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  1. #1
    Avatar von gesein
    gesein ist offline "Absolvent" (80-149 Beiträge)
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    Das große Kribbeln

    Das große Kribbeln


    Viktor Mahn hatte eben erst im Bus Platz genommen, als ohne jede Vorwarnung ein schrecklich heftiges Kribbeln sein linkes Bein durchzuckte. Gerade noch war er mit seiner Geburtstagsfeier beschäftigt gewesen, zu der er, sechs Bier unter dem Arm, unterwegs gewesen war. Er hatte noch darüber nachgedacht, dass ihm seine Geburtstagsfeier zu bescheiden vorkam. Zwar hatte er es so haben wollen, dass möglichst nur seine besten Freunde kamen, aber bevor er in den Bus eingestiegen war, hatte er es plötzlich als deprimierend empfunden, dass zu seinem achtzehnten Geburtstag gerade einmal fünf Leute kommen würden. Außerdem hatte ihn, wohl auch zum Teil auf Grund des Alkohols, den er bereits getrunken hatte, eine Anwandlung von Aufregung und sogar Vorfreude überkommen, was beides ganz und gar untypisch für diesen Viktor Mahn war, der sich im Grunde genommen damit brüstete ein Denker zu sein und seiner Meinung nach musste ein Denker unbedingt ein pessimistischer dem Leben und der Welt äußerst feindlich gegenüber eingestellter Widerling sein, der, wenn er mit jemandem überhaupt sprach, dies für einen großen Gnadenserweis hielt, da er glaubte, jemand, der so viel Ahnung hatte wie er, sowieso mit Menschen nicht sonderlich viel zu sprechen brauchte, war er doch jener der die Ideen einbrachte, das Gespräch lenkte, die Argumentation auf ihre Schlüssigkeit hin zu untersuchen verstand. Überhaupt waren ihm diese Gleichaltrigen (er nannte sie bei sich tatsächlich so) ob ihres Stumpfsinns besonders zuwider. So hasste er zum Beispiel das elende Getanze in Clubs, oder ähnlich dämlichen Etablissements, die einzig und allein zu dem Zweck zu bestehen schienen die Menschen mit aller macht ihrer Individualität zu berauben, indem sie die Leute dazu zwangen Dinge zu tun, die möglicherweise nicht im Entferntesten in der Natur dieser Menschen lagen, wie Cocktails zu trinken, oder Longdrinks, oder was auch immer nur damit man sich kurz darauf daran machen konnte dem anderen Geschlecht näher zu kommen, wie dämlich man sich dabei auch fühlte. Zu diesem Zweck tanzte man wohl auch, hatte Viktor überlegt. Mädchenantanzen nannten sie es, aber ganz gleich wie man es nannte, ihm war es schon immer als eine absurde und ganz besonders stumpfsinnige Tätigkeit vorgekommen. Andererseits, hatte Viktor gedacht, kriegt man ohne zu tanzen vermutlich auch keine Freundin.
    Einen kurzen Moment hatte er gegrübelt, was daran so schwierig war eine Freundin zu kriegen und hatte sich vorgestellt, wie er die Strategien seiner Freunde anwand, die zu durchschauen ihm so lächerlich einfach fiel, um sich dem anderen Geschlecht quasi aufzuzwingen, war dann aber von jenem Kribbeln vollkommen überrascht worden.

    Das Kribbeln packte Viktor im linken Oberschenkel, gerade oberhalb des Knies und ließ ihn zusammen zucken. Es war nicht direkt schmerzhaft, jedoch war es ein Gefühl, als würde etwas aus seinem Bein hinaus gesogen. Viktor trat ohne zu überlegen nach vorne aus, traf mit seinem Fuß die Eisenstange, die den Stuhl vor ihm auf dem Boden fixiert hielt und überzeugte sich auf diese nun tatsächlich schmerzhafte Weise von der nach wie vor gegeben Empfindsamkeit des restlichen Beins. Vor Schmerz jaulte er auf, wandte sich mit schmerzverzehrtem Gesicht nach rechts, hielt in der Bewegung jedoch inne, als er den taxierenden Blick des Busfahrers im Rückspiegel bemerkte.
    Offenbar glaubte der Busfahrer einen unerhört betrunkenen Fahrgast zu haben, der so betrunken war, dass er sich immerfort selbst wehtat, um seine seelischen Geistesqualen, der eigen Unzulänglichkeit wegen angesichts einer Welt, die sich völlig und absolut unserem Verständnis entzieht, in körperlich Greifbares, Bekämpfbares, Empfindbares und vor allem die Schmerzen in Zuendeempfindbares, in Ausempfindbares zu verwandeln.
    Zweifelhaft, ob der Busfahrer tatsächlich solcherlei Gedanken hegte, Viktor jedenfalls glaubte es und war überzeugt davon und in seiner ernsten, jede kindliche Emotion unterdrücken Art fühlte er sich zutiefst Missverstanden, da man ihn möglicherweise verstanden hatte.
    Aus dieser Überlegung heraus sprang Viktor, dass immer noch leicht kribbelnde Bein ignorierend, in den schmalen Gang zwischen den Stuhlreinen des Busses, in der Absicht durch eine Demonstration unerschütterlichen Gleichgewichtssinns, das Vertrauen und die Hochachtung, den Respekt des ihm doch völlig fremden Busfahrers zurück zu erlangen.

