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21-09-2005 08:38 #1
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Ruderwanderfahrt auf dem Canal de l'est und der Saone
Journal d‘aviron en été 2005 en France
28. August
Kopulierende Libellen begleiten uns auf unserer ersten Etappe von Fontenoy-le-Chateau nach Jussy. Mit monotonem „Tschick-Tschick-Tschick“ befeuchten Wasserspritzen scheinbar sinnlos
Haufen von aufgeschichteten Baumstämmen. Wir rudern an alten, in Jugendstil errichteten Fabriken und an verwunschenen Villen vorbei, die, hinter hohen Eisengittern mit spitzen, pfeilartigen Enden, nahe am Ufer stehen und man sich nie sicher ist, ob sie bewohnt sind oder nicht, gleichwohl ich mir vorstelle, daß eine Schar unverheirateter Jane-Austen-Ladies in diesem Moment aus diesen herrschaftlich anmutenden Häusern kommen könnte. Sie haben alle diese hochgeschürzten Kleider an, die direkt unter den Brüsten zusammengeschnürt sind und die Schönste, Kate Winslet, läuft vorneweg auf mich zu und dann schreit Gerold mich an, daß ich beim Einsetzen der Blätter zu langsam bin und ich zucke zusammen und merke, daß ich nicht in England, sondern in Frankreich auf dem Canal de l‘est bin und nicht in „Pride And Prejudice“.
Am Tag zuvor haben wir uns in dem klapprigen, aber liebenswerten VW-Vereinsbus in Stadtwerke-Charme-Orange über den Col de la Schlucht gequält. Genau über diesen Pass ist nur wenige Wochen zuvor die Tour de France gezogen und der Anstieg ist tatsächlich toll und ganz oben sogar ein Skilift, aber es hat alles nichts geholfen, Andreas „Hilde“ Klöden hat diese Etappe trotzdem gegen einen Holländer (Peter Weening) knapp verloren. In einem Städtchen, dessen Namen ich vergessen habe, gibt Jens einen aus, weil er seinen Personalausweis vergessen hat und Gerold ist ganz begeistert wegen des Klohäuschens dort, wegen seiner Reizblase, die er angeblich hat. Wir glauben ihm das zwar nicht so ganz, wir sind aber liebe Menschen und halten trotzdem immer an, wenn er austreten muß.
Am Mittag des ersten Tages machen wir in der Nähe von Corre Pause. Wir legen an und nehmen Obst, Brot, Käse und Wasser heraus und bauen Bänke und Tische auf. Die Stelle, an der wir pausieren, ist weit weg von irgendeiner menschlichen Behausung und inmitten von viel Wald und Gestrüpp. Ein verrammelter und verlassener „Club Robinson“ ist dort, der aussieht, als wäre er direkt nach der Veröffentlichung von Michel Houllebecques „Elementarteilchen“ aufgegeben worden.
Wir übernachten nahe eines Ortes namens Jussy, neben einem ebenso wie der „Club Robinson“ verlassenen Campingplatz, auf dem das verfallene Häuschen für die sanitären Einrichtungen wie auf einem Altarhügel thront.
29.August
Morgens Nebel. Tags zuvor hatten wir Schleusenrekord , ich glaube mich erinnern zu können, daß Rüdiger von 16 Schleusen sprach. Schon nach wenigen Kilometern erhebt sich der Kanal wieder über das Niveau des umliegenden Landes. Tillman erzählt später, vom Hausboot aus hätte man dann oft einen guten Überblick über die Täler gehabt. Dann kommt wieder eine Schleuse und jemand drückt die Fernbedienung (sic!) oder zieht oder dreht an einem Seil, das von einem quer über den Kanal oder Fluss gespannten Seil hängt. Das dient dem Zweck, daß sich die Schleuse füllt, falls sie nicht schon voll ist, und öffnet. Wir fahren hinein in die Schleusen und eigentlich ist es ganz possierlich zuerst neben den alten Schleusenwärterhäuschen zu liegen, die manchmal nette Gärtchen haben, doch dann tun sich die Abgründe vor uns auf. Die Grube leert sich und unser Abstieg beginnt. Tropfende, algentriefende, dunkle Wände steigen hoch und Castor und Pollux springen uns an und zerfleischen uns.
Wir rudern an diesem Tag nach Scey-sur-Saone. Bullenhitze. Auf der zweiten Tageshälfte bin ich für den Busdienst ausgelost worden, was ich dafür nutzen kann, Gerold seine dringend benötigte Voltaren-Rentnersalbe zu besorgen. Das Thermometer außen an der Apotheke zeigt 34 Grad. Ich glaube, die Hafenmeisterin versteht mich, als ich uns in Scey-sur-Saone anmelde. Die Besatzungen werden zweimal am Tag neu ausgelost, wobei Rüdiger darauf achtet, daß die Aufgaben fair verteilt sind. Jeweils zwei sind auf dem Hausboot, einer fährt VW-Bus und der Rest sitzt in den zwei Doppelvierern. Da heißt es dann nur noch „Kreuz“ oder „Pik“, denn die Auslosung verläuft mit Spielkarten und Karo Sieben bedeutet Busfahren.
