Postkuschelphase: Der/Die „Ex“
„...ich dachte an S. und wollte ihr sofort einen Brief schreiben und wollte es im Augenblick wieder nicht und versuchte an etwas anderes, nicht an sie, zu denken, aber es gelang mir nicht, bis ich aus dem Dorf draußen war, während des ganzen Weges nicht, nicht im Lärchenwald, nicht im Hohlweg, nicht im Gasthaus; ich sagte mir: was war es eigentlich? Ist es nicht längst vorbei? Wie kam es dazu? Und wie und warum war es plötzlich zu Ende? Zuerst kein Tag ohne sie, dann beinahe keine Nacht ohne sie, dann bröckelte alles wieder ab, so wie es immer abgebröckelt war, zog sich zurück in zwei Richtungen von zwei Menschen, weit fort.“
...so dachte der Famulant (für unsere Erstis: Famulant ist ein Synonym für Medizinstudent und wird auch im Rest des gesamten Textes ausschließlich verwendet) in Thomas Bernhards ersten Roman „Frost“ über eine zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existierende Gefühlsbeziehung, also über seine „Ex“, wie man heutzutage gerne salopp sagt (womit man doch nur, wenn wir ehrlich sind, eine gewisse Hilflostigkeit ausdrücken). In diesem wenigen Worten ist schon vieles enthalten, was eine nicht mehr existierende Gefühlsbeziehung zwischen zwei Menschen betrifft. Die anfängliche Überschwänglichkeit, das Gefühl, des nicht-voneinander-lassen-könnens, wie es etwas gefühlsselig heißt, das sogenannte körperliche und dann das doch immer (wenn auch oft nicht für Aussenstehende) überraschende Ende und die offenen Fragen, bei denen Frauen dazu neigen, sie komplett „ausdiskutieren“ zu wollen, während Männer in gespielter Virilität sich gerne eine Schwamm-drüber-Attitüde zulegen, zulegen wollen. Letzte Punkte sind nicht mehr im Zitat enthalten, auch im Übrigen Roman nicht, der ja im Kern ein ganz anderes Thema hat. Wahr ist, daß heutzutage offenbar Männer viel und viel öfters furchtbar „klammern“, wie es treffend heißt und sich damit überhaupt keinen Gefallen tun und Frauen es oft pragmatischer sehen, á la „auch andere Mütter haben schöne Söhne“.
Es wird dann gerne von „gescheiterten Beziehungen“ gesprochen, was totaler Unsinn ist, eine Beziehung kann niemals „gescheitert“ sein, sonst wäre diese beiden Menschen ja niemals zusammen gekommen, sonst wären diesen beiden Menschen in dieser Beziehung niemals „glücklich“ gewesen, irgendwas muß da ja gewesen sein, sonst hätte es keine Beziehung geben, wie Dietmar Schönherr mal treffend in einer Talkshow gesagt hat, als wieder einer einmal von „gescheiterten Beziehungen“ zu faseln begann. EHEN können scheitern, den sie sind ja per conceptionem auf Lebensläglichkeit ausgreichtet, aber das ist ein anderes Thema...
Manche können sich nicht trennen, auch wenn sie sich nunmehr nur noch hassen, sie suchen ihr ganz persönliches Matyrium, ihre selbstgewählte Nemesis, ihr Unglück im Vorhandensein des, eines Partners, dabei sollte ja doch gerade dieser Partner bzw. das Zusammensein mit diesem Partner das höchste Glück sein. Irgendwann sind sie aber endlich nicht mehr mit diesem sog. Ex-Partner, wie er oder sie dann heißt, zusammen, weiden sich aber noch jahrelang an dem Unglück, einmal mit diesem Menschen ein Paar gewesen zu sein.
Wenn man von „Ex“ spricht, oder von „der/die Ex“, dann wird nicht mehr gekuschelt. Dann befindet man sich in der Post-Kuschelphase oder man kuschelt schon mit einem/r anderer/n und manche reden schlecht über ihre ehemaligen Gefühlsbeziehungen, manche sagen sie würden „noch gut mit ihr/ihm auskommen“, manch sagen gar nichts. Manche schreiben ein Buch darüber, das mehr therapeutische als literarische Qualität hat, manche versuchen alles zu vergessen, was sie einmal als „unvergessliche Momente“ beschrieben haben. Wenn man Männer fragt, wer „Schluss gemacht“ hat, behaupten dies 99% von sich, was natürlich nicht stimmen kann. Der Trieb des Menschen ist groß und man gilt als gesellschaftsfähiger, wenn man „mit jemanden zusammen“ ist. Einsamkeit sei etwas für Verlierer. Was früher war, wird unter den Tisch gekehrt oder damit Internetforen vollgeheult in Threads die „was-ich-dir-noch-sagen-wollte“ oder ähnliches. Nichts ist anfälliger dafür, sich selbst anzulügen, als die Beschreibung einer sogenannten „Ex-Beziehung“. Oder?