    Der Sprung verlief ohne Komplikationen. Die Flugdistanz war genau abgeschätzt, die Sinne auf die Bewegungen des schwankenden Fußbodens unter ihm konzentriert. Nur dass er immer noch eine Bierflasche in der Hand hatte beunruhigte ihn leicht, doch war er da bereits abgesprungen und segelte gut einen halben Meter durch den Bus, kam mit dem rechten Fuß auf dem Boden auf, stellte fest, dass sein linkes Bein nicht bis zum Boden reichte, verlor über das plötzliche Fehlen des linken Fußes das Gleichgewicht und knickte nach links weg, wobei die Bierflasche aus seiner Hand zischte und vorne neben dem Busfahrer unterhalb des Fensters zerplatzte.
    Der Busfahrer hielt an, packte Viktor am Nacken und warf ihn aus dem Bus.
    Dass er ohnehin gleich da sei, rief Viktor. Dass er nur noch zwei Stationen mitfahren wolle. Er sei ja auch überhaupt nicht betrunken. Gerade einmal zwei Bier habe er getrunken, seid er um kurz vor zehn aus dem Haus gegangen sei. Allerdings sei es schon halb Elf mittlerweile und er müsse sich beeilen, schließlich werde er in anderthalb Stunden achtzehn und wolle nicht seine Party verpassen. Deshalb müsse ihn der Busfahrer unbedingt mitnehmen, denn er war nicht betrunken und es täte ihm auch Leid, mit der Flasche und den Spritzern und den Scherben, doch war das keine Absicht, es läge alles daran, dass aus unerfindlichen Gründen sein Bein geschrumpft sei. „Dein Bein ist geschrumpft?“, grunzte der Busfahrer daraufhin, desinteressiert und eindeutig nicht die Spur von diesen offenkundigen Lügen beeindruckt. „Aber ja!“, rief immer noch am Boden liegend Viktor. „Es hat sich verkürzt! Sehen Sie!“ Und er umklammerte sein linkes Bein und hielt es dem Busfahrer entgegen. Doch anstatt näher hinzugucken, schnaubte der Busfahrer mitleidig auf und wendete sich von Viktor ab. Viktor glaubte noch zu hören, dass der Busfahrer etwas gesagt hätte wie: ‚Man! Wie unphilosophisch!’, bevor sich die Tür schloss und der Bus davon fuhr.
    Kaum war der Bus jedoch außer Sicht, nahm das Kribbeln ruckartig zu und schraubte sich Viktor wieder schmerzlich ins Bewusstsein. Stöhnend stand er auf und Blickte an einen Baum gestützt an sich herab. Sein linkes Bein war tatsächlich kürzer als sein rechtes und es wurde weiter kürzer! Während er zuguckte verkürzte es sich bestimmt noch um weitere fünf Zentimeter. Und trotz aller Zweifel Viktors, fühlte es sich ziemlich echt an, als er die ersten Schritte auf den ungleichen Beinen machte. Er musste jedes Mal, wenn er sein Gewicht nach links verlagerte rechts das Knie beugen und trotzdem pochte das Kribbeln jedes Mal heftiger, wenn er mit links auftrat.
    Eine volle Stunde brauchte er auf diese Weise für eine Strecke, für die er normalerweise gerade einmal zwanzig Minuten gebraucht hätte. Außerdem wurde er langsamer, je näher er seinem Ziel, dem Haus eines seiner Freunde, dessen Eltern zur Zeit nicht da waren, kam, da sein Bein mit jedem Schritt kürzer wurde.
    Als er ankam musste er bereits auf einem Bein hüpfen, da alles zwischen Becken und Fuß des linken Beins verschwunden war. Hüpfend und vor Anstrengung stöhnend streckte er die Hand nach der Klingel aus, doch kaum, dass er seine Hand ausstreckte, durchzuckte das vertraute schreckliche Kribbeln sein rechtes Bein. Er fuhr zusammen und sprang zurück, wäre aufgrund seiner Einbeinigkeit beinahe gestürzt, konnte sich aber noch an einem über dem Eingangstor hängenden Tannenzweig festhalten. Zuckend und die Augen geschlossen hielt er sich fest. Er sah aus, als jucke es ihn schrecklich am Fuß und als könne er sich genau dort nicht kratzen. Ein solcher Laut entfuhr ihm auch und als er die Augen wieder öffnete, stellte er verblüfft fest, dass er sich nicht mehr nur an dem Tannenzweig festhielt, sondern, dass er jetzt komplett daran hing. Er schaute abermals an sich herab und tatsächlich war auch sein rechtes Bein nun nicht viel mehr, als ein Fuß am Becken.
    Geändert von gesein (24-09-2004 um 10:24 Uhr)