30. August
Man merkt, daß man in Frankreich ist. Einige von uns fangen an, ihren Kaffee aus Müslischalen zu trinken und man darf die Müslischalen dann auch nicht mehr Müslischalen nennen, sondern das sind dann Bols (Bohls?) und keine Müslischalen mehr.
Wir rudern vormittags bis nach Charenternay. Bullenhitze. Charenternay, wo am Anlegesteg laut Schild die „Versäuberung durch Hunde“ verboten ist. Es ist ja schon nett, daß die Franzosen für uns deutsche Touristen deutschsprachige Schilder aufstellen und ihre Speisekarten übersetzen, besser gesagt versuchen zu übersetzen, was dazu führt, daß die Speisekarte („Tarif de consomations“) ganz schnöde und amtsdeutsch mit „Tarife der Verbraucher“ übersetzt wird und daß man Bier vom Fass als „Druck“ erkennen muß , weil es auf Französisch „Pression“ heißt (also nicht das Bier, sondern die Art, wie es in die Gläser kommt).
Kurz vor der Hafeneinfahrt in Port de Savoyeux springen übermütige Jugendliche knapp hinter den Hecks (Hecken?) der Boote von einer Brücke in den Kanal. Höhepunkt des Tages ist aber die Fahrt durch den knapp 700m lange „Tunnel de St.Alban“, der tatsächlich ein Tunnel ist und man nicht allzu viel Platz hat zwischen den Blattenden und der Tunnelwand. In Port de S. gibt es eine riesige Dusche, die fast alle von uns benutzen. Genauer gesagt ist sie nicht wirklich „riesig“, aber wenn man die 1 Kubikmeter großen „Badezimmer“ auf dem Hausboot kennen gelernt hat...
31. August
Was auf der Karte so betulich als „Souterrain de Savoyeux“ angegeben ist, entpuppt sich als ein weiterer, langer Tunnel. Und da in diesem Tunnel nicht gerudert werden darf, müssen die Ruderboote am Heck des Hausbootes umständlich festgemacht werden, nach dem Tunnel müssen wir ebenso umständlich wieder in die Boote zurück. Dazwischen versuchen die Kapitäne möglichst so zu fahren, daß sie nicht an den Wänden entlangschrammen. Fotografisch gesehen ist der Tunnel jedoch ein Highlight. Um die düstere Stimmung von der Tunneldurchfahrt aufzuhellen, machen sie in dem anderen Boot, in dem, ich nicht sitze, „Singen mit Jutta“. An Vormittag diesen Tages rudern wir bis nach Vereux, am Nachmittag bis nach Gray, dem einzigen Städtchen in dem ansonsten sehr angenehm dünnbesiedelten Teil Frankreichs, durch das wir fahren. Schnöselige Schleuserwärter im Teenageralter verweigern uns in Gray die Benutzung der Schleuse. Wir sehen ausnahmsweise davon ab, sie ordentlich zu züchtigen und tragen die beiden Ruderboote um (das Hausboot darf gnädigerweise die Schleuse benutzen). Weiterhin ist es sehr heiß. Als sich der Tag dem Ende zuneigt, gehen wir in Gray, im „Restaurant de Montequeret“, essen. Einige von uns bekommen ihre Mahlzeiten auf Badezimmerkacheln serviert. Bernd muß sein Zelt mangels Platzmangel auf dem Anlegesteg aufschlagen. Überhaupt schlafen lange nicht alle in ihren „Kojen“, sondern lieber auf Deck. Ich selbst teile mit Jens eine Kabine, die die Bezeichnung Kabine nicht verdient. Es ist eher eine Doppelschublade mit Licht. Um in meine Liegestatt zu kommen, muß ich mich an der gegenüberliegenden Wand abstützen, damit ich mich mit diesem Arm in die Schublade reindrücken kann. In der ersten Nacht hatte ich klaustrophobische Träume, in denen Wände und die Decke auf mich zukamen und ich anfing um mich zu schlagen und zu schreien und dann bin ich aufgewacht und hoffte, daß ich nicht in Wirklichkeit um mich geschlagen und geschrien habe. Es gibt allerdings auch bessere Kabinen: Im vorderen Teil unseres Hausbootes, der „Challenger 13“, logieren Jutta und Gerold, während im weiträumigen Heck (inklusive Tennisplatz) Claudia (Gorenflo) und Horst ihr Quartier haben.
