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  1. #1
    Avatar von pax
    pax
    pax ist offline Moderator
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    21.09.2004
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    Verklärung der DDR

    Da die Diskussion schon gestartet ist, hier auch der entsprechende Thread dazu.

    Es gab (und ist offenbar noch am laufen) eine groß angelegte Studie, wieviel Jugendliche über die DDR wissen bzw. welche Meinung sie zu diesem Regime haben.

    Dabei stellte sich heraus, dass zum einen das Gesamtwissen eher niedrig war, aber im besonderen in Berlin(Ost) und Brandenburg quantitativ sogar der Wissenstandard eines US-Amerikaners unterschritten wurde, wobei eine erhebliche Weichzeichnung und Schönfärberei zu beobachten ist.

    Nun ist es Sitte, dass nach Diktaturen die ehemaligen Träger und Einwohner allein aus Gründen des Selbstschutzes (mein Leben war nicht unsinnig) die Zeit in Nostalgie tränken, sobald man sie als "Zeitzeugen" befragt.

    Interessant hierbei ist, dass es dem Staat nicht gelingt, wenigstens der nachfolgenden Generation ein nüchternes Bild zu vermitteln.
    Diese Diskrepanz führte 1968 zu erheblichen Unruhen in der BRD.
    Soweit wird es im Osten wahrscheinlich nicht kommen.
    Dennoch spiegelt sich die Einstellung in erheblichen demokratischen Defiziten wieder, die wiederum ein besonderes Parteiengemenge in den Landesparlamenten zur Folge hat.

    Ein paar konkrete Zahlen hier :
    Ahnungslose Schüler: Bildungspolitiker fordern neue Lehrpläne zur DDR-Geschichte - SchulSPIEGEL - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten

    Eine etwas genauere Aufstellung, wie der Staat dieses auch noch unterstützt hier :
    Mangelnde DDR-Kenntnisse: Die Mitschuld der Kultusminister - Bund - Politik - FAZ.NET

  2. #2
    Astir01 ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Wieso nicht?

    Den aller- allermeisten Leuten ging es doch gut in der DDR.

    Man hatte satt zu essen, (von Obst und Südfrüchten abgesehen; der Fleischkonsum war jedoch höher als in den BRD) ein Dach über dem Kopf und musste sich im Grunde um nichts sorgen oder selber kümmern.

    Es gab (fast) keine sozialen Unterschiede. Alle saßen im gleichen Boot, organisierten, was nicht auf normalem Wege zu beschaffen oder zu kaufen war, richteten sich in ihren selbstgebauten Gartenhäuschen ein und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein. Man hatte Arbeit ohne Arbeitsplatzsorgen, musste sich nicht zu Tode schuften, und hatte wenig bis keinerlei persönliche Verantwortung. Soziale Wärme ersetzte politische und wirtschaftliche Freiheit weitestgehend. Das System hatte mehr aktive Unterstützer und Mitläufer als Kritiker.

    Man konnte stolz sein auf die Erfolge der Athleten, der Werktätigen und Bauern, wenn man übersah, dass die Erfolge mit Doping, Umweltverschmutzung und einem unverantwortlichen Raubbau an den Ressourcen erkauft wurden.

    Im Rückblick haben die Bürger, die in der DDR aufgewachsen sind, durch die Wiedervereinigung Dinge hinzugewonnen, mit denen sie wenig anfangen konnten (was nützt Reisefreiheit, wenn man alles bezahlen muss?) und vermissen Dinge, die ihnen mit den Jahren ans Herz gewachsen sind.
    Den Druck der Staatsmacht bekamen nur die wenigsten tatsächlich zu spüren. (wie auch den Terror der Nazis; mein Vater spricht immer nur von den Bombenangriffen, nie von der GeStaPo)

    Für die Ostalgie der Ossis und die Wahlerfolge der Linken in Westdeutschland trifft die gleiche Erklärung zu.
    Tja, Proton müsste man sein; man würde die Quantenphysik verstehen, wäre immer positiv drauf, und hätte eine nahezu unbegrenzte Lebenszeit.
    (Silvia Arroyo Camejo)

  3. #3
    lausitzer ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Zitat Zitat von pax Beitrag anzeigen
    Interessant hierbei ist, dass es dem Staat nicht gelingt, wenigstens der nachfolgenden Generation ein nüchternes Bild zu vermitteln.
    Was verstehst Du unter einem nüchternen Bild?

    16. Mio von der Stasi verfolgte Menschen, die alle nur auf Koffern gesessen haben und darauf warteten, dass ihr Ausreiseantrag genehmigt wird?

    Hörst Du Deinen Eltern gelegentlich auch mal zu, wenn sie von früher erzählen? Hatten sie noch anderes Leben außer ständigem Leid und Unterdrückung.

    Bestimmt.

    Im übrigen kann und darf man gesellschaftliche und insbesondere wirtschaftliche Verhältnisse nicht immer mit dem heute vergleichen.