  2. #2
    Avatar von gesein
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    Einen Moment spürte Viktor tief in sich eine kleine Stimme, die nicht bereit war den Verlust seiner Beine so mir nichts dir nichts zu akzeptieren, ein Stimme, die Angst hatte vor den grundlegenden Veränderungen, die die Entscheidung den Verlust zu akzeptieren mit sich brächte, doch nach diesem Moment obsiegte Viktors denkerisches Wesen, dem es vor allem darum ging voranzukommen und Ziele zu erreichen, wenn es mal welche hatte.
    Und gerade jetzt war sein eindeutiges Ziel endlich zu seiner Geburtstagsparty zu kommen, wohl auch verbunden mit dem Gefühl oder dem Gedanken, dass, wenn man erst ein Mal etwas angefangen hatte, die Folgen dessen erst verklingen konnten, wenn man das, was man anfing, auch radikal zu Ende führte, dann, so fühlte oder dachte ein Teil Viktors, würden persönliche Folgen, Schädigungen, Behinderungen sich von selbst geben. Am Ende jeden Weges, so dachte Viktor, wenn der Weg klar war, lag die Vollständigkeit. Und Vollständigkeit, so dachte Viktor, war überhaupt, musste naturgemäß überhaupt Ziel allen Strebens sein, denn mit jedem Schritt, den man im Leben machte, wurde man verstümmelt, verkrüppelt und entstellt und mit jeder Verstümmelung wuchs der Wunsch nach Vollständigkeit. Je mehr man sich abschnitt, desto mehr wollte man heil sein und desto mehr man heil sein wollte, desto mehr schnitt man sich ab, dachte Viktor. Und Viktor dachte, dass man sich deshalb auch so dringend verstümmeln, sich so unbedingt zerstören musste, innerlich, vor allem und zu aller erst innerlich zerstören musste, damit man irgendwann nur noch Verstümmelung, nur noch Verkrüppelung, nur noch zerstört und Zerstörung war und dies auch sein musste, denn dann und erst dann würde, so dachte Viktor, der Wunsch nach Vollständigkeit von einem abfallen, weil doch da, wenn man das erlösende Scherbendasein des Zerstörten erreicht hatte, jener Wunsch, der doch überhaupt erst verantwortlich war für den Eintritt in den Zerstörungsprozess, quasi der allerersten Verstümmelung nachgestellt war und deshalb ihre Grausamkeit überhaupt erst ausmachte, dann, wenn man nichts weiter als Verstümmelung war, selbstverstehend gar nichts anderes sein konnte als Verstümmelung, dass dann der Wunsch nach Vollständigkeit völlig untragbar wurde und Körper wie Geist zur Aufgabe gezwungen waren vor der Unmenschlichkeit des allerhöchsten Ziels. Und somit, so dachte Viktor, müsste die Vollständigkeit augenblicklich erreicht sein, da alle Grenzen plötzlich gesprengt, alle Verkrüppelungen überwunden waren, denn schließlich war ja dann die größte und aller brutalste Verkrüppelung von allen überwunden: Die Selbstverwirklichung. Und, so dachte Viktor, war sie überwunden, war sie erreicht und Punkt.
    An einem Arm baumelnd und ohne eine Möglichkeit den Sturz mit den Beinen aufzufangen, musste Viktor zunächst auf den Boden kommen. Er entschied sich (ungewöhnlich für ihn) nicht lange zu überlegen und ließ sich fallen. Als er aufkam fiel er vorn über und schürfte sich den rechten Ellenbogen und das Kinn auf. Fluchend richtete er sich auf und hüpfte wie beim Bockspringen die Arme benutzend bis vor das Tor. Doch er musste feststellen, dass er nicht mehr an die Klingel kam. Wut entbrannt schrie er laut auf und fluchte ob der Unbrauchbarkeit dieses seines Körpers.
    Einige Minuten wusste Viktor nicht, was er machen sollte. Er versuchte allein mit den Armen an die Klingel zu springen, oder aber bis hinauf zu ihr zu klettern. Beide Male jedoch stürzte er und beide Male wuchs seine Unzufriedenheit.
