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Thema: Ein Traum

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Ergebnis 1 bis 4 von 4
  1. #1
    pesquisador Gast

    Ein Traum

    Vor einigen Wochen hat der Diktator Saddam H den US-Präsidenten George W B zu einem Fernsehduell herausgefordert. Daß der Präsident das als "Unsinn" abgelehnt hat, ist uns allen bekannt. Auf jeden Fall ist es sehr schade, denn da habe wir einiges verpasst. Was genau, werden sie in wenigen Minuten von unserem Reporter Martin X erfahren, der heute exklusiv für unseren Sender aus einer Parallelwelt berichtet. Bleiben Sie dran, gleich nach der Werbung geht es los!

    Guten Abend verehrte Zuschauer. Ich bin Martin X. Es ist mir soeben gelungen eine Verbindung zur Parallelwelt herzustellen. Ich befinde mich hier im Fernsehstudio des Senders Freies Berlin, in dem sich die beiden Kontrahenten auf ihren Auftritt vorbereiten. Beide machen einen leicht angespannten Eindruck. Kein Wunder. Obwohl beide gewohnt sind im Rampenlicht zu stehen, ist es für beide heute doch etwas Besonderes. Die Diskussion wird live in alle Länder der Erde übertragen werden und eine Rekordeinschaltquote von etwa 4 Milliarden Zuschauern wird erwartet. Die Übertragung wird in etwa einer Viertelstund beginnen und hier im Studio laufen die letzten Vorbereitungen. Ich schaue mal, ob ich erkennen kann, was die beiden Kontrahenten gerade machen...

    Ah, da sehe ich Herrn H. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug. Unter dem Jacket erkennt man ein blütenweißes Hemd und eine karrierte Krawatte. Wegen ebendiesem Hemd hatte es hier voe wenigen Minuten einige Aufregung gegeben. Herr H hatte wohl seinen Sohn und persönlichen Betreuer Uday H gebeten, es noch einmal überzubügeln. Der war dann auf der Suche nach einem Bügeleisen in einem schlecht beleuchteten Flur über den Hund des Herrn B gestolpert. Dieser hatte ihm daraufhin erschrocken in die Hand gebissen. Ein Bluttropfen hatte dabei das weiße Hemd des Herrn H befleckt. Herr H selbst starrte Uday H zuerst ungläubig an, als dieser ihm berichtete. Dann aber begann er zu fluchen, verpasste seinem Sohn eine schallende Ohrfeige, lamentierte, daß er in einem blutbefleckten Hemd unmöglich vor die Kameras treten könne. Schließlich behauptete er gar, all das sei eine Verschwörung, hinter der niemand anderes als Herr B stehen könne und drohte mit Rücktritt vom Fernsehduell. Der Regisseur geriet daraufhin in helle Aufregung. Schließlich gelang es ihm, Herrn B davon zu überzeugen, daß er jetzt seinen guten Willen zeigen müsse. Herr B überlegte kurz und wies dann seinen Verteidigungsminister, Herrn Donald R, an, mit Herrn H das Hemd zu tauschen. Herr R schaute zwar recht verdutzt, aber nachdem ihm Herr B noch einmal tief in die Augen geschaut und leise in etwas kindlichem Tonfall "Bitte Bitte" gesagt hatte, begann er sein Hemd aufzuknöpfen. Herr H scheint mit dem neuen Hemd nun recht zufrieden zu sein. Zur Zeit sitzt er mit geschlossenen Augen vor einem Frisierspiegel während ein Helfer scheinbar mit einem Lineal versucht festzustellen, ob sein Schnurrbart auf der rechten Seite genauso lang ist wie auf der linken. In einem Glas vor ihm auf dem Tisch liegt sein Gebiss im Wasser, das heftig sprudelt, nachdem Assistent Uday zuvor eine Reinigungstablette hat hineinfallen lassen. Hier passiert zur Zeit nicht viel, schauen wir mal, ob wir sehen können, was Herr B gerade macht...

