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Thema: Barcelona

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  1. #1
    Avatar von Unter-Wasser
    Unter-Wasser ist offline "Doktorand" (150-299 Beiträge)
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    Barcelona

    Sie erzählte von Barcelona. Erzählte von Farben Farben Farben und immer wieder von diesem wolken- aber nicht gesichterlosen Himmel, der nur heißen konnte: Barcelona.

    Und wie sie ihn langweilte! Ach, wie sie ihn immer langweilte! Er vernahm lediglich hastiges Keuchen und chaotisch zusammengekeuchte Worte .. Barce .. und dieser .. ach, du glaubst gar nicht .. rot gelb blau .. Himmel .. lona .. - ein demonstratives Gähnen wäre die einzig authentische Reaktion seinesteils gewesen, er beherrschte sich. Und nicht etwa, wie zu vermuten wäre, aus Furcht, sie zu verletzen - nein, diesen frommen Gedanken entbehrte sein Geist - vielmehr um einen noch längeren Dialog, der im Eigentlichen und unabstreitbar lediglich ein Kampf der Monolage war, endend in einem Kantersieg ihreswegs, aus dem Licht zu müden. Nun, es bleibt zu gestehen: es war eine etwas wunderliche Verbindung, die jene beiden aufrechterhielten. Ver-wunderlich wäre ein zu rasches Urteil, denn, vergessen Sie nicht, wir wissen noch nichts von der Frau, außer ihrem schon eingangs nicht zu negierenden und, das muss ich als stiller Beobachter gestehen, nicht von vornherein unsympathischen Hang zur Redseligkeit und Empathie - dies für den geringen Leseranteil, der sich übereifrig auf die Seite des vermeintlichen Opfers, auf die Seite des, so viel kann ich Ihnen sagen, gequält an die Zimmerdecke starrenden Mannes.

    Bevor ich also den Rest des Abends rekonstruiere, einige, ich hoffe: genügende, Wesens- wie gleichsam erforderliche Situationserläuterungen bezüglich der Barcelona-Berauschten: so ich ausnahmsweise nicht als schriftliche Wiedergabefunktion in Anspruch genommen werde und als einsamer Leser en route bin, erbreche ich zuhauf an Beschreibungen die Äußerlichkeiten der Beschriebenen betreffend - hier also, da den meisten Lesern unabdingbar: klein dicklich stramme Beine.
    Marita Polentsky, und sie wurde nicht gern beim Nachnamen gerufen, war, wie will man´s ihr verdenken, voller Hoffnungen in diese, anfänglich - in der Tat - von beiden, also Marita Polentsky und Bernd Hammelstrug, gewollte Beziehung gebarcelonat. Aus Respekt gegenüber der weiblichen Protagonistin umgehe ich weitere, zur Verdeutlichung der Situation nur peripher beitragende Damals-Ingredienzen.
    Nun ja, im Laufe der Zeit, und es sei uns die Dauer jener reine Nerven-, Pardon, Nebensache, hat sich, von Bernd Hammelstrug nicht unbemerkt geblieben, eine beinahe krankhafte Verblendung in Marita Polentsky einikeat, was, von Bernd Hammelstrug nicht unbemerkt geblieben, zur unschönen Folge hat, dass die strammschenklige Marita Polentsky, während sie fiebrig über barcelonaeske Wunderheiten referierte, eine wandfarbene Schablone über ihren ihr angetrauten Ehemann, den stoppelbärtigen und sonntäglich Grappa trinkenden Fliesenleger Bernd Hammelstrug, schob, wie man beispielsweise, wenn ich das kurz anmerken darf, die Lider eines Toten über seine starren Augäpfel schiebt, und nur so von dieser farbenfrohen Götterstadt schwärmen konnte.

    Nun passiert es recht häufig, dass Marita P. das Verlangen spürt, obgleich auch dies über die Zeit, deren Dauer im Argen am angenehmsten haust, hinweg selten geworden ist: Verlangen spüren; nun passiert es also des Häufigeren, dass Maritita, wie Bernd Hammelstrug seine ihm angetraute Ehefrau, die hobbylose und studierte Linguistin Marita Polentsky, zu Beginn ihrer tödlichen Beziehung zu nennen pflegte, das Verlangen spürt, eine wand- oder, in aparterem Falle, anderer-mann-farbene Schablone über ihren Biber-Bernd - denn: ja, auch sie war ihm ante Herztod lieblich gesinnt - zu schieben. schieben schieben schieben. Und es ist dem desinteressiertesten Leser noch offensichtlich, dass ein dieses nicht zu jeder Stunde im Bereich Marita P.´s Möglichkeiten lag. Und also möchte ich nun den tragischen Rest dieses Abends, der mich, der ich den Geschehnissen jedoch unteilhaftig war, gleichermaßen schockierte und doch auch erleichterte, rapportieren.

    Nun, obschon Sätze, deren einzige Einleitungssimulations ein banales "nun", das sowohl das Gesprochene als auch, weitaus ekliger, den Sprecher bedeutenderer erscheinen lässt, als beide getrennt voneinander nunmal sind - und da hält sich die jeweilige Bedeutung, gleich bei welchem Autor respektive Text, in nämlichen Grenzen -, enthält - obschon also solche Sätze mir, der ich nicht auf ein Neuerliches fernschweifen möchte, zuwider sind, erzählte sie also von Barcelona, das sie, wie von ihm nicht unbemerkt geblieben, immer wieder falsch aussprach - denn, wenn ich Bernd´s Gedanken kurz rezitieren darf, es heißt weder Barkelona noch - in Erinnerung an das englische 'ti äitsch' - Barthelona noch - bajuwarisch - Barzelona, sondern schlicht und deutsch: Barcelona - und erzählte also von Barkelona und Barzelona und erzählte von Farben Farben Farben und erzählte von diesem Himmel und erzählte und langweilte ihn gänzlich - und da geschah es:

    Bernd, der seinen Hang zu osteuropäischer Volksmusik nie ganz verbergen konnte, legte, und dies vernahm Marita, die, wovon Bernd, der, was Marita, die just an ihren Geliebten in Barthelona dachte und an seine mickrigen Oberarme, nicht erahnen konnte, seine Leer-Duschflaschen-Sammlung, die, wie Bernd mittlerweile fand, einen hypnotischen Einfluss auf seinen, wie Marita, was Bernd, der in solchen Sachen eigentlich nicht kleinlich war, stets etwas abtörnend war, ihn immer nannte, kleinen Bimmelmann, vor einigen Tagen einem stadtbekannten Vagabunden zu einem untertariflichen Freundschaftspreis verkauft hatte, nichts mitbekommen sollte, seit Wochen intensiv an Nierensteinen litt, mit einem, das darf man ruhig so überschwänglich sagen, verwunderten Kukidentgrinsen, Verdi´s Trovatore, die von beiden all die Zeit gehasst wurde, auf und streckte, wie von Geisterhand geführt, seinen linken, mit dem Konterfei einer bulgarischen Tischtennisspielerin, die vor Jahrzehnten einige Stadtmeisterschaften für sich entscheiden konnte, tätowierten Arm aus und sagte: lass´uns tanzen, und sie sagte: Salsa - und wären beide mit funktionierenden Gesichtsmuskeln gesegnet worden, sie hätten, glauben Sie mir, gelächelt. Und so standen sie mittig des Wohnzimmers und lauschten der Trovatore und legten los. Auf dem Boden lag ein aufgeschlagener Laxness, von der Decke hingen plastizierte Krokodilstränen herunter. Am Balkonfenster ging ein mitteleuropäischer Sommer vorbei. In Asien schrie eine Wollmilchsau vor Angst. Und es geschah wie auf Caspertatzen.

    Der erste Break. Das erste übertriebene Zucken ihres rechten Aufgapfels. Die erste Verblendungserscheinung seitens des aufstrebenden Regenbogenkapitalisten Bernd Hammelstrug, das erste Eitern ihrer ersten offenen Wunde. Und so ging es. Break um Break. Heißblütig, ich sage Ihnen, heißblütig, wie sie nie zuvor gesehen wurden, heißblütig und mit Barcelona angehauchter Hingabe zauberten sie ein trovatoraeskes Salsa-Wunder in ihr bisherig farblos gehaltenes Wozi. Und selbst, da lediglich noch Becken und Rumpf beider erhalten waren, tanzten sie und tanzten. Als schließlich, wie vom aufmerksamen Leser erwartet, auch diese, Becken und Rumpf, abgefault und verwest waren und die herrliche Trovatore erloschen, da wurde es betont still in diesem ihrem letzten Tr.., Pardon, Raum und da stolzierte er, das Wunder ihrer ungewissen Zeit, herein:

    Mama...?...Papa...?




    Da ein solches Ende, wenn ich vorweggreifen darf, ein zuhöchst klischeeisiertes ist und von mir - a priori - verächtlich gefunden wird, folgend also eine, auf Sie zugeschnittene, Alternative:

    Und da stolzierte er, das Wunder einer ungewissen Zeit, herein:

    Gesegnet seiest du, Biber-Bernd von Hammelstrug, ob der steten Emotionslosigkeit deiner Brust - und gesegnet seiest auch du, Maritittchen von Polente, ob der Ignoranz jedweder Ratio-Andeutung post Heirat - und gesegnet seied ihr gemein ob eures Zusammenhaltens all der Wahn gewordenen Zeit, die ihr, was mein Teamleiter seit zweitausend Jahren und mehr fordert, die Liebe nicht nur negiert, sondern gar missachtet habt - so sei Dank und Segen euch gereicht, die ihr uns, mein Team von Aushilfsidioten und mich, Zeit und Kraft ersparet habt. Herzlichste Engherzige, möge das Sterben euch auch im Tode begleiten! Amen.

