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    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Kleine Schwarzwaldwanderung - Ein Bericht von Thomas Bernhard

    Kleine Schwarzwaldwanderung - Ein Bericht von Thomas Bernhard

    Sonntag, 25.September
    Der Sommer des fünften Jahres des neuen Jahrtausends neigt sich dem Ende zu. Für diesem Tag habe ich deshalb etwas vorbereitet, um von den letzten warmen Tagen profitieren zu können. Profitieren, damit meine ich Natur, unverbrauchte Luft, nette Begleitung, aber ansonsten eher menschenleere Welten. Keine Menschenmassen, die uns aushöhlen, uns aussaugen, unsere Energie stehlen. Aus schulerinnerungseliger Vergangheitsnostalgie haben wir, habe ich diesen Tag „Wandertag“ genannt. Es ist außerdem eine geeignete Möglichkeit zur Erholung für mich, denn am Vortag bin ich das Einzelzeitfahren (21km) auf dem Riderman in Bad Dürrheim gefahren.
    Wir treffen uns um acht Uhr in der Innenstadt in Karlsruhe. U. strahlt uns schon aus dem dritten Stock an, bevor sie richtig auf der Straße ist. Über Rastatt, Gaggenau, Gernsbach und Kaltenbronn fahren wir in einem dunkelblauen VW Polo nach Enzklösterle. B. wird bei der Fahrt übel. Wir unterhalten uns über Literatur und das stundenlange Shopping (Ausbeute: 1 Paar Schuhe) der M.-Schwestern am Samstag, wobei U. uns anstrahlt.
    Bevor wir losgehen, mache ich eine fotografische Aufnahme, auf der meine vier Begleiter abgebildet sind. Ich werde den Rest des Tages noch einige Male fotografieren, und zwar mit einer Nikon F3 und zwei Objektiven, ein 28mm/2.8 und einem 50mm/2.0, immer mit einem Rotfilter. Ich belichte auf einen Kodak Tri-X Pan 400, allerdings wie 800 ASA, da ich den Film in Emofin entwickeln will. 800 ASA sind natürlich zuviel für einen sonnigen Sonntag im September. Aber der Rotfilter nimmt mir genug Licht weg, so daß ich den Tri-X nicht überbelichten muß.
    Bis zum Hohlohsee geht es stetig bergauf. Entweder ich laufe hinten bei D. und M. oder ich etwas weiter voraus mit U., die mich und bei Gelegenheit uns alle anstrahlt. B. ist etwas stinkig, nachdem ich gesehen habe, daß ein Tatoo auf ihrer Schulter ist und sie gefragt habe, ob sie auch ein Arschgeweih hat. Bis zum See treffen wir kaum andere Wanderer. Meistens unterhalte ich mich mit Matthias und Dominik über Literatur (z.B. Michel Houellebeque) oder Film (z.B. David Lynch) und mit Ursula über Familiengeschichten, wobei ich meine immer als ziemlich armselig empfinde. Zeitweise unterhalten wir uns alle gemeinsam über Politik und tauschen uns aus, was mir eine Woche vorher bei der Bundestagswahl gewählt haben. Dabei kommt heraus, daß von uns alle Parteien außer denen ganz rechts (NPD, DVU) und ganz links (PDS, Linke, SED oder wie die jetzt heißen) Stimmen bekommen haben. Der Pfad wird enger und „matschiger“, U. strahlt uns an und erzählt von der Flora am Wegesrand und von Sandstein und von Koryphäen und anderen Laubbäumen. Ich habe von solchen Dingen ja keine Ahnung.
    Der Weg geht über in einen Steg aus alten Gleisbohlen und dann öffnet sich der Blick an einigen Stellen zwischen Gebüsch und niedrigen Bäumen hindurch über den Hohlohsee. Ziemlich still liegt er da und zeigt sich nicht überall, er ist an vielen Stellen überwachsen von einem herbstlich-braungelben Teppich aus Wasserpflanzen. U. ist begeistert und strahlt uns alle an, und auch mir gefällt der See und ich glaube, den anderen auch. Wir verweilen kurz. Ein Meute NordicWalker stöckelt wie ein Haufen metall-armierter Landsknechte heran und stört für ein Augenblick die Schönheit des Ortes.
