Die siebzehnjährige Lisa sass an einem Tisch, der mit einer fleckigen Decke, Plastikblumen und diversen Speisekarten verziert war und lass ein Buch. Weil es sehr voll in dem Café war, das, da seine Wände nur aus Glas bestanden, auf passend unkreative Weise „Das Glashaus“ getauft wurde, hatte sie sich zu einer bis dahin allein sitzenden Frau gesetzt, obwohl sie es nur ungern getan hatte. Nicht etwa weil ihr die Frau unsympathisch war, sie wirkte sehr freundlich, sondern weil sie lieber ganz alleine und in Ruhe ihren Kakao getrunken und in ihrem psychosozialem Roman gelesen hätte. Der Roman handelte davon, wie Kindergartenkinder sich untereinander non-verbal verständigten und wie anstrengend es für sie war, der Sprache von Erwachsenen zu folgen.
Während sie davon las, wie der kleine Tim versuchte zu verstehen, was seine Mutter zu ihm böse und aufgeregt sagte, nachdem er einen wertvollen Gegenstand unbeabsichtigt kaputt gemacht hatte, sah sie immer wieder von dem Buch auf und fokussierte die Menschen, die mit ihr um sie herum in dem gläsernen Würfel sassen. Hauptsächlich waren es Mütter und Väter, die versuchten ihr Kaffeekränzchen trotz der mitgebrachten Kinder zu genießen.
An einem Tisch rechts neben Lisa sassen ein Elternpaar und ein einzelner Vater. Das Elternpaar war mit ihrem ungefähr dreijährigen Sohn dort, den sie frei im Café herumlaufen ließen. Der Vater, vermutlich allein erziehend , ermahnte seine beiden Töchter, die mit am Tisch sassen permanent leiser zu sein. Die beiden hatten gerade ihr Eis aufgegessen und waren nun in der Sitzecke gefangen, da die möglichen Fluchtwege von dem Elterpaar versperrt wurden. So alberten sie miteinander herum, machten aus den, vom Vater zum Eis zusätzlich bestellten Servietten kleine Papierkügelchen und bewarfen sich gegenseitig damit. Die vergnügten Geräusche, die sie dabei machten, schienen dem Vater auf die Nerven zu gehen.
„Ja, Kinder sind schon etwas sehr anstrengendes“ sagte die an ihrem Tisch sitzende Frau, die Lisas Interesse an das Gesehen mitbekommen hatte und anscheinend auf eine Konversation mit ihr aus war. „Das hier ist wahrscheinlich kein günstiger Ort für Sie, um ein Buch zu lesen.“
Lisa schaute zu der Frau auf und musterte sie einen Moment lang. Sie mußte so um die fünfzig sein, sah sehr gepflegt aus, ihre Haare waren rot getönt und, so wie es in dieser Altersklasse scheinbar typisch war, kurz geschnitten. Das bunte Tuch um ihren Hals und die dreieckigen, grünen Ohrringe aus Holz waren ein starker Kontrast zu ihrem dunkelblauen Hosenanzug und ließen sie etwas alternativ wirken.
„Nein, die Kinder stören mich nicht“ antwortete Lisa „das Gemecker des Vaters schon eher“ sie lächelte die Frau verlegen an, überrascht über sich selbst, dass sie sich traute so eine Aussage zu machen.
„Es ist auch wirklich nicht schön, wenn Eltern ihre Kinder anschreien.“ stimmte ihr die Frau zu „Ich bin auch sehr dafür, dass man Kindern alles vernünftig erklären sollte.“ Ihr Blick wirkte gütig.
„Na ja, manchmal wird auch viel zu viel geredet“ erwiderte Lisa „Kinder sollten ruhig laut sein dürfen wenn ihnen danach ist“
„Nun“ antwortete die Frau. Ihr Blick wurde etwas härter „Das stimmt zwar, aber sie müssen dennoch auch lernen Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen“
„Ich denke“ argumentierte Lisa „wenn mit ihnen rücksichtsvoll und nachsichtig umgegangen wird, erfahren sie am eigenen Körper, wie wichtig das ist und werden als Erwachsene dann dieses Verhalten automatisch übernehmen.“
„Das klingt zwar sehr toll aber leider auch sehr theoretisch“ antwortete die Frau „Sie haben sicher noch nicht viel Erfahrungen mit Kindern gemacht, habe ich recht?“
Bevor Lisa antworten konnte, hatte sich die Frau schon dem kleinen Jungen des Elternpaares zugewendet, der sich zaghaft an ihren Tisch geschlichen hatte und nun verlegen zu ihr und Lisa aufschaute.
Die Frau wirkte plötzlich so überlegen als sie begann mit dem kleinen Jungen zu sprechen.
„Na, wer bist Du denn, mein Kleiner?“, fragte sie ihn mit hoher Stimme und betonte dabei einige Wörter indem sie sie künstlich in die Länge zog.
Der Junge lächelte, jetzt noch verlegender als zuvor, und schaute in Lisas Richtung.
