UNI-Forum

+ Antworten
Ergebnis 1 bis 2 von 2
  1. #1
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
    Registriert seit
    13.01.2003
    Beiträge
    4.692

    Protestantenlieder gegen Katholikenhallejulia


    Protestantenlieder gegen Katholikenhallejulia

    Weicht, ihr Trauergeister vs. Goldenes Ordensjubiläum P. Morand, Sa./So. 21./22. April 2007

    Sonnig und warm es, dieses Wochenende im April 2007, an dem Stefan Schuhmacher das Amstel Gold Race gewann und der Fußballverein Bayer München so katastrophal scheiterte, daß die FAZ am Montag ihre Sportseiten mit den deprimierten Gesichtern auf deren Trainerbank aufmachte. Aber das soll nicht Gegenstand dieses Artikels sein. Gefragt ist vielmehr ein Wettkampf anderer Art, nämlich ein vornehmlich musikalischer. Kirchenmusik ist ja so ziemlich das einzige, was den typischen Agnostiker von heute in die Kirche treiben kann, bestenfalls noch eine Hochzeit, wenn es hernach Alkoholisches zu trinken gibt. Es stellten sich der Apostel Matthäus und der heilige Sankt Nioba, die Sache auszutragen. Die jugendliche Popmusikformation Tokio Hotel trat hier wie dort nicht auf, auch kein hüftschwingendes Trällerblondinchen, nein, es wurde Erwachsenenmusik von Erwachsenen für Erwachsene gemacht. Sowohl bei der Trauergeisterbekämpfung der „Evangelen“ in der Matthäuskirche in Karlsruhe als auch bei den „Katholen“ in der St.Nioba-Kirche in Bad Liebenzell. Daß die Protagonisten beider Veranstaltungen sich einen Vergleich verbitten und einen Wettkampfcharakter absprechen, tut nichts zur Sache.
    Titelname: Weicht , ihr Trauergeister hat sicherlich weitaus mehr Pepp und Humor als das schnöde Goldenes Ordensjubiläum P. Morand, damit gehen die Protestanten zunächst in Führung.
    Parkplätze: In der Nähe der Matthäuskirche eigentlich nur dämliches Anwohnerparken, Gästeparkplätze stellt diese Kirche keinen einzigen zur Verfügung, ein schweres Versäumnis. Man könnte glauben, das goldene Ordensjubiläum könnte nun den Anschlusstreffer machen, aber die verwinkelten und engen Sträßchen von Bad Liebenzell lassen auch kein Parkplatzparadies zu.
    Umgebung: Natürlich ein klarer Punkt für das Ordensjubiläum im lieblichen Bad Liebenzell im schönen Schwarzwald, während die Matthäuskirche in der doch ziemlich hässlichen Karlsruher Südweststadt und es damit 1:1 steht.
    Gebäude: Die Matthäuskirche hat den Teeküchen-Charme einer Sozialpädagoginnen-WG aus den frühen Siebzigern, also schlechte Karten. Karg ist es bei den Protestanten, lediglich das Altarkreuz mit einer symbolhaft angenehm-minimalistisch aufgesetzten Krone macht ein bisschen was her. Gelegenheit, daß eine traditionell reich ornamentierte katholische Kirche in Führung gehen kann. Doch weit gefehlt, die St.Nioba-Kirche in Bad Liebenzell ist zwar leidlich gemütlich, hat aber im Grunde auch nur Zweckbau-Ausstrahlung! Es bleibt also ausgeglichen.
    Bei der Begrüßung der Gäste gehen beide Mannschaften in die Vollen, beide Male ist selbige herzlich, in Bad Liebenzell sogar durch den Jubilar („Muß ich sie kennen?“). Hier sollte man fairerweise an beide gleichzeitig einen Punkt vergeben...
    Sitzplätze: In der kleineren St-Nioba gerade ebenso ausreichend, in dem fast doppelt so großen Matthäustempel blieb bei etwa gleicher Besucherzahl einiges leer. Wann werden die verantwortlichen Kirchenmanager endlich verstehen, daß unbequeme, harte Kirchenbänke nicht gerade einladend wirken? Wieso kann man nicht wie im Multiplexkino bestuhlen? Ist das ein Sakrileg?
