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Thema: Die Bücher

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  1. #1
    Gast

    Die Bücher

    #1

    Nasse Kieselsteine haben bei Vollmond etwas Wollüstiges an sich. Sie glänzen wie die ab- und auftauchenden Rücken eines Seekuhzuges. Man will die Schuhe ausziehen, um das kühle Geklapper unter den bloßen Fußballen spüren zu können. Schon so, gedämpft durch Gummisohlen, sendet dieser Ton ein Schaudern aus, das alle Glieder entlangkriecht. Dominospur kleiner Härchen.

    Aus der Ferne allerdings glich der Weg zu Janas Haus eher einer Erzader, die sich in jahrhundertelangem Kampf aus ihrem Untergrund herausgeschält zu haben schien. Erlen standen neben diesem Glitzern, ein strenges Spalier alter Herren, und fokussierten den Besucherblick auf die graue Häuserfront mit ihren stumpfen Fenstern. Im obersten Stockwerk brannte Tag und Nacht ein grünes Licht. Zuviel, dachte ich jedes Mal, wenn ich meine Bücher den Weg hinauftrug, alles viel zuviel. Willkommen in Warschau, Doktor Caligari. Willkommen in den Kulissen einer mutterlosen Familie.

    Am ersten November hatte mich Jana angerufen und gesagt, ihr Vater sei jetzt fort.
    Das Wörtchen jetzt zerschnitt mir beinahe die Gehörgänge, doch ich fragte harmlos: "Was heißt das, fort? Wo ist er denn hin?"
    Es raschelte kurz in der Leitung. Vielleicht atmete sie ungeduldig aus. Vielleicht war sie erkältet.
    "Komm bitte morgen, David. Und bring die restlichen Bücher mit."
    Dann legte sie auf.
    Ich überlegte kurz, ob ich mich getraut hätte, ein "stets zu Diensten, Herrin" nachzuschieben, wäre sie nur drei Sekunden länger in der Leitung geblieben. Vermutlich nicht. Ihr Vater war der reichste Mann im Dorf.

    Am Abend des ersten November hatte Mutter Spiegeleier gebraten, weil "nichts anderes im Haus ist" und Vater ausnahmsweise Milch statt Wein getrunken, weil "mein Magen all die Weltsäuren nicht mehr lange in sich duldet". Mutter hatte die Stirn gerunzelt und ihm reichlich Spinat unters Ei gepackt. Die vorige Woche hatten sie fünfundzwanzigsten Hochzeitstag feiern wollen, aber irgend etwas war wohl dazwischen gekommen. Jedenfalls wurden die Hebriden und das dort vorherrschende Klima in keinem Wort mehr erwähnt.
    "Junge, ich will nicht, dass du an dieser Schlampe herumschraubst."
    "Also!" zischte Mutter und guckte verlegen auf ihren Tellerrand.
    Ich zerstach den Eidotter, stand auf und ging in mein Zimmer. Die Gabel hielt ich noch in der Hand. Vater sagte nichts mehr, weil Mutter seine Hand drückte und die alte Standuhr unvermittelt sieben Schläge in den Raum warf. Schon viertel zehn, dachte ich und wusste, ich würde nicht schlafen können.

    Die Haustür war nur angelehnt. Die Eingangshalle lag im Dunkeln, verwaist. Es roch nach verbranntem Holz.
    "Jana! Die Tür war schon wieder offen." rief ich und sonnte mich in meinem nächtlichen Echo. In manchen Häusern ist Wohlstand sogar hörbar. Als niemand antwortete, deutete ich einen unbeholfenen Kratzfuß an. "Gestatten, Caligari, Doktor der Medizin. Mein Beileid, Gnädigste. Wo liegt ihr Herr Vater aufgebahrt?"
    "Im Keller. Wie immer."
    Ich fuhr herum.
    Jana zündete eine Kerze an. Ihre Haut schimmerte wie weißes Porzellan. Mit ihren hochgesteckten Haaren und den geschürzten Lippen glich sie einer ehrfurchtgebietenden Geisha. Am meisten jedoch - und jedes Mal aufs Neue - fesselte mich dieses alterslose Gesicht. Ihre Züge waren schön, kein Zweifel, aber sie waren auch unbestimmt, wächsern. Keine Teichaugen, in denen man zu Beaujolais und Omelette hätte versinken, keine Stupsnase, an der man seine eigene hätte reiben können. Jana war erst dreiundzwanzig und damit immerhin sechs Jahre älter als ich.

    "Du bist nicht ganz dicht, David Orff. Komm mit. Wir hatten wieder Stromausfall."
    Klar. Stromausfall. Dritter Akt, zweite Szene.
    "Ich hab' dich gar nicht bemerkt.", sagte ich leise, "schläft Li-Ho schon?"
    "Er ist bei unseren Großeltern." Sie schattete die Kerzenflamme mit der Hand ab. "Wir sind allein."
    Drei Wörter reichten aus; das nervöse Flattern im Vogelkäfig meines Bauches ließ sich nicht länger ignorieren. Ich hätte beinahe ihre Schulter angefasst, als sie vor mir herging, die ausladende Treppe hinauf. Meine Schwäche machte mich zornig. Längst kannte ich Janas Spiel, aber nicht die dazugehörigen Regeln.

    "Wieso brennt am Fenster der Bibliothek Licht, wenn ihr keinen Strom habt?" fragte ich lauter als beabsichtigt.
    Sie seufzte. "Weiß nicht. Hast du alle Bücher dabei?"
    Ohne Zutun hob sich plötzlich meine rechte Hand. Ich war fassungslos, denn die Bewegung ließ sich nicht mehr abfangen. Ich strich ihr über die linke Schulter, so, als wollte ich sie von etwas Staub befreien oder von Schnee. Sie tat zwar, als bemerkte sie es nicht, aber ein angefangenes Wenden des Kopfes, ein Stocken im Schritt genügten völlig, um meiner Gereiztheit ihre Schärfe zu nehmen.
    "Ja. Alles beisammen.", murmelte ich schließlich. Und meine Fingerspitzen hörten nicht auf zu brennen.


    [ wird fortgesetzt - nebenbei : schönes Forum ]
    Samuel
    Geändert von La Tramontana (25-01-2003 um 22:31 Uhr)

  2. #2
    Gast

    @ La Tramontana

    Entschuldigung. Schon ein paar Fehler entdeckt.
    Bitte, wenn möglich ausmerzen:

    Titel:
    statt "Die BÜcher" - Die Bücher

    2.Abs., 1.Zeile
    ergänze "eher" zwischen "Haus" und "einer"

    1.Abs, 1.Zeile
    Streiche ersatzlos "endlosen" und ergänze "ab- und auftauchenden" vor "Rücken".

    2.Abs, 3.Zeile
    Bin nicht sicher, ob hinter "Herren" noch ein Komma folgen muss wie bei einer waschechten Einschub. Was denkst du?

    Danach bitte diesen Redigierbeitrag löschen.
    Das ist ja fast schon peinlich.

    Grüße,
    Samuel

  3. #3
    Avatar von La Tramontana
    La Tramontana ist offline Moderator
    Registriert seit
    14.08.2002
    Beiträge
    1.838
    Hallo Samuel!

    Ich bin eben im Begriff, Deine Änderungen durchzuführen.
    Aber Du könntest Dich auch registrieren (das tut nicht weh und kostet auch nichts). Als registrierter User hättest Du Zugriff auf die von Dir geposteten Beiträge und könntest etwaige Korrekturen selbst vornehmen.

    Die Geschichte ist in der Tat sehr interessant - ich harre der Fortsetzung!!

    Deine La Tramontana



    P.S.: Deine Bitte um Korrektur werde ich nicht löschen, weil

    a) Du Dich dessen keineswegs schämen mußt, und
    b) sich sonst jeder fragen wird, weshalb die La Tramontana einfach so Beiträge anderer Leute ändert (das kann man nämlich sehen).