    Er hörte von drinnen die Musik und stellte sich seine fünf besten Freunde vor, wie sie dort saßen ab und zu auf die Uhr schauten, Bier tranken, sich fragten wo er blieb und sich letzten Endes langweilten seinetwegen und wieder überkam ihn jenes Gefühl, dass er unglücklich damit war, wie wenig Leute hier waren, wunderte sich abermals über das Gefühl der Aufregung und Vorfreude, das ihn im Bus überkommen hatte.
    Was war nur mit ihm los, dass er sich derart auf seinen Geburtstag freute, oder freuen würde, wenn nur genug Leute kämen? Wie war es möglich, dass ausgerechnet ihn solcherlei Lebensfreude überkam, wo er doch der große Perfektionist war; der war, der schon als kleines Kind all seine Energie auf das Denken verwendet hatte, der schließlich auch noch seine Hochachtung für die Literatur entdeckt hatte und ebenfalls Literatur zu schreiben begonnen hatte. Aber was für Literatur das war! Noch wusste es niemand zu würdigen, noch bemerkten seine Freunde seine Kunst nicht, verstanden sie nicht, aber ihn überkam jedes Mal wenn er seine eigenen Texte las ein Gefühl tiefer Befriedigung, waren seine Texte doch angefüllt mit seiner eigenen Philosophie.
    Üblicherweise gab er seine Kurzgeschichten seinem besten Freund Friedrich, vor dessen Haus er jetzt stand. Vorgestern hatte Viktor ihm seine neueste Parabel gegeben und er hoffte natürlich darauf, dass Friedrich die Geschichte bereits gelesen hatte. Aber ob Friedrich seine Geschichten las, oder nicht, war letztendlich eh egal, denn im Grunde genommen verstand er sie nicht.
    Erst Viktors vorletzte Kurzgeschichte, die in einer Anspielung an Thomas Bernhard ‚Der Eingeher’ hieß, handelte davon, dass ein kleines grünes und vielarmiges Alien auf unserer Erde abstürzt und fortan gezwungen ist auf unserem Planeten zu leben. Zu Beginn ist das Alien furchtbar wütend über die technische Unterentwicklung der Menschheit. Doch irgendwann merkt das Alien plötzlich, wie schön die Erde ist, ganz abgesehen von ihren primitiven Einwohnern und beginnt sich damit abzufinden auf der Erde gestrandet zu sein. Das Alien fängt sogar an die Menschen auf herablassende, leicht mitleidige Art symphatisch zu finden und beschließt etwas mehr über sie heraus zu finden. Es besorgt sich einen Bibliotheksausweis und entdeckt eine völlig neue und absolut überraschende Seite der Menschheit. Das Alien hat Kafka und Kant für sich entdeckt und ist beeindruckt von der Vielfältigkeit des menschlichen Geistes, die selbst die seine zu übersteigen scheint. Als es jedoch aus der Bibliothek tritt, schleicht sich der Zweifel in sein Denken und es wundert sich, was nicht stimmt mit den Menschen, warum sie solche Gedanken nicht umsetzen, wie das Alien sie doch bei Kant gelesen hat. Doch noch ehe das Alien dahinter kommt, wird es von einem lieben kleinen Kind auf einen Tee eingeladen und bei dem Kind zu Hause gerät das kleine grüne und vielarmige Alien plötzlich vor einen Fernseher und es läuft unglücklicher Weise ausgerechnet eine Gerichtssendung, weshalb das Alien unvermittelt platzt.
    Viktor hatte die Geschichte gut gefunden, fand sie eigentlich immer noch gut, schließlich hatte er lange genug gebraucht, um einen dermaßen ernsthaften und seriösen Zugang zu dem Thema der Scheußlichkeit moderner Gerichtssendungen zu finden. Seine Freunde aber fühlten sich fast beleidigt. Abgedroschen sei seine Geschichte, weit hergeholt und unglaubhaft, oder (das Schlimmste von allem) seine Geschichte sei absurd! Dies hatte ihn maßlos aufgeregt. Nichts liege ihm ferner als das Absurde, hatte er geschrieen und klargestellt, dass er alles Phantastische verabscheue und Gogol hasse.
    Friedrich hatte diese Reaktion seiner Freunde vorausgesagt und Viktor hatte sich deshalb entschieden die Parabel, die er heute Abend vorlesen wollte, zuerst Friedrich zu geben, um gegebenen Falls die Geschichte umzuschreiben, oder gar nicht erst vorzulesen.