Wenn ich so überlege, so habe ich den Eindruck, daß ich nicht weiter aufgefallen bin in der Gruppe, aber es sind doch ziemlich viele - man verzeihe den Ausdruck - Freaks dabei und ich denke darüber nach, was es bedeutet, daß ich nicht weiter aufgefallen bin. Thomas meint: „Jeder hat so seine eigenen psychischen Probleme“, nachdem Tillmann den Jens wegen der kaputten Bustür (auf Anhieb hat sie ab Gray nur noch Ilona zugekriegt) angeschrien hat: „Halt-die-Klappe!“, wobei Jens für die kaputte Bustür gar nichts konnte, sondern nur im falschen Moment einen altklugen Kommentar abgegeben hat.
1.September
Da ich bis dato noch keine Etappe auf der „Challenger 13“ gefahren bin, bemühe ich mich für diesen Tag erfolgreich um einen Platz auf derselben. Mein erster Offizier für diesen Vormittag ist Claudia (Gorenflo). Nach der ersten Schleusendurchfahrt übernehme ich nonchalant das Steuer, damit sie das Deck schrubben kann. Wobei die Passagen ohne Schleusen nichts intellektuell überanstrengendes von einem abverlangen: Das Steuer reagiert äußerst behäbig auf die Befehle und von der Geschwindigkeit her werden wir von den beiden Ruderbooten auch bei „Vollgas“ locker abgehängt. Die Etappe ist durch dschungelartige Flora auf beiden Ufern gekennzeichnet. Weit und schwer hängen die ausladenden Äste über das Wasser, kilometerweit kein Weg am Rand und keine Brücke kreuzt unseren Kurs. Ich sitze da also behäbig auf dem Steuermannsitz, als Claudia auf Deck plötzlich aufgeregt herumspringt und mir Sachen zuruft, die ich aber leider nicht verstehen kann, da der Motor dröhnt und ich innen sitze und sie außen ist. Als sie sich wieder beruhigt hat erzählt sie mir, daß da im Wald ein Militarist rumstand und sich einen runtergeholt hat, mein Lieblingsausdruck für diese Sache ist „sich einen von der Palme wedeln“. Ich stelle also fest, daß mein erster Offizier sich einen Porno anguckt, während ich verantwortungsvoll und integer das Schiff sicher in den nächsten Hafen steuere. Eigentlich nur bis zur Mittagspause, dann wird wieder neu ausgelost.
Am Abend stoppen wir bei PK (point kilometre) 260 auf dem freien Land, Claudia (Meier) und ich gehen in der Saone schwimmen, was eine sehr erfrischende, aber auch sehr schlingpflanzengeprägte Sache ist.
2.September
Letzte Etappe und nur noch 25km zu rudern. Hochmotiviert treibt Steuermann Gerold seine Mannschaft an, die schlussendlich das andere Boot im Ziel weit hinter sich gelassen hat. Es ist immer noch sehr heiß und bereits um 14 Uhr sind wir im Etappenziel Jean-de-Losne. Dann bauen wir die Ruderboote ab und laden sie auf den Anhänger. Den Rest des Tages bekommt die Mannschaft frei und darf sich frei im Städtchen bewegen. Abends gehen wir wieder essen und hauen den letzten Teil des Geldes auf den Kopf, das alle vorher gemeinschaftlich eingezahlt haben.
3.September
Heimfahrt. Während ich im Vereinsbus in der zweiten Sitzreihe meinen Bret-Easton-Ellis-Roman habe, liest Claudia (Meier) in der hinteren Sitzreihe das alte Testament. An vielen Stellen hier in Frankreich gibt es einen Sauf-Service. Das finde ich sehr sympathisch.
Wanderfahrt Canal de l‘Est/Saone 27.8.-3.9.2005, Teilnehmer: Bernd Attner, Rüdiger Bastian, Thomas Bernhard, Bernhard Boisell, Gerold Butz, Jutta Ganz, Claudia Gorenflo, Jens Heine, Thomas Jannakos, Claudia Meier (Stuttgarter Rudergesellschaft von 1899 e.V.), Tillmann Runck (Stuttgarter Rudergesellschaft von 1899 e.V.), Ilona Schneider, Horst Welsch (alle Karlsruher Ruderverein Wiking von 1879 e.V., falls nicht anders angegeben). Boote: Gig-Doppelvierer mit Steuermann „Herrmann Hötzel“, Gig-Doppelvierer mit Steuermann „Rhein“. Hausboot: „Challenger 13“ (Crown Blue Line, Fonetenoy-Le-Chateau).Geändert von Thomas Bernhard (01-10-2005 um 13:25 Uhr)
Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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