    Und so gingen sie dahin.
    Frage an Cendrars:
    "Sind Sie wirklich mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren?"

    Cendrars:
    "Was geht Dich das an? Ich habe Dich mit ihr fahren lassen."

  2. #2
    micge ist offline "Doktor" (300-499 Beiträge)
    Registriert seit
    07.12.2002
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    308
    Hmm, schwer zu lesen, aber in einem literarisch geachteten Stil.

    Lediglich frage ich mich, ob die Reduzierung gewisser, gewissen Charme nicht entbehrender, nichtsdestotrotz den flüssigen Lesefluss, an dem gewöhnlich mit Bequemlichkeit verfluchte Leser eine nicht unerhebliche Freude haben, störende, doch scheinbar bei solcherlei Satzbau nur schwer, wenn auch nicht gänzlich unmöglich zu findender, Grammatikfehler, deren Anwesenheit hier, mag sie Absicht oder Zufall sein, sich keinenfalls leugnen lässt, den Text nicht aufwerten würde.


    Als Beispiel sei genannt:
    Ver-wunderlich wäre ein zu rasches Urteil, denn, vergessen Sie nicht, wir wissen noch nichts von der Frau, außer ihrem schon eingangs nicht zu negierenden und, das muss ich als stiller Beobachter gestehen, nicht von vornherein unsympathischen Hang zur Redseligkeit und Empathie - dies für den geringen Leseranteil, der sich übereifrig auf die Seite des vermeintlichen Opfers, auf die Seite des, so viel kann ich Ihnen sagen, gequält an die Zimmerdecke starrenden Mannes.
    Man "schlägt" sich auf jemandes Seite, aber man kann sich nicht ohne Verb auf "die Seite des Mannes." Der Satz müsste also enden: "[...]Mannes geschlagen hat."


    Gewöhnungbedürftiger Sprachgebrauch findet sich auch bei:
    [...]was Bernd, der in solchen Sachen eigentlich nicht kleinlich war, stets etwas abtörnend war,[...]
    "was für Bernd" wäre besser zu verstehen

    Wortschöpfungen wie "bedeutenderer" sind etwas störend. "einikeat" finde ich ja noch ganz nett.
    Redewendungen wie "aus dem Licht zu müden" statt "aus dem Weg zu gehen" hingegen sind meiner Ansicht nach ein wenig zuviel des Guten.

  3. #3
    Akiva ist offline "Professor" (750-1499 Beiträge)
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    1.085
    Auf große Strecke zu gewollt konstruiert und am Alternativ-Ende zu viel moralischer Ekel. Aber klasse Idee. Überarbeiten lohnt sich auf jeden Fall. Das Mama...? Papa...? – Ende ist großartig! Unbedingt lassen!

  4. #4
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    13.01.2003
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    4.692
    Hallo Unterwasser!

    Ich vermute, vielen sind die leicht sperrigen, verschachtelten Sätze zun komplex, mir aber gefallen sie gut. Zu meinen Vorrednern möchte ich ergänzen:
    *
    „Iona...“: Hä? Mir ist nicht klar, was da angeschnitten/angesprochen werden soll.

    „...ein Kampf der Monolage war, endend in einem Kantersieg ihreswegs, aus dem Licht zu müden. „ : Doppel-Hä? „Monolage“? „müden“ als Verb?

    „...denn, vergessen Sie nicht, wir wissen noch nichts von der Frau...“:
    Mir persönlich gefallen solche direkten Ansprachen des Lesern nicht und ich finde sie an dieser Stelle auch überflüssig.

    „gebarcelonat“: Hahaha!

    „Farben Farben Farben“: auch Hahaha!

    Laxness: Hmm. Also ich habe inzwischen schon zwei oder drei von Laxness Werken gelesen und finde nicht, daß er irgendwie zur Handlung passt. Oder willst du das was bestimmtes andeuten?

    „Regenbogenkapitalisten“: in unseren Gesellschaft ist der Regenbogen heute ein Zeichen für Homosexualität oder Greenpeace. Deshalb verstehe ich „Regenbogenkapitalist“ nicht.

    Die Enden gefallen mir beide nicht. Von mir aus könnte die Geschichte offen mit „...herein:“ enden, das würde auch gut zum dem allgemein grotesken Charakter der Geschichte passen.
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

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