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  1. #1
    S. Anders Gast

    Die Bücher (#3)

    Alle Kapitel wurden überarbeitet & hier gebündelt: TNG



    Geändert von S. Anders (06-03-2005 um 13:47 Uhr)

  2. #2
    S. Anders Gast
    Alle Kapitel wurden überarbeitet & hier gebündelt: TNG



    Geändert von S. Anders (06-03-2005 um 13:47 Uhr)

  3. #3
    Gast
    Im Schlafzimmer meiner Eltern herrschte noch finsterste Nacht, als ich eintrat. Die Türscharniere quietschten nicht. Vater ölte sie zu jedem Wochenbeginn. Ich traute mich nicht, den Lichtschalter zu betätigen; irgend etwas Unbestimmtes hielt mich davor zurück.

    "Vater", flüsterte ich mit krächzender Stimme, "Mutter braucht Geld." Wie ein Rabe kam ich mir vor, den sein lausiges Schicksal in einen Wolfsbau trieb. Dem entsprechend roch es auch im Zimmer.

    "Rede ruhig lauter", polterte es vom Bett zurück, "dachte mir schon, dass du nochmal kommen würdest. Setz dich her. Aber lass in Gottes Namen das Licht aus! Würde deine liebe Mamá nur misstrauisch machen."

    Mit Widerwillen tastete ich mich vorwärts durch den Raum, mehrmals über scheinbar hastig abgestreifte Hosen und nasses Schuhwerk stolpernd. Meine Socken sogen Feuchtigkeit auf wie Schwämme. Vater kicherte. Derart vergnügt hatte ich ihn selten erlebt.

    "Ja. Ja. Brech dir nur den Hals, und wir können deiner Mutter die Einkäufe ersparen. Für zwei reicht’s doch immer.", erneut hörte ich ihn einladend auf die Matratze tätscheln. Er klang nicht im Geringsten erkältet. "Für zwei reicht’s immer", wiederholte er und fast schien es mir, als sei er leicht betrunken oder im Fieber verrückt geworden.

    Ich setzte mich zu ihm. Roch seinen heftig gehenden Schlafatem. Fühlte plötzlich - schwer wie ein Mehlsack - seine Hand auf meiner Schulter.

    "Was gestern Nacht passiert ist, Junge, geht niemanden etwas an. Das ist Sache zwischen dem Mann und seiner Frau. Kannst du das verstehen?"

    Ich nickte heftig. Und als mir einfiel, dass er mich nicht sehen konnte, antwortete ich, wofür ich drei ganze Anläufe brauchte: "Ja."

    "Nur der Bürgermeister weiß Genaueres. Die Polizei. Ich. Und du. Weil du dabei gestanden hast. Weil du neugierig warst wie ein kleines Füchslein."

    "Ja, Vater."

    "Die Frau war völlig ausgelaufen!" schrie er plötzlich, "Im Kopf drinnen. Verstehst du, David?"

    "Ja.", sagte ich wieder und Angst drückte mir auf mein Herz.

    Vater hatte sich mittlerweile an meiner Schulter hochgezogen, halbwegs aufgerichtet, warum, wohin, schien er selbst nicht zu wissen. Sein Keuchen verriet es.

    Mein Vater schlief immer nackt. Das ganze Jahr hindurch. Auch im Winter. Vermutlich aus einer Prinzipientreue heraus, deren Ursprung nicht einmal er selbst kannte, geschweige denn meine Mutter, die oft mehrere Nachthemden übereinander trug.

    Sie fror. Er schwitzte. So war das eheliche Bett eine der wenigen Lebensstätten, wo sie sich ergänzen konnten.

    Ich versuchte, indem ich mich leicht wegdrehte, die schwere Hand abzustreifen. Erfolglos. Sie rührte sich nicht und strahlte eine Hitze ab, bratpfannenheiß.

    "Alles in Ordnung, Sten?" hörte ich Mutter von unten rufen. Sie klang ernstlich besorgt.

    "Die hat sowieso nicht hierher gehört.", zischelte Vater erregt und - für seine Verhältnisse - über alle Maßen geschwätzig. "Leute wie die halten unser Klima nicht lang aus. Schwache Gelenke. Aber der Mann, der ist in Ordnung. Der hat noch Mark in den Knochen. Obwohl er nicht von hier ist..." Seine Stimme versandete in einem Murmeln. Der Druck auf meiner Schulter nahm ab.

    Ich sprang derart unverhofft auf, dass die Bettfedern protestierend losschrien.

    "In der Nachttisch-Schublade ist Geld. Nimm zwei Scheine raus und verschwinde. Verschwinde, David."

    Da griff ich blindlings zu, fühlte eine Menge raschelnden Papieres unter meinen Fingern, wunderte mich kurz, verließ aber doch stumm und in alles Hast das Zimmer, in dem mein Vater jetzt - fremdartig wie ein verwundetes Tier - zu stöhnen begonnen hatte.

    Draußen im Flur begrüßte mich endlich Licht. Das war wie wachgeküsst werden nach einer schlimmen Nacht. Ich hielt zwei Hunderter in der Hand. Mehr Geld, als ich je zuvor gesehen hatte! Mir blieb nur noch Glotzen übrig. So stand ich eine Zeitlang, ohne zu denken, bis die Hupe des Busses in mein Bewusstsein vordrang und ich, den letzten Gruß an meine Mutter verschluckend, Schulmappe, Gurkenbrote und Ingwertee in der Küche vergessend, hinaus in die starre Kälte stürmte; hauptsächlich, um wieder freier atmen zu können.

    Im Vorgartenschnee konnte ich ihre Spuren noch zwischen den anderen ausmachen. Als hätte sie sich den letzten unberührten Rest Schnees ausgewählt, um darin an Bedeutung zu gewinnen, waren da vier sauber gesetzte Abdrücke nebeneinander - ohne zu verraten, wo sie hergekommen waren, oder wo sie sich später verlaufen wollten.
    Geändert von La Tramontana (20-05-2003 um 18:50 Uhr)

  4. #4
    S. Anders Gast
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    Geändert von S. Anders (06-03-2005 um 13:47 Uhr)

  5. #5
    S. Anders Gast
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    Geändert von S. Anders (06-03-2005 um 13:48 Uhr)

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