    Wenn man z.B. über die Umweltverschmutzung durch sagen wir durch Kohleerzeugnung und Verstromung bzw. Wärmegewinnung Mitte der Achtziger Jahre redet, dann kann man nicht mit heutigen Möglichkeiten und Umweltschutzbestimmungen rangehen und sagen, dass das alles schlecht war. Dann muss man eben auch den Mut haben, zur Zeit Mitte der Achtziger Jahre ins Ruhrgebiet zu schauen und dort den Ruß von den Fensterbrettern zu wischen.

    Genauso kann ich nicht ein hochmodernes, japanisches oder französisches Automobil von heute mit Hybridantrieb und Rußfilter mit dem Trabant 601 vergleichen. Klar, wer da schlechter abschneidet. Und diesen Fehler machen viele.

    Über das Bildungssystem ist anderswo schon viel geschrieben worden, aber die Tatsache das Finnland PISA-Sieger ist, mit einem ähnlichen Schulsystem und dass heute in der BRD vieles unter neuem Namen wieder auftaucht, was es schon einmal gab, muss man auch mal sehen.

    Auch in der Kinderbetreuung und in der Fürsorge für Kleinstkinder und Mütter, sowohl in medizinischer, wie auch in menschlicher Hinsicht entwickeln sich heute wieder Strukturen, die es schon mal gab. Für derartige Erkenntnisse, dass doch nicht alles schlecht war, musste es aber erst Tote und Verletzte geben. Nein, keine Maueropfer, sondern unschuldige Neugeborene und Kleinkinder, die im bundesdeutschen System der Eigenverantwortung und der Selbstbestimmung einfach vergessen wurden, später verletzt, behindert oder tot in Blumentöpfen und Kühltruhen gefunden wurden.

  4. #4
    Avatar von Düsentrieb_610
    Düsentrieb_610 ist offline Moderator
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    Zitat Zitat von lausitzer Beitrag anzeigen
    16. Mio von der Stasi verfolgte Menschen, die alle nur auf Koffern gesessen haben und darauf warteten, dass ihr Ausreiseantrag genehmigt wird?
    Gegenfrage: Müssen es denn wirklich erst so viele sein, oder reicht es für den Anfang als Symptom, wenn die bundesrepublikanischen Botschaften in den sozialistischen Bruderstaaten voller Menschen sind, die lieber unter den erbärmlichsten Bedingungen dort ausharren, als wieder in den Arbeiter- und Bauernstaat zurückzukehren?
    Ein Leben in der Freiheit ist nicht leicht, und die Demokratie ist nicht vollkommen. Aber wir hatten es nie nötig, eine Mauer aufzubauen, um unsere Leute bei uns zu halten und sie daran zu hindern, wo anders hinzugehen.

    Zitat Zitat von lausitzer Beitrag anzeigen
    Hörst Du Deinen Eltern gelegentlich auch mal zu, wenn sie von früher erzählen? Hatten sie noch anderes Leben außer ständigem Leid und Unterdrückung.

    Bestimmt.
    Zweifellos. Aber das hatten - vor dem Ausbruch des Krieges - mehrheitlich sogar die Menschen im "Dritten Reich". Das macht das System aber nicht weniger verwerflich.
    Vor allem dann nicht, wenn es Menschen gibt, die - qua Religion oder politischer Weltanschauung - diskriminiert wurden. Bei den Nazis reichte das oftmals für ein Ticket in die Gaskammer, aber nur, weil die "DDR" im Vergleich hierzu extrem lasch zu Werke ging (aktiven Gemeindemitgliedern Studienplätze vorenthalten, Regimekritiker in Hohenschönhausen foltern etc.), wird aus ihr noch kein Musterstaat. Diktatur bleibt Diktatur - auch wenn sie (wie fast alle Unrechtsregime) gemessen am Nazireich ein Waisenknabe ist.
    Zitat Zitat von LSZ
    Im übrigen kann und darf man gesellschaftliche und insbesondere wirtschaftliche Verhältnisse nicht immer mit dem heute vergleichen.

    Wenn man z.B. über die Umweltverschmutzung durch sagen wir durch Kohleerzeugnung und Verstromung bzw. Wärmegewinnung Mitte der Achtziger Jahre redet, dann kann man nicht mit heutigen Möglichkeiten und Umweltschutzbestimmungen rangehen und sagen, dass das alles schlecht war. Dann muss man eben auch den Mut haben, zur Zeit Mitte der Achtziger Jahre ins Ruhrgebiet zu schauen und dort den Ruß von den Fensterbrettern zu wischen.

    Genauso kann ich nicht ein hochmodernes, japanisches oder französisches Automobil von heute mit Hybridantrieb und Rußfilter mit dem Trabant 601 vergleichen. Klar, wer da schlechter abschneidet. Und diesen Fehler machen viele.