    Wütend und enttäuscht schlug Viktor gegen das Eingangstor. Es war still in der Umgebung und das Scheppern des Metalls zusammen mit Viktors Wutschrei, der zur Hälfte aus Schmerz bestand, hallte laut durch die Nacht. Wäre in diesem Moment ein Passant die kleine Vorstadtstraße entlang gegangen, er hätte in Viktor allenfalls einen entlaufenen Affen gesehen. Einen gefährlichen sicherlich, aber vor allem auch einen besonders widerlichen. Nur die Tatsache, dass der Affe laut fluchte, hätte den Passanten vielleicht an der Tierhaftigkeit des widerlichen Geschöpfes mit den langen Armen und dem kleinen Körper auf dem Boden vor dem Tor zweifeln lassen, doch die aggressive und animalische Gebärdung des Wesens, hätte ihn wahrscheinlich über jede irgendwie geartete ungewöhnliche verbale Begabung hinweg sehen lassen. Selbst wenn Viktor dem Passanten seine Kurzgeschichten vorgelegt hätte, wäre er möglicherweise seines Affenstatuses enthoben worden, widerlich jedoch wäre er in den Augen des Passanten nur umso mehr gewesen.
    Geändert von gesein (24-09-2004 um 10:22 Uhr)

  3. #3
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    Merkwürdiger Weise allerdings trat ausgerechnet während Viktor sich seiner primitiven Natur hingab ein Gedanke in sein Bewusstsein, der vielleicht mehr als alle Kunst seine Zugehörigkeit zur menschlichen Rasse bestätigte: der Gedanke an die Verwendung eines Werkzeuges.
    Er guckte sich um und brach einen Ast aus dem Busch, der rechts neben dem Gartentor aus dem Zaun wucherte und begann mit ihm nach der Klingel zu stechen. Mit Genugtuung stach er nach ihr, als könne er sich so an der Unverschämtheit der Klingel in solcher Höhe zu hängen rächen.
    Kaum dass Viktor geklingelt hatte, summte es auch schon und Viktor drückte das Tor auf. Er hüpfte durch den kleinen Vorgarten und noch bevor er an der Haustür angelangt war summte auch diese ungeduldig seiner harrend und so war es kein Problem auch die Haustür zu öffnen.
    Sofort als die Tür aufsprang, wurde die Musik, die schon von draußen zu hören gewesen war, mit einem Mal Ohren betäubend laut und ein unverständliches Gegröle aus dem Wohnzimmer verriet ihm, mit was sich die Freunde bis jetzt beschäftigt hatten.
    Die plötzliche Helligkeit ließ ihn kurz zögern einzutreten. Was würden seine Freunde sagen, wenn sie ihn gleich so sehen würden, beinlos, wie er war? Doch als das Gegröle fordernder wurde, hüpfte er über die Schwelle.
    „Ey, Vikididick! Was los!?“, rief Friedrich, als er in den Flur kam. Er kam aus der Wohnzimmertür rechts von Viktor, doch blieb er abrupt stehen, als er den Beinlosen erblickte. „Oh mein Gott, Vicki! Du hast ja gar keine Beine mehr!“
    Sprachlos starrte er Viktor an, doch als dieser nichts sagte, rief Friedrich: „Mensch, Jungs! Schaut euch das mal an! Vicki hat keine Beine mehr!“ Und dann wieder zu Viktor: „Wasn passiert, man?“
    Viktor fiel es schwer seine Wut zu unterdrücken. Es war ihm aus irgendeinem Grund maßlos peinlich mit den Beinen und überhaupt: Die demütigende Situation aus dem Bus geworfen zu werden, dann noch nicht mal an die Klingel zu kommen und jetzt saß er hier auch noch auf dem Boden in dieser lächerlich hässlichen Gestallt und Friedrich rief auch noch seine Freunde herbei, damit sie ihn begaffen konnten, wie eine Attraktion!
    Wie ein Monster, fühlte er sich plötzlich, als sei er nicht mehr Teil der menschlichen Rasse und plötzlich wurde der Drang übermenschlich etwas besonders Außergewöhnliches zu tun und wenn es nur unverschämte übermäßige Kritik war!
    Mit dem Zorn eines Beleidigten blickte er auf und sah seine Freunde in den Flur treten, sah ihre erschrockenen und – ganz anders als er angenommen hatte – keineswegs belustigten Gesichter, doch noch ehe er darauf reagieren, ja sogar bevor er es richtig wahrnehmen konnte, durchfuhr das Kribbeln seinen Schritt. Er schrie auf, presste sich die Hände in den Schritt und rollte nach links weg.
    „Vik, was is mit dir?!“, rief Friedrich, offenbar entsetzt, über das, was er sah. „Mein Gott! Sollen wir’n Arzt rufen?“
    Doch anstatt zu antworten, wälzte sich der Entbeinte nur auf dem Boden und jaulte so jämmerlich, dass keiner seiner Freunde sich zu rühren traute.
    „Man!“, wendete sich Friedrich an die anderen vier. „Was sollen wir denn bloß machen?“ Keiner antwortete. Alle starrten nur Viktor an, als seien seine Qualen Ausdruck eines entscheidenden Kampfes zur Erlösung der Menschheit.
    Ehe noch jemand etwas sagen konnte, verstummten die Klagelaute am Fußboden und Viktor bewegte sich nicht mehr und lag mit dem Gesicht nach unten da.
    „Alles in Ordnung, Vik?“, fragte einer der Freunde doch immer noch rührte sich Viktor nicht. Dann jedoch, ganz plötzlich, wälzte Viktor sich auf den Rücken, hob seine Jeans vorne an und warf einen prüfenden Blick hinein, dann erstarrte er wieder. Einige Momente machte niemand einen Mucks, nur die Musik donnerte weiter auf sie alle ein. Viktor dachte nur: „Er is weg! Verdammt, er is weg!“ Dann viel er in Ohnmacht.