    Der See befindet sich innerhalb eines Hochmoores. B. meldet Zweifel an, da Wasser ja gewöhnlich nach untern läuft, aber das Hochmoor und der See sind ja tatsächlich da. In meinem „Wanderführer Schwarzwald-Nord“ steht: „Das interessante Hochmoorgebiet auf dem Hohloh zählt zu den sensiblen Gebieten des Nordschwarzwaldes, die dem immer stärker werdenden Druck durch den Massentourismus nicht mehr gewachsen sind. Es muß damit gerechnet werden, daß die Besucherströme und damit die Wanderwege von diesem Relikt der Urzeit weggeleitet werden müssen.“ Mir wird bewußt, daß ich der Massentourismus bin und das erinnert mich daran, daß bis vor ein paar Jahren in meiner Hochschule häufig und gerne für die Teilnahme an Demonstrationen geworben wurde, meistens, um gegen Neo-Nazis zu protestieren, anti-faschistische Aktionen nannte man das, was ja durchaus löblich ist, aber diese Aufrufe wurde oft mit der Aufforderung versehen, „man solle massenhaft kommen. „Kommt massenhaft“ stand auf den Plakaten und ich habe nie verstanden, wie bitte ich persönlich denn „massenhaft“ kommen soll, ist es oder sollte es zumindest doch jedes Mal ein eigene individuelle Entscheidung sein, ob man zu einer (oder heißt es „auf eine“?) Demonstration geht.
    Ein kurzes Stück hinter dem Hohlohsee erreichen wir den Hohloh- oder Kaiser-Wilhelm-Turm.
    Als ich das letzte Mal vor 10 Jahren dort war, standen noch mehr Bäume um den Turm herum. Das Legat von Lothar an Weihnachten 1999 ist noch immer deutlich zu sehen, manche Teile des ehemaligen Waldes sehen auf gewisse Weise beeindruckend apokalyptisch aus.
    D. verteilt weiße Schokolade, wir machen am Fuße des Turmes unsere längste Pause. Oben auf dem Turm haben wir mit 990m die höchste Höhe des Tages erreicht. Außer B., die hat Höhenangst. Der Abstieg zurück nach Enzklösterle verläuft ohne Zwischenfälle. U. strahlt uns an und erzählt mir, daß sie mit einer Freundin in Wenders Don‘t Come Knocking gegangen ist und nach 20 Minuten wieder raus, weil sie gelangweilt war und sich viel lieber mit ihrer Freundin unterhalten wollte. Sie will von mir wissen, warum viele Leute so begeistert von den Wim-Wenders-Filmen sind und ich muß zugeben, daß ich das auch nicht nachvollziehen kann und werbe um Verständnis für den Mann, immerhin halte ich viel von Land Of Plenty, so etwa nach der Methode Ein-blindes-Huhn-findet-auch-mal-ein-Korn.
    Um kurz vor 15 Uhr ist die kleine Schwarzwaldwanderung beendet und wir gehen in das „Café am Kurpark“ im schönen Enzklösterle, ich kann allerdings keinen Kurpark entdecken, was nicht heißen soll, daß es dort nicht schön war, eine weibliche Bedienung mit tief ausgeschnittenem Dirndl wäre mir allerdings lieber gewesen, wobei ich nicht einmal weiß, ob man in Baden-Württemberg überhaupt „Dirndl“ sagen darf. Die anderen bestellen Kuchen zu ihrem Kaffee und scheitern alle an ihrem Mengen, außer Matthias, der die Schwarzwälder Kirsch genommen hat.
    Rückfahrt. U. ist müde und schläft auf dem Rücksitz ein. Um 17 Uhr sind wir wieder in Karlsruhe und daran, daß ich ziemlich langsam gefahren bin in dem dunkelblauen Polo, damit ich nicht zu schnell von den anderen getrennt werde, wie ich feststelle, erkenne ich, daß es mir gut gefallen hat. Zu Hause kommt noch ein alter Freund vorbei und wir schauen eine Aufzeichnung von der Radsport-WM auf eurosport an und sehen, wie Tom Boonen (Belgien) gewinnt, aber das gehört nicht mehr zur Wanderung.

    Kleine Schwarzwaldwanderung Enzklösterle - Hohlohsee - Kaiser-Wilhelm-Turm - Enzklösterle; ca. 20km, Wanderzeit inkl. Pausen: 4 Stunden 45 Minuten; ca. 480 Höhenmeter.
    Geändert von Thomas Bernhard (25-06-2007 um 13:26 Uhr)
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

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