Thema: Haus der Zukunft!
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19-05-2009 15:34 #1
"Abiturient" (0-19 Beiträge)
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Haus der Zukunft!
Wie wohnen wir morgen?
So nicht!
Umberto Schlumberger
Haus der Zukunft
eine Endzeitvision
Und wie üblich ging es dieses Morgens, wie es üblich war begann der Tag pünktlichst um viertel nach Acht, ganz gewohnheitsgemäß, eingeläutet durch den Marschbefehl des Weckers, für Umberto Schlumberger.
Schlumberger, 74 Jahre reich an Lebenskraft, ein aufälliger Gevatter, recht klein in der Figur und dabei außerst kantig von Gesicht, um seinem exotischen Vornamen Rechnung zu tragen, begann seinen Tag für gewöhnlich langsam! Wir wollen ihn also nicht überrumpeln.
Herr Schlumberger hatte da so eine Strategie, eine Strategie, um den Tag zu beginnen:
„Obacht“, sagte mir einstmals Herr Schlumberger, „Spät aufgestanden und der Ganze Tag wird Murks!“
Folge ist zu leisten. Herr Schlumberger verharrt an diesem Morgen zunächst einmal gute zehn Minuten im Liegen. Abwarten...nicht zu schnell, das tut dann im Kopfe weh. Erstmal orientieren. Da ist der Wecker. Da ist meine Frau. Atmet sie noch? In der Tat. Notfalls:
Da ist das Telefon, das ist schnell gegriffen. „Ich bin Virtuose auf der Wählscheibe, das macht mir so einfach kein Mensch nach.“
Nochmal Augen zu...auf...zu...auf. Zu...Luft anhalten...warten. Auf...Und laut die Luft einziehen: Hschschschschschsch!!!
„Umbert, was soll denn das, jeden Morgen derselbe Quatsch“
„Was für ein Brüller.“, denkt sich Herr Schlumberger, sagt er aber nicht laut.
Umberto Schlumberger mag keine „schlauen Sachen“. Den ganzen Kram, den jeder braucht, weil jemand das gesagt hat, der sein Leben mit einer Kamera unter der Nase verbringt, weil er das wahre Leben irgendwie nicht riechen kann. Den, genau den, mag er nich.
Umberto Schlumberger macht sein Wasser nicht im Kocher heiß, Umberto Schlumberger macht das im Kochtopf aus Blech und das funktioniert klasse. Das geht ratzfatz, Sagt Herr Schlumberger. So ein Gasherd der haut ordentlich was weg. Da geht es wuschstrudelratterblubberbrodel und spornstreichs ist das Wasser heiß. Herr Schlumberger ist Teebeuteln gegenüber feindlich gesinnt. Er geht zu Friedhelms Drogieriebedarf, kauft ein zehntel Schüttmeter Pfefferminzblätter, zuhause werden diese dann, nicht der ganze zehntel Schüttmeter, versteht sich, sorgfältig von den Stielen getrennt und in eine Schale geschmissen. Klasse Tee.
Überhaupt ist Herr Schlumberger Genussmensch, denn er genießt die einfachen Dinge im Leben.
Das Vergnügen guten Tees ebenso wie die beruhigende Routine, jeden Morgen seine Schuhe zu putzen.
Wir staunen über den leichten Lebensstil des Herrn Schlumberger, ein gewisses Moment der Retardation besteht da jedoch. Es ist Nigel. Nigel war der amerikanische Wakeboardcoach der Tochter Umberto Schlumbergers, die jetzt Ina Jimmylewis heißt.
Das ist schrecklich, aber kein Problem. Das heißt nämlich Nigel-Umberto Jimmylewis und ist Schlumbergers Enkelsohn, ein spitzfindiger Forscher, 13 Jahre alt, Mit zurückgekämmten Haaren, schwarzrandiger, runder Brille und einer Menge Expertise für „Wissenschaft“.
...Es ist früher Nachmittag. Durch das Fenster hört man Straßenverkehr und Gewehrschüsse. Halt! Viel schlimmer. Es sind keine Gewehrschüsse. Es ist Nigel-Umberto Jimmylewis, der an die Tür hämmert. Hoffentlich hat er seine hysterische Mutter nicht im Schlepptau.