Lisa fand ihn richtig niedlich, wie er da stand, mit seiner gestreiften Latzhose und den, von den Eltern modebewusst ausgewählten Markenschuhen, seinen durch Speichel glänzenden Lippen und dem Blick, der seine Verwunderung über die Laute der Frau deutlich zeigte.
Lisa sagte nichts, lächelte ihn statt dessen nur an und winkte ihm kurz zu.
Nachdem die Frau eine zeitlang zu dem Jungen gesprochen hatte, ohne seine verwunderten Blicke zu bemerken, wendete sie sich wieder Lisa zu.
„Seien Sie nicht zu schüchtern“ sagte sie, weil sie bemerkte, dass Lisa kein Wort zu dem Jungen sagte „Sie brauchen anscheinend noch ein wenig Praxis mit Kindern“. Sie drehte sich erneut zu dem Jungen um: „nicht wahr, mein Kleiner?!“
Der Junge löste sich von dem Blickkontakt mit Lisa und schaute die Frau abermals verlegen und fragend an, während er sich ein paar Schritte rückwärts vom Tisch entfernte.
„Kinder kommunizieren bis zu einem bestimmten Alter auf einer ganz anderen Ebene“ verteidigte sich Lisa „da benötigt es nicht zu vieler Worte.“
„Das stimmt schon,“ antwortete die Frau. Ihr Blick und auch ihr Ton wurde nun noch bestimmender „Kinder müssen aber auch sprechen lernen. In einem sozialen System ist verbale Kommunikation unabdingbar. Wenn sie dies anders sehen, schadet Ihr ehrbarer Einsatz den Kinder diesen mehr als es ihnen nützt.“
Lisa konnte nichts mehr sagen. Sie fühlte sich überrumpelt von der selbstgerechten Haltung der Frau. Ob ihre Eltern es wohl gewollt hatten, dass ihre Tochter sprechen lernt, damit sie sich anderen verbal überlegen fühlen konnte, fragte Lisa sich resignierend.
Nur das süße Lächeln, das der kleine Junge ihr nach weiterem intensiven Blickkontakt entgegenbrachte munterte sie etwas auf.
„Wir wären heute geistig lange nicht so fortgeschritten, wenn die Menschen nicht schon seit Jahrhunderten zuvor miteinander gesprochen hätten.“
„Hm“ konnte Lisa nur noch antworten. Während sie mit dem Jungen „Blicke auffangen“ spielte, fragte sie sich welch ein Fortschritt sie wohl damit gemeint haben könnte. Etwas den Fortschritt beim Kaffeekränzchen übers Wetter reden oder über andere Leute lästern zu können? Natürlich fand gerade sie, Lisa, die die verbale Kommunikation als die einzig wahre Grundlage für jede Problemlösung sah, dass das Sprechen lernen wichtig für Kinder war. Doch sollte man sie nicht schon in so jungen Jahren mit affektiertem Geschwafel irritieren, fand sie.
„Willst Du mal auf meinen Schoß kommen, mein Schatz“ wurde der Junge plötzlich von der Frau gefragt. Er wendete sich erneut, von Lisa weg, der Frau zu und schaute mit Scham und Angst in den Augen in ihre aufgerissenen Arme. Er steckte den Zeigefinger seiner rechten Hand in den Mund und blickte fragend zu seiner Mutter herüber.
„Sie haben doch sicher nichts dagegen“ Die Frau drehte sich ebenfalls fragend zu der Mutter um. Diese schüttelte mit einem zusammengekniffenen Lächeln nur den Kopf.
„Na komm schon her, mein Kleiner. Deine Mutter erlaubt es“ Mit gesenkten Kopf kam der Junge wieder ein paar Schritte näher an den Tisch.
„Sehen Sie,“ die Frau sprach wieder zu Lisa „man muß auf die Kleinen eingehen und sie ermutigen auf Menschen zuzugehen. Und das kann man nur indem man mit ihnen spricht.“
Lisa fühlte sich betrogen. Sollte diese Frau etwa recht haben. Enttäuscht betrachtete sie den Jungen. Er nahm erneut den Blickkontakt zu ihr auf, schaute, durch die hohen Tönen der Frau irritiert, zwischen den beiden fremden Frauen hin und her und ging noch näher an ihren Tisch heran. Er kroch unter den noch immer offenen Armen der Frau hindurch, ging geradewegs auf Lisa zu und kletterte auf ihren Schoß. Er lehnte sich an Lisas Brustkorb und linste mit dem Finger im Mund verlegen zu der Frau hinüber.
„Oh, hast Du eine neue Freundin gefunden“ sagte die Frau und versuchte ihre Enttäuschung, die sich in ihren Augen deutlich widerspiegelte, mit einem Lächeln zu überspielen.
Lisa triumphierte innerlich. Diesmal war es aber nicht ihre Schüchternheit allein, die sie davon abhielt, der Frau verbal eins reinzuwürgen, sondern auch das Glücksgefühl, das die Zuwendung des kleinen Jungen in ihr auslöste.