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    Avatar von La Tramontana
    La Tramontana ist offline Moderator
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    Schattenspiel - Poesie

    [Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dieses verzweifelte Stück Prosa eines Tages fertig zu bekommen. Es wächst.
    Betrachtet es aber als Fortsetzung zu dem anderen.]


    Die Wintersanduhr gefriert an der eigenen Kälte. In ihrem taugleitenden Hohlspiegel kaleidoskopiert die Zeit in müdgestaunten Bildern. Wer kennt sie schon, die dunkle Frau mit dem holzerstarrten Gesicht und den Porzellanjüngling, der auf der Lichtspur seiner Knabenträume dahinglitt. Schneeschwer schwankte der Himmel und verschluckte angstvoll beide in diese lichtkarge Welt ohne Anfang noch Ende.
    Traumbetrügender Frühling!
    Wie durchsang jene verbaumte Liebe alle Schmerzen, wie labte sie Tränengewachnes, was nimmer aufhört, einem die Seele an den Himmel zu küssen...Gottgeliebt und enteignet der wächsernen Schwingen des Menschseins verströmte sich die Trauer.
    Mild erst, und heilsam nach dem Glücke schlich sich der Schmerz herein, ausreizend seine Güte in den hellen Häusern. Und er legte in jede Kammer seine Toten, jene, die uns antlitzgleich sind.
    Und das Liebste stirbt in sich selbst hinein, von einem weg, als hätte es nie bedeutet. Dem dumpfen, schreckfernen Entsetzen, das einem die Seelenaugen vor dem anklopfenden Wahnsinn weit aufreißt, folgt leispfotig die Raserei. Zerkrallung ist Ziel.
    Da bricht das milchig gewordne Glas der Wintersanduhr in krampfender Hand. Die Zeitkörnchen verkleben in den wundgeweinten Augen zu linderndem Honig.
    Schnee fällt aus der leergeschrienen Luft. Jetzt stirbt ein Engel. Und jetzt ist wirklich Winter.
    Es verzweifelte die Erde, wo sie an Land stieg und mit ihr alles, was auf ihr lebte. Kein Sterblicher durfte geliebt sein, wie sie zu lieben verstand; unbestimmt war die Furcht, die jeden ankam in ihren Armen.
    Sie schied fort, immer wieder und unerreichter, obwohl die Menschengestallt sie fesselte und sie war wie einer, den man sich nehmen konnte ohne weiters, der aber zerfloß wie Wasser, seelenentbrannt, erdig dalag und in seiner Luftgeborenheit entschwand.
    Der Engel aber stieg erblindet hinab, weil sein restliches Fühlen ihn nach den Liedern, den dunkel gesungnen, drängte, hinab, hadisch, wo er dann sich Stummflehenden anglich. Seine Stimme ein letztes Geschenk.


    Meine Lieder gehn stufenweis
    Abwärts ins schweigende Dunkel,
    Wohlgetragene, himmlisch sich
    Wähnend, sterben den Schatten zu.
    Erynienzerfressen zu sein
    Ist drunten ihr traurig Los:
    Verwirkt das Elysium.

    Kein verzweifelt geheulter Gesang
    Erschließt es mir je
    Das erdengebunden einst ich erahnte.
    Ihr Haine der Seligen!
    Rosenbetaute, goldene Pfade,
    betrat ich euch nicht als Schutzflehender?
    War der himmlische Knabe nicht
    Opfers genug
    ...

    Weinlese
    Es war ein großes Anwesen von dem aus man die weite Ebene mit all ihren flachen Tälern und dem glitzernden Silberbändern ihrer Flüsse überblicken konnte. Zu der einen Seite grenzte ein schneebedeckter Berg das Tal zu den Felsen ab. So wirkte die Ebene wie ein gewaltiger Tisch, auf dem man für einen Riesen den zuckerbestaubten Kuchen bereitet hatte. Die Weinberge an dern Füßen der Hügel spannten sich weit in die Ferne und verschwommen ganz mit dem Horizont, wo die Sonne die Wasserfläche eines Sees golden erzittern ließ, dessen Wasser so salzig war, daß die Menschen sich seit Alter Zeit erzählen, die Engel seien hier zusammengekommen, um den Kreuzestod des Erlösers zu beweinen.
    Der Maler hatte ihre Ankunft bereits erwartet.
    -Siehe, da kommt sie mit ihrem Gefolge!
    -Das verbitte ich mir, daß du meine Freunde als Gefolge abtust
    -Du, Liebe, bist der Schwan der seine Seele zu den Sternen aufheben will...
    -Der Wein spricht aus dir! Wann wirst du endlich aufhören ein Weib zur Göttin zu machen?
    -Soll ich eine Göttin zum Weibe erniedrigen? Nichts da! Mein höchstes wird sein, dir zu dienen. Womit kann ich dir dienen?

