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  1. #1
    Akiva ist offline "Professor" (750-1499 Beiträge)
    Registriert seit
    09.11.2002
    Beiträge
    1.085

    Abschiedsbrief einer Mutter.

    Mein liebes Kind,
    es ist so weit. Meine Lebensuhr ist abgelaufen. Die schlauen Ärzte wissen es genau.
    Und nun? Was tun?
    Natürlich will ich noch nicht sterben. Wer will das schon, wenn er bei Sinnen ist? Und das ist mein Sinnen: ich bin bei Sinnen. Mein Körper will mich aber nicht mehr. Er hat mit dem Abstoßungsprozess bereits begonnen. Merkwürdig finde ich, dass ich ihm nicht einfach Einhalt gebieten kann. Ich war doch immer so stark.
    Ich habe viel gelebt. Viel Unsinn gemacht und manches Nützliches.
    Ich hoffe, dass ich dir hie und da ein bisschen Freude geben konnte. Das zu wissen täte mir gut.
    Ob ich durch meine Art zu leben mein Leben verkürzt habe, weiß ich nicht. Ob ich es über den Plan hinaus verlängert habe, glaube ich nicht. Die Gestaltungsspielräume auf diesem Gebiet sind gering, auch wenn uns die Ärzte gerne etwas anderes vormachen.
    Draußen zwitschern die Frühlingsvögel. Der Himmel ist leicht verhangen und sprüht ein diffuses Licht in mein Zimmer. Du weißt, dass ich das immer so sehr gemocht habe, obwohl oder gerade weil ich mit der Sonne sonst eher auf Kriegsfuß stand. Zunehmend war mir die Dunkelheit aber lieber als das Licht. Ein Vorzeichen? Wenn ich gegangen bin, werde ich es nicht mehr wissen.
    Das Leben ist ein Staffelstab. Mein liebes Kind. Ich gebe dir mein Leben ab. Behüte es und trage es weiter. Den Körper vergiss. Er hat seine Schuldigkeit getan und wird vielleicht als Humus für den Boden dienen, auf dem wir alle stehen. Das wäre Hoffnung.
    Meine Liebe ist in dir.
    Deine Mama.
    Geändert von Akiva (08-11-2010 um 08:27 Uhr)

  2. #2
    Maggi5 ist offline "Abiturient" (0-19 Beiträge)
    Registriert seit
    13.11.2009
    Beiträge
    4
    Traurig & Schön....

    Ich bin auch der Meinung, dass Seelen die Seelen von anderen Menschen in sich aufnehmen können. Das Buch "Ich bin eine seltsame Schleife" von Douglas Hofstadter greift diesen Gedanken sehr ausführllich auf. Ein schönes Buch, allerdings nicht leicht zu lesen...

    LG Maggi

  3. #3
    Luita ist offline "Abiturient" (0-19 Beiträge)
    Registriert seit
    05.04.2011
    Beiträge
    14
    Oh mein Gott, das ist sooooooooo traurig....

  4. #4
    Maria-Alessia ist offline "Abiturient" (0-19 Beiträge)
    Registriert seit
    19.08.2011
    Beiträge
    15
    Sehr schön geschrieben. Diese Worte haben mich tief berührt. Danke!

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