So, nachdem ich sie gestern abend öffentlich gelesen habe, kann ich "Was einen nicht umbringt, härtet ab" auch hier herein stellen, passend zur Jahreszeit.
Da meine (Hobby-)Lektorin zur Zeit im Urlaub ist, werden sich noch viele kleinere und vielleicht auch größere Fehler im Text befinden, die ich bisher übersehen habe, mit fehlt zur Zeit noch etwas der Abstand zum Text, um ihn effektiv verbessern zu können. Bis dahin werfe ich ihn euch zur Fraße vor - für Kommentare, Hinweise und Meinungsäußerungen bin ich dennoch dankbar.
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08-12-2006 12:06 #1
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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"Was einen nicht umbringt, härtet ab." - Eine Weihnachtsgeschichte
„Was einen nicht umbringt, härtet ab.“
Eine Weihnachtsgeschichte
Was einen nicht umbringt, härtet ab. Ich weiß nicht mehr so genau, ob es am 22. oder 23. Dezember war. Auf jeden Fall war es mittags, nicht abends. Abends wäre es dunkel gewesen. Dann geht die große Beleuchtung an und alles wirkt „weihnachtlicher“, mit anderen Worten: Man sieht den Dreck nicht mehr so.
Es war also hell draußen, die graumilchige Helligkeit eines Dezembers. Ein nasskalter Tag, von weißer Weihnacht keine Spur. In dieser Stadt gibt es nie weiße Weihnachten. Sie wird dafür nicht kalt genug. Menschenmassen heizen die Stadt auf. Autos heizen sie auf, Millionen von Autos fahren jeden Tag hinein und wieder hinaus und darin herum und geben ihre Wärme ab. Die U-Bahnröhren heizen die Stadt auf. Sie stoßen warme, verbrauchte Luft aus, überall wo ihre Öffnungen an die Oberfläche treten. Sylvia Plath hat einmal geschrieben, diese Luft rieche nach Erdnüssen. Die Menschen heizen die Stadt auf, sie stehen und gehen im Dezember überall dicht gedrängt. Sie können nicht anders, als da zu sein, wo die anderen Menschen sind und dort ballen sie sich zusammen und sind dann wie riesige menschliche Wärmflaschen. Und eine Stadt mit so vielen gewaltigen Wärmflaschen kann keine sogenannten „weiße Weihnachten“ haben. Die Schneekristalle werden schon zu Wasser, noch ehe sie die Stadt erreichen. Darum gibt es in dieser Stadt niemals Schnee.
Es widert mich an, Teil einer dieser riesigen Wärmflaschen zu sein. Es ist keine angenehme Wärme, die die Menschen erzeugen. Sie ist nicht von der Art Wärme, wie sie eine heiße Tasse Tee verbreitet oder von der Art Wärme, die einem dazu verleitet, die Schuhe auszuziehen und auf den Socken herumzulaufen. Keine frischgebackene-Brötchen-Wärme. Keine von-Mutti-handgefertigte-Strickjacken-Wärme.
Es ist eine andere, abstoßende Art Wärme. Wärme, die aus 20 Jahre alten Karstadtunterhemden herauskommt. Was soll man sich auch neue Unterwäsche kaufen, die sieht doch kaum einer. Manchmal sieht man sie dennoch, nämlich dann, wenn alte Männer ihre Unterhemden mit dünnen, weißen Oberhemden kombinieren. Dann zeichnet sich das Unterhemd deutlich durch das darüber liegende Hemd ab. Das sieht lächerlich aus, aber niemand scheint es den alten Männern zu sagen. Der Anblick einer solchen Kombination ist ein regelrechtes Symbol für Wärme. Man assoziiert es genauso mit Wärme wie der Anblick eines Pizzaofens, rissigen, ausgetrockneten Flussbetten oder braungebrannten, unbekleideten Oberkörpern von Straßenbauarbeitern.
