UNI-Forum

+ Antworten
Ergebnis 1 bis 4 von 4
  1. #1
    n/a Gast

    Tod einer schizoiden Seele

    weil ich keine Ahnung hatte, wo ich das posten sollte (wo es doch weder reine prosa noch reine Lyrik ist; und weil es schon knapp 2 jahre alt, wenn auch neu bearbeitet ist), hab ich es mal hier eingestellt.
    (Die Kategorisierung "schizoid" bezieht sich auf Rieman, Fritz "Grundformen der Angst")
    Swn

    >Tod einer schizoiden Seele<
    Szene 1
    (Eine Gestalt sitzt auf einer Bank, eingehüllt in Winterkleidung vor dem Hintergrund eines in Schnee versunkenen Stadtparks. Die Gestalt hat den Kopf im Nacken und schaut in den grauen Himmel)
    „Oh, Höhenflug der Gedanken
    Fliegt gen Süden, wärmet euch
    Um die Kälte leiser Ängste
    Aus dem Hirne zu verdrängen
    Bringt mir Bilder von Ersehntem
    Und auch von Neuem, Ungewünschtem
    Auf das ein Ziel sich offenbare
    Dem zu folgen einen Sinn enthüllt“
    (Ein Pärchen geht an der Gestalt vorbei, in heitere Unterhaltung vertieft. Beide lachen mehrfach auf. Die Gestalt blickt hinterher)
    „Könnt in diesem Anblick ich
    Doch mein eig´nes Antlitz sehen
    Um mich würd' nicht Winter sein
    Weißgepuderte Romantik wär's
    Erfüllt vom Gezwitscher heitren Dialogs
    ...
    Aber die Vögel sind verschwunden
    ...
    Ach, eig'ner Gedanken Monolog
    Ist dem Herzen meist wie Eis
    In Zeiten fürchterlicher Einsamkeit
    Malt er das eig´ne Bild noch schwärzer“
    (Die Gestalt schaut sich um, nach irgendwelcher Lebendigkeit im Park, dann bleibt der Blick auf dem eigenen Körper liegen)
    „Wie kalte Hände, als ob gezwungen
    Streicheln Flocken mein Gesicht
    Sogar mir,
    ob der Willkür dies Geschehn´s,
    Bedeutet dieses Streicheln nichts“
    (spricht laut)
    „Bleibt auf meinen Schultern liegen
    Als wär´n sie Betten euch
    Und paart euch dreist mit andern Flocken
    Unter meinen neidischen Augen
    Schert euch fort!“
    (Die Gestalt wischt sich über die Schulter. Aber die Flocken fallen darauf noch zahlreicher. Laut, traurig-gereitzt)
    „Nun führt mir nicht vor Augen
    Was ich nie erleben werd`
    Fies seid ihr, mir vorzuhalten
    Was meine Seele noch nicht kennt“
    (Die Gestalt steht hektisch auf und geht unter ein Dach. Wischt sich die Augen)
    „War´n es Tränen, oder Flocken?
    (laut)Ist doch gleich! Ihr fieses Pack!
    Ich neide nicht! Ich brauche nicht!
    Führt mir nur nichts vor!“
    (Die Gestalt setzt sich auf eine Bank unter dem Dach, vergräbt das Gesicht in den Händen und bleibt still. Auf dem Weg zum Dach kommt jemand den Weg entlang. Pfeifend, mit schweifendem Blick)
    „Oh Himmel, warum weinst so kalt?
    Die Trennung ist doch nur Minuten alt!
    Werde ihn doch wiedersehen
    Hört´ mit ihm die Hähne krähen
    Werd´s auch nächsten Morgen tun
    Also, warum weinst du nun?“
    (Sie sieht die Gestalt unter dem Dach, mit dem Gesicht in den Händen vergraben)
    „Ist dies vielleicht dem Weinen Antrieb?
    Diese eine leidende Figur?
    So wirf doch einen Blick auf mich
    Bin ich nicht Anlass eines Lächelns?
    Was macht diese Gestalt verzweifeln?
    Verstehen kann ichs nicht!
    Wunderschön des Lebens Lauf
    ...
    Sind die Flocken wirklich Tränen?“
    (Sie schaut sich auf die Schulter)
    „Sieh, sie schmelzen schon dahin!“
    (Die Person geht an dem Dach vorüber. Die Gestalt unter dem Dach guckt hinterher)
    „Sie kennt der Flocken Spielereien
    Hat´s bestimmt schon selbst erfahren
    Jedes Flöckchen Wasserwatte
    Erinnert sie des Partners
    Mir dringts übers Auge ins Gemüt
    Als wäre Wasser schwer wie Blei“
    (Ruft wütend)
    „Würdet dem Verdurstenden
    Genüßlich eine Flasche reichen
    Um sie hämisch zu entreißen
    Und ihn lächelnd sterben sehen“
    (Die Figur, die gerade an dem Dach vorübergegangen war, hört den Ausruf und wirft der Gestalt unter dem Dach erstaunte Blicke zu. Die Gestalt guckt sie böse an und denkt)
    „Ja guck du nur, du nicht-Versteher
    Auf dir treiben es die Flocken nicht
    Sie schmelzen gleich in deiner Nähe
    Guck sie doch nur an!
    Als Liebende schaust du frisch Verliebten zu
    Lächelnd der eig'nen Anfänge erinnert
    Du kannst mich nicht verstehen!“
    (Die Figur ist weg, der Schnee wird leichter und hört schließlich fast ganz auf. Die Gestalt blickt zum grauen Himmel empor)
    „Hast dich wohl erweichen lassen
    Von meiner Worte Trauer
    Mit deinem sadistisch Regen aufzuhörn?“
    (Die Gestalt steht auf, lugt unter dem Dach hervor, lächelt grimmig in den beinahe flockenlosen Himmel und geht los)
    „Jetzt spielen die Flocken meine Szene.
    Freudlos aus dem Himmel fallen
    Auf dem Herbstboden zerfließen
    Als würden sie in der Wärme erster
    Enttäuschter Liebe verglühen
    ...
    Aber vor Enttäuschung steht Hoffnung
    ...
    die Glücklichen“

    (Die Gestalt verschwindet auf dem nassen Weg.)


    Szene 2:
    (Die Gestalt ist in einem Raum, liegt auf dem Bett und starrt vor sich hin. Sie atmet tief ein)
    „Egal, wohin der Blick auch fliegt
    Er findet nie ein warmes Bild
    Das in gedankenkalten Zeiten
    Die Seel' mit Nestwärme umfing'
    ...
    Statt dessen sticht das grelle Licht
    Denn alles, was ersehnt ist, leuchtet
    Mir durchs Auge tief hinein
    Das Leben läßt uns lidlos
    Und jede Sehnsuchtsträne ätzt
    ...
    wäre ich doch blind!“

    (Die Gestalt zuckt zusammen, wendet hektisch den Kopf, fühlt mit den Händen die Augen und lässt sich entspannt aufs Kopfkissen sinken)
    „Wie gewünscht, so ward ich blind
    Jetzt kannst dein Schauspiel weitertreiben
    (triumphierend) Kannst mir meine Sehnsucht
    Nicht mehr in die Augen stechen!“
    (Nach einer kurzen, von Zufriedenheit erfüllten Pause, leicht zweifelnd)
    „Noch nie durchspühlte diese Luft
    Nachdem sie meinen Raum betrat
    Eine fremde, gar weibliche Brust
    Gefärbt von Müll, jedoch auch Liebe
    Schwebt sie hier herein
    ...
    Nährwertlos verlässt sie mich
    ...
    Fühl´ mich als Schmarotzer
    Als Schänder fremden Werks
    Als Zerstörer schöner Atmosphäre
    Als Vampir gesunder Luft“
    (Die Gestalt atmet mehrfach tief ein und aus)
    „Wahrscheinlich verdient´s die Luft
    Genauso sadistisch wie der Schnee
    Trägt der Nachbarn lustvoll Stöhnen
    Reicht dem Ohr des Kusses Schmatzen
    Riecht nach chemischem Lockmittel
    Haucht mir keine Antwort zu
    Kann sie nur atmen und verpesten
    Kann sie nicht als Medium nutzen
    Rieche Lockrufe, die mir nicht gelten
    Höre Stimmen, die nicht mich rufen
    Kein heißer Hauch aus fremdem Mund
    Streifte jemals meinen Körper
    Könnte ohne Luft leben
    Mein Körper allein kann es nicht
    Aber ich wünscht,
    Ich müsst die luftgebrachten Klänge
    Mei'm Gemüte nicht so nahe fühlen
    Nichts mehr will ich riechen!
    Würde ich doch taub!“
    (Die Gestalt fasst sich hektisch an die Ohren.)
    „Nun bin ich sicher vor dem Bösen
    Das teuflisch mir die Sehnsucht zeigt
    Jetzt kann ich endlich glücklich leben
    Geschützt vor Bildern fremden Glücks
    Das meinem doch nie gleichen würde...“
    (Die Gestalt bleibt kurze Zeit still, wütend)
    „Zu meinem eignen Glück
    Brauch´ ich and´re nicht!
    Seien sie doch verflucht
    Die Immer-Glücklichen
    Die Immer-Liebenden
    Ohne ihren Fingerzeig
    Auf das ihrer Meinung nach mir Fehlende
    Kann ich glücklich leben“
    (Die Gestalt bleibt kurze Zeit still, noch wütender, laut)
    „Ich brauche and´re nicht!“
    (Wütend schlägt die Gestalt neben sich auf die Matratze, trifft mit einem Schlag die Bettkante)
    „Ouch, du blöder Körper!
    Existierst zum Leiden allein!
    Immer angefüllt mit Schmerz und Unwohlsein
    Nervosität und mulmigem Gefühl
    Gäb`s dich nicht, ich wär viel freier
    Würde unter fremder Menschen Augen
    Nicht mehr stottern, schwitzen, zittern
    Du verstehst meiner Seele Sprache nicht
    Sie ist nie nervös, nie ängstlich
    Aber du mit deinen nutzlosen Hormonen
    Und als wollt ich Lieb und Ehe nicht vergessen
    Forderst beizeiten du, als wären wir liiert
    Meine Hand zu ehelichen Pflichten
    Erzählst mir von vergessenversuchten Wünschen
    Erinnerst mich an Mangel
    Und die Langweile der eig´nen Berührung
    Ich brauche fremde Berührung nicht!
    Nur DU forderst sie!
    Du Haut voll Trieb!
    Ich wünschte, du wärst taub!“
    (Die Gestalt zieht ein sehr erschrockenes Gesicht)
    „Ich fühl mich wie am Schweben
    Weiß nicht, wo mein Arm, mein Kopf
    Weiß nicht, was die Mimik sagt
    Oder ob mein Herz noch schlägt
    Aber jetzt fühl ich mich frei.
    Ich brauche andere nicht
    Bin jetzt meine Seele selbst
    Niemand kann unerwünschte Bilder zeigen
    Von fremder Menschen Glück und Lieb
    Interessierte mich nie
    Ich bin nicht neidisch
    Jetzt bin ich glücklich
    Ohne mein Elend sehen zu müssen
    Ohne es täglich zu fühlen
    Ohne Sehnsucht an anderen erfüllt zu sehen
    Ohne dass Körper oder Augen
    Der Seele vorgaukeln, Sehnsüchte zu haben
    Nur weil andere etwas besitzen
    Muss ich nicht auch danach streben!
    Jetzt kann ich meine Sehnsüchte vergessen!“
    (Die Person stockt kurze Zeit, ruft dann laut ohne es im Mund zu fühlen, mit ungefühlter Gestikulation)
    „Seele, du nicht auch!
    Kannst nicht, dem Vergänglichen gleich, Sehnsucht fühlen!
    Siehst nicht die Auswüchse körperlichen Triebes
    Riechst keine verlockenden Düfte
    Wirst nicht durchfloßen von Hormonen
    Fühlst nicht den Mangel an Berührung“
    (Wie ein Besessener, laut)
    „Ich wünschte mir so sehr...
    Nein, das willst du nicht
    Ich wünschte, jemand...
    Nein, das willst du nicht
    Ich wünschte, ich könnte...
    Nein, Ich will das nicht!
    Könnte ich doch....
    NEIN, Das wollte ich nie!
    Würde mir doch...
    NEIN, Niemand würde!
    Wäre..
    NEEEEIIINN“
    (Von der Gestalt ungehört verhallt der Schrei im Raum. Nach kurzer Pause)
    „Wenn die Wurzel all des Übels
    Bloß die Wünsche geiler Seele
    Und all der Vorwurf kommt von hier
    Muss ich eben auch von dir
    Frei sein, um das Leben zu genießen
    Ich hasse dich für all das Leid
    Das du mir auch noch vorgeworfen
    Ich wünschte, du wärst tot!“
    Geändert von Scheinweltname (12-02-2009 um 01:46 Uhr)

