Die kursiven Anteile wirken auf mich wie eine Art Regieanweisung bei einem Theaterstück. Wäre eine Überlegung wert, ob Du nicht ganz dein Gedicht dem verschreibst.
Thema: Tod einer schizoiden Seele
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Ergebnis 1 bis 4 von 4
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23-06-2005 10:40 #1n/a Gast
Tod einer schizoiden Seele
weil ich keine Ahnung hatte, wo ich das posten sollte (wo es doch weder reine prosa noch reine Lyrik ist; und weil es schon knapp 2 jahre alt, wenn auch neu bearbeitet ist), hab ich es mal hier eingestellt.
(Die Kategorisierung "schizoid" bezieht sich auf Rieman, Fritz "Grundformen der Angst")
Swn
>Tod einer schizoiden Seele<
Szene 1
(Eine Gestalt sitzt auf einer Bank, eingehüllt in Winterkleidung vor dem Hintergrund eines in Schnee versunkenen Stadtparks. Die Gestalt hat den Kopf im Nacken und schaut in den grauen Himmel)
„Oh, Höhenflug der Gedanken
Fliegt gen Süden, wärmet euch
Um die Kälte leiser Ängste
Aus dem Hirne zu verdrängen
Bringt mir Bilder von Ersehntem
Und auch von Neuem, Ungewünschtem
Auf das ein Ziel sich offenbare
Dem zu folgen einen Sinn enthüllt“
(Ein Pärchen geht an der Gestalt vorbei, in heitere Unterhaltung vertieft. Beide lachen mehrfach auf. Die Gestalt blickt hinterher)
„Könnt in diesem Anblick ich
Doch mein eig´nes Antlitz sehen
Um mich würd' nicht Winter sein
Weißgepuderte Romantik wär's
Erfüllt vom Gezwitscher heitren Dialogs
...
Aber die Vögel sind verschwunden
...
Ach, eig'ner Gedanken Monolog
Ist dem Herzen meist wie Eis
In Zeiten fürchterlicher Einsamkeit
Malt er das eig´ne Bild noch schwärzer“
(Die Gestalt schaut sich um, nach irgendwelcher Lebendigkeit im Park, dann bleibt der Blick auf dem eigenen Körper liegen)
„Wie kalte Hände, als ob gezwungen
Streicheln Flocken mein Gesicht
Sogar mir,
ob der Willkür dies Geschehn´s,
Bedeutet dieses Streicheln nichts“
(spricht laut)
„Bleibt auf meinen Schultern liegen
Als wär´n sie Betten euch
Und paart euch dreist mit andern Flocken
Unter meinen neidischen Augen
Schert euch fort!“
(Die Gestalt wischt sich über die Schulter. Aber die Flocken fallen darauf noch zahlreicher. Laut, traurig-gereitzt)
„Nun führt mir nicht vor Augen
Was ich nie erleben werd`
Fies seid ihr, mir vorzuhalten
Was meine Seele noch nicht kennt“
(Die Gestalt steht hektisch auf und geht unter ein Dach. Wischt sich die Augen)
„War´n es Tränen, oder Flocken?
(laut)Ist doch gleich! Ihr fieses Pack!
Ich neide nicht! Ich brauche nicht!
Führt mir nur nichts vor!“
(Die Gestalt setzt sich auf eine Bank unter dem Dach, vergräbt das Gesicht in den Händen und bleibt still. Auf dem Weg zum Dach kommt jemand den Weg entlang. Pfeifend, mit schweifendem Blick)
„Oh Himmel, warum weinst so kalt?
Die Trennung ist doch nur Minuten alt!
Werde ihn doch wiedersehen
Hört´ mit ihm die Hähne krähen
Werd´s auch nächsten Morgen tun
Also, warum weinst du nun?“
(Sie sieht die Gestalt unter dem Dach, mit dem Gesicht in den Händen vergraben)
„Ist dies vielleicht dem Weinen Antrieb?
Diese eine leidende Figur?
So wirf doch einen Blick auf mich
Bin ich nicht Anlass eines Lächelns?
Was macht diese Gestalt verzweifeln?
Verstehen kann ichs nicht!
Wunderschön des Lebens Lauf
...
Sind die Flocken wirklich Tränen?“
(Sie schaut sich auf die Schulter)
„Sieh, sie schmelzen schon dahin!“
(Die Person geht an dem Dach vorüber. Die Gestalt unter dem Dach guckt hinterher)
„Sie kennt der Flocken Spielereien
Hat´s bestimmt schon selbst erfahren
Jedes Flöckchen Wasserwatte
Erinnert sie des Partners
Mir dringts übers Auge ins Gemüt
Als wäre Wasser schwer wie Blei“
(Ruft wütend)
„Würdet dem Verdurstenden
Genüßlich eine Flasche reichen
Um sie hämisch zu entreißen
Und ihn lächelnd sterben sehen“
(Die Figur, die gerade an dem Dach vorübergegangen war, hört den Ausruf und wirft der Gestalt unter dem Dach erstaunte Blicke zu. Die Gestalt guckt sie böse an und denkt)
„Ja guck du nur, du nicht-Versteher
Auf dir treiben es die Flocken nicht
Sie schmelzen gleich in deiner Nähe
Guck sie doch nur an!
Als Liebende schaust du frisch Verliebten zu
Lächelnd der eig'nen Anfänge erinnert
Du kannst mich nicht verstehen!“
(Die Figur ist weg, der Schnee wird leichter und hört schließlich fast ganz auf. Die Gestalt blickt zum grauen Himmel empor)
„Hast dich wohl erweichen lassen
Von meiner Worte Trauer
Mit deinem sadistisch Regen aufzuhörn?“
(Die Gestalt steht auf, lugt unter dem Dach hervor, lächelt grimmig in den beinahe flockenlosen Himmel und geht los)
„Jetzt spielen die Flocken meine Szene.
Freudlos aus dem Himmel fallen
Auf dem Herbstboden zerfließen
Als würden sie in der Wärme erster
Enttäuschter Liebe verglühen
...
Aber vor Enttäuschung steht Hoffnung
...
die Glücklichen“
(Die Gestalt verschwindet auf dem nassen Weg.)
Szene 2:
(Die Gestalt ist in einem Raum, liegt auf dem Bett und starrt vor sich hin. Sie atmet tief ein)
„Egal, wohin der Blick auch fliegt
Er findet nie ein warmes Bild
Das in gedankenkalten Zeiten
Die Seel' mit Nestwärme umfing'
...
Statt dessen sticht das grelle Licht
Denn alles, was ersehnt ist, leuchtet
Mir durchs Auge tief hinein
Das Leben läßt uns lidlos
Und jede Sehnsuchtsträne ätzt
...
wäre ich doch blind!“
(Die Gestalt zuckt zusammen, wendet hektisch den Kopf, fühlt mit den Händen die Augen und lässt sich entspannt aufs Kopfkissen sinken)
„Wie gewünscht, so ward ich blind
Jetzt kannst dein Schauspiel weitertreiben
(triumphierend) Kannst mir meine Sehnsucht
Nicht mehr in die Augen stechen!“
(Nach einer kurzen, von Zufriedenheit erfüllten Pause, leicht zweifelnd)
„Noch nie durchspühlte diese Luft
Nachdem sie meinen Raum betrat
Eine fremde, gar weibliche Brust
Gefärbt von Müll, jedoch auch Liebe
Schwebt sie hier herein
...
Nährwertlos verlässt sie mich
...
Fühl´ mich als Schmarotzer
Als Schänder fremden Werks
Als Zerstörer schöner Atmosphäre
Als Vampir gesunder Luft“
(Die Gestalt atmet mehrfach tief ein und aus)
„Wahrscheinlich verdient´s die Luft
Genauso sadistisch wie der Schnee
Trägt der Nachbarn lustvoll Stöhnen
Reicht dem Ohr des Kusses Schmatzen
Riecht nach chemischem Lockmittel
Haucht mir keine Antwort zu
Kann sie nur atmen und verpesten
Kann sie nicht als Medium nutzen
Rieche Lockrufe, die mir nicht gelten
Höre Stimmen, die nicht mich rufen
Kein heißer Hauch aus fremdem Mund
Streifte jemals meinen Körper
Könnte ohne Luft leben
Mein Körper allein kann es nicht
Aber ich wünscht,
Ich müsst die luftgebrachten Klänge
Mei'm Gemüte nicht so nahe fühlen
Nichts mehr will ich riechen!
Würde ich doch taub!“
(Die Gestalt fasst sich hektisch an die Ohren.)
„Nun bin ich sicher vor dem Bösen
Das teuflisch mir die Sehnsucht zeigt
Jetzt kann ich endlich glücklich leben
Geschützt vor Bildern fremden Glücks
Das meinem doch nie gleichen würde...“
(Die Gestalt bleibt kurze Zeit still, wütend)
„Zu meinem eignen Glück
Brauch´ ich and´re nicht!
