Wie die meisten Vorredner glaube ich, dass das nicht vom Studienfach abhängig ist. Ich studiere das "Blümchenfach" Biologie und bin dafür extrem menschenverachtend.
Es ist vielmehr das gesamte Wissen. Oder besser ausgedrückt: Das ganzheitliche Wissen, die Zusammenhänge, das gesamte Weltbild. (Da Biologie ein sehr interdisziplinäres Fach ist und aus so ziemlich allen anderen Naturwissenschaften besteht, könnte man auch behaupten, Biologie verdirbt. Allerdings glaube ich ebenfalls, dass das eher sonnige Gemüt der werdenden Biologen dies [über]kompensiert.)
Ich maße mir mal an zu behaupten, dass ich mittlerweile ziemlich gebildet bin. Ich lese sehr viel Bücher über Philosophie, Psychoanalytik, Soziologie und die große Weltliteratur allgemein. Man wird wirklich schlauer (gut). Aber mit der Zeit auch ziemlich misanthrop (nicht gut). Irgendwann kommt man an den Punkt an dem man merkt, dass Wissen einen nicht glücklich macht. Sogar das Gegenteil ist der Fall. Je mehr man weiß, desto deprimierter wird man über das Fehlverhalten der Menschheit allgemein, da man zusieht wie sich die Dinge immer wieder wiederholen und keine Änderung in Sicht ist. Die Menschen sind einfach zu menschlich(?).
In dieser Hinsicht hat sich auch meine ursprüngliche Intention als (freier, unabhängiger) Wissenschaftler die Welt zu verbessern in Frage gestellt. Sollte man die Welt denn verbessern? (Also neben den Standardargumenten die in Richtung maximales Glück gehen. Würde das einen tieferen Zweck erfüllen?) Verdient es die Menschheit überhaupt? Es gibt kein Gut und Böse. Es gibt keinen Plan im Leben/der Evolution/etc. Der Sinn des Lebens besteht NICHT in der Arterhaltung! Es ist nur eine (durchaus bemerkenswerte) Folge des Naturprinzips, dass stabile Moleküle langlebiger sind, als instabile (was ja quasi im Namen steht).
Und wenn ich im Internet auf Verschwörungstheoretiker, Impfkritiker, AIDS-Leugner, Esoteriker, Homöopathen, religiöse Freaks und Leuten mit ausgeprägtem Bambi-Syndrom (alles Natürliche ist gut, alles Menschliche ist schlecht) treffe, dann würde ich mich am liebsten wirklich einer nicht-existenten "bösartigen" Organisation anschließen, die die Welt-Bevölkerung dezimieren will...
Diese Menschen können einem derart entgegenwirken und so verzerren, dass man meint "warum tue ich mir das eigentlich an?"
Aber zurück zum Thema - bzw. meiner Interpretation, dass Wissen an sich den Charakter verdirbt.
Denn eigentlich glaube ich auch nicht, dass Wissen "verderben" kann. Vielmehr offenbart Wissen den wahren Charakter - oder entfesselt vielmehr die Hemmungen. (Ich habe es wirklich satt tolerant gegenüber diesen Deppen, politisch korrekt oder "moralisch" zu sein. Denn es wird ohnehin nicht erwidert.)
Wissen ist ja keine Ideologie, die einen verblendet, gewisse Handlungen von einem erwartet oder irgendeine Intention suggeriert. "Verderben" vermögen somit nur politische/religiöse Ideologien.
Also komme ich zu dem Schluss, dass (zuviel?; allgemeines) Wissen den menschlichen Charakter negativ beeinflusst.
Schließlich trägt Bildung stark zur Charakterentwicklung bei und dass Akademiker nunmal gebildet sind lässt sich wohl kaum bestreiten. Wenn wir also andere (bzw. weitere) Wege der Charakterentwicklung gehen, ist es unwahrscheinlich anzunehmen, dass unser Charakter die gleiche Normalverteilung der Chraktereigenschaften von der Gesamtbevölkerung widerspiegelt.
Sry, ist ein bisschen viel geworden aber ich musste das mal loswerden.