    Programmheft: Auf den ersten Blick macht der katholische Flyer (grüner Umschlag) mehr her, aber bei näheren Hinsehen entpuppt es sich stellenweise als schief kopiertes Liederheftchen mit handschriftlich ergänzten (sic!) Nummerierungen. Das Programmheft von Weichet ihr Trauergeister ist zwar handwerklich besser gemacht, verwirrt aber durch so kryptische Kürzel wie „EKG“ und „BMV“.
    Mit einem unentschiedenen 2:2 gehen die Kontrahenten zunächst in die Kabine. Heribert Fassbinder sagt viel zu spät „Gut‘n Abend allerseits!“ und Michael Steinbrecher ist noch bei der Maniküre, während Günther Netzer seit Stunden bei der Hairstylistin rumtrödelt. Ein paar Spieler geben Interviews, die mit „Ja, gut...“ beginnen.
    Mit deutlich zerebraleren Outfits kommen die Katholiken aus der Halbzeitpause und gehen mit ihrem dritten Tor im Führung. Die Protestanten sind geschockt, denn auch ihr vermeintlicher Trumpf „High-Tech“ zieht nicht. Das demonstrative Auftstellen turmhoher Mikrofon-Stative mag zwar professionell aussehen, bedeutet aber für das anwesende Live-Publikum keinen Mehrwert. St.Nioba überrascht durch mittels Lichtprojektion eingeblendete Liednummern und ist im Nu bei einem 4:2 !
    Programm: St.Nioba beugt sich leider viel zu stark verkrusteter Liturgie-Vorschriften, die Rede im Mittelteil ist zu lang und bei einem Ordensjubiläum könnte man ruhig auch mal auf die Eucharistie verzichten und stattdessen ein paar Anekdoten aus dem Leben von Pater und Jubilar Morand erzählen. So verspielen die Katholiken eine respekstable Führung und „Weichet, ihr Trauergeister“ kann durch ihr straffes und kurzweiliges Programm den Anschlußtreffer erzielen. Der reine Vergleich der musikalisch-künstlerischen Darbietungen ist schwierig, aber nicht unmöglich. Die Sopranisten auf dem Ordensjubiläum kann zwar mit der hohen Qualität ihrer Stücke von einem gewissen Buxtehude („Salve Jesu, pastor bone“) und einem gewissen Mozart („Exsultate, jubilate“) brillieren, ihr steht aber einfach nicht die Zeit zur Verfügung, die die Protestanten haben, um ein buntes Potpourri von Bach über Bernstein bis Britten zu bieten.
    Kurz vor Spielende steht es also Unentschieden, aber nur St.Nioba muß in die Verlängerung gehen: 110 Minuten sind einfach ermüdend zu lang für die knapp bemessene Zeit des modernen, urban-metropoliten Menschen, die Matthäuskirche zeigte dagegen ein straffes Turnierverhalten von 70 Minuten, nach dem man noch entspannt ins nahegelegene Großkino schlendern kann (um dort in 300 ein wahres Heidengemetzel anzusehen).
    Weichet , ihr Trauergeister (ReligionsVgg Matthäuskirche) gewinnt und steht nächstes Wochenende im Halbfinale gegen den Sieger aus der Begegnung Tadsch-Mahal vs. Stonehenge.
    Geändert von Thomas Bernhard (26-04-2007 um 09:21 Uhr) Grund: Kleinen rsf korrigiert
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

  2. #2
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
    Registriert seit
    13.01.2003
    Beiträge
    4.692
    Wie mir inzwischen zwei Damen unabhängig voneinander berichtet haben, war Lioba eine Frau, und ist inzwischen die Schutzpatronin von Tauberbischofsheim...
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

Ähnliche Themen

  1. Protestantenlieder gegen Katholikenhallejulia
    Von Thomas Bernhard im Forum Musik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 23-04-2007, 13:14

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein