@ -N-
Ich wollte, der Vollständigkeit halber, die Jenninger-Geschichte noch rasch zu Ende bringen.
Von meinen diversen Chronik-Jahresbänden habe ich mich offensichtlich bei einem meiner vielen Umzüge in jüngster Zeit zwecks Gewichts-Reduzierung getrennt; doch fand ich einen Auszug aus besagter Rede bei
Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie. 7., neubearb. u. erw. Aufl. Opladen 1990, S. 177,
und zwar - du wirst es nicht glauben - im Kapitel "Die 'Doppelstimme' der erlebten Rede".
Vogt schreibt: "Die mangelnde Abgrenzung von Erzählerstimme und Figurenstimme macht erlebte Rede [...] in nichtfiktionalen Texten, die solche Abgrenzung verlangen, zu einer 'gefährlichen Form'.
Dies erfuhr im November 1988 besonders schmerzlich der Präsident des Deutschen Bundestages [Anm.: NICHT Bundespräsident!; Der Vogone], Dr. Philipp Jenninger (CDU), als er in einer Rede die historischen und ideologischen Zusammenhänge zu skizzieren suchte, die zu den Pogromen der sogenannten 'Reichskristallnacht' im November 1938 geführt hatten. Dabei sagte er: [...]"
[Vogt stützt sich im folgenden auf den Abdruck der Rede in "Die Zeit" vom 18.11.1988, S. 4.]
"Hitlers Erfolge diskreditierten nachträglich vor allem das parlamentarisch verfaßte, freiheitliche System, die Demokratie von Weimar selbst. Da stellte sich für sehr viele Deutsche nicht einmal mehr die Frage, welches System vorzuziehen sei. Man genoß vielleicht in einzelnen Lebensbereichen weniger individuelle Freiheiten; aber es ging einem persönlich doch besser als zuvor, und das Reich war doch unbezweifelbar wieder groß, ja größer und mächtiger als je zuvor. - Hatten nicht eben erst die Führer Großbritanniens, Frankreichs und Italiens Hitler in München ihre Aufwartung gemacht und ihm zu einem weiteren dieser nicht für möglich gehaltenen Erfolge verholfen?
Und was die Juden anging: Hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt - so hieß es damals -, die ihnen nicht zukam? Mußten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden? Und vor allem: Entsprach die Propaganda - abgesehen von wilden, nicht ernstzunehmenden Übertreibungen - nicht doch in wesentlichen Punkten eigenen Mutmaßungen und Überzeugungen?"
Jenninger wollte also lediglich "Volkes Stimme" von damals möglichst eindrücklich und authentisch wiedergeben und verzichtete daher auf die - in diesem Fall vielleicht doch eher gebotene - Distanz zum Gesagten. Damit hat er Mißverständnisse provoziert, und das kann man ihm durchaus vorhalten. Es liegt jedoch meines Erachtens auch eine Fehlrezeption seitens der empörten Zuhörerschaft vor, welche die von ihm lediglich mitgeteilten Gedanken Dritter ihm selbst, also dem Redner, zuschrieb.
Das Ergebnis ist bekannt. Jenninger trat, auf öffentlichen Druck hin, von seinem Amt zurück.
Man kann den Fall, glaube ich, dennoch nicht mit Kohl, Koch, Möllemann, Däubler-Gmelin etc. vergleichen; denn es gibt zwei wesentliche Unterschiede:
1.) Jenninger hat - im Gegensatz zu den anderen Genannten - keinen geschichtlichen Vergleich zu aktuellen Personen oder Geschehnissen gezogen.
2.) Jenninger äußerte sich - ebenfalls im Gegensatz zu den anderen - nicht etwa relativ spontan, sondern er war auf sein Thema vorbereitet und wußte, daß es ein sehr heikles und sensibles war. Man kann ihm also einerseits vorwerfen, sich über die Wahl seiner "Erzähltechnik" und deren Auswirkungen nicht genügend Gedanken gemacht bzw. sich möglicherweise nicht ausreichend mit anderen darüber beraten zu haben.
Andererseits kann gerade dies auch zu seiner Entlastung vorgebracht werden, weil es immer einen Drahtseilakt bedeutet, zu so einem Thema überhaupt öffentlich zu sprechen und es sehr schwer ist, den Ton so zu treffen, daß niemand sich gekränkt und in seiner Ehre herabgesetzt fühlt.
All die anderen aber, deren Äußerungen in einem Kontext fielen, der mit unserer Nazi-Vergangenheit gar nichts zu tun hatte, müssen sich fragen lassen, weshalb sie überhaupt und ohne Not ihr Heil in solch unbilligen und unerhörten geschichtlichen Parallelen glaubten suchen zu müssen.
Selbst auf die Gefahr hin, daß die Einschaltquoten in diesem Thread gerade gegen null und die Einschlafquoten dafür gegen 100% gehen:
Ich wollte das gerne noch nachgereicht haben, damit die Akte nun also geschlossen und wieder zurück an ihren angestammten Platz im Regal der Geschichte verbracht werden kann.
Grüße
vom Vogonen
+ Antworten
Ergebnis 11 bis 13 von 13
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16-12-2002 18:38 #11
Es ist DOch zu grotesk:
Immer wenns ans Politisieren geht, lädt sich die virtuelle Luft hier im Forum auf. Aber solang alles gemäßigt zugeht, solls ja in Ordnung sein...
Ich erinnere da nur mal an eine Debatte, die sich zwischen Faust und dem Vogo und noch anderen ergab....
Bin schon wieder weg!
Liz.Taylor.In conspectu angelorum psallam tibi, deus meus.
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17-12-2002 04:08 #12Der Vogone Gast
Noch ein Nachtrag, um das Thema abzuschließen
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17-12-2002 09:28 #13JustMe Gast
Re: Noch ein Nachtrag, um das Thema abzuschließen
Soll das jetzt etwa heißen, daß ich den Thread schließen sollOriginal geschrieben von Der Vogone
Ich wollte das gerne noch nachgereicht haben, damit die Akte nun also geschlossen und wieder zurück an ihren angestammten Platz im Regal der Geschichte verbracht werden kann.
?
*verwirrt*
JustMe


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