, sein Ansehen in der Ehrengruppe zu bewahren. Auf unsere globalisierte, individualistische und kosmopolitische Gesellschaft wirken solche Stammesbräuche zunehmend fremdartig. Unsere multikulturelle Aufgeschlossenheit wird überdies durch Phänomene wie "Ehrenmorde" an vorgeblich unkeuschen Frauen in Frage gestellt, die etwa in Südasien - und zunehmend unter südasiatischen Einwanderern in Europa - an der Tagesordnung sind. Allerdings neigen wir dazu, sie als Auswüchse eines religiösen Fanatismus zu betrachten.

Das ist ein Fehler. Die Kultur der Ehre ist in Südasien (wie auch anderswo) älter als die heutigen regionalen Religionen, was sich in Indien und Pakistan etwa an der Ähnlichkeit der Ehrpraktiken bei Muslimen und Hindus zeigt. Die Religion ist nur ein Vehikel für diese Kultur, eine äußerliche Markierung der Zugehörigkeit zu einer Ehrengruppe - so wie es in Nordirland bei Katholiken und Protestanten noch heute der Fall ist.

Der jetzt zum Glück überwiegend gewaltfreie Konflikt in Nordirland hatte immer nur den oberflächlichsten Bezug zur Religion. Dasselbe trifft meines Erachtens für den von der Bush-Regierung ausgerufenen "Krieg gegen den Terror" zu. Schon dieser Name zeugt von unserer Unfähigkeit, einen Ehrkonflikt anzusprechen, geschweige denn zu verstehen. Ohne eine eigene Kultur der Ehre sind wir darauf angewiesen, die Kultur des Feindes allein mit dem taktischen Mittel - Terror - zu bezeichnen, das er gegen uns verwendet.

Wie sollen wir aber diesen Konflikt aushalten, wenn wir an unserer Verachtung für die bloße Vorstellung der Ehre festhalten? Es leben noch Menschen, die sich an jene "mission civilisatrice" erinnern können, die einer relativ aufgeklärten und liberalen westlichen Kultur eine ehrenwerte Daseinsberechtigung auch in islamischen und anderen Stammesgesellschaften verlieh. Das scheint heute nicht mehr möglich zu sein.

Aber wir müssen daran glauben, daß wir für eine Sache kämpfen. Wenn die Ehre der islamistischen Krieger unseren Tod fordert, haben wir dem überhaupt etwas entgegenzusetzen außer unserem Wunsch, am Leben zu bleiben? Oder haben unsere multikulturellen Neigungen selbst diesen Wunsch so weit zerstört, daß wir nur noch versuchen können, einen gnadenlosen Feind gnädig zu stimmen, der uns doch unversöhnlich haßt?

Schließlich sind wir für sie nach wie vor "Kreuzritter", und das mehr als ein halbes Jahrtausend nach dem letzten Kreuzzug und obwohl das Kreuz bei uns seit einem halben Jahrhundert allenfalls noch eine private Vorliebe bezeugt, wie etwa das Abzeichen einer Jugendbande. Wie groß sind unsere Chancen, sie friedfertiger und uns ähnlicher zu machen, wenn wir uns noch liberaler und multikultureller verhalten?

Nicht sehr groß, meine ich. Ohne Ehre haben wir keinen Kampfeswillen, und damit keinen Überlebenswillen - nicht einmal als die liberale und progressive Gesellschaft, die wir sein möchten. Ich glaube, in der amerikanischen Entscheidung für den Irak-Krieg lag ein unausgesprochener Rest von nationalem Ehrgefühl, das sich hinter dem Gerede über Massenvernichtungswaffen und demokratischer Mission verstecken mußte. Das verheißt nichts Gutes hinsichtlich der nationalen Entschlossenheit, den Kampf fortzusetzen.

Läßt sich die Ehre wiederbeleben?
Gelingen könnte es nur, wenn wir uns darauf besinnen, wie stark sich unsere verschüttete westliche Ehrkultur von der unserer heutigen islamistischen Feinde unterschied. Die westlichen Ehrenideale von Ritterlichkeit, Respekt gegenüber Frauen, Vornehmheit und Anständigkeit entwickelten sich über die Jahrhunderte unter dem Druck des Christentums aus einer ursprünglichen Ehrkultur, die einmal so barbarisch war wie die der heutigen Terroristen. Sollten diese Ideale nicht für immer verloren sein, könnte es sich noch immer lohnen, um sie zu kämpfen.
http://www.welt.de/print-wams/articl...eine_Ehre.html