    Als er wieder zu sich kam, war die Musik aus. Leises Getuschel war um ihn herum und als er seine Augen öffnete, standen um ihn herum seine Freunde. Einen kurzen Moment kribbelte es irgendwo in seinem Kopf und mit einem Mal fühlte er sich ganz anders.
    Er lag auf dem Sofa, wie er schnell erkannte. Sein Kopf war auf ein Kissen gebettet, so dass er an sich herab schauen konnte. Sein Körper war während seiner Ohnmacht weiter geschrumpft. Seine Füße waren weg. Alles, bis knapp unterhalb der Brust war verschwunden. Milde überrascht stellte er fest, was er schon längst hätte bemerken müssen: Seine Kleidung war mit ihm Geschrumpft.
    „Was passiert mit dir?“, fragte eine ängstliche Stimme hinter ihm.
    „Ich schrumpfe.“ Er war selbst erstaunt, wie ruhig seine Stimme klang. Normaler Weise hätte er Angst gehabt zu antworten. Woher er dass wusste, war ihm schleierhaft, doch er wusste noch mehr! Normaler Weise, hätte er eine bissige Bemerkung gemacht, um der Antwort auf die Frage zu entgehen, aber es war keine Spur von Angst in ihm, auch keine Spur mehr von dem Minderwertigkeitsgefühl, dass er den ganzen Abend zu unterdrücken und zu überspielen versucht hatte und auch der Drang etwas besonders Außergewöhnliches zu tun war von ihm gegangen. Alles was in ihm übrig war, war eine merkwürdige Ruhe. Es war nicht direkt Abfinden mit seiner Lage, was er fühlte, aber eine gewisse Zufriedenheit, als sei es gut so, wie es war, oder anders gesagt: Es erschien ihm sinnvoll.
    „Sollen wir einen Arzt rufen?“, fragte die Stimme und Viktor erkannte, dass es Friedrichs Stimme war.
    „Nein, schon gut... Es ist gut.“
    „Was ist gut? Dass du schrumpfst!?“
    Viktor wollte antworten. Die Antwort war schon da in seinem Kopf, doch dann durchlief sie ein merkwürdiges Kribbeln, dass in Viktors Kopf vibrierte und hallte und sein Blick wandte sich nach innen.

    Die Freunde sahen, wie Viktor den Mund öffnete um zu antworten, doch dann runzelte er die Stirn und verdrehte die Augen so, dass man nur noch weiß sehen konnte. Dann durchlief ein Schauder seinen ganzen Körper. „So mir reichts!“, sagte einer der Freunde. „Ich ruf einen Krankenwagen.“
    „Nein warte!“ entgegnete Friedrich, „Sieh hin! Es ist zu spät!“
    Und kaum das der Freund wieder Viktor ansah, sah es so aus, als atmete dieser aus, doch die Bewegung hörte nicht an dem Punkt auf, an dem eine Ausatembewegung normaler Weise endet, sie ging weiter und nahm sogar zu und es sah so aus, als würde alles was von Viktor noch übrig war in seine Brust gesogen. Und an der Stelle wo sich dem Anschein nach alles versammelte bildete sich eine perlgroße Kugel, von der ein matt-blaues leuchten, das leicht pulsierte, ausging. Erstaunt und erschreckt sahen die Freunde, wie sich das Kügelchen in die Luft erhob, durch den Raum schwebte und über dem Esstisch verharrte.
    Wie einem nicht hörbaren Ruf folgend, versammelten sich die fünf Jungen um den Tisch und die Kugel. „Es ist eine Kugel!“, flüsterte einer von ihnen. „Wie schön sie ist!“
    Dann - und niemand konnte später sagen wann genau, denn die Zeit in der sie dort gestanden waren, war ihnen sehr sehr lang vorgekommen - erschien auf dem Tisch direkt unter der Kugel ein Glas bis zum Rand gefüllt mit Rotwein. Eine Sekunde starrten alle das Glas an, dann fiel die Kugel hinein und verursachte weder ein Geräusch, noch bildete sich das geringste Kräuseln auf der Oberfläche des Weines.
    Wer von den Freunden zu erst von dem Glas trank, wusste später niemand mehr, jedoch reichten sie den Kelch herum und tranken einer nach dem anderen, bis sie es geleert hatten.

    Viktor war und blieb verschwunden. Die Polizei stellte die Suche nach einigen Monaten ein und weitere zehn Jahre danach wurde Viktor für Tod erklärt. In dem Abschlussbericht des leitenden Beamten wurde in bewusst sachlichem Ton von der Tatsache berichtet, dass das Verschwinden des Jungen irgendwann zwischen zehn und ein Uhr nachts, zwar merkwürdig war und alle Zeugen zum Teil unstimmige und auf jeden Fall völlig unglaubhafte Aussagen machten, aber vor allem die Tatsache verwunderlich sei, dass alle Schulhefte, alle Klausurbögen und Zeugnisse, ob sie sich nun bei Viktor zu Hause, oder aber in Verwahrung der Lehrer zum Zeitpunkt von Viktors Verschwinden befanden, nicht zur Persönlichkeitsanalyse verwendet werden konnten, da alle Unterlagen Viktor betreffend völlig leer gewesen waren.
    Nur auf einem Blatt schien ein einziger Satz übrig geblieben zu sein. Dieses Blatt war kein geringeres, als das, auf dem die Parabel gestanden hatte, die Viktor an seinem Geburtstag ursprünglich vorlesen wollte.

