Trauriger Grundton, der sich dem Leser gut erschließt. Die erste Strophe ist rund, obwohl "die Nester der wohligen Wartens" hart an die Kitschgrenze gehen, wie übrigens auch der "Schnee zwischen Morgen und Weh" in der zweiten Strophe. Bis zur Mitte der zweiten Strophe befinden wir uns sozusagen drinnen und gehen dann nach draußen in den Schnee (auch ein bisschen abgegriffen im Zusammenhang mit Weihnachten), um in der dritten zum Innen (zum Wesentlichen) zu kommen. Und da habe ich einfach sprachliche Schwierigkeiten. Das substantivierte Ertragen der Feste und der Infinitiv der nächsten Zeile (nicht abzuhalten das Glück) beziehen sich zwar beide auf "Das müßte ich erst wieder lernen", und lassen sich insofern vertreten. Aber beim Lesen stolpert man automatisch und ist irritiert. Das ist schade.
Die nächsten beiden Zeilen kann ich beim besten Willen sprachlich (!) nicht nachvollziehen. Egal wie ich es versuche, es bleibt grammatikalisch einfach falsch. "Das müßte ich erst wieder lernen ..... zu bestehen stattdessen ein Schmerz..." ??
Ist aber zweitrangig.
Das Gedicht hat etwas Elegisches, und könnte im Stile eines Schubert-Liedes wahrscheinlich schön gesungen werden.
Philosophisch betrachtet gibt es immerhin Grund zum Nachdenken darüber, was denn da wieder gelernt werden müsste? Ist es schon einmal gelernt worden? Und warum soll es erneut gelernt werden? Was würde damit erreicht werden sollen/können? Wird das, was verloren ist, als essentieller Verlust gewertet (Strophe 3), oder als Verlust lieb gewonnener Gewohnheiten ... (Strophe 1). Und die Schluss-Frage bliebe: Lohnt es sich überhaupt, es wieder zu lernen? Lässt sich prima stundenlang drüber nachdenken und disputieren (gerade in diesen gefühlsdusseligen Weihnachtstagen). Nicht die schlechteste (Aus-)Wirkung eines Gedichts.
santana
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25-12-2003 02:23 #1Der Vogone Gast
Ich müßte das erst wieder lernen
[Why-Nacht 2003]
Ich müßte das erst wieder lernen
Nester des wohligen Wartens
Richtige Worte falsch
Gesungen vor künstlichem Grün
Oder echtem mit Kugeln und Sternen
Das müßte ich erst wieder lernen
Ich müßte das erst wieder lernen
Gebetsrascheln knisterndes Schenken
Empfangen Erhalten und Teilen
Schnee zwischen Morgen und Weh
Unter unverwandt fahlen Laternen
Das müßte ich erst wieder lernen
Ich müßte das erst wieder lernen
Das zu ertragen die Feste
Nicht abzuhalten das Glück
Zu bestehen statt dessen ein Schmerz
Durch Tränen selbst nicht zu entfernen
Das müßte ich erst wieder lernen
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25-12-2003 11:41 #2
"Absolvent" (80-149 Beiträge)
- Registriert seit
- 17.07.2003
- Beiträge
- 125
Re: Ich müßte das erst wieder lernen
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25-12-2003 18:43 #3Der Vogone Gast
Hallo, santana!
Erst einmal ein herzliches Dankeschön für deine doch relativ eingehende Beschäftigung mit dem Text. Ich möchte ihn zunächst aber noch nicht näher erläutern, weil ja vielleicht noch andere Kommentare kommen. Ein, zwei Hinweise zur Verständnis-Erleichterung will ich dennoch geben.
Jetzt weiß ich leider immer noch nicht, was genau dich zum Stolpern bringt. Unbehelligt davon mache ich aber darauf aufmerksam, daß sich die infiniten Verben mit "zu" nicht automatisch auf das Substantiv beziehen müssen, mit dem sie in derselben Zeile stehen.Original geschrieben von santana
Das substantivierte Ertragen der Feste und der Infinitiv der nächsten Zeile (nicht abzuhalten das Glück) beziehen sich zwar beide auf "Das müßte ich erst wieder lernen", und lassen sich insofern vertreten. Aber beim Lesen stolpert man automatisch und ist irritiert. Das ist schade.
Auch Feste kann man nämlich "abhalten", wobei "nicht abzuhalten" mit der negativen Bedeutung des Verbs spielt, die verneint wird, i.S.v. "den Festen nicht (mehr) ausweichen".
Und auch ein Glück muß man manchmal durchaus erst "bestehen"; erinnere dich an den Spruch "Den / die muß man zu seinem / ihrem Glück zwingen".