Wobei das noch halbwegs angenehme Assoziationen sind. Wärme im Winter, das ist Wärme aus grauen Kunstlederschuhen, aus Webpelzkragen speckiger Jeansjacken, aus Stellen am menschlichen Körper, an dem man sich dicke Fussel herausziehen kann, wenn man sich nur genug Mühe gibt. Es ist die Art Wärme, die nasse Flecken auf dem Boden der U-Bahn entstehen lässt. Das Wasser, vom Boden oder aus den Körpern der Menschen, verdunstet und kondensiert dann an auf den Innenseiten der Fenster. Dort schlägt es sich nieder und wenn sich genug von diesem Wasser gebildet hat, läuft es in kleinen Bächen herunter.
So ein Tag war es, als ich am 23. oder 24. Dezember in die U-Bahn Richtung Innenstadt stieg. Ich hatte ein Buch dabei, um mir die Fahrt so erträglich wie möglich zu machen. Manchmal schafft man es, schaffe ich es, die Menschen um mich herum zu vergessen, wenn ich in der U-Bahn ein Buch lese. Manchmal aber sind die Menschen so unerträglich in ihrer physischen Präsens, daß ich abbrechen, daß ich aufgeben muss. Unausgesprochen haben mir die Menschen dann das Lesen verleidet. Stumpf und vorwurfsvoll starren die Nichtleser mich an. Solange, bis es nicht mehr aushalten ist und ich das Lesen abbrechen muss und nur noch aus dem Fenster schauen kann, aber durch das ist auch nichts zu erkennen, weil überall das Wasser daran herunterläuft, oder weil es dunkel ist, wie am größten Teil des Tages im Winter und man in der U-Bahn wie in einem hell erleuchteten Aquarium sitzt, feucht genug ist es ja. Wenn man das Glück hat und die Fenster sind noch nicht ganz von Kondenswasser überzogen, dann kann man herausschauen, sieht aber nur seine eigenes, gehetztes Angesicht, weil es im Inneren der U-Bahn viel heller als draußen ist.
An diesem Mittag Ende Dezember kurz vor Weihnachten fiel es mir schwer, mein Buch zu lesen. Es waren mehr Leute als gewöhnlich in der U-Bahn. Es waren deswegen mehr Leute dort, weil sie in die Innenstadt wollten, um dort Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Ich fuhr an diesem Tag zu einer Zeit, die weit entfernt von den üblichen, sogenannten Stoßzeiten des sogenannten Berufsverkehrs war. Stoßzeiten, die tatsächlich wegen ihrer zahlreichen unerwünschten Körperkontakte voller Überzeugung so genannt werden dürfen. Stattdessen hatte ich die U-Bahn voll mit potentiellen Weihnachtsgeschenke-Einkäufern. Stumpfsinnige Geschenke, Geschenke an die Familie, überflüssige Geschenke, weil man, wenn man ehrlich bekennen würde, sich untereinander in der Familie im Grunde doch nur hasste; hilflose Geschenke, weil man im Moment des Geschenkekaufens einsehen, erkennen musste, daß man vom Partner, den man doch angeblich so liebte, nicht einmal so viel wußte, daß einem ein wirklich schönes Geschenk einfallen würde. Geschenkekäufer, die es nicht geschafft hatten, sich ein passendes Geschenk für ihre sogenannten „Liebsten“ auszudenken und jetzt mit mir in dieser U-Bahn saßen und in deren Unterbewusstsein nagte, daß sie keine Geschenkideen hatte und sie wussten, daß sie mit im Grunde armseligen und enttäuschenden Dingen zurückkehren werden.
In dieser Stimmung fuhren die Leute mit mir in die Innenstadt. Und jetzt war es zu spät. Sie kauften dann so verzweifelte Geschenke wie Parfüm in albernen Flakons oder hässliche Krawattennadeln. Den meisten von ihnen wird die Armseligkeit ihrer Geschenke bewusst, auch wenn die Geschenke noch so teuer waren. In einem schwachen Moment glauben sie, ein Geschenk, das viel Geld kostet, würde auch einen hohen Grad von Zuneigung symbolisieren.
In dieser Stimmung musste ich in der U-Bahn die missmutige und anklagende Präsens der anderen Menschen, von denen die meisten es nicht geschafft hatten, sich ein Buch oder wenigstens eine Zeitung mitzunehmen, ertragen. Ich hatte das Gefühl, ich war in dieser, in jeder U-Bahn im Dezember der einzige, der nicht wegen des Kaufes armseliger, im Grunde doch nur Hilflosigkeit ausdrückender Dinge saß. Aber das war, das ist den anderen Menschen immer egal, sie wollen keine Mitfahrer, die sich der Welt der kondenswasserverseuchten U-Bahnfahrt entziehen, in dem sie ein Buch lesen. Darum ist es manchmal schwierig, auch wenn ich an diesem Tag ein fesselndes Buch dabei hatte und mir nicht vorwerfen musste, irgendetwas kaufen zu wollen, ich wollte an diesem Tag überhaupt nichts kaufen. Ich wollte mir nur einen Film ansehen, bevor die Kinos schlossen. Ich wollte mir den Film nicht gemeinsam mit einer Wärme ausstrahlenden Masse von Menschen ansehen, sondern möglichst allein, darum fuhr ich allein ins Kino und deswegen fuhr ich auch mittags ins Kino, wo sonst nur wenige Menschen ins Kino gehen, und zur Zeit waren sie ohnehin damit beschäftigt, sinnlose Geschenke zu kaufen, aber auf dem Weg dorthin musste ich die Menschen aushalten, die aus stumpfsinnigen Gründen in die Innenstadt fuhren. Ich wollte der Welt der verschwitzten Karstadtunterhemden entkommen, im Grunde tat ich im Kino nichts anderes als mit dem Buch in der U-Bahn, nur daß im Kino die Illusion perfekter inszeniert ist.
Noch war ich aber nicht im Kino, noch war ich der feuchtwarmen U-Bahn und versuchte angestrengt mein Buch zu lesen, es war „Die Akazie“ von Claude Simon. Es geht darin um eine Familie, die kurz nach dem Ende des 1.Weltkrieges auf den französischen Schlachtfelder herumirrt, um den Leichnam des Familienvaters zu finden. Schwarzgekleidet, überwiegend aus Frauen bestehend, bewegt sie sich zwischen der bleiernen Monstrosität der Gegenwart und den bizarren Geschichten der Kriegsvergangenheit der Orte.
Ich lege mein Buch meistens leicht schräg vor mir in den Schoß, ich gehöre nicht zu den Menschen, die ihr Buch hochhalten wie eine Polizeikelle, ich will nicht, daß die tumben Nichtleser aus purer Langeweile den Titel meines Buches lesen, es geht sie nichts an, was ich lese, finde ich.
Es ist ja nicht so, daß ich Weihnachten kategorisch ablehne. Ich nehme jeden 24. Dezember meinen etwa 30cm hohen Weihnachtsbaum aus Kunststoff, den ich seit bald 10 Jahren besitze, aus seiner Schachtel und stelle ihn auf meinen Esstisch und am 27. Dezember packe ich ihn wieder ein. Anfangs konnte er sogar singen, mein Weihnachtsbaum, aber seit die Batterien verbraucht waren, habe ich sie nicht mehr ersetzt. Das blecherne Gesinge ging mir auf Dauer doch auf die Nerven. Der Weihnachtsbaum soll seine Klappe halten, fand ich.
Geschenke habe ich schon vor Wochen besorgt und mit der Post verschickt, so vermeide ich, daß meine Verwandten auf die Idee kommen, mich einzuladen und mir die zweieinhalb ruhigen Feiertage verderben. Ich verschenke meistens Bücher. Bücher, bei denen ich mir sicher bin, daß sie nie gelesen werden. Nicht, weil es komplizierte oder schwierige Bücher sind, sondern weil sie von mir kommen. Ich bin der Einzige in der Familie, der sich mit Büchern beschäftigt, aber sie lesen lieber Bücher, die ihnen ihre beste Freundin empfohlen hat und die ist Sachbearbeiterin bei der AOK. Manchmal schwärmen sie mir von diesen Büchern vor und ich muss erkennen, daß sie übelste Trivialliteratur anpreisen und dann mache ich ein interessiertes Gesicht und wechsele bei nächster Gelegenheit das Thema.