Seien sie doch verflucht
Die Immer-Glücklichen
Die Immer-Liebenden
Ohne ihren Fingerzeig
Auf das ihrer Meinung nach mir Fehlende
Kann ich glücklich leben“
(Die Gestalt bleibt kurze Zeit still, noch wütender, laut)
„Ich brauche and´re nicht!“
(Wütend schlägt die Gestalt neben sich auf die Matratze, trifft mit einem Schlag die Bettkante)
„Ouch, du blöder Körper!
Existierst zum Leiden allein!
Immer angefüllt mit Schmerz und Unwohlsein
Nervosität und mulmigem Gefühl
Gäb`s dich nicht, ich wär viel freier
Würde unter fremder Menschen Augen
Nicht mehr stottern, schwitzen, zittern
Du verstehst meiner Seele Sprache nicht
Sie ist nie nervös, nie ängstlich
Aber du mit deinen nutzlosen Hormonen
Und als wollt ich Lieb und Ehe nicht vergessen
Forderst beizeiten du, als wären wir liiert
Meine Hand zu ehelichen Pflichten
Erzählst mir von vergessenversuchten Wünschen
Erinnerst mich an Mangel
Und die Langweile der eig´nen Berührung
Ich brauche fremde Berührung nicht!
Nur DU forderst sie!
Du Haut voll Trieb!
Ich wünschte, du wärst taub!“
(Die Gestalt zieht ein sehr erschrockenes Gesicht)
„Ich fühl mich wie am Schweben
Weiß nicht, wo mein Arm, mein Kopf
Weiß nicht, was die Mimik sagt
Oder ob mein Herz noch schlägt
Aber jetzt fühl ich mich frei.
Ich brauche andere nicht
Bin jetzt meine Seele selbst
Niemand kann unerwünschte Bilder zeigen
Von fremder Menschen Glück und Lieb
Interessierte mich nie
Ich bin nicht neidisch
Jetzt bin ich glücklich
Ohne mein Elend sehen zu müssen
Ohne es täglich zu fühlen
Ohne Sehnsucht an anderen erfüllt zu sehen
Ohne dass Körper oder Augen
Der Seele vorgaukeln, Sehnsüchte zu haben
Nur weil andere etwas besitzen
Muss ich nicht auch danach streben!
Jetzt kann ich meine Sehnsüchte vergessen!“
(Die Person stockt kurze Zeit, ruft dann laut ohne es im Mund zu fühlen, mit ungefühlter Gestikulation)
„Seele, du nicht auch!
Kannst nicht, dem Vergänglichen gleich, Sehnsucht fühlen!
Siehst nicht die Auswüchse körperlichen Triebes
Riechst keine verlockenden Düfte
Wirst nicht durchfloßen von Hormonen
Fühlst nicht den Mangel an Berührung“
(Wie ein Besessener, laut)
„Ich wünschte mir so sehr...
Nein, das willst du nicht
Ich wünschte, jemand...
Nein, das willst du nicht
Ich wünschte, ich könnte...
Nein, Ich will das nicht!
Könnte ich doch....
NEIN, Das wollte ich nie!
Würde mir doch...
NEIN, Niemand würde!
Wäre..
NEEEEIIINN“
(Von der Gestalt ungehört verhallt der Schrei im Raum. Nach kurzer Pause)
„Wenn die Wurzel all des Übels
Bloß die Wünsche geiler Seele
Und all der Vorwurf kommt von hier
Muss ich eben auch von dir
Frei sein, um das Leben zu genießen
Ich hasse dich für all das Leid
Das du mir auch noch vorgeworfen
Ich wünschte, du wärst tot!“Geändert von Scheinweltname (12-02-2009 um 01:46 Uhr)
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23-06-2005 12:20 #2
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23-06-2005 12:42 #3n/a Gast
vor der Neubearbeitung hatte das Dingen noch nen Erzähler und war noch belehrender und noch theaterstückiger...nach dem Lesen des angegebenen Buches ist mir aber aufgefallen, dass in der jetzigen Form sinvoller ist...da es aber im großen und halben eher ein Monolog ist, fänd ich es blöd, es in die Richtung Drama zu verschieben...
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21-09-2005 22:21 #4eline Gast
Also ich finde die Version, wie sie dort steht wirklich sehr gut!!! Überaus dramatisch und besonders die Sprache finde ich schön ... sie gibt dem Charakter etwas weltfernes ... ich denke irgendwie passt das zu ihm (bitte korrigieren, wenn ich das falsch sehe), da er seine Probleme völlig abgeschottet und monozentrisch betrachtet.
Wenn man davon absieht, dass ichs wahrscheinlich so toll finde, weil ich mich darin wiedererkennen kann, zeigt der Text (ob nun Prosa oder Lyrik) doch Probleme, die fast jeder in gewissem Grade kennt ... ach
.
Ich finds halt einfach nur sehr schön!
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