    Über das Bildungssystem ist anderswo schon viel geschrieben worden, aber die Tatsache das Finnland PISA-Sieger ist, mit einem ähnlichen Schulsystem und dass heute in der BRD vieles unter neuem Namen wieder auftaucht, was es schon einmal gab, muss man auch mal sehen.
    Auja - jetzt noch der Kommentar, dass Ulbricht, Pieck und Honecker ja auch die Arbeitslosen von der Straße geschafft und Autobahnen (oder etwas Vergleichbares) gebaut haben, und fertig ist die Feststellung, dass eine gute Diktatur eben doch besser ist als eine schlechte Demokratie.

    Pardon: Der Umstand, dass eine Diktatur im Einzelfall mal etwas Gutes zuwege bringt, ändert nichts daran, dass sie eine Diktatur ist - oder würde sich irgendwer dafür interessieren, wenn herauskäme, dass Stalin bei den Pfadfindern war?
    "Es ist mehr wert, jederzeit die Achtung der Menschen zu haben, als gelegentlich ihre Bewunderung."
    (Jean-Jacques Rousseau)

    "Science flies you to the moon.
    Religion flies you into buildings."

    (Victor Stenger)

    Am Ende wird alles gut.
    Und falls nicht, ist es nicht das Ende.

  5. #5
    lausitzer ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    3.691
    Warum wissen ausgerechnet die Bayern am besten Bescheid über die Geschichte der DDR?

    Doch nicht etwa deswegen, weil es in München inzwischen Gegenden gibt, die für Ostdeutsche genau so was sind, wie Berlin-Neukölln für unsere türkischen Mitbürger.

    Wo sind denn die Flüchtlinge über die österreich-ungarische Grenze alle gelandet? Mehrheitlich in Süddeutschland. Auch nach dem Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft sind ja viele dorthin gegangen, die mittlerweile hier im Osten fehlen, wo es an immer mehr Stellen erheblichen Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften gibt.

    So, und nun nimm mal den bayrischen Jugendlichen vom Land, der nicht mal weiß, dass Cottbus noch nicht Polen ist, auch wenn Chóśebuz auf den Ortsschildern steht und frag den Mal. Natürlich wird der das erzählen, was seine Eltern und älteren Geschwister erlebt haben, als 1989 die von drüben kamen. Und natürlich erzählen die Geflüchteten auch, aus welchen Gründen sie geflüchtet sind, aber das kann doch nicht auf alle Menschen extrapolieren.

    Wo die eigene Anschauung fehlt, glaubt man selbstverständlich mehr dem, was irgendwelche Leute in die Bücher schreiben lassen.

    Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass ostdeutschen Schulbuchverlagen Anfang der 90er Jahre nicht erlaubt war, weiterhin Geschichtsbücher herauszugeben, jedenfalls hätten die keine notwendige Zulassung von einem Bildungsministerium eines Landes bekommen. Ohnehin haben die Vertreter westdeutscher Schulbuchverlage unheimlich von dem neuen Marktgebiet profitiert, was plötzlich entstanden ist. Dazu müssen sie Garantieerklärungen liefern, dass über Jahre und Jahrzehnte in den Nachfolgeauflagen unveränderte Texte abgedruckt werden, um sie ggf. nebeneinander im Unterricht verwenden zu können.

    Es ist weiterhin auch verständlicher, dass Menschen oder deren Angehörige, die von Betriebsabwicklungen, (Langzeit-)arbeitslosigkeit und Armut betroffen waren und sind, eher ein weniger gutes Bild vom supertollen Kapitalismus in der BRD haben.

    Noch eine Frage? Welche Bedeutung hat eigentlich das herrschende politische System für den einfachen Menschen? Wir haben jetzt wechselnde Regierungskoalitionen auch in der wiedervereinigten Bundesrepublik erlebt. Die direkten Auswirkungen politischen Handelns auf das Leben des einzelnen Bürgers sind doch recht gering, wenn man nicht unbedingt versucht Gesetzesgrenzen und -lücken auszunutzen. Man kann auch prima in diesem Staat leben, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Warum soll das einem DDR-Bürger nicht gelungen sein können?

    Möglicherweise hat man als Bewohner Ost- oder Westberlins durch die direkte Nähe der Mauer einen anderen Blick und wurde also tagtäglich daran erinnert, dass man "eingesperrt" ist. Anderseits hatte (Ost-)Berlin ja ohnehin eine besondere Stellung, einerseits als Hauptstadt und anderseits, um eben Anwohner davon abzulenken, dass es im Westen alles so viel besser gewesen sein soll. Hier sind also auch Möglichkeiten denkbar, die das Leben eines Ostberliner Bürgers deutlich von dem eines Cottbussers unterschieden. Sowohl was kulturelle Vielfalt, als auch etwa die Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern anging, mag man es dort besser gehabt haben. Ich erinnere mich, dass Mutter unseren Farbfernseher von einer Dienstreise nach Berlin mitgebracht hatte.

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