    P.P.S.: Das mit dem "Spalier alter Herren" ist nach meiner und des Vogonen Auffassung ein "waschechter Einschub" und verlangt daher paariges Komma.
    Geändert von La Tramontana (25-01-2003 um 22:37 Uhr)
    In conspectu angelorum psallam tibi, deus meus.

  4. #4
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
    Registriert seit
    13.01.2003
    Beiträge
    4.691

    Polnische Bücher

    Der Text braucht sicherlich eine Fortsetzung, den bis zum Ende ist nicht viel passiert und Spannung ist auch nur wenig aufgebaut. Daß sich eine 23jährige mit ihrem 17jährigen Nachhilfeschüler (?) einlässt, naja, mäßig originell, wesentlich vielversprechender ist die Aussicht, daß ihr Vater vielleicht tot im Keller liegt.
    ZU ratlos zurückgelassen wird der Leser mit "Willkommen in Warschau, Doktor Caligari". Ist das ein Zitat?`
    Später ist von einem Dorf die Rede. Und Warschau ist meines Wissens kein Dorf. Und warum bezeichnet sich ein 17jähriger als eine literarische Figur eines Mediziners? Etwas unglaubwürdig, 17-jährige haben doch eher andere Identifikationen. Und wer Li-Ho ist, dürfen die Leser auch erst in der Fortstzung erfahren? Ist ja ein richtig polnischer Name.
    Zuviel Rätsel für mein Geschmack,

    Thomas Bernhard

  5. #5
    Der Vogone Gast
    Mir ist noch ein Rätsel aufgefallen:

    Wieso schlägt die alte Standuhr siebenmal, wenn es in Wirklichkeit "viertel zehn" (also viertel nach neun) ist? Kirchturmuhren schlagen nach dem ersten Viertel einmal, und 'gewöhnliche' Standuhren meiner Erinnerung nach auch.

    Mögliche Erklärung: Das alte Ding geht nach. Warum dann aber genau zwei und eine Viertelstunde? Und hat das überhaupt irgendeine Bedeutung?

    "Dr. Caligari" kann wohl nur auf den alten deutschen Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1919/1920) anspielen, in dem ein Hypnotiseur (der sich später, obschon selbst irre, als Direktor einer Irrenanstalt herausstellt) ein somnambules Medium tagsüber als Wahrsager-Attraktion auf dem Jahrmarkt, nachts aber als willenloses Mordwerkzeug mißbraucht.
    Parallelen zur Figur des 17jährigen David Orff der Geschichte kann ich indessen vorläufig nicht erkennen. Der Film spielt auch nicht in Warschau, sondern in der norddeutschen Kleinstadt Holstenwall.

    Die Geschichte - die sicherlich nicht gerade ein Roman werden soll, sonst könnte es noch angehen - nimmt für meinen Geschmack ein wenig schwerfällig Fahrt auf; da gebe ich meinem Vorredner Recht. Außerdem werden mir für den Anfang zu viele Schnüre auf einmal ausgelegt, zu viele Themen angeschnitten (Wichtigkeit der Bücher, Dr. Caligari, die Eltern, Jana, deren reicher, "aufgebahrter" Vater, Li-Ho...); das erschwert es dem Leser, sich erst einmal in die Story hineinzufinden. Meine Devise ist da immer: "Nicht zuviel am Anfang!"

    Daß hier ein (Nachhilfe-)Lehrer-Schüler-Verhältnis vorliegt, bezweifle ich. Erstens werden dazu die erwähnten Bücher von vornherein in ein viel zu geheimnisvolles Licht getaucht; zweitens kann ich mir nicht vorstellen, daß der Sohn eines trinkenden, offenbar der Arbeiterschicht zuzurechnenden Vaters (die rüde Ausdrucksweise läßt jedenfalls darauf schließen), in dessen Familie man Spiegelei mit Spinat ißt, "weil nichts anderes im Haus ist", es sich leisten kann, sich ausgerechnet bei der Tochter des reichsten Mannes im Dorf Nachhilfestunden zu nehmen.
    Neinnein, dieses Verhältnis der beiden muß von anderer Art sein. Schaun mer mol.

    Gruß:
    Der Vogone

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