Thema: Impotent
Umfrageergebnis anzeigen: Macht Doping impotent?
- Teilnehmer
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Multiple-Choice-Umfrage.
Ergebnis 1 bis 1 von 1
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27-05-2007 08:56 #1
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Impotent
Impotent
Die Idole meiner Jugend verbrennen auf den Scheiterhaufen der heiligen Inquisition der Pressekonferenz. Bekenntnisweise brechen meine alten Vorbilder weg und in Tränen aus. Mein geliebter Radsport gerät immer weiter in Verruf, während zunehmend mehr Leute den Profi-Fussball für eine knuffige Freizeitbeschäftigung halten, in dem alles sauber und mit rechten Dingen zu geht. Als würde es in einem Bereich, in dem derart viel Geld eine Rolle spielt, keine Korruption geben. Schmiergelder nehmende Schiedsrichter und Appetitzügler essende Profi-Kicker sind schnell vergessen und verdrängt. Mit dem Jahresgehalt nur eines Spielers kann man im Radsport ein ganzes Team mit allem Drum und Dran bezahlen. Außerdem darf man auf dem Fußballplatz noch ungeniert seinen Aggressionen freien Lauf lassen, wenn mal wieder Stau auf der Autobahn ist und die Ehegattin schon im Frauenhaus.
Auf dem Stammtisch, den ich jeden Dienstagabend besuche, ist der Sport hin und wieder Thema. Ich nenne ihn Literaturstammtisch, weil überwiegend Geisteswissenschaftler anwesend sind. Wir reden meistens über Kunst und Kultur, aber auch gerne über Klatsch und Tratsch und manchmal eben auch über Sport. Als ich kürzlich die Verhältnismäßigkeit anzweifelte, ob man denn die halbe Innenstadt absperren musste, weil einer der örtlichen Fußballvereine den Wechsel von einer Liga in die nächsthöhere geschafft habe, dann wurde ich sofort belehrt, man („wir“ sagte glücklicherweise keiner) sei schließlich „Meister“ geworden. Ich war beruhