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  1. #1
    Jalia ist offline "Student" (20-79 Beiträge)
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    Weiß, wie die Stille des Schnees

    Der Schimmer einer einzigen, flackernden Kerze erhellte den Raum. Das eisige Geräusch des Windes durchdrang die dumpfe Stille der Schneelandschaft. Weiße Flocken färbten den Geruch der Luft, so dass selbst ein Blinder es vermocht hätte, das Wetter zu beschreiben.
    Der junge Mann beugte sich über ein Blatt Papier. Im Schein der Kerze schien es gelblich, doch war es weiß. Weiß, wie die Stille des Schnees. In säuberlich unterteilten Zeilen lehnte Buchstabe an Buchstabe eng aneinander gedrängt. Eine Ecke des Schriftstücks war bereits mehrfach wieder gerade gebogen worden. Allein das verriet, dass der Mann schon seit langer Zeit daran arbeitete.

    Nun war nur noch eine Zeile frei, die Letzte. Der Mann saß schon seit einer halben Ewigkeit genau über diesem einen, letzten Punkt. Grund dafür, dass dort noch immer nichts geschrieben stand, war nicht eine fehlende Idee. Nein, daran lag es nicht, denn dem Mann wäre noch eine ganze Menge eingefallen. Vielmehr sollte es ein würdiger Schluss werden, er sollte all die anderen Zeilen an Inhalt übertreffen und in seiner Brillanz nichts auslassen. Er sollte das Werk vervollkommnen.

    Er überlegte und überlegte. Langsam schien das Blatt tatsächlich gelblich zu schimmern. Seine Hand war steif, die Finger krampften sich um den stumpfen Stift. Die Stirn des rauchenden Mannes lag in Falten, seine Haut war fahl. Plötzlich setzte er den Stift auf das Papier, direkt hinter den letzten Punkt. Schwerfällig und in weit auseinanderstehenden, kaum lesbaren, krummen Lettern vollendete er: "Ich wünschte, ich hätte all das gelebt." Bedächtig legte er den Stift neben die Liste.
    Dann kippte sein Stuhl zur Seite und krachte geräuschvoll auf den kargen Boden.
    Das eisige Geräusch des Windes durchdrang die dumpfe Stille der Schneelandschaft. Sein gekräuseltes Haar war weiß. Weiß, wie die Stille des Schnees.

  2. #2
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    4.692
    "Nun war nur noch eine Zeile frei, die Letzte. Der Mann saß schon seit einer halben Ewigkeit genau über diesem einen, letzten Punkt."

    Wieso "Punkt"? Eine Liste hat Punkte. Offenbar handelt es sich bei dem Text des Protagonisten um keine Liste, sondern um einen fortlaufenden Text. Die Wortwahl von "Punkt" finde ich daher etwas schlampig.

    Schluß ist meines Erachtens nach etwas theatralisch. Zumal der Schlußsatz ("Ich wünschte, ich hätte all das gelebt.") eine etwas unsympathische Egozentrik freilegt...
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

  3. #3
    Samy ist offline "Abiturient" (0-19 Beiträge)
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    19
    Hi Jalia,
    Dein Text und die Idee gefallen mir gut, jedoch hab ich ein paar Fragen und Anregungen.
    Die ersten zwei Absätze sind klar, mit dem Dritten aber komme ich nicht ganz zurecht.

    Raucht der Mann eine Pfeife oder raucht er im Sinne von, sein Kopf raucht vom vielen Nachdenken? Oder raucht er wegen des Alterungsprozess und soll das ausdrücken dass sich dieser plötzlich vollzieht?
    Den Alterungsprozess als solchen finde ich auch noch sehr unklar.

    "Langsam schien das Blatt tatsächlich gelblich zu schimmern. Seine Hand war steif, die Finger krampften sich um den stumpfen Stift. Die Stirn des rauchenden Mannes lag in Falten, seine Haut war fahl."

    Der Prozess findet praktisch nur im ersten Satz statt und ist dabei mit "schien" auch nur vage angedeutet, denn danach ist er bereits vollendet: "Seine Hand war steif", "Die Stirn lag in Falten", "seine Haut war fahl." Wenn das absichtlich so ist und du damit und dem Rauchen, ausdrücken willst, dass der Mann plötzlich alt wird, praktisch "puff! er ist alt, der Rauch vom Zaubertrick verzieht sich" kann man es so lassen. Dann würde ich aber trotzdem "schien" in "begann" ändern.

    Besser fände ich jedoch, wenn man den Prozess auf alle nachfolgenden Beschreibungen ausweitet. Also: "seine Hand wurde steif", "Die Stirn legte sich in Falten" (Wobei man hier auch lag lassen kann, da Stirnfalten nicht unbedingt vom Altern kommen.), "seine Haut wurde fahl". Man könnte das vielleicht auch noch mit anderen Beschreibungen erweitern.

    Als letztes würde ich noch unbedingt "Liste" in der viertletzten Zeile umändern, denn dadurch nimmst du dem Leser zuviel Freiheit und machst alles ein wenig banal.
    "Ich wünschte, ich hätte all das gelebt." Reicht vollkommen, damit der Leser mitkriegt was du sagen willst. In welcher Form er das Gerngelebte aufgeschrieben hat, solltest du der Vorstellung des Lesers überlassen. Stattdessen würde ich die Bezeichnungen die im Text schon hast noch mal nehmen, also "Blatt" oder "Werk".

    Aber wie schon gesagt ansonsten gefällt mir der Text gut und vielleicht kannst du ja mit der Kritik was anfangen.
    Stell dich nicht auf ein Podest, dann kannst du auch nicht herunterfallen.

  4. #4
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    13.01.2003
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    4.692
    Achja, neee, das steht ja explizit "Liste" kurz vor Schluß, wie Samy richtig bemerkt hat!

    Habe ich glatt überlesen! Samy hat recht: "Liste" ist ein wenig banal...
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
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    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

  5. #5
    Jalia ist offline "Student" (20-79 Beiträge)
    Registriert seit
    14.04.2006
    Beiträge
    20
    Hi Samy,

    das Rauchen soll tatsächlich eine Art Alterungsprozess signalisieren ("die Zeit geht sozusagen in Luft auf...").
    Im 3. Absatz habe ich mich nur vage ausgedrückt, da sich der Text im Zeitraffer abspielen soll und deshalb vom Betrachter nicht unbedingt jede Feinheit/jeder Prozess wahrgenommen werden kann. Werde nochmal darüber nachdenken, wie ich das besser mache. (Du hast mir ja schon gute Anregungen gegeben).
    Den Hinweis mit der Liste werde ich mir auf jeden Fall zu Herzen nehmen!
    Vielen Dank für die konstruktive Kritik. (auch an Thomas Bernhard)

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