Aber das Schlepptau ist leider gut gelaunt und hat sie mitgenommen.
„Vati, so mach doch auf...“
„Donnerjunge! `Vati’ – nervt das!“
Es hilft nichts, man muss ihnen öffnen, sonst würde man fortan allwöchentlich terrorisiert.
„Hallo Opa. Was gibts Neues, Neues, Neues. Nicht Altes, Neues ???“
„Guten-Morgen-Nigel“, jammert Herr Schlumberger wehleidig über dessen Kopf hinweg, der sofort an ihm vorbei in die Wohnung gerast ist.
„Hi, wie gehts denn so!“
Solch eine einschneidende Unerträglichkeit von Begrüßung ist für Schlumberger zum ewigen Leid geworden. Er sieht nicht ein, wozu es sein muss. Tochter Ina jedoch rechtfertigt sich stets provisorisch, die Kollegen Klipp, Trapp und Plenz sprächen ja auch so, die Moderne hole uns ja alle ein.
Die MODERne, ja, die kennt Schlumberger nur zu gut aus der Biotonne vor der Wohnung, die modert gewaltig.
Umberto Schlumberger muss seinen Verwandten gar nicht antworten, denn er kennt alle Fragen schon vorher:
Quatsch Quatsch Quatsch und nocheins vom Quatsch.
Und als ihn sein Enkel Nigel-Umberto schlussendlich einweiht, dass er ja jetzt bald umziehe, da nickt Schlumberger auch nur routiniert ab und exerziert sein fachmännisches JAJAJA wie gehabt durch, bis er mitten im weiterverlaufenden Gespräch, das auf einmal von selbstwärmenden Fußbodenfliesen, energiesparenden Rasensorten, fettfrei katalysierten Sahnetorten und Biokaffee aus dem Aluminiumkanister handelt, bemerkt, dass da etwas spanisch ist im Staate Dänemark, das ihm reichlich faul vorkommt.
Umzug?
Umberto Schlumberger ist zufrieden in seiner guten alten 4-Zimmerwohnung im Lübecker Altstadtkern. Hier blickt er geradewegs durch die enge Gasse am Fundament der Kirche vorbei auf die ehrwürdigen Kaufmannshäuser der Hansezeit, in der er sowieso lieber leben würde, als zwischen Sinnmachern und Kaufhauspriestern.
Ina Jimmylewis hatte schon einen Koffer fertig gepackt. Als Herr Schlumberger zum Kleiderschrank wankte um sich eine Jacke zu nehmen, war sie weg.
Kolonnen von Transportfahrzeugen schienen in die Straße einzufallen, man enteignete Herrn Schlumbeger stehenden Fußes.
Schlumberger glaubte sich prompt im Kommunismus wiedergefunden zu haben und hechtete nach seinen Protestbannern, die er sich für alle Fälle aufhob, um gegen die Rotfront auf die Straße zu ziehen, wenn es mal weider soweit sein würde. Sie waren weg!
Nigel stand immernoch im Wohnzimmer, aber nicht still. Still sitzen konnte der Bengel sowieso nicht.
Er führte einen seiner fröhlichen, wissenschaftlichen Tänze auf.
„Wir fahren in die Zukunft, wir fahren in die Zukunft, wir fahren in die Zukunft, ja das ist sonnenklar!!“
Welch einen Wahnsinn trieb man hier mir ihm. Welche Logenbrüder waren es, die ihm an den Kragen wollten. Hatte er in der Öffentlichkeit falsche Meinungen geäußert, hatte er dem Staat sein Schutzgeld nicht gezahlt?
Was geschah?
Exodus
Ein schwülwarmer Wind zwischen den Backsteinfassaden. Glänzender Asphalt in der Dämmerungssonne. Ihr Licht vermischt sich mit Scheinwerferleuchten – ein ungleicher Kampf, doch die Sonne will ruhen. Ein Zug von drei Lieferwagen, weiß. Sie verlassen die Mauern der Stadt.
