Hey, endlich mal einer, der meiner Meinung ist!
Ich hab zu dem Thema schon einiges im Kuschel-Forum unter "Große Sorgen um Freund" geschrieben.
Ich finde es sehr gut, dass du das Thema hier ansprichst. Meiner Ansicht nach wird die "Psychologisierung des Lebens", die hierzulande stattfindet, von den meisten sehr unkritisch hingenommen und die ethischen Probleme, die sich daraus ergeben, einfach ignoriert.
Thema: Psychologie
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20-11-2005 13:05 #1nbh Gast
Psychologie
Psychologie als Wissenschaft? Einziges Ausgangsmaterial (neben marginalen Medizinischen Kenntnissen) sind Statistiken. Statistiken die als Endergebnis irgendwelche -wie auch immer geartete- scheinbar sinnvolle Erkenntnisse ergeben. Doch was kann das für den einzelnen bedeuten der damit therapiert werden soll? Er ist nicht die Mitte der Statistik sondern jener Einzelfall der vielleicht irgendwie in der Statistik auftaucht, doch die Grundlage der Wissenschaft bedeutet für ihn nichts, er ist ein Individum mit seinem ihm eigenen Fall.
Stattdessen wird erst durch die Statistik klar, dass er irgendwie von der "Norm" abweicht, dann wird versucht das Leben für ihn wieder erträglich zu machen dass er mehr oder weniger wieder dieser "Norm" entspricht.
Beispiel China, dort gibt es keine Psychologie. Zweifelsohne gibt es auch dort Menschen die unter psychischen Krankheiten (Depressionen,...) leiden. Tatsächlich jedoch sind viel weniger Menschen von scheinbar psychischen Problemen befallen, da sie sich überhaupt nicht bewusst sind, dass eben diese Probleme existieren, oder dass es überhaupt ein Problem ist dass man beheben sollte.
Daher stellt sich für mich die These, dass eben erst durch "Erfindung", bzw. weite Verbreitung der Psychologie sich die Menschen dieser Dinge bewusst werden und damit auch empfinden dass mit ihnen nicht mehr alles in Ordnung ist.
In den USA ist es bereits eher als hier normal einen Psychologen/Therapeuten/Psychiater aufzusuchen und sich irgendwelche Pharmazien verschreiben zu lassen. Das Kind dass dann irgendwelche Probleme hat wird wieder "normal" gemacht, dass es ein problemloses Leben führen kann.
Doch wohin führt das?
Wenn ein kleines Kind keine medizinischen Defekte hat, gleichzeitig aber seit einigen Monaten unaufhörlich schreit, gehen die Eltern dann gleich zum Psychiater und lassen sich für das Kind ein Mittelchen verschrieben dass das Kind wieder normalisiert? Hat das Kind dann vielmehr schon von Kindesalter an gar nicht mehr die Möglichkeit sich wirklich frei zu entwickeln, und zu lernen auch ohne "Drogen" mit seinen Problemen umzugehen?
Und vor allem wer definiert diese "Norm"? Was ist normal und was ist abnormal? Und warum sollte man etwas normalisieren nur um einer Norm zu entsprechen, die ein gesellschaftliches Konstrukt darstellt? Man wird "normalisiert" und dem angepasst was gesellschaftlich als lebensfähig erscheint, tatsächlich normalisiert bedeutet demnach in unserer maximal kapitalistischen Gesellschaft effizient, problemlos und leistungsfähig zu sein. Und dann folgt man (bzw. wird angepasst) einem Gesellschaftskonzept (Kapitalismus), dass noch nichtmal einen tieferen Sinn besitzt.
Es ist etwas anderes einen physischen Defekt zu heilen, da dieses heilen wohl unseren "Geist" nicht länger beeinflusst. Einen psychischen Defekt jedoch zu heilen, dessen Ursache nicht vollumfänglich klar ist, ist etwas anderes.
Und dabei geht es mir nicht um Menschen die wirkliche psychische Probleme haben und z.B. so nicht mehr Leben wollen. Kommen diese Menschen von selbst und wollen "Heilung" ist das wunderbar. Das Problem dabei ist für mich nur, dass das zum Selbstläufer werden kann.