Anders gesagt, die Verben können sowohl vorausweisend als auch rückverweisend gemeint sein. Vielleicht ist es das, was dich "stolpern" läßt?
Nun, "falsch" würde ich nicht gerade sagen, denn es handelt sich ja um eine assoziative Reihung, wo man nicht unbedingt die begonnene Konstruktion bis zum Ende durchzieht. Die ersten beiden Strophen stellen schließlich im streng syntaktischen Sinn auch keine "Sätze" dar.Original geschrieben von santana
Die nächsten beiden Zeilen kann ich beim besten Willen sprachlich (!) nicht nachvollziehen. Egal wie ich es versuche, es bleibt grammatikalisch einfach falsch. "Das müßte ich erst wieder lernen ..... zu bestehen stattdessen ein Schmerz..." ??
Es findet in Strophe 3 ein Konstruktionswechsel statt (wie ja mit dem "Schmerz" auch ein abrupter Themenwechsel erfolgt), zu erkennen schon daran, daß da "ein Schmerz" steht und nicht "einen", was grammatisch erforderlich wäre, bezöge sich der Nebensatz auf den Hauptsatz "Ich müßte das erst wieder lernen".
An welcher Phrasengrenze man den Konstruktionswechsel ansetzt - ob unmittelbar vor "statt" oder vor "Zu bestehen" -, hängt davon ab, ob man das "bestehen" auf das "Glück" bezieht oder auf den "Schmerz".
Zum "Kitsch" vielleicht ein andermal mehr, sonst artet es wieder aus...
Gruß,
Vogo
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28-12-2003 01:22 #4
Gefällt mir sehr gut, das Gedichtchen. Zum einen, da es eine leicht melancholisch-nachdenkliche, aber dennoch auf eine gewisse Weise feierliche Stimmung erzeugt - und damit recht genau meine allweihnachtliche Gefühlslage wiedergibt -, zum anderen aber, weil ich es, äh, technisch gut gelungen finde. Gerade die Uneindeutigkeit mancher Bezüge geben ihm etwas, was ich persönlich an vielen Gedichten hier - soweit ich sie gelesen habe -, ein wenig vermisse: Nämlich eine gewisse sprachliche Rafinesse, die zum Drübernachdenken anregt, aber einem auch klarmacht, wohin die kognitive Reise denn gehen soll. Und was den Kitsch angeht: Seh ich nicht.
"Nicht wer am ältesten wird, hat am längsten gelebt, sondern wer am stärksten erlebt hat. Mancher wird mit hundert Jahren begraben, der bei seiner Geburt gestorben war."
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19-02-2004 12:12 #5
Frohes Fest
Was ja auch sofort auffällt ist die Gebetsmühlenstruktur, was ich hier nicht negativ meine, weil es ins Thema passt: jede Strophe beginnt und endet mit der(respektiv)selben Zeile. Wie ein Schüler, der denselben Satz hundert mal an die Tafel schreiben muss, oder jemand, der eine Telefonnummer immer und immer wieder aufsagt, um sie zu lernen.
Die beiden Zeilen wirken wie ein Gerüst, an dem sich haltend das Lyri in den Zeilen dazwischen (wieder) gehen lernt.
Was ebenfalls sehr gut paßt ist das Wann des Gedichtes: das Weihnachtsfest als Zeit der Versöhnung, als Jahresabschluss, als Zeit, wo man so manch Unangenehmes in den Monaten davor vergißt und sich auf das Jetzt konzentriert. Und diesen Perspektivenwechsel muss man ggf. erst einmal wieder lernen.
Es wird aber natürlich auch das Weihnachtsfest kritisiert, indem das Formelhafte dieser Institution betont wird, es ist kein ehrlicher, spontaner, nur schöner Tag, sondern sein Ablauf hat etwas Künstliches, Rituelles, Erlerntes.
Man sollte sich allerdings auch über den Konjunktiv Gedanken machten: das Lyri deutet damit an, dass es "das" eigentlich gar nicht lernen will. Umso interessanter, dass es da doch gerade etwas zu lernen scheint, quasi gegen seinen Willen. Genauso, wie der Leser ja auch mir nichts dir nichts in das Formelhafte des Gedichts gezogen wird, "gegen den Willen", oder unabhängig seines Willens: man "müsste" das Gedicht interpretieren, aber durch bloßes oberflächliches Lesen wird man in diesen Prozeß schon reingezogen, ohne es zu merken.
Das Gedicht ist wie Weihnachten. Ein Fest.
Gegen Demokraten helfen nur Soldaten.
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