UNI-Forum

Ergebnis 1 bis 4 von 4
  1. #1
    Kumo Gast

    Attacke auf "Schneewittchen und der Irrsinn der Wahrheit"




    Vorgestern abend hat der isrealische Botschafter in Stockholm eine künstlerische Installation im dortigen Historischen Museum beschädigt/zerstört, welches sich unter dem Namen "Schneewittchen und der Irrsinn der Wahrheit" mit einer Selbstmordattentäterin auseinandergesetzt hat. (Weiteres in diesem SPIEGEL-Artikel.)

    Was haltet ihr davon? Wurde hier eine Grenze überschritten? Wenn ja, von wem: dem Botschafter oder dem Künstler? Müssen Künstler Rücksicht auf die Empfindungen anderer nehmen? Oder müssen Betroffene akzeptieren, dass sich Künstler ästhetisch mit einem solchen Thema auseinandersetzen.
    Geändert von Kumo (13-03-2006 um 17:30 Uhr)

  2. #2
    Avatar von Woof
    Woof ist offline "Habilitand" (500-749 Beiträge)
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    532
    Also erstmal hat er nun mal einfach nicht das Recht, fremdes Eigentum zu zerstören. Allerdings ist diese Art von Kunst, wie viele anderen Bereiche der modernen und mittlerweile postmodernen Kunst auf Provokation hin angelegt. Sie ruft häufig zu einer Auseinandersetzung mit einem Tabu-Thema o.Ä. auf. Das ist wohl auch hier der Fall.

    Leider wird von manchen Leuten nicht begriffen, dass das nichts mit Glorifikation zu tun hat. Nur weil die Kunst ästhethisch sein kann, heisst das nicht, dass alles, womit sich die Kunst beschäftigt, vom Künstler irgendwie gut geheissen wird. Ist im Prinzip ähnlich wie die Wehrmachtsausstellung (ja, ich vergleiche hier Äpfel mit Orangen, aber in dieser Hinsicht lässt es sich schon auf einen Nenner bringen), wo man sich ja auch ständig darüber aufregt, dass da Hitler-Bilder usw gezeigt werden, und behauptet, die Ausstellung würde pauschal Nazis anziehen und den Nationalsozialismus verherrlichen. Also bitte.

    Im Grunde geht es solcher Kunst darum, Denkanstoss zu sein. Dass sich die Ästhethik mit Tabu-Themen unserer Gesellschaft verbinden lässt, ist eben eine Möglichkeit und ein Vorteil der Kunst (wie wohl jeder spätestens seit der Moderne weiß, muss Kunst natürlich nicht ästhetisch sein). Das heisst aber nicht, dass es ein *schönes* Kunstwerk war. Wenn das der Fall wäre, könnte ich die Diskussion um eine Glorifikation der Selbstmordattentäterin ja noch eher verstehen. Aber ein schwarzes Boot, das auf einem See von Blut schwimmt, ist doch nicht schön. Es ist subtil beängstigend; hinter der friedvollen Oberfläche verbirgt sich etwas Entsetzliches, es schafft Gänsehaut und Übelkeit.

    Im Grunde ist es dem Künstler, wenn er denn den sozialkritischen Antrieb hatte, den ich ihm hier zugegebenermassen unterstelle, vielleicht sogar *recht*, dass sein Kunstwerk beschädigt wurde, da er so genau das erreicht hat, was er erreichen wollte: Fragen aufwerfen, Menschen zum Diskutieren über dieses Thema bewegen.