    Die fünf Freunde, die an jenem Abend bei Friedrich gewesen waren, sollten die Geschehnisse bis an ihr Lebensende nicht vergessen und wann immer sie gefragt wurden, oder aber untereinander über das Ereignis sprachen, beteuerten sie, das kein Erlebnis für sie so prägend gewesen sei, wie als ihr Freund Viktor in sich zusammen geschrumpft war, bis nichts mehr von ihm übriggeblieben war außer seinem innerstes Selbst, dass in Form einer kleinen Kugel über ihren Köpfen geschwebt war. Gütig und froh und von beinnahe greifbarer Friedfertigkeit. Und wann immer sie den Drang dazu verspürten, versammelten sie sich, tranken Rotwein und Friedrich holte das heilige Blatt hervor mit dem übrig gebliebenen Satz: „Ich bin Viktor.“
    Geändert von gesein (24-09-2004 um 10:49 Uhr)

  4. #4
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Hallo Gesein!

    Endlich habe ich „Das große Kribbeln“ komplett zu Ende gelesen. Ein paar Sachen haben mir gut gefallen, an anderen Stellen fand ich die Geschichte etwas unstimmig.
    Der Titel erinnert natürlich stark an Disneys A bug‘s life der hierzulande „Das große Krabbeln“ hieß, der aber m.E. arg dämlich war und bei weitem nicht an das Konkurrenzprodukt Antz heranreichte. Außerdem sehe ich wenig Veranlassung für diese Anspielung, außer vielleicht noch, daß in der Geschichte Kafka erwähnt wird (-> Die Verwandlung).

    Dieser leicht misanthrope „Anfall“ des Protagonisten zu Beginn der Geschichte gefällt mir zwar gut, aber ich fürchte, er kommt etwas zu früh und du hast dir dadurch ein paar Leser vergrault, die sich etwas vorgeführt gefühlt haben könnten.

    Auch gut gefallen hat mir die Sache mit der Selbstverstümmelung:
    „Und Vollständigkeit, so dachte Viktor, war überhaupt, musste naturgemäß überhaupt Ziel allen Strebens sein, denn mit jedem Schritt, den man im Leben machte, wurde man verstümmelt, verkrüppelt und entstellt und mit jeder Verstümmelung wuchs der Wunsch nach Vollständigkeit. Je mehr man sich abschnitt, desto mehr wollte man heil sein und desto mehr man heil sein wollte, desto mehr schnitt man sich ab, dachte Viktor.“ Satzbau, Satzlänge, Verwendung eines dreifach-Hendiadyoin und zwischen- und nachgestellte „dachte er“ sind sehr typischer Thomas Bernhard-Stil und auch inhaltlich gefällt mir der Exkurs sehr gut, aber wieso du dann auf die Selbstverwirklichung kommst, das ist (für mich) nicht nachvollziehbar, du führst es auch kaum aus, das Problem könnte sei, daß „Selbstverwirklichung“ ein furchtbarer Wischiwaschibegriff ist, unter dem jeder etwas anderes (und die meisten wohl leider etwas positives) verstehen.
    (Zwischendrin: Zu Teenagerzeiten waren fünf Leute auf meiner Geburtstagsparty auch dürftig, aber wenn man älter wird, wird man bescheidener und ist mit fünf Leuten, die auch nicht mehr so pubertär sind und einem die Wohnung vollreihen, zufrieden. Was ich damit sagen will: Außer, daß Viktor bei seinen Eltern wohnt, fehlt ein eindeutiger Hinweis - am besten zu Beginn der Geschichte - , daß er im Teenager-Alter ist).

    Natürlich habe ich auch etwas zur „Geschichte in der Geschichte" zu sagen:

    Thomas Bernhard hätte (und hat meines Wissens) nie ein Lehrstück, eine Parabel geschrieben! Nichts lag ihm näher als weltverbesserlich-wollenden Kram zu schreiben! Übelmeinende Kritiker haben ihm natürlich „Sozial- und Gesellschaftskritik“ unterstellt, aber das ist m.E. nach Bullshit. Außerdem kann ich keine Parallelen zum „Untergeher“ entdecken.
    Unklar bin ich mir darüber, warum du Viktor eine Geschichte schreiben lässt, in der ein Alien drin vorkommt, er aber es vehement abstreitet, sie, also die Geschichte, sei absurd. Geht es hier um den korrekte Gebrauch des Adjektivs „absurd“ (das man in der Tat nur schwerlich auf die Parabel anwenden könnte) oder willst du Viktor dadurch etwas weltfremd darstellen?

    “Selbst wenn Viktor dem Passanten seine Kurzgeschichten vorgelegt hätte, wäre er möglicherweise seines Affenstatuses enthoben worden, widerlich jedoch wäre er in den Augen des Passanten nur umso mehr gewesen.“ - Hahahahaha!
    (natürlich ist der Genetiv von „Status“ „Status“, aber „Statuses“ klingt lustiger...)