Keine Ahnung, was meine Verwandten mit den Büchern machen, die ich ihnen geschenkt habe. Manchmal frage ich sie zum Spaß, ob sie sie gelesen oder gleich fortgeworfen haben, aber meistens kriege ich keine Reaktion auf diese Bemerkung, weil sie überhaupt nicht wissen, was ich meine, weil sie die Bücher, oder besser gesagt die Titel und die Autoren der Bücher sofort vergessen haben, nachdem sie sie ausgepackt haben. Ich vermute, sie fristen ein jungfräuliches Dasein in lebenslang unbeachteten Bücherregalen, weil meine Verwandten niemanden außer mir haben, der sich Bücherregale in fremden Haushalten ansieht. Ein alte Angewohnheit von mir, diese Bücherregalinspektion. Noch mehr über einen Menschen sagt der Inhalt seines Kühlschrankes aus, finde ich, aber die meisten empfinden eine Kühlschrankinspektion als persönlichen Affront, deshalb begnüge ich mich mit dem Bücherregal.
Ich habe inzwischen begonnen, meinem Schwager, einem bekennenden Antialkoholiker, Bücher von Charles Bukowski zu schenken, meiner Mutter Bücher mit besonders bizarren Sex-Szenen, zum Beispiel bei Michel Houllebecque oder Bret Easton Ellis, und meiner Schwester, die eine eifrige Christin ist, Bücher von Thomas Bernhard zu schicken, einem Schriftsteller, der gerne Katholizismus mit Nationalsozialismus gleichsetzt. Es spielt keine Rolle. Ich bekomme nie eine Reaktion. Ich würde den Tag als Freudentag empfinden, an dem ein Beschenkter mir eines dieser Bücher an den Kopf wirft. Aber das wird nie passieren.
Ich vermute, meine Verwandten lesen ebenfalls in der U-Bahn keine Bücher. Ich kann das nicht überprüfen, weil ich noch niemals einen von ihnen unerkannt in der U-Bahn beobachten konnte.
Sie wissen vermutlich nicht, daß so ein Buch ein starker Verbündeter sein kann, besonders im Winter in schweißnassen U-Bahnen.
An der Haltestelle, an der das Arbeits- und Sozialamt ist, schaute ich kurz auf, um nachzusehen, wie weit ich schon gefahren war. Ein etwas heruntergekommener junger Mann stieg ein. Das ist nichts besonderes oder neues, daß an dieser Haltestelle des öfteren soziale Problemfälle einsteigen. Wenn ich genau überlege, ist es in der ganzen Stadt, an jeder Haltestelle üblich und normal, daß soziale Problemfälle ein- und aussteigen, nicht nur an der Haltestelle vor dem Sozialamt. Armut an sich ist keine Schande und der junge Mann war weder alkoholisiert noch pöbelte er andere Fahrgäste an. Und er roch auch nicht.
Was allerdings roch, war der Hund, den er dabei hatte.
Es war ein mittelgroßer, schwarzer Hund von für einen Laien wie mich unidentfizierbarer Rasse. Wer schon einmal die Redewendung „stinkt wie nasser Hund“ gehört hat, kann vielleicht ungefähr ansatzweise erahnen, was ich meine. Er roch nach einer Mischung aus alten, nassen Socken, die wochenlang in einem modrigen Keller gelegen hatten, Hundekot und Mundfäule. Der Gestank verbreitete sich innerhalb von Sekunden im ganzen Wagen.
Ich saß da und versuchte mich auf mein Buch zu konzentrieren. Es kostete mich
übermenschliche Kräfte. Ich las von Limbus-artigen Gefechten mit Bajonetten Mann-gegen-Mann, von granatengepflügten Landstrichen, von Menschenteilen in verschütteten Gräben und von Angst und Agonie. Doch es waren im Grunde doch nur zu Wörtern verdichtete Buchstaben auf Papier. Den verwesenden Geruch dieser apokalyptischen Schlachtfelder hatte ich in meiner Nase, er war tatsächlich da und kroch unaufhaltsam in mein Bewusstsein.
Der Modergeruch war kaum auszuhalten. Der junge Mann schien das gewohnt zu sein, er kraulte liebevoll seinen Müffelhund. Die Haltestelle, an der ich aussteigen wollte, war noch weit entfernt.
Ich bemerkte, wie sich unter den anderen Fahrgästen eine latente Unruhe ausbreitete: Kleine Gesten, leicht nervöses Herumgerutsche auf den Sitzen, fahrige Blicke. Angst überkam mich, daß ich der erste sein könnte, der die Beherrschung verlieren und etwas kopfloses tun würde. Ich versuchte, unauffällig durch den Mund zu atmen. Das half ein bisschen. Dann gab der Hundebesitzer seinen treuen, pestschwadenumnebelten Begleiter einen Kuss. Ich sah das, leider. Mehr zufällig als absichtlich hatte ich es gesehen und mich dann noch tiefer in mein Buch gebeugt. Es blieb nicht bei einen Kuss. Der Hundebesitzer begann, seinen Kadavergestanksträger geradezu mit Küssen zu überhäufen, ich habe es nicht genau gesehen, aber gehört. Die Geräusche und die bloße Vorstellung davon, was sich jenseits meiner Buchdeckel abspielte, abspielen konnte, rief Übelkeit in mir hervor. An Lesen war nicht mehr zu denken. Starr blickte ich auf die aufgeschlagenen Seiten, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich spürte ein sanftes Würgen in meiner Kehle und wie meine Augen glasig wurden.
Ich beschloss, an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Nur dieser Entschluß, diese Aussicht, daß mein Martyrium bald beendet sein würde, gab mir die notwendige Kraft, einen zweiten Atem, wie man in Sport sagt, um die Bahnfahrt zu überstehen. Dann jedoch machte der junge Mann mit dem Höllenodemverbreiter Anstalten, die U-Bahn zu verlassen.
Ich empfand Dankbarkeit, tiefe Dankbarkeit, als die beiden draußen war. Ich hätte es nicht mehr länger ausgehalten.
Ein wenig Gestank blieb noch in der Bahn zurück, aber es war erträglich. Es erinnerte mich an Claude Simons apokalyptische Schlachtfelderbeschreibungen. Der Geruch des Todes lag noch in der Luft, aber das Schlimmste war vorüber, nur noch in ein paar besonders tiefen Granattrichtern konnte man die nebelartigen Gasschwaden sehen.
Die Luft draußen an der Oberfläche der Stadt kam mir unendlich frisch und unverbraucht vor, obwohl sie das nicht ist, sie ist es nie.
Kurz darauf kam ich am Kino an, die Stahljalousien waren heruntergelassen, auf einer mit Tesafilm befestigten Fotokopie stand etwas von „Insolvenz“ und „bis auf weiteres geschlossen“. Ich studierte mein Kinoprogramm und entschied mich für einen anderen Film in einem anderen Kino. Es stellte sich als eine verunglückte amerikanische Verfilmung eines Roald-Dahl-Stoffes mit Johnny Depp in der Hauptrolle heraus und es wurde viel zu viel gesungen und man hatte es sich leider nicht nehmen lassen, in der synchronisierten Fassung auch die Lieder einzudeutschen.
Als ich die letzten 300 Meter zu Fuß zu meinem neu gewählten Kino zurücklegte, wurde mir bewusst, daß ich nicht genug Geld in der Tasche hatte. Es war aber noch genug Zeit, einen Geldautomat aufzusuchen. Als ich aus dem Bankvorraum wieder auf die Straße trat, lief just in diesem Moment gerade Wolfgang Niedecken vorbei, der Kopf einer stadtbekannten, abghalfterten Karnevalsband. Sein Gesicht ist mir nur wegen der dauernden Wiederholung in der Lokalpresse ein Begriff. Er ging auf der Straße mit einem anderen Mann vorbei und sagte gerade in diesem Moment, als ich aus der Bank gekommen war: Was einen nicht umbringt, härtet ab. Die beiden gingen noch ein paar Meter vor mir in dieselbe Richtung weiter, aber den Rest des Gespräches hörte ich nicht oder er ergab für mich keinen Sinn, weil ich den Zusammenhang nicht kannte. Aber diesen einen Satz konnte ich klar und deutlich verstehen:
Was einen nicht umbringt, härtet ab.Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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08-12-2006 12:12 #2
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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08-12-2006 13:29 #3
Eine überraschend andere Weihnachtsgeschichte, zweifelsohne. Ich würde allerdings Weihnachtsgeschichte aus dem Titel rausnehmen.
Das liegt nicht an der geschilderten Stimmung, sondern lediglich daran, dass es ja hierin vornehmlich um die Empfindungen des lyrischen Ichs an einem Tag, der zufällig am 22/23 Dezember liegt, geht. Es könnte ein x-beliebiger Tag sein, der im November ebenso wie im Dezember ansiedelbar ist. Lediglich das explizite Erwähnen eines Datums lässt ein Bezug zu Weihnachten entstehen. Die Gedanken, die sich das lyrische Ich über Geschenke oder die Beziehungen zu anderen Menschen macht, kann es sich auch zu anderen Zeiten machen.
Die Stimmung ist anschaulich beschrieben, wobei sich für mich die Frage stellt, wozu der ellenlange Beginn sein muss. Er vermittelt zwar viel Stimmung, aber das hätte man auch in kürzerer Form bringen können, oder? Für mich begann die eigentliche Geschichte erst mit "An diesem Mittag, Ende Dezember...", den Anfang empfand ich als etwas langatmig.
Die Geschichte ist inhaltlich sehr vollgepackt von Inhalten, die jeweils für sich schon einzelne Texte bilden würden (Gedanken über Weihnachten, Schilderung von Lektüreerfahrungen in der S-Bahn, Schilderung von Familienverhältnissen). Ich empfinde sie als ein bisschen überfrachtet, wobei mir die einzelnen Schilderungen gut gefallen.
Sehr gut gefällt mir allerdings das Ende, weil man erst vom Ende her versteht, warum eine "Ach, ist das alles blöd, ich mag die Welt&insbesondere die Menschen darin nicht"-Stimmung verbreitet wird, dieses Aha-Erlebnis im letzten Satz hat mir sehr gut gefallen. Soviel erstmal in Kürze.Sag den Problemen, ich komme nach dem Frühstück. Aber sie brauchen nicht auf mich zu warten. Echt nicht.
Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade daraus!
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die ist in Christus Jesus, unserem Herrn. (Römer 8, 38-39)
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08-12-2006 15:02 #4
Zunächst mal: War's nun der 22., 23. oder 24. Dezember? Alle drei Daten treten als mögliche Schauzeit der Geschichte auf. Vielleicht ist das auch Absicht!?
Ansonsten dachte ich mir beim Lesen die ganze Zeit über, dass diese Geschichte, vielleicht ohne den Buchgeschenke-an-meine-Familie-von-denen-ich-genau-weiß-dass-sie-unerwünscht-sind-und-die-ich-aber-trotzdem-weiterhin-jedes-Jahr-schenke-Exkurs, auch ohne weiteres im das-ist-mir-heute-passiert-Thread hätte stehen können: Die dortigen TB'schen Anekdoten zeichnen sich genau wie dieses Prosa-Stück ebenfalls durch jene eloquent-weinerlich-zynische Meckerei aus, an denen man einen TB-Text meistens gut erkennen kann (wobei ich zugeben muss, dass ich noch nicht sehr viel Deiner Prosa studiert habe, daher: Achtung: Vorurteil!).
Einfach diese genaue olfaktorische Autopsie des caninen Mitfahrers, das erzählerische Überspannen der Situation, bis sie als einem normalen Menschen kaum erträglich erscheinen muss, obwohl sie, bei Licht und unter der Gasmaske der alltäglichen Erfahrung her betrachtet, im Grunde vollkommen gewöhnlich ist. Aber das ist ja gerade die Kunst des Geschichten Schreibens: Einer jedem bekannten Situation so viel Seele und Schmiss verleihen, dass sie einen neuerdings fasziniert, ekelt oder sonstwie anspringt.
Ich finde auch den Untertitel durchaus nicht deplatziert. Nachdem der/die Protagonist/in davon ausgeht, alle Mitfahrenden seien nur zum Zwecke des (vor-)weihnachtlichen Konsumrausches in der U-Bahn unterwegs, und da dies m. E. nicht unwesentlich zur Stimmung beiträgt, könnte sich diese Szenenfolge wohl eher nicht im November zugetragen haben.Without me it's just aweso
Illiud Latine dici non potest.
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08-12-2006 18:48 #5
Moderator
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lass bloß das "weihnachtsgeschichte" im titel!
Ein Gedicht, was es sonst auch immer noch sein mag, ist zuerst ein Text.


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