    Die israelitische Begründung, dieses Kunstwerk würde die Gefühle der Hinterbliebenen verletzen, verstehe ich nicht (besonders, da ich mir fast sicher bin, dass kein Schwein die Hinterbliebenen überhaupt gefragt hat; das ist wahrscheinlich mal eben so einen Annahme der israelitischen Regierung). Wie schon gesagt, hier wird nichts verherrlicht. Hier wird eine grausame Fähigkeit des Menschen, die Fähigkeit zu derart extremem politischen oder religiösem Fanatismus, dass man bereit ist, sich selbst und andere Menschen für seinen Glauben zu töten, in den Mittelpunkt gestellt. Es wird nicht laut geschriehen "Seht her, was da Furchtbares geschehen ist, sowas darf nicht sein!" Stattdessen wird ein Kunstwerk geschaffen, das wie ein stilles Mahnmal fungiert. Menschen betrachten es, sind in seinen Bann gezogen von der diffusen Furcht, die es trotz oberflächlicher Idylle (Boot auf dem Wasser) ja klar ausstrahlt. Das Kunstwerk wirft Fragen auf, ist Denkanstoss.

    Dann in so einer kindischen Art und Weise darauf zu reagieren, zeigt von Unwissenheit um das Wesen der Kunst und Angst davor, sich selbst Fragen stellen zu müssen, auf die man vielleicht nicht so ohne Weiteres eine Antwort findet, und davor, tiefer in das nennen wir es mal Animalische des Menschen, das Irrationale, vorzudringen, was durchaus auch beängstigend sein kann.

    Die Kunst der letzten beiden Jahrhunderte hat schon immer gesellschaftliche und soziale Misstände angeprangert; egal, ob das die Literatur, die bildende Kunst oder die Musik war. Und das ist auch gut so, da es nur diese Formen der Künste vermögen, mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Subtilität zu arbeiten.
    Der Wolf ist ein großer Übeltäter, doch er lehrt die Hirten, auf der Hut zu sein.
    Chinesisches Sprichwort

  3. #3
    Astir01 ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Schlecht

    Kunst soll beim Betrachter Gefühle wecken. Das hat besagtes Kunstwerk zweifellos geschafft.
    Kunst soll die Gefühle des Künstlers zum Ausdruck bringen.
    Mag sein, dass das Werk auch das getan hat.
    Die Auseinandersetzung des israelischen Botschafters mit dem Werk seines Landsmannes hat sicher den Scheinwerfern mehr geschadet als den Kunstwerk.
    Ganz falsch ist jedoch, eine zweifellos notwendige Diskussion zu boykottieren, zumal in Schweden, einem Land das sich einiges auf die liberale und aufgeschlossene Haltung seiner Bewohner zu Gute halten kann.
    Ein solches Verhalten zeigt mir ein ums andere mal, das Israel gerade den letzten Kredit verspielt.
    Über kurz oder lang wird es für die außen stehenden Beobachter immer schwerer, zwischen Israelis und Arabern zu unterscheiden.

  4. #4
    Avatar von Lordi
    Lordi ist offline "Dekan" (1500-2999 Beiträge)
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    Einmal abgesehen davon, dass Kunst oft vom Überschreiten von Grenzen lebt, sehe ich an diesem Kunstwerk keine Grenze, überschritten, die man nicht überschreiten sollte.

    Ein Schneewittchen, was in einem Meer von Blut schwimmt? Wo ist da denn bitteschön eine "Verzerrung der Realität" bzw. ein Affront gegen die Hinterbliebenen?

    Klar, durch seine Ästhetisierung kann der Schrecken des Todes von 22 Menschen kaum eingefangen werden. Aber zum einen ist das nicht beabsichtigt, und zum anderen auch schwerlich möglich. Wie soll Kunst denn die grausame Realität abbilden? Mehr als eine Annäherung geht nicht.

    Kunst soll zum Nachdenken anregen, und das tut dieses Kunstwerk. Die Haltung und vor allem die Handlung des Botschafters sind kindisch - ich frage mich, wie jemand, der sich so nicht unter Kontrolle hat, ein Land repräsentieren will.
    "Nicht wer am ältesten wird, hat am längsten gelebt, sondern wer am stärksten erlebt hat. Mancher wird mit hundert Jahren begraben, der bei seiner Geburt gestorben war."

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