Umfrageergebnis anzeigen: Ich finde meine(n) Ex...
- Teilnehmer
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scheiße.
1 14,29% -
abstoßend.
1 14,29% -
zum Kotzen.
1 14,29% -
in der Kneipe an der Ecke.
0 0% -
in den Armen einer/s Anderer/n.
1 14,29% -
in Bielefeld.
0 0% -
Ich bin in meine(n) Ex immer noch verknallt.
0 0% -
Ich bin untröstlich.
0 0% -
Ich bin in eine(n) andere(n) verknallt.
1 14,29% -
Ich kann sie/ihn nicht vergessen.
0 0% -
Ich will sie/ihn nicht vergessen.
0 0% -
Ich mache einen auf Kumpel.
0 0% -
Ich bin AB, habe daher keine Ex(e).
3 42,86% -
Ich habe zu viele Exe.
1 14,29% -
Ich habe zuviel auf Ex getrunken.
0 0% -
Ich war noch niemals in Exeter.
2 28,57% -
Extrem-Umfrage hier, echt krass.
2 28,57% -
Mutti ist die Beste, die verläßt mich nie...
1 14,29% -
Ich bin zu blöd für diesen Thread.
0 0% -
Ich kann nicht lesen.
0 0%
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18-09-2008 10:54 #1
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Postkuschelphase: Der/Die „Ex"
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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18-09-2008 12:51 #2
Interessante Gedankengänge, Thomas. Allerdings bin ich der Meinung, dass es sehr wohl auch viele Menschen gibt, die ihre vergangenen Beziehung(en) durchaus objektiv betrachten können.
Allerdings hab ich auch schon häufiger erlebt, dass sich manche Personen (vor allem Männer) irgendwie durch ihre vergangenen Beziehungen zu definieren zu versuchen bzw auch durch den Freundeskreis darin definiert werden. "Als ich mit blabla zusammen war, bin ich häufiger schwimmen gegangen.", "Damals, als du mit so-und-so zusammen warst, da hast du noch häufiger was-auch-immer-getan!" oder "Du warst ganz schön doof damals, ich hatte dir gleich gesagt, dass es mit xyz nicht gut gehen wird."
Ich habe beobachtet, dass sowas scheinbar auch recht zusammenhangslos ausgesprochen wird, auch wenn die neue Beziehung direkt neben der Person steht. Ob das als Vergleich zu der "Neuen" gesehen werden soll und damit direkt oder indirekt Lob oder Kritik sein soll ist mir aber schleierhaft.Some things in life may change and some things - they stay the same......... like time
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18-09-2008 18:56 #3
Tja, ich habe glücklicherweise keinen Kontakt mehr zu meinen Exen, überhaupt habe ich zu keiner Frau mehr Kontakt mit der ich mal was hatte...
lustig ist wenn man aktuelle fotos der exen in google findet. dann weiß ich auch warum ich keinen kontakt mehr zu denen hab
ansonsten finde ich das sich viele frauen sehr über ihre exen definieren, mein exfreund hier, mein exfreund da, blablabla...zum glück sind nicht alle frauen so.
grüße
chowdy, wird heute auf ex was kippen gehen
http://captainstory.blogg.de > Neu: captain domination
My philosophy is to experience paradise during this lifetime and not "maybe" after. I am taking full advantage of my timeslot in this world and I encourage you to do the same. Crucial parts of my philosophy are extreme experiences and emotions.
Thank god, I'm not ugly!
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19-09-2008 14:37 #4
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
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22-09-2008 11:25 #5
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Ich war wohl etwas naiv, als ich glaubte, bei Ex-Beziehungen neige man zum Selbstbetrug.
Nein, es geht offensichtlich darüber hinaus: Ex-Beziehungen werden totgeschwiegen, sie werden nicht reflektiert, wie ich aus den wenigen Diskussionsbeiträgen hier zu erkennen glaube. Die Enttäuschungen sitzen wohl zu tief.Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
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