    Ja, da sehe ich ihn schon. Er trägt einen eleganten dunkelblauen Anzug über einem hellblauen Hemd. Dazu eine weinrote Krawatte mit hellen Schrägstreifen. Neben ihm steht seine Frau Laura B, beide schauen auf einen Fernseher, leider kann ich von hier aus nicht erkennen, welches Programm sie gerade schauen. Gerade kommt sein Hund angelaufen. Herr B bückt sich, streichelt ihm einmal über den Kopf und nimmt aus seinem Maul eine, eine was??, eine Pistole? Was ist hier los? Ist er der er der Herausforderung nicht gewachsen und will sich vor dem vielleicht bedeutendsten Moment seines Lebens dasselbige nehmen? Das wäre eine Katastrophe! Nein, er steht wieder auf, die Pistole versteckt er hinter seinem Rücken. Er sagt etwas zuseiner Frau. Und was jetzt? Er holt die Pistole hervor und hält sie ihr an die Schläfe! Soll das gar ein Familienselbstmord werden? Frau B sieht überraschend gefasst aus. Ihr Gesichtsausdruck läßt eher auf eine Mischung aus Traurigkeit und Verärgerung schließen. Da höre ich laute Schritte. Bs Beraterin Condoleza R kommt zur Tür hinein und ruft B etwas zu, was ich leider nicht verstehe. Ein lauter Knall, Herr B hat abgedrückt. Dann Stille. Frau B sieht nicht sehr getroffen aus. Sie schüttelt den Kopf, schaut B besorgt an und streicht ihm einmal zärtlich mit ihrer Hand durchs Haar. Frau R nähert sich den beiden jetzt, wollen wir mal hören, was sie zu sagen hat:
    "Ach Schorschi, Du solltest nicht immer mit der Spielzeugpistole spielen. Wir habe jetzt keine Zeit für sowas. Komm iß noch eine Brezel und versuche, Dich ein wenig auf Deinen Auftritt zu konzentrieren. Denke daran: Heute wirst Du in die Geschichtsbücher eingehen!"
    "Schon gut, Condy, mach Dir keine Sorgen. Ich weiß schon, was ich tun muß!".
    Man hört Frau R tief durchatmen, sie scheint hier die angespannteste Person im Raum zu sein.

    Da ertönt der Gong! Das ist das Zeichen, daß sich die Kandidaten ins Studio begeben sollen. Noch zwei Minuten bis zur Sendung.

    Im Studio stehen drei große Sessel. Zwei große, schwarze stehen sich direkt gegenüber. Dazwischen, im Winkel von 90 Grad, ein etwas kleinerer blauer. Saddam H geht zielgerichtet auf einen der schwarzen Sessel zu, streicht seine Anzughose glatt und lässt sich langsam und würdevoll nieder. George W B zögert noch. Dann geht er zügig auf den mittleren Sessel zu und läßt sich hineinplumpsen. Das Gesicht von Herrn H bleibt derweil ausdruckslos. Falls er irritiert sein sollte, läßte er es sich nicht anmerken. Ganz anders Frau R. Laut Vereinbarung darf sie das Aufnahemstudio nicht betreten. Sie steht in der Tür und gestikuliert wild, zeigt auf den zweiten schwarzen Sessel. Herr B schaut sie mürrisch an, schließlich erhebt er sich und setzt sich in den schwarzen Sessel.
    "Das war doch nur ein Scherz!"
    ruft er und schaut sich dabei zu Frau R um.

    Der zweite Gong, der Moderator betritt den Raum. Wer es ist, kann man nicht erkenne, weil er eine große, schwarze Maske trägt. Die Frage der Moderation war lange strittig gewesen. Die Lösung war ein maskierter Mensch (die Maske, damit es ethnisch neutral bliebe) der keine eigenen Fragen stellen darf sondern lediglich das Recht hat vorformulierte Fragen von einem Zettel abzulesen. Der Moderator setzt sich in den mittleren Sessel, gerade rechtzeitig, denn schon ertönt der dritte Gong.

    Es geht los. Drei Scheinwerfer richten sich auf drei Personen. Die roten Lichter der Kameras beginnen zu leuchten. Ungewöhnlich für eine Fernsehshow: es wird keine Titelmusik gespielt. Die Parteien hatten sich auf kein Stück einigen können. Nun erklingt eine synthetische Stimme aus einem Lautsprecher: "Frage Nummer 1". Der Moderator zieht eine großen Zettel aus der Tasche und beginnt langsam und deutlich zu lesen:
    "Herr B, laut Protokoll haben Sie das erste Wort, weil B im Alphabet vor H kommt. Die erste Frage lautet: Was sind ihre genauen Forderungen an Herrn H?"
    Der Scheinwerfer, der auf den Moderator gerichtet war, erlischt, die Kameras richten sich auf Herrn B. Der zeigt keine Spur von Nervosität, sagt aber auch nichts. Eine Minute vergeht. Die Sekunden verrinnen quälend langsam. Frau R, obwohl zu strengem Schweigen verpflichtet, beginnt zu husten. Da! Was ist das?? Herr B erhebt sich aus dem Sessel. Er schaut Frau R an und steckt seine Zunge heraus. Unglaublich, das ist der mächtigste Mensch der Welt! Jetzt geht er auf den Sessel, in dem Herr H sitzt, zu. Was hat er vor? Herr H blickt nicht auf, seine Mimik bleibt versteinert, B scheint Luft für ihn zu sein. Unglaublich, jetzt sinkt B vor H auf die Knie. Er spricht:
    "Lieber Saddam! Das ist meine Chance Dir zu sagen, was ich Dir schon immer sagen wollte. Ich habe Dich immer bewundert, wenn ich Dich mit Deinem großen, altern Gewehr im Fernsehen gesehn habe und ich habe mir immer gewünscht mal mir Dir zusammen zu spielen. Ich liebe Dich und möchte Dein Freund sein. Bitte komm' mich mal auf meine Ranch besuchen! Ich will nicht mehr streiten!"
    Fassungslose Stille. Saddam H bewegt sich immer noch nicht. Aber etwas glänzt auf seiner Wange. Weint er etwa? B erhebt sich und und umarmt H. Dann kann man nichts mehr erkennen, denn plötzlich erlöschen die Scheinwerfer. Ein unglaubliches Getöse setzt ein. Mein Gott, was passiert hier? Ich habe Angst. Ich versuche hier irgendwie rauszukommen und gebe zurück in die Sendezentrale....
    Geändert von pesquisador (13-03-2003 um 01:53 Uhr)

  2. #2
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
    Registriert seit
    13.01.2003
    Beiträge
    4.692

    Alptraum

    Soviel ich weiß, wird im Arabischen der Nachname voran gestellt. Es müßte also "Herr Sadam" heissen.
    Aber auch wenn dieser grobe Schnitzer getilgt wäre, wäre "Ein Traum" immer noch nicht eine dämliche, überflüssige Geschichte ohne jeglichen Witz und Esprit.
    Ich hatte gehofft, daß das Prosaforum frei bleiben würde von diesem Thema, daß uns schon überall dermaßen um die Ohren geschlagen wird, daß es schmerzt. Aber es findet sich leider überall immer wieder ein penetranter Idealist, der nervt.

    Es gibt wichtigeres als die "Irak-Krise". Was ist mit dem Dosenpfand? Oliver Kahn? Deutschland sucht den Superstar?

    Das sind Themen, die uns interessieren, lieber presiquator...

    Thomas Bernhard

  3. #3
    cara ist offline "Habilitand" (500-749 Beiträge)
    Registriert seit
    24.02.2003
    Beiträge
    540
    Das sind Themen, die DICH interessieren, lieber Thomas Bernhard.

    Ich würde "ein Traum" als Satire bezeichnen, und eine Satire ist ein literarischer Text, also warum sollte er nicht im Prosa-Forum stehen? Du schreibst ja selbst, es handele sich um eine "Geschichte", noch dazu ist sie in einen fiktionalen Kontext eingebettet und vom Inhalt her utopisch, und das sind alles Merkmale eines literarischen, nicht eines Sachtextes.

    Ich jedenfalls saß breit grinsend vor dem PC, als ich den Text gelesen habe, herrlich fand ich v.a. die Stelle, wo das Lineal zum Schnurrbart-Ausmessen verwendet wird.

    Ich hätte allerdings am Schluss noch Herrn Hussein glückselig lächelnd Worte wie: "Mensch George, ich wollte schon immer mal nach Amerika! Darf ich dann auch mal im Oval Office hinter dem Schreibtisch sitzen? Darum hab ich dich schon soo lange beneidet!" sagen lassen oder sowas in der Art.
    Die Welt entsteht im Kopf.

  4. #4
    Der Vogone Gast
    Hmm--

    Ich finde es, ehrlich gesagt, auch nicht so richtig gelungen. Eher bißchen infantil-albern als wirklich witzig. Für eine Satire oder einen kabarettistischen Text wirkt der Humor zu gewollt und holzhammermäßig, die Situation um etliche Meilen zuuu weit an den (Schnurrbart-)Haaren herbeigezogen.

    War einen Versuch wert, der nach meinem Eindruck jedoch leider danebenging. Vielleicht gibt aber auch das Thema einfach nichts her, was für Kalauer - welcher Art auch immer - taugte. Die gegenwärtige Weltlage hat längst aufgehört, noch einen Rest Komik in sich zu bergen...

    Traurig, traurig:
    Der Vogone

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