Unter ihnen die Trave, Über ihnen das Abendrot, das nun mehr und mehr blutfarben zu werden scheint.
Angst im Gesicht des Umberto Schlumberger. Fratzen dort, wo der Kopf seiner Entführer sich befinden sollte.
Hohn. Nigel-Umberto Jimmylewis grinst wie ein Bessesener, der Teufel, dem er Marionette ist, hole ihn!
Reichlich joviales Lachen aus dem Rachen der Jimmylewis. Was hat sie vor? Revolte der eigenen Brut. Die Revolution frisst mit dem Maule ihrer Kinder.
Die Hände gefaltet. Der Blick nun gesenkt – dieser Anblick ist nicht zu ertragen. Gepeinigt von der eigenen Nachkommenschaft. Gezogen von eigener Hand beißen sie in die ebige, die sie einst fütterte.
Frau Schlumberger. Apathie. Es mangelt der Orientierung, die Beruhigungsversuche Umberto Schlumbergers – vergebens, er ist selbst Verfolgter.
Ein Knistern wie von Blitzen, gleichsam ein Summen wie der ängstigende Gesang einer Hochspannungsleitung. Es ist nicht mehr weit.
Teilung des Meeres. Schlumberger hört Wasserrauschen.
Vorboten des Unterganges
Die Pforte öffnete sich von selbst...
Deliriöse Zustände, Die Wände viel glatter als im eigenen Hause. Alles besteht aus Chrom. Kein Wunder, Nigel-Umberto, der Bengel, hatte das mal erwähnt. In der Zukunft sei alles aus Chrom. Es blinkt und schäppert in jeder Ecke. Unzählige Kontrolleuchten an den Wänden. Ein seltsames Gemisch und Lichtspiel, das es dort zu beobachten gab. Rot und Gelb verschmieren immer wieder aufs neue. Dann Grün. Herr Schlumberger kennt die Bedeutungen von Kontrolleuchten, aber das Grün ist ihm am gespenstischsten. Was soll es heißen? Grün? Was ist denn da in Betrieb, dass man, um es zu überwachen, solche Spielapparate braucht.
Geräusche und Geräusche. Ohrenbetäubender Lärm möchte man sagen. Was geht dort nur vor sich. Hier ein Schlürfen wie das der Hospizkameraden Bruder Schlummbergers. Hier ein Röcheln, hier ein Klappern, Dort ein Rasseln, hinüber wieder ein Knall. Alles ist konspirativ. Kein Stromzähler sondern ein Blechmonster mit – na was schon – Kontrolleuchten über Kontrolleuchten. Wer zahlt den Strom für all die Kontrolleuchten?
„Das machen wir für Sie, keine Ursache“
Ein Junger Herr hatte sich vorgedrängt. Schmal und lang, in Uniform. Jacket, schwarz. Hemd,weiß. Die Krawatte – aus Chrom! Was für ein Schreck, an welch eine Sekte war Herr Schlumberger da nur geraten.
„Diese innovative Wohnunterkunft gibt sich im Mittel mit einem Zehntel des Strombedarfs eines herkömmlichen 4-Personenhaushaltes zufrieden. Es wird nicht zuletzt aus einer Stromquelle gespeist, die wir landläufig als Solarstrom bezeichnen. Solar, das kommt aus dem lateinischen sol, wissen Sie? Das heißt Sonne! Wir ziehen es jedoch vor es bei seiner korrekten Bezeichnung als Photovoltaik zu benennen.“
Was redete dieser junge Mann da. War er noch ganz bei Sinnen?
„Ich freue mich, Ihnen die Vorzüge ihres neuen Zuhauses vorstellen zu dürfen: Sie verfügen von nun an über selbstregulierende Fußbodenheizung und selbsttönende Terassenscheiben. Dazu selbstschließende Fenster und Türen, sowie diese, halten Sie sich fest – Herr Schlumberger hielt sich schon die ganze Zeit über fest – selbstreinigende Küchenablage und den, halten Sie sich fest, stufenlos selbstregulierenden Wasserkocher.
Nun wurde es Herrn Schlumberger aber zu bunt. Wasserkocher waren ihm ein Graus.
