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  1. #1
    Akiva ist offline "Professor" (750-1499 Beiträge)
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    Grüne Pfeilgranate

    An der Kaffeetasse klemmte ein Fahrrad. Das kann nicht sein, dachte sie und guckte schräg bis schrill. Das Fahrrad wollte nicht verschwinden, auch nicht, wenn sie die Augen ganz fest zusammenkniff.
    Gibt es denn hier keine Fahrradständer?, murmelte sie müde. Sie nahm die Kaffeetasse und wollte das Fahrrad abschütteln. Es gelang nicht. Der Kaffee lief aus, aber das Fahrrad war immer noch da.
    Können Sie mir ein Messer reichen, oder einen kleinen Bock, fragte sie ins Blaue hinein. Niemand antwortete. Auch das Fahrrad nicht.
    Allmählich wurde sie wach. Fahrrad an der Kaffeetasse. Das stöberte wie ein Schneegewitter in ihrem Schädel herum. Ein Fahrrad an der Kaffeetasse ist nicht möglich und daher unerträglich. Das Fahrrad musste weg.
    Wenn es nicht freiwillig geht, dann hilft Gewalt. Aber wie sollte sie Gewalt ausüben, wenn sie kein Messer und keinen Bock hatte? Ihre zart gepflegten Designerhände wären der Aufgabe doch gar nicht gewachsen.
    Und bist du nicht willig, dann brauch’ ich ..., dachte sie, brach den Gedanken dann aber wegen seiner Absurdität ab. Wenn sie es zuließ und genau hinschaute, schimmerte das Fahrrad sie ganz freundlich an. Friss oder stirb, fiel ihr durch das Schneegestöber in den Sinn. Sie schüttelte den Kopf. So ein Quatsch. Redewendungen sind in Notsituationen so hilfreich wie ein Frosch auf der Stimmgabel. Hier war weder Fressen noch Sterben angesagt.
    Möchten Sie mich riechen, mein Fräulein? Noch eine Stimme im Schneewirbel. Und die Amerikaner schießen eine grüne Pfeilgranate kerzengerade aus dem Himmel auf die Menschen am Strand. Neongrün. Zweimal Kopf ab ist das Minimum.
    Bitte? Was haben die Amerikaner mit meinem Fahrrad zu tun?
    Verwundert bemerkte sie, dass sie von ‚meinem’ Fahrrad gesprochen hatte. Haben wir etwas miteinander? Der Gedanke wurde wärmer und löste sich aus dem Schneemassel. Das Schimmern hingegen wurde blasser. Oh je, wenn es weg ist, ist auch mein Fahrrad weg, schoss es ihr durch den Kopf. Wie die grüne Pfeilgranate. Halt, rief sie. Nimm mich mit. Ich will nicht sterben.

  2. #2
    Schreiberling ist offline "Abiturient" (0-19 Beiträge)
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    2
    Huch, das war ja mal was ganz anderes, aber im positiven Sinne.
    Ich kann gar nicht wirklich mit dem Finger darauf zeigen, was mir an dieser doch recht kurzen Geschichte so gut gefällt, aber ich denke, es ist die Absurdität, die einen direkt anspringt und einen dazu bringt, unbedingt zu lesen.
    Einerseits ist es schade, dass es kein wirkliches Ende gibt aber andererseits würde ein ausgereiftes Ende wohl die Illusion zerstören. So bleibt man mit dem Gedanken zurück, dass es vielleicht nur ein Traum war.

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