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  1. #1
    Avatar von HumanTouch
    HumanTouch ist offline "Absolvent" (80-149 Beiträge)
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    11.07.2005
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    146

    Der Fall Morsal - oder schaut die Gesellschaft weg?

    Liebe Forumsteilnehmer;

    sicher habt ihr alle das Urteil im "Ehrenmordprozess" mitbekommen...
    Mich selbst hat dieser Fall einigermaßen geschockt...mir geht es nicht so sehr um die Frage Mord oder Totschlag im Affekt, denn für beide Ansichten gibt es gute juristische Gründe. Meine Frage dreht sich eher darum: "Schaut die Gesellschaft weg, wenn es um die Situation junger Migrantinnen geht?"

    Denn was hätte das Mädchen denn mehr tun können, als sie getan hat, um aus ihrer Familie rauszukommen? Sie hatte sich mehrmals an die Polizei, die Behörden gewendet und wenig bis gar nichts ist passiert. Darin liegt meiner Meinung nach, die Tragödie des Falles. Der Staat wird nicht müde, seine Integrationsanstrengungen zu propagieren, aber was nützt es, wenn Zwangsehen zwar unter Strafe gestellt werden, aber jungen Migrantinnen (und auch Migranten) von staatlicher Seite kaum geholfen wird, wenn sie sich gegen den traditionellen Lebensstil ihrer Familie entscheiden? Es gibt meines Wissens einige private Organisationen, welche sich dem Schicksal dieser Menschen annehmen, aber erstens agieren diese Organisationen sicherlich in einer rechtlichen Grauzone (was, wenn die Hilfesuchenden noch minderjährig sind) und zweitens sind die Initiatoren ja selbst gefährdet (wie z.B. die Anwältin Seyran Ateş die aufgrund der Vielzahl von Drohungen ja zwischenzeitlich ihren Beruf aufgeben musste).

    Ich für meinen Teil denke, dass in der "Mehrheitsgesellschaft" immer noch die Auffassung vorherrscht, dass diese Probleme eben "deren" Probleme seien. Migranten leben in vielen Städten hauptsächlich in sozialen Brennpunkten, der deutsche Angestellte mit Frau, Kind und Bausparvertrag bekommt davon erstmal nicht viel mit. Und auch ist das Thema ja für die Politik ein "heißes Eisen" an dem man sich nicht unbedingt die Finger verbrennen will. Denn die Rechtsextremen werden ja nicht müde, jeden Moslem als potentiellen Gewltverbrecher darzustellen (sagt euch der Internetblog "Politically Incorrect" etwas?).

    Was kann man eurer Meinung nach tun, um die Situation junger Migrantinnen wie Morsal zu verbessern?

    Ich bin auf eure Meinungen gespannt...

  2. #2
    lausitzer ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    3.691
    Zitat Zitat von HumanTouch Beitrag anzeigen
    Totschlag im Affekt
    Also, wie Du das hier begründen willst, bleibt mir verborgen. Sicherlich gibt es Rechtsverdreher bei der Verteidiger, die das auch irgendwie kontruieren, aber zum Glück bildet sich das Gericht eine eigene Meinung.

    Zum Fall an sich: Mehr als 15 Jahre Freiheitsentzug sieht unser Strafgesetzbuch eben nicht vor für Mord. Und es gibt leider solche Fanatiker, denen ist es das wert.

    Und, machen wir uns nichts vor, es gibt genügend Integrationsangebote und Aufrufe des Staates, diese anzunehmen. Wer nicht mag, der muss aber nicht. So will es unsere freiheitliche Gesellschaft.

    Und, nun erzähle mir aber nicht, dass es nicht genügend Frauenrechts-Organisationen, Mutter-Kind-Heime und andere karitative und soziale Einrichtungen gibt. Nur stehen die traditionell hier in Deutschland eben in Verbindung mit Diakonie, Rotem Kreuz und anderen Wohlfahrtsverbänden. Mag sein, dass man sich da nicht hintraut, wenn man Anhänger des Halbmondes ist... Aber dafür können weder die Organisationen noch der Staat irgendwas. Warum soll er jetzt Doppelstrukturen aufbauen, nur weil jemandem das nicht passt?

    Und, gerade die Flucht vor der Familie in derartige Einrichtungen kann ja die Auffassungen des Mörders verstärkt haben. Nur, was soll der Staat tun, so lange nichts passiert ist? So lange irgendwer "nur" einen Plan im Kopfe hat und so lange sich irgendwer nur psychisch bedroht fühlt. Zumindest für letzten Fall gibt es ja hinsichtlich Mobbing und Stalking inzwischen auch moderne Ergänzungen der Strafgesetzgebung.

    Es ist wie immer und nicht das erste Mal, dass erst etwas passieren muss, bevor der Staat eingreift. Das scheint aber mit ein Grundprinzip freiheitlicher Ordnung zu sein. Ansonsten würde man schlußendlich ein Musterleben vorschreiben und jede Abweichung davon im Vorraus sanktionieren, weil sie ja Anzeichen für spätere Schäden sein könnte. Sowas wäre dann aber eher eine Diktatur und keine freiheitliche Demokratie.

    Gut, den entstandenen Tumult vor Gericht hätte man energisch ordnen können und durch Verhängung von Ordnungsgeldern und Ordnungshaft schnell wieder beruhigen können. Aber auch da wird das Gericht gewusst haben, was es tut. Eher seltsam mutet aber tatsächlich an, dass Verwandte des Mörders und der Ermordeten eher dessen Verurteilung und die Höhe der Strafzumessung beklagen, als über den Tod der jungen Frau zu trauern.
    Geändert von lausitzer (16-02-2009 um 06:32 Uhr)

  3. #3
    Astir01 ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    5.278
    Nun, zum Einen hat das Gericht auf Mord (Heimtücke, geplant) erkannt, und darauf steht in Deutschland immer noch Lebenslänglich.
    Zum Zweiten hat das Gericht das Gutachten verworfen, das dem Schwestern- Mörder eine verminderte Schuldfähigkeit zubilligte. Es wird also keine mildernden Umstände geben und ein Gnadengesuch kann der Verurteilte erst nach 20 Jahren stellen. Dann liegt es im Ermessen des Bundespräsidenten, ob der Messerstecher wieder frei kommt.

    Was aber hätte der Staat machen können?
    Zugegeben, der Fall ist an Tragik kaum zu überbieten. Eine junge Frau wird vom eigenen Bruder mit mehr als 20 Messerstichen regelrecht zerfleischt, weil sie seiner Meinung nach zu sehr dem "westlichen Lebensstiel" nachgegangen sei.
    Warum kann der "Westen" die Bürger nicht schützen, die seinem "Lebensstil" nachgehen?

    Das mag zuerst daran liegen, dass diese Fälle bisher zu selten waren und zu schwierig zu definieren (die Morde sind ja nur die Spitze des Eisberges der häuslichen Gewalt gegen muslimische Frauen und Mädchen) um um von Staats wegen präventiv tätig werden zu können.
    Dann liegt es sicher auch daran, dass der Staat wenig Konkretes tun könnte, um einen Mord durch Fanatiker zu verhindern. Diese Menschen ticken einfach anders.

    Verfassungsrechtlich ist es ja schon bedenklich, einer Muslima im öffentlichen Dienst das Tragen eines Kopftuches zu verbieten. Wie viel schwieriger wäre es da, ein Gesetz zu formulieren, das einen präventiven Eingriff des Staates in die grundgesetzlich geschützte Privat- und Familiensphäre ermöglicht?

    Nehmen wir mal an, es gäbe eine Institution, die jenen bedrohten Frauen Schutz und Obdach bieten würde. Sie müsste doch ständig unter Polizeischutz stehen und auch die Frauen, wenn sie den geschützen Raum, das Gebäude verlassen.
    Man stelle sich doch nur mal vor, wie sich ein mit dem Personenschutz beauftragter Polizist fühlen muss, der eine solche Frau zum Einkaufen begleitet. Er müsste doch bei jedem bärtigen Typ südländichen Aussehens, der ihnen entgegen kommt, zur Waffe greifen, um notfalls sofort schießen zu können.
    Tja, Proton müsste man sein; man würde die Quantenphysik verstehen, wäre immer positiv drauf, und hätte eine nahezu unbegrenzte Lebenszeit.
    (Silvia Arroyo Camejo)

  4. #4
    lausitzer ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
    Registriert seit
    18.06.2006
    Beiträge
    3.691
    Falsches Gutachten? Morsal-Prozess droht zu platzen

    Hier steht doch zwischen den Zeilen, warum das Gericht das vorgelegte Gutachten verworfen hat und sich selbst entschlossen hat, die Schuldfähigkeit zu beurteilen.

    Alles andere hätte schließlich nur zur Neuauflage des Prozesses und zu erneuten Belastungen für die Zeugen geführt, deren Erinnerungsvermögen mit der ablaufenden Zeit ja nicht unbedingt besser wird.

    Insofern bin ich stolz auf die Richter, dass sie so entschieden haben und sich nicht alles bieten lassen.

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