    Abschließend möchte ich noch anmerken, daß „Das große Kribbeln“ einen gelungenen Schluss hat, der Beginn aber nicht so recht zündet: Da fällt jemand mit `ner Bierflasche im Bus auf die Schnauze und faselt über sein Bein - naja. Auch der Busfahrer bzw. des Busfahrers Handeln wirkt irgendwie nicht ganz nachvollziehbar. Die anderen Personen könnte man vielleicht etwas früher einführen, den durch sie, finde ich, bekommt die Geschichte erst Schmackes.

  5. #5
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    Vielen Dank für deine Antwort.

    Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe um selbst zu antworten. Ich war verreist und wusste auch einfach nicht was ich antworten sollte.

    Die Anspielung an das große Krabbeln war unbeabsichtigt. Der Titel sollte die ganze Geschichte, denke ich, noch etwas parodieren, so dass die Kribbel-anfälle, sowie der ganze Charakter Viktors lächerlich wirken und so nur sein schlussendliches Auflösen im Weinglas über diesen Lächerlichkeiten steht.
    Was das "in einer Anspielung an Thomas Bernhard" angeht, sowie dass Viktor ablehnt seine Geschichte sei absurd: Damit wollte ich verdeutlichen, dass Viktor eigentlich nichts über Literatur weiß. Er versteht sie nicht im geringsten. Sie ist einzig und allein Mittel zum Zweck "Akzeptanz" durch die Anderen zu erzwingen. Darum dreht sich überhaupt sein ganzes Wesen. Dies wird zum Beispiel deutlich, als er das völlig aussagelose Verhalten des Busfahrers so interpretiert, dass dieser zu einer Autorität wird. Viktor interpretiert den Busfahrer so, dass dieser zur allgemeinen Meinung wird. Das "wie unphilosophisch!" des Busfahrers, welches Viktor gehört zu haben glaubt, zeigt, dass Viktor glaubt man müsse sich "philosophisch" verhalten um von der Allgemeinheit akzeptiert zu werden. Auch die Kurzgeschichten, die auf "Ich bin Viktor" zusammenschrumpfen, sollen zeigen, dass er im Grunde genommen zeigen will, wer er ist. Doch da er denkt man müsse sich auf bestimmte Weisen verhalten (man müsse etwas "besonders Außergewöhnliches" tun) und man dürfe auf keinen Fall Schwächen zeigen (die Unerbittlichkeit seiner Kritik in Bezug auf alles, was seine Schwächen enthüllen könnte: Die Kritik an dem Verhalten der "Gleichaltrigen", was sein Verhalten als Unfähigkeit entpuppt sich so zu verhalten wie sie, die sofortige Annahme seine Freunde würden seine Geschichten nicht verstehen, als sie sich nicht beeindruckt über sie zeigen, und vor allem sein Bedürfnis nach "übermäßiger Kritik", als er glaubt seine Freunde würden ihn ob seiner Beinlosigkeit begaffen), kann er sich seiner Umgebung nicht öffnen, dabei drückt alles in ihm den Drang aus sich zu öffnen und gewissermaßen aufzugehen in der Welt und in den Beziehungen zu anderen Menschen. Deshalb schrumpfen seine Kruzgeschichten auf "Ich bin Viktor" zusammen, weil er sie nur aus dem Wunsch und aus seiner Unfähigkeit heraus schreibt, sich seiner Umgebung zu offenbaren, gewissermaßen erkannt zu werden von seiner Umgebung und sich in ihr Aufzulösen. Dies geschieht am Ende, als er auf sein "innerstes Selbst" zusammen schrumpft.
    Erst fallen sein ganzes aufgesetztes Verhalten und seine Selbstunterdrückung von ihm ab und er kann sich selbst betrachten ("sein Blick wandte sich nach innen"). Daraufhin wird er vollständig zu diesem Selbst (die Kugel) und auch seine Freunde können ihn erkennen.
    Die Erkenntnis seiner Selbst (und auch seiner Bedürfnisse, die er als Schwächen interpretiert hat) führt zu Erkenntnis durch die Anderen, aber auch der Anderen (denn im Kern sind sie alle gleich) und so gibt er ihnen ein Zeichen, dass er ihre Schwächen vollständig akzeptiert und versteht (das Auflösen in dem Weinglas) und wird im Gegenzug geehrt (das Trinken des Weines direkt danach und das Gedenken an Viktor beim Trinken des Weins später). Wein als Symbol der Nächstenliebe durch den Weinspender (-> Christi), aber auch der Danksagung durch die, die den Wein trinken (-> Abendmahl).

    So, nun wusste ich nicht, was ich schreiben sollte und habe von daher gleich eine kleine Interpretation des Wichtigsten gewagt. Es gibt mit Sicherheit noch mehr Aspekte, wie dass Viktor erst als er körperlich behindert ist, sich also noch weiter von dem entfernt, was er eigentlich sein will, beginnt das zu werden, was er wirklich will, aber genug ist genug.

    gesein
    Geändert von gesein (24-10-2004 um 15:47 Uhr)

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