    In dem großzügig ausgestatteten Wohnzimmer stand eine Kommode mit Kandelabern, unter einer Empore gegenüber der Fensterfront war ein Fauteuil. Auf dem Beistelltischchen daneben standen mehrere Flaschen köstlichen Weines.
    Neben dem Fauteuil hechelte ein struppig schwarzer Hund. Musik schien aus allen Winkeln diese Hauses zu klingen, doch ihr Ursprung konnte ebensogut in den Gedanken der Besucher liegen.
    -Meine lieben jungen Freunde, du mein Schwan, welche Musik wollt ihr hören? Ach, Liebe, was siehst du mich so mit vergoldeten Augen an?...
    -Es ist doch so, nicht wahr: DIe heiligen Neun sind dort unten zusammengekommen, Orpheus' Tod zu beweinen, darum ist der See so salzig und darum ist so öd die Steppe Illyriens. Doch Dionysos, erboßt über die Tat seiner wilden Töchter, schenkte den Ufern dieses Sees sein edles Gewächs. Das Blut der Trauben und die Ttänen der Musen haben diese Ort zum Heiligtum erhoben. Mein Sänger ist tot. Ich habe ihn gesucht und kaum, daß ich ihn fand, entstarb er mir. Meine Tränen sind jetzt aus. Bring mich zu ihm hin. Bitte. Ich wünsche nichts mehr, nur dieses.
    -Geh, du bist noch so ein junges Weib! Wie kannst du den Tod ersehnen?
    Kläre das Traubenblut zu Tränen, ob du deine Schmerzen vergessen wirst oder sie sich nur wandeln, weiß ich nicht. Dieser Wein ist in der Hölle gekeltert. G'segens dir. Daß dieser Wein das erlesenste Gastgeschenk an deine Jugend sei!

    Frau Meda war hinzugekommen und der Maler glich ihr Gesicht mit dem des Mädchens.
    -Frau Meda, sie ist schön, eure Nichte, von innen unendlich schön!
    -Das ist, weil sie liebt...aber nicht den, dessen Bett sie teilt.
    -Ja, ihre Augen reichen weiter als in diese Welt.
    - Aber! Sie ist doch fast blind. Hast du ihre Brille gesehen?
    -Das mag sein. Doch hier gibt es nichts zu sehen, was sie glücklich werden ließe. Eigentlich ist sie nur aus Versehen hier, wenn am es genau betrachtet. Nur muß sie hier bleiben, denn ihr Leben schenkt mir und wenigen anderen einen Funken ewiger Freude. Wenn ich sie so sehe, denke ich mir: Sie sucht etwas, von dem du nicht einmal weißt, daß es irgendwo existiert.
    -Aber ihr Leben ist Qual. SIe ist dabei, ihr AUgenlicht zu verlieren. Deswegen hat sie schon das Malen aufgeben müssen und am Lesen verzweifelt sie auch. Eine Krankheit lähmt ihr die Hände, die Musik machen wollen und den Stif halten... sag mir bitte, was an diesem Dasein für sie noch lebenswert sein könnte? Es steht in unserer Macht, ihr das Schönste zu schenken, wir können sie erlösen.
    -Es ist gut, Frau. Ich weiß, du hast ihren letzten Trank schon bereitet, du wirst ihn ihr vorsetzten und sie wird trinken. Allein, sterben wird sie nicht, nur schlafen. Ich gönne ihr diesen Traum von Seligkeit von ganzem Herzen. AN ihm mag sie sich bereuchen, von Zeit zu Zeit.
    -Wenn du mich und meine Kunst nicht mehr brauchst, werde ich gehen. Ich meinte es nur gut.
    -Nicht immer ist das Gutgemeinte auch das Beste. Nicht immer ist der leichteste Weg auch der richtige. Leb wohl, Frau Meda.

    Die Stunden gingen hin. Der Wein berauschte sie.
    -Mädchen!
    Doch sie war nicht mehr hier.

    Ihr bösen Früchte! Lieblicher anzusehn als keusche Myrthen, färbte doch euer Saft die Lippen blutig rot und auch das schneeweiße Linnen des Mädchenkleides.

    Der Tod ist ein sanfter Herr, wenngleich unbarmherzig in seinem Lieben.
    Sein Atmen bemächtigt sich der Menschen Brust. Und ihn erfreut ihr ahndungsvolles Seufzen...
    Aber seine Stimme schmeichelt menschlichen Ohren sehr, dem zarten Geflüster gleich, das die Liebenden eint.
    Seine weiche Hand drückt jedes Haupt an seine grauen Schläfen.
    Auch dieses Brautbett hat Amor geschmückt.

    Blühende Sträucher tragen starren Reif. Blütenschnee bedeckt die Wiesen.
    Im Antlitz des Frühlings träumt sie schaudernd vom Winter. Von ihm genommen



    2
    paideuw , paideueiV, paideuei

    Als sie den Kopf hebt, flimmern die fremden Zeichen wie eine Endloslaufschrift hologrammartig vor der nicht wahrgenommen Tiefe des Raumes. Parallel zur griechischen Präsenskonjugation manifestiert sich aus ihren Gedanken die Lateinische:
    educo, educas, educat.
    Auf diese Weise starrt sie sich alles in den Raum. Was immer sie will, erscheint. Wenn sie Lust auf Aenäis, viertes Buch hat, taucht Dido auf und mit ihr das verhängte Schicksal. AUch Orpheus ziert sich nicht lange, ach Orpheus.
    Imagination heißt Bildgeburt. Und sie bestimmt, was erscheinen darf, sie allein, anders als im Traum, der einen willenlos macht und zum Gefangenen der eigenen Phantasie. Imagination hingegen gibt jedem die Herrschaft über das angeborene Geisterreich zurück.
    Educor, educaris, educatur.
    AUs den Neonröhren fließen die Buchstaben auf die Regale. Die griechischen Zeichen beginnen an der Tischkante eines rundgebogenen Tresens entlangzulaufen. Bis sie mit einem Mal im Safrangrau einer grobgewebten Jacke undeutlich werden und verschwinden. Buchlesend lehnte an dem Tresen ein Mann. Der helle Olivenholzton seines Gesichtes, wie seiner Hände machte es schwer, sein Alter mit Genauigkeit zu schätzen: Er mochte kaum vierzig sein, doch ebensogut konnte er sein fünfzigstes Jahr bereits hinter sich gelassen haben.
    Zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand stützte er die Stirn, der rechte Arm lag vor seiner Brust auf der Tischplatte. Merkwürdig sein Haupthaar: DIe Farbe dieses wirren Augustuskopfes war weder ganz dunkel noch vollständig grau. Es schien vielmehr, als trage er ein entblautes Meer, dessen sich kräuselnde Gischtkronen mitten in ihrem Spiel erstarrt waren. Die Fläche der Linken verschattete seine Augen, auch Form und Gestalt des Mundes gaben sich der Griechischlernerin nicht preis.
    Seine Erscheinung paßte nicht in die Oberflächlichkeit der Welt, die Lektüre des Buches fesselte ihn zu sehr, als daß er für einen glaubhaften Bestandteil der Realität hätte gehalten werden können.
    Er war ganz bei sich.
    So kam es, daß sie zwar einander begegneten, ihre jeweilige Bedeutung aber noch nicht erkannten.


    Wer bist Du, Fremdling, grau wie ein Wanderer
    Den feinen Reif der eisigen WInternacht
    ..... Auf seinem Haupt. Versunken nun in
    ........ Völliger Stille. Und innig staunend

    Vergreifst du dich, verwegen und unbedacht
    An meinem Herzen? Schuf nicht die Seele mir
    ..... Dies Abbild deiner Selbst? Und hat nicht
    ........ Einbildungskraft...

    Was tanzt die Luft so über dir, was soll dieses Räumewallen? Zu Säulen türmen sich die Bücher hochmächtig auf, Schatten wogen herein, kaum wahrnehmbare, mit leisem Hauche. Du führst einen täumenden Reigen an, der nichts mehr weiß von sich, Gestalten ohne Ziel und Herkunft, selbstverloren und schlafwandlerisch.


    3
    "Und über was möchten Sie arbeiten, wenn SIe das schon entschieden haben?"
    "Über den Orpheus - Mythos"
    "Wollen sie nicht lieber die Begebenheit zwischen Hades und Persephone genauer untersuchen. Dieses Thema verlangt eine kenntnisreiche Analyse, mit der Sie sicher aufwarten könnten. "
    "Analysen sind nicht meine Sache, mein Herr. Wenn ich über etwas schreibe, muß ich es irgendwo nachvollziehen können, sonst gelingt mir keine glaubhafte Aussage."
    "Ach, und das ist Ihnen bei Hades und Persephone nicht möglich?"
    "Ähm, nein."
    "Wirklich nicht?"
    "Mein Herr, ich versteh beim besten Willen nicht, worauf Sie hinauswollen mit Ihrem Insistieren. Ich werde über den Orpheus schreiben."
    " Sie haben recht, im Ende landet eh alles auf meinem Schreibtisch, egal was Sie machen. Wie verlief denn Ihre Griechischprüfung? So viel wie Sie gelernt haben, war es doch sicher kein Problem."
    "Ich hab's gerade geschafft, zum Glück... Sie...Sie haben noch etwas?"
    " Ja. ... Sie bekommen noch Geld raus. Der Honig war doch nicht so teuer, wie ich erst dachte. Hier, eins-zwanzig. "
    "Danke"
    "Es wird schon kalt und neblich draußen. Kaufen Sie sich einen Granatapfel,der erinnert einen noch an den Sommer"


    4
    Erwarten SIe jetzt bitte kein rhetorisches Feuerwerk, das ich für Sie veranstalten werde. Ich bin zur Zeit wenig gesprächig. Außerdem geniere ich mich meines Sprechens, vor anderen und erst recht vor Ihnen.
    Ich will nichts groß ausführen und viele Worte machen, doch ich denke, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, was meine geistige Abwesenheit der letzten Wochen betrifft.
    Mich erschreckt es , wie sehr ich von Tag zu Tag verbitterter und schroffer zu meiner Umwelt werde. Lebensmüdigkeit kann ich es nicht nennen, eher Desinteresse an der Welt und an ihren Vorgängen. Und je mehr ich dem Lauf der Dinge zusehe und je weniger ich eingreife, desto klarer wird mir meine Überflüssigkeit. Was soll ich reden, wenn ein Gespräch ohne meine Zwischenrufe schneller zum Ziel kommt?
    Früher ließ ich mich noch verletzen, wenn mir meine Mitmenschen direkt oder indirekt ihren Unwillen kundtaten, sich mit mir abzugeben. Nun ist das nicht mehr so und mich erstaunt dieser Wandel, den ich bei mir bemerke.Vielleicht trüge ich alles nicht mehr, wenn ich mich auf jeden Schmerz einließe, wenn ich jedem Leid die Möglichkeit einräumte, vor meinem Herzen zu erscheinen. Vielleicht werde ich aber auch endlich erwachsen und schreie nicht mehr wie ein Kind bei jedem Dorn, den ich mir einziehe.

    Sie können mir nicht helfen, mein Herrr. Ich sagte Ihnen das alles nur, damit Sie mein häufigeres Schweigen und meine Bitterkeit nicht in irgendeiner Weise auf sich beziehen. Ich will ja versuchen, Sie im Seminar nicht hängen zu lassen, obwohl fast alle Bindungen von mir wegbrechen. Die Literatur hält mir tapfer ihre Hand hin. Meine andere Hand tastet unwillig nach dem lieben, schützenden Arm der Musik. Den will und kann ich im Moment nicht annehmen. Kommentieren Sie es nicht für sich, wenn Sie mich das Gesicht abwenden sehen, sobald von Musik die Rede ist. Die Erinnerung an sie ist zu schmerzhaft, als daß ich sie noch vorbehaltslos lieben könnte.
    Ach, Musik. Niemals habe ich einen Dichter von ihr wahrer sprechen hören als RMR. Ja, er hat recht: Den Musikaugenblick kann nur Paradoxes ausdrücken. Musik ist das Innigste, das im Moment der Erkennung im Begriff ist, nicht mehr das unsrige zu sein. Darf sich der erst Musiker nennen, der dieses "Noli me tangere!" akzeptiert? Liebt erst der die Musik, der ihrem Besitz (so wie einer ein Bild besitzen kann) entsagt? Kann man Musik nur dann lieben, wenn sie stumm noch in unseren Herzen schläft, eine Liebe ohne Geständnis?
    Wenn Musik dieser Liebe Nahrung ist, singe, singe...



    leben - singen - sterben
    Immer singt der Tod, ich wußte es, wenngleich ich nie ihn bewußt gehört haben; der Tod muß einfach singen, wie sollte es ihm sonst gelingen, daß wir ihm folgen, trotz aller Zweifel.
    Orfeo bot einst sein Lied vor Hades , doch was für eine arme Gabe wäre es gewesen, hätte er selbst begonnen. Wenn Hades mit diesem armen Liebenden zum nebelumflossenen Lethe gewandert wäre und er dann gesungen hätte... Orfeo hätte getrunken und nie wäre in ihm die verderbliche Sehnsucht erwacht, seine Eurydike ins Angesicht der Sterne zurückzuführen. Gestorben wäre er an Seligkeit, er wäre seinem Herrn gefolgt in den Asphodelenhain und hätte dort Eurydike gesehen, schon nicht mehr seine Eurydike, einen Schatten. Fremd und ohne Leidenschaft wäre er ihr begegnet, freundlich und unwissend seiner einstigen Liebe. Mit toten Augen sähe der Noch-Lebende sie an und er verlösche in dem Moment, da er um dieser Ruhe willen seine ruhelose Liebe aufgäbe. Welche Erlösung für ihn, sie nicht mehr lieben zu müssen und sie gleichmütig betrachten zu können. Und obwohl er der Unterlegene gewesen wäre in diesem Sängerwettstreit des Todes mit dem Leben, erschiene ihm kein Preis zu hoch: Liebe und Leben gab er, um den Frieden zu bekommen.

    Zum Tode sind wir, Früchten gleich gereift,
    Und dennoch schweren uns Erinnrungslasten,
    Die, jetzt zu tragen, uns im Leben faßten:
    Vergessen wie, was stärker man begreift?


    ----- Die Freiheit unsrer niegelebten Leben
    ----- Entlarvt der Tod als sehnsuchtsloses Streben.


    Idyllen,wohlvertraut, der Heimatstadt
    Bewahren uns vor alter Götter Wesen,
    Solang wir harmlos sehen - und nicht lesen -
    Die Zeichen, die man uns gegeben hat.


    ----- Erinnerungen, ahnungsnah im Leben,
    ----- Nur vorwärts rasen, rückwärts nimmer streben.


    Und Liebe, die dem Tod entgegengingen,
    Aus Edelmut sich selbst dem Leid entwandt,
    Erscheinen uns vertraut auf Schlafes Schwingen.

    Doch diese Welt ist tot. Und nichts mehr kennt
    Der Liebende von ihr. Sein fernes Singen
    hat ganz von Lust ihn und von Schmerz getrennt.


    ----- Erinnerungsbefreites Leben erben
    ----- Vermag, wer ohne Trauer strebt zu sterben.




    Blütenlese
    Warum mich? Es stehen lieblichere Blumen in den Hainen des Lebens, anmutigere, warum legt sich mir deine Hand so fordernd ums Herz wie um eine Veilchenwurzel, die in den düsteren Nebelfluren, wo schwarz die Eiche steht eine Heimstatt bekommt und zwischen milchweißen Asphodelen unsterblich werden soll?
    Laß mich doch leben in Erinnerung an die Schönheiten vergangener Tage!. Und wenn unglücklich jetzt, so laß mein Herz mich pflegen mit dem Balsam meiner Tränen.
    Was lauscht du so nach meinen Worten, auf daß eines mich verrate und mich dir ausliefere. Wendest du dich endlich ab und befreist mich von deinem Blick...wo aber ist die Zustimmung, die mir sonst von deinen halbgeöffneten Lidern fließt wie flüssiges Feuer? Ob ich noch dein liebgewordenes Nachbild sehen kann, wenn ich jetzt die Augen schließe?
    "Was verschlägt es, anzunehmen, Persephone hätte Hades nicht geliebt. Wir wissen ja nichts von ihr, der Mythos machte sie stumm. Und wir sehen im Tod nur den erbarmungslosen Räuber. In Wirklichkeit aber ist es unmöglich, ihm zu widerstehen..."
    ...Unmöglich, dir zu widerstehen, deinen werbenden Worten. Was webst du für Netze, in denen man sich ärger verstrickt, je mehr man versucht, sie abzuschütteln?
    Da schreitest du fort, ein Schattengleiten...und ich, ein Getroffenes, sinke nieder zu deinen Füßen.
    Dann wieder horche ich dir entgegen.
    Wenn du deine Stimme mit nichts anderem bekleidest als mit feingewebten Nebelschleiern und so unsere Seelen versuchst, ob sie schon klingen wie du, fürchten sich die Mütter, daß wir das Leben, das sie uns gegeben haben mit dem Nebel vertauschen, in dem du wohnst.
    Du singst mich in so traumlieblichen Schlaf, jedes Wort küßt meine Seele und öffnet sie deiner Stimme.
    Klinge ich schon?




    5
    Nur dein Blick hält mich umfangen. Weißt du, daß deine Augen deinem Mund das Lächeln gestohlen haben? Wer es nicht wagt, deinen Augen zu begegnen wie einem guten König, wird dich ewig unbarmherzig und grausam schelten. Deine Schönheit ist deine Unbedingtheit und deine Liebe zeigt sich mir im zarten Verweilen neben mir, ehe ich deiner gewahr werde.

    Jede Nacht wachst du über meinem Schlaf gleich wie ein treusorgender Vater. Deine Küsse, hingeweht auf meine fiebernasse Stirn...doch es ist nur deine Pflicht. Manchesmal, nachts, wen wenn deine Gegenwart mir von neuem fühlbar ist, öffne ich die Augen im Traum, langsam, weil diese Krankheit, das Leben sie mir immer wieder zudrücken will. Da zerstreut sich der Nebel und ich sehe dich, den Zauberer.
    Geändert von La Tramontana (17-10-2005 um 19:38 Uhr)
    In conspectu angelorum psallam tibi, deus meus.

  2. #2
    Avatar von Unter-Wasser
    Unter-Wasser ist offline "Doktorand" (150-299 Beiträge)
    Registriert seit
    02.03.2005
    Beiträge
    187
    Ich bin kein sehr begabter Kritiker. Dies im Voraus.

    Was man erkennt: der Drang, wirklich _schreiben_ zu wollen. Was dabei oft Überhand gewinnt: die Sprache feiert sich wahnsinnig selbst. Weniger, das sagt man oft, ist manchmal mehr - hier träfe es sicherlich zu. Im Grunde habe ich es gern gelesen, sehr gern sogar, was mir aber fehlt, ist der Fluss der Sätze. Das Ineinandergreifen der Sätze. Jeder Satz ist für sich eine teilweise sehr poetische, sehr schöne Konstruktion. Und manchmal wirst du _richtig_ gut, man erkennt das Streben nach Perfektion (bitte keine Diskussion über Perfektion; wer schreibt, _muss_ Perfektion anstreben; für das seelische Gleichgewicht eignet sich ein Töpferkurs in der Toskana besser), aber manchmal wird der Versuch, es anders zu sagen als "all die anderen", eben krampfhaft.

    Auf jeden Fall aber hat mich der Text sehr angesprochen.

    Gruß,
    a.
    Frage an Cendrars:
    "Sind Sie wirklich mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren?"

    Cendrars:
    "Was geht Dich das an? Ich habe Dich mit ihr fahren lassen."

  3. #3
    n/a Gast
    finde auch, dass es sich zwar interessant liest...aber z.B. ist der erste Teil so dermaßen zugemauert mit Adjektiven, dass es mich persönlich zu nerven beginnt.
    Wahrscheinlich bin ich einfach zu unpeotisch für solche Texte...aber genau wie UW fehlt mir "der Fluss der Sätze", sodass ich das Lesen über größere Textlängen echt ermüdend fände...wobei ich zugeben muss, dass der Teil unter "1" einige sehr hübsche, surreale Bilder hat, die ich sehr schnuffich finde...
    Swn

  4. #4
    Avatar von La Tramontana
    La Tramontana ist offline Moderator
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    Hallo, Danke für eure Antworten.

    Natürlich ist der Text noch lange nicht fertig. Das heißt aber nicht, daß es in eben der Weise weitergeht wie angefangen. Ich habe unter diesem Thema nur einmal alle Texte gesammelt, die ich bisher in dieser Sache angefertigt habe. Der Text mit den vielen Adjektiven ist beispielsweise schon fast zwei Jahre alt. Jetzt, da ich Zeit haben werde, kann ich daran arbeiten.

    Dieser Text ist als Fortsetzung zu "Les barricades mysterieuses" zu lesen.

    Der Fluß der Sätze, ich weiß. Ich muß erst wieder die Melodie finden, für die ich im Laufe der Jahre taub geworden bin. Darum hoffe ich auf diesen Sommer.

    Hab nur ein wenig Geduld mit mir.
    In conspectu angelorum psallam tibi, deus meus.

  5. #5
    Avatar von La Tramontana
    La Tramontana ist offline Moderator
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    [Beginn Teil Zwei, weil es in den ersten Beitrag nicht mehr reinpaßt.]

    Auslese
    Mein Herr! Einmal erwähnte ich das Einlesen in einen Text; es erfordert Witz und einen gewandten Geist. Weitaus schwieriger gestaltet sich aber das Auslesen, wenn man es so nennen möchte. Denn kennen Sie das: Man hat vor einiger Zeit einen Text gelesen und kommt nicht mehr fort von ihm, wie man von einem Geliebten nicht mehr fortkommt und sich immer mehr mit ihm befaßt, je mehr man ihn zu vergessen sucht.
    So geht es mir oft in letzter Zeit, seit ich mit Ihnen zu tun habe und durch Sie immer neue Bekanntschaften literarischer Art schließe.
    Was diese Leute Schrieben, behält sich mir und bildet in meinem Kopf ein unheilstiftendes Konglomerat, das allmählich meine eigene Gestalt annimmt. Doch unbefruchtet liegt nichts lange: Alles, was wiederum ich über sie sage, ist das Ergebnis einer konzentrierten Innenschau. Jeder Text gliedert sich in das Netzwerk ein, das sich im Laufe des Lesens gebildet hat. Ein neuer, bislang unbekannter Text stellt dann Verbindungen zu anderen her; so bekommt jeder seinen allerdings veränderlichen Platz. Der unstete Verlauf meines Lebens hält den inneren Kosmos an Literatur, Kunst und Musik ständig in Bewegung.
    Es sind diese unerreichten Meister, die damals Sprache werden ließen, was ich heute fühle und was in seiner Bizarrheit mich meinen Mitmenschen fremd erscheinen läßt. Wenn diese Herrlichen jahrhundertelang Worte für Gedanken gefunden haben, die sie unausgesprochen aufs Papier bannen, Zeichen, deutungslos, bis einer, umgeben von der Stille der Ewigkeit und ihm plötzlich der Atem stockt, weil er selbst sich unendlich anblickt durch den Spiegel der Worte, weil er sich der Liebe bewußt wird, die durch die Zeit auf ihn zufließt. Ja. Weil diese Langverlebten ihn an der Hand nehmen auf der Reise nach seinem Ich. Endlich.


    6
    Dort, mein Herr, verglühn die Sterne, die euch lieben und sich in Sehnsucht aufzehren. Und ich, Flamme und Altar zugleich, singe das Lob eines anderen für euch
    Diese Nacht kennt keine Schatten. Wenn die weinbetäubte Seligkeit einschlafen würde, fröre sie hin zu ihm, schmerzlos und einsam.
    Selanna, höre du und bringe ihm meine Worte, die ich Küssen gleich stammle vor dir, wenn du in seine traurige Heimat hinabsinkst. Sieh im dann ins Angesicht und fange den Zauber, der ihn auch unter den Toten niemals verlassen hat in deiner Milchreinheit ein, damit ich in dir ihn schaue.

    Sphärendrehen
    Wasserkreise wie Schall in den
    Lüften, ein Kieselwurf ins
    Stille bewirkt's, mein Lied,
    Aufgelöst in letzter Erinnerung.
    Wo, Eurydike, bist du?
    Bist Du ein Stern, so bin
    Ich, wasservereinend, Spiegel dir.
    Aber brennend verdunstet mein Geist
    Zu Liedern, die noch zu singen sind.

    Lyra, meiner erlahmenden Zunge leih
    die Stimme, wenn der Mond
    auf Eurydikens Sternenseele spielt.
    Dann sei mein Kuß, dessen erfror'ner Hauch
    wie Reif sie bekleidet, wie Tau
    wenn sie erwarmt.

    Du bist so nah, geliebte Eurydike,
    Entrückt den stillen Auen des Sternentals,
    .... Wohin nur liederreine Andacht
    .......Sterblicher Menschen zu dringen wußte.

    Verändert überschreitend das karge Selbst
    Zerrinn ich. Jenes klingende Spiegelbild
    .... Verschwebt in lebensferner Weite,
    .......Frei und erinnerungslos wie Träume.

    Ich sterbe. Lebe wohl und willkommen sei
    dem Herzen, welches sich in das All ergoß,
    .... Zu lösen leidbestimmte Fesseln:
    .......Unsichtbar liebend verweh'n die Worte.



    Quis qui venit vivit
    Wenn er je mein geworden wäre, wenn er mich je hier gekannt hätte: Wie ich ihn geliebt hätte.Doch wir können nicht mehr sein als wir sind.
    Endlich sind wir und also sind wir unterworfen den Gesetzen der Zeit.
    Wenn es jetzt nicht mein Amt ist zu sterben, was ist es dann? Warten bis er kommt? Doch Liebe, wir kommen zu spät: gelebt hat er vor deiner Zeit und gelitten.
    Und dennoch bin ich bedtimmt für ihn, ich war es, nur verfehlten wir uns stets. Warum, warum haben wir uns nie begegnen dürfen?
    Meine Tränen sind sinnlos.


    7
    -Es war ja klar, daß Sie in ihrer Arbeit auch über Hölderlin schreiben würden. Ein interessanter Ansatz, so ein Bild seiner Muse zu zeichnen.
    -Ja er muß auch ein interessanter Mensch gewesen sein. Man schreibt nicht von ungefähr so.
    -Und nicht jeder kann so schreiben, daß die Worte Mensch über Jahrhunderte hinweg zu begeistern vermögen.
    -Generationen sind für ihn wie Augenblicke. Doch was er dort sah, erfüllte sich ihm nie.
    -Nicht nie, nur für kurze Zeit.
    -Das war seine Pein: Wer den Himmel einmal gesehen hat, wird die dargebotenen Schönheiten der Erde daran messen und sie dann betrübt zur Seite legen wie verwelkende Blumen.
    -Das haben Sie gut gesagt. SIe haben überhaupt einen Blick dafür. Wie haben Sie gesagt? Hölderlin bezeichnete sein Leben wenig freundlich als kurze Nacht; nach diesem Leben wäre dann der Tag. Vielleicht der Tag, der, Diotima! nächst den Göttern mit Helden dich nennt und dir gleicht.


    8
    Der Schritt hinaus aus dem gefangen ich über jene Welt...was zögerst du? Laß dich frei in meine Seele. Jedes vertagte Lächeln brennt das Herz nur aus.
    Dein kaum sichtbares Einverständnis begegnet mir wie ein Fremder, dem ich zu vertraut tue.
    Ein Innehalten.
    Deine Seele suchend im Obsidianspiegel lächelt mich zu dir.
    Wo? Nirgends.
    Alles ist fort.
    Der Kuß deiner Worte erklärt mir den Wahnsinn liebevoll und geduldig. Dort eine Sehnsucht, du weißt.
    Da zerbrechen die Spiegel. Dissonanzen zerren im Leeren. Unschlüssig erst, dann aber unbedingter.



    Uni ver sum

    Für einen bin ich Frühling.
    Den Winter im Rücken wirble ich tanzend wie ein feuriges Rad durch die Zeit, die Sonne grüß ich, die Sterne, die schweigenden Täler des Alls. Die brennende Erde aber wird sich wandeln.
    Dort hinter dem Schranken, wo die Kometen verglühen finde ich euch, liebe Seelen. Und eine kommt mir entgegen, die Glückseligmachende, vertraut und die Funken der Erde lachen tanzend die Kälte aus.
    ...
    Denn für dich bin ich Frühling.
    Ewigmild und immerjung und du liebst mich einzig, weil ich die bin, die dich liebt, die deine Gedanken in sich trägt. Wir werden uns küssen, wir werden uns lieben; denn das ist der Tag, der uns gleicht.
    Geändert von La Tramontana (17-10-2005 um 19:41 Uhr)
    In conspectu angelorum psallam tibi, deus meus.

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    Von Zacharias im Forum Lyrik + Prosa
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    Letzter Beitrag: 26-01-2004, 00:36

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