Hat sich erstmal die Erkenntnis bei einem Großteil der Bevölkerung durchgesetzt dass schlechte Laune ja eigentlich nicht notwendig ist, bietet die Psychologie mittels Psychopharmaka eine "einfache" Möglichkeit diese loszuwerden. (und evtl. scheinbar ohne Nebeneffekte?) UND: Ist das in den USA jetzt schon groß anders?
Jedes kleinere psychische Problem wird dann zu einer großen Abnormalität die es zu heilen gilt.
Tatsächlich verlernen die Menschen dabei selbst mit ihren Problemen umzugehen ihr Wesen zu entwickeln, selbstbewusst und sich ihrer Selbst bewusst zu werden.
Tretet mich
### nbh
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20-11-2005 17:21 #2MaryLou Gast
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20-11-2005 18:46 #3Tatsächlich sind dort viel weniger Menschen von psychischen Problemen befallen? Lustig, woher willst du, woher kann man das wissen wenn sich niemand für die Probleme interssiert? Was ein Widerspruch. Außerdem ist es falsch. Dort bringen sich die Menschen mit psychischen Problemen nämlich einfach um. So einfach ist das.
Zitat von nbh
Außerdem geht es nicht nur um Statistik und die marginalen medizinischen Erkenntnisse sind nicht so marginal.
Sicherlich ist es Unsinn jede kleine Macke therapieren zu wollen, aber alles verteufeln nur weil die Wissenschaft den Dingen jetzt einen Namen geben kann ist genauso Unsinn.
Und ich denke mal ein Therapeut wird schon zwischen einer Macke und einer Krankheit unterscheiden können.Wenn überschäumende Phantasie der Wein des Wahnsinns ist, fülle meinen Becher
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20-11-2005 19:22 #4MaryLou GastGenau das ist der Knackpunkt: Was eine Macke ist und was eine Krankheit, ist Definitionssache. Und meiner Ansicht nach darf man die "Definitionshoheit" nicht allein den Ärzten und Therapeuten überlassen, denn diese haben doch ein nicht gerade geringes Eigeninteresse daran, dass es möglichst viele Kranke gibt. Schließlich leben sie davon.
Zitat von Alesiana
Ich finde, wenn man die Definition den Therapeuten überlässt, ist das so, als würde man zum
Bäcker gehen und zu diesem sagen: "Verkaufen sie mir einfach so viele Brötchen, wie sie meinen" und sich dann anschließend wundern, dass man 1000 Brötchen angedreht bekommt.
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20-11-2005 19:28 #5nbh GastIch kann leider keine Referenz (Alzheimer)nennen und deshalb lasse ich mich gerne vom Gegenteil belehren, allerdings denke ich dass das Aufkommen alleine der Behandlungsmöglichkeit und das Bewusstsein ("Hey, das könnte ja ne Krankheit sein!) auch die Aufmerksamkeit für diese Probleme schärft, und sie damit (auch) künstlich erschafft.
Zitat von Alesiana
Hehe, verglichen mit dem was man noch wissen sollte speziell im Gehirn denke ich sicher dass man die Erkenntnisse als marginal bezeichnen kann. Um was geht es denn dann? Was ist die Basis dieser Wissenschaft?
Zitat von Alesiana
Ich verteufle es ja nicht, nur halte ich diese ganze Entwicklung für ein sehr großes Problem dem man sich bewusst werden sollte.
Zitat von Alesiana
Wohin soll sich Psychologie entwickeln? Wer definiert was gut ist, und was schlecht ist und geheilt werden soll.
Überspitzt formuliert: Sollen wir alle quietschfröhliche Menschen ohne Sorgen und Ängste werden? Globale Gleichschaltung und Antiindividualisierung? Zerstören wir dann nicht gerade das was uns als "Mensch" ausmacht? Individualität, Angst, Neugierde & Co?
Das Problem ist, wenn du dir wirkich einbeildest dass das eine Krankheit sein könnte, dann kann es auch eine werden.
Zitat von Alesiana
Außerdem wenn man unzufrieden mit einer Laune ist, und man kann diese abschalten, warum nicht?
@ Marylou: Freut mich dass du meiner Meinung bist :-)
### nbh
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