Keine Gelegenheit, die Waffen zu ergreifen, der junge Herr brabbelte einfach weiter.
„Sie sehen des Weiteren den selbstständig die Bestände auffüllenden Kühlschrank mit fettfrei katalysierten Nahrungsmitteln.“
Nigel-Umberto und seine Mutter rollten mit den Augen. Das kannten sie bisher nur aus ihren Märchenbüchern.
„Ich lasse Sie jetzt allein und wünsche Ihnen im Namen meines Arbeitgebers Lohmar & Consorten angenehmes Wohnen hier, im HAUS DER ZUKUNFT!“
Es fügten sich die Dinge und Ereignisse zu einem Ganzen. Man hatte Herrn Schlumberger seines bisherigen Lebensraumes beraubt. Offenbar waren es seine Tochter und Enkelsohn, die ihn Opfer einer solchartigen Verschwörung hatten werden lassen. Schlumberger erinnerte sich der Worte seines Vaters, der ihm einmal gesagt hatte, dass, wer seines Lebensraumes beraubt würde, sich diesen entweder zurückerkämpfen müsse, oder aber den Lebensraum anderer an sich zu reißen habe. Man hatte ihn in diesen neuen Lebensraum geworfen. Doch es war ein feindlicher, ein anorganischer Lebensraum, dem er sich ausgesetzt sah. Umberto Schlumberger brauchte Ruhe. Die Dinge würden sich aufklären, so glaubte er.
Weg des Niederganges
Die Sonne war aufgegangen.
Herr Schlumberger las das auf dem volldigitalisierten Großbildwecker des Zentralrechners, unübersehbar an der Decke des Schlafzimmers montiert. Komisch, aber da war keine Sonne zu sehen – Kein Wunder war das, denn die vollautomatisierten Fensterluken hatten in konsequenter Folge des Lichtsignals alle Fenster verbarrikadiert. Doch Herr Schlumberger war nun wieder bei sich, nachdem ihm das Entführungsdrama des Vortages kräftig zugesetzt hatte. Höchste Zeit zum Marschgepäck zu greifen, das Herr Schlumberger zuhause unter dem Bett für den Kriegsfall deponiert und im Eifer des Gefechts, trotz aller Wirren, hatte mitführen können. Hier fand sich die nötige Taschenlampe, um sich im Haus, stockduster um 10 Uhr morgens im Hochsommer, zurechtzufinden.
Mit einem gekonnten Hieb der Taschenlampe, einem unverwüstlichen Kriegsgerät, Setze Schlumberger den von Kontrolleuchten übersähten Trafo der Fensterluken auf der Fensterinnenseite außer Kraft. Die Spannung wich aus den Seilen und die Klappen federten hoch. Sapperlot, wer hatte sich diesen Scheiß ausgedacht.
Von dem Krach waren alle anderen Personen aufgewacht. Spornstreichs tauchten Mutter und Sohn Jimmylewis in der Türschwelle auf. Mutter Jimmylewis telefonierte mit Vater Jimmylewis, der dieser Zeit wieder Wakeboardworkshops in Übersee gab. Vom dem Quatsch, den sie redete, verstand Schlumberger kein einziges Wort. Wozu auch, war ja garnicht wichtig.
Nigel-Umberto Jimmylewis hatte sich zur Kafeemaschine aufgemacht, die verdächtige Ähnlichkeit mit einem Bankautomaten hatte. Es war ein Bankautomat. Nigel-Umberto schien das jedoch nicht weiter zu stören, irgendwie war das Gerät nämlich trotzdem fähig, Getränke auszuschütten.
Mutter und Sohn Jimmylewis saßen im nächsten Moment am Chromtisch, den Kaffee aus der Umberto Schlumberger suspekten Maschine trinkend. Kein Wunder, dass Nigel-Umberto immer so aufgedreht wirkte, aber seine Mutter wollte ihn schnell an den Großstädterischen Kaffeefetischismus gewöhnen.
Es roch seltsamerweise überhaupt nicht nach Kaffeebohnen, ein Duft, den auch Teetrinker Schlumberger durchaus kannte. Er überprüfte in seiner Skepsis daher den Automaten. Da gab es einen Kanister unten drin, der ließ sich ausfahren. „Coffee“ stand drauf. Er war aus Aluminium. Geldscheine schwammen drin. Tatsächlich ein Bankautomat. Herr Schlumberger wischte mit der Hand durch die Brühe – es war Spülwasser. Tochter und Enkel merkten es nicht, aber die merkten sowieso nichts mehr.
Kurze Zeit später – Kaffeeduft durchströmte das gesamte Haus. Schlumberger vernahm es bis ins Obergeschoss, wo er gerade die Toilettentür zu öffnen versuchte, die sich aber nur terminplanmäßig selbst öffnete um durch Reglement der Besuchszeiten Wasser zu sparen.
Schlumberger erreichte die Küche. Der vollautomatisierte Reinigungsassistent wischte den Boden. Aus seinen Ventilen trat gelöster Bohnenkaffee aus. Der Boden war ruiniert.
Während wir im Hintergrund Frau Schlumberger den Kaffee händisch vom Boden entfernen sehen, stehen im Vordergrund Schlumberger und sein Enkel. Nigel-Umberto Jimmylewis zieht seinen Großvater am Ärmel in den Keller. Das kann nichts Gutes heißen.
Schlumberger und sein Enkelsohn erreichen das Ende der Kellertreppe. Es stinkt bestialisch nach Dung. Die Stromversorgung fällt aus.
„Was ist das für ein Mördergestank hier. Schöner Fortschritt, wenn die Klärgrube nicht mal ans Abwasser angeschlossen ist“
Nigel-Umberto belehrt: „Das ist kein Abwasser. Was du hier riechst, Opa, ist das großzügigste Geschenk der Natur an uns. Freiwillig überlässt sie uns ein reichaltiges Angebot an Energiequellen. Wir müssen nur aus unserem Schlaf erwachen und sie nutzen lernen. Lassen wir also die Natur unsere Lehrmeisterin sein!“
Wo hatte sich der Junge denn diesen Schwachsinn angelesen. Wir vermuten in der Schule. Und es stimmt. Nigel-Umbertos Chemielehrerin, eine schwer depressionsleidende Mitfünfzigerin, die statt des Jugendwahns Zustände des Zukunftswahns leidet, hat den Kindern diesen Monolog über Biomasse in der Schule auswendiglernen lassen. Sie müssen ihn jeden Morgen in Gebetsrichtung gen Ludwigshafen, dem Unternehmenssitz von BASF, mühlenartig dahermurmeln.
Nigel-Umberto hat eine 1 in Chemie. In Philosophie hat er eine 4.
Umberto Schlumberger steigt etwas am Fuß hoch. Warm und schwer steigt es bis über den Schuhrand, den es innen wieder herunterfließt, an Schlumbergers Bein kurz darauf aufwärts. Es ist Biomasse. Herr Schlumberger nennt das:
„Scheiße!“
„Hä?“ Nigel hatte offenbar überhaupt nichts bemerkt. Der Keller füllt sich jedoch dem Anschein nach mit der primären Energiequelle des „Hauses der Zukunft“. So umweltfreundlich diese auch sein mochte, der Preis, den es dafür zu zahlen galt, schien hoch. Es hilft nichts, man muss Hilfe rufen, sodass Schlumberger umgehend zum Telefon zu staken beginnt. Er tut dies, jedoch zunächst erfolglos – kein Apparat ist auffindbar. Schlumberger sucht und sucht wie im Wahn, ohne jedoch ein Anzeichen von Kommunikationsgeräten zu finden, was ihn wundert, sollte doch in einem modernen Haus der moderne Lebensstil gefeiert werden. Und der spielt sich dieser Zeit nun einmal hauptsächlich hinter der Hörmuschel ab. Schlumberger kennt dies gerade von seiner Tochter, die eigentlich immer zwei Gespräche, wenn nicht drei, führte, soweit er mit ihr sprach.
Schlumberger hat indes das Telefon gefunden – an der Kühlschrankinnenwand. Nigel-Umberto will erklären, wie die Abkühlung den Verbrauch senke, doch dazu kommt er nicht, da sich Schlumberger längst in die Leitung des technischen Kundendienstes von Lohmar & Consorten eingewählt hat.
Es folgt eine ewige Warteschleife, während der Keller allmählich geflutet wird. Umberto Schlumberger gedachte eigentlich, ausreichend schnell eine Problemlösung zu finden, um ein übertreten über die Ufer der Kellertreppe zu vermeiden, aber weit scheint dieses Erieignis nicht mehr zu sein.
Während am Hörer Reklame abgespielt wird, welche die neuesten professionellen Geräte des Herstellers Lohmar & Consorten bewirbt, patroulliert Schlumberger vor der Kellertür herum. Noch 10 Zentimeter.
Es geschieht nichts. Nur die Scheiße, die steigt.
Geschätzte 3 Zentimeter: „Lohmar und Consorten, technischer Kundendienst, wie kann ich ihnen behilflich sein?“
„Das wurde jetzt aber Zeit“
1 Zentimeter.
„Mir steht hier ein Riesenschiet ins Haus. Lange dauerts nicht mehr, junge Frau, der Abfluss quillt über.“
Der Pegel hat NN erreicht.
„Keine Bange, werter Herr, die Biogasanlage Reinigt sich im Dreitagestakt turnusgemäß von selbst. Zu diesem Zweck muss die Biomasse in einen leer stehenden Raum abgeführt werden. Dies wäre in Ihrem Fall der Keller. Dieses ausgefeilte System wird möglich, da ihr automatischer Reinigungsassistent den scheinbaren Sachschaden im Nu zu beseit...“ – aufgelegt.
„...Beseitigt. Mit Kaffee!!“
Der Biomassepegel sank augenblicklich.
Die so trockene wie korrekte Feststellung Herrn Schlumbergers fand unmittelbare Bestätigung. Der vollautomatische Reinigungsassistent machte sich Sekunden nach der Leerung der Kellerräume ans Werk – mit gewohnter Spülsubstanz...
Denunziation
Fader, metallischer Geschmack im Mund. Lethargie. Schmerz der Glieder. Wie gerädert das Gefühl des Erwachens. Es ist dunkel, obwohl die Sonne hineinscheint. Starre. Er kann sich kaum bewegen. Erneut die Frage: „Was geschieht?“
Blicke hohler Augen hinter Glas. Immer die gleiche Bewegung des Arms. Sinnlose Wiederholung. Er greift nach der Tasse, stellt sie auf die andere, wartet. Nimmt sie herunter, stellt diese Tasse eine handbreit neben die andre zur rechten Seite. Er stellt sie erneut darauf – kippt sie um. Sie brechen nicht, noch nicht. In der Hand einen Chemielernzettel. Es ist ein nasser Kaffeefleck darauf.
Das Ohr ist verschmolzen. Mit dem Telefon. Leerzeichen ohne Unterbrechung. Man kann es nicht abschalten, die Taste ist verschmolzen. „Hallo, wir sind zurzeit nicht erreichbar.“ Immer wieder: „Hallo, wir sind zurzeit nicht erreichbar.“ Es ist niemand in der Leitung
Noch immer der metallische Geschmack im Mund. Bald faulig wie modrige Pilze. Nur noch ein Satz in der Erinnerung: „Sicherheitssystem aktiviert, 3 Objekte gefunden.“Kein Geschmack mehr. Wo ist das Licht?
Ein Knistern wie von Blitzen, gleichsam ein Summen wie der ängstigende Gesang einer Hochspannungsleitung. Es ist soweit.
Frau Schlumberger steht über ihren Mann gebeugt, wirft ihm die Decke über das Gesicht. Schneidend starrer Blick. In ihrer Hand ein Rotes Heft: „Alarmsystem - Lohmar & Consorten.“
Frau Schlumberger greift zum Telefon:
„Lohmar und Consorten, Sicherheitsdienst?“
„Sie übernehmen!“
„Wir haben Ihren Anruf erwartet, Frau Lohmar. Wir sind in Kürze dort“
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