  2. #2
    Avatar von Leinadine
    Leinadine ist offline Moderator
    Registriert seit
    29.12.2004
    Beiträge
    495
    Die kursiven Anteile wirken auf mich wie eine Art Regieanweisung bei einem Theaterstück. Wäre eine Überlegung wert, ob Du nicht ganz dein Gedicht dem verschreibst.

  3. #3
    n/a Gast
    vor der Neubearbeitung hatte das Dingen noch nen Erzähler und war noch belehrender und noch theaterstückiger...nach dem Lesen des angegebenen Buches ist mir aber aufgefallen, dass in der jetzigen Form sinvoller ist...da es aber im großen und halben eher ein Monolog ist, fänd ich es blöd, es in die Richtung Drama zu verschieben...

  4. #4
    eline Gast
    Also ich finde die Version, wie sie dort steht wirklich sehr gut!!! Überaus dramatisch und besonders die Sprache finde ich schön ... sie gibt dem Charakter etwas weltfernes ... ich denke irgendwie passt das zu ihm (bitte korrigieren, wenn ich das falsch sehe), da er seine Probleme völlig abgeschottet und monozentrisch betrachtet.
    Wenn man davon absieht, dass ichs wahrscheinlich so toll finde, weil ich mich darin wiedererkennen kann, zeigt der Text (ob nun Prosa oder Lyrik) doch Probleme, die fast jeder in gewissem Grade kennt ... ach .

    Ich finds halt einfach nur sehr schön!

Ähnliche Themen

  1. Schellfischs Tod
    Von YellowBird im Forum Lyrik + Prosa
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 06-06-2005, 23:20
  2. Welten Tod
    Von Prof. Kane im Forum Lyrik + Prosa
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 20-10-2004, 17:20
  3. Der Tod kommt
    Von Akiva im Forum Lyrik + Prosa
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 20-03-2003, 22:38
  4. Der Tod und das Weib
    Von poetrei im Forum Lyrik + Prosa
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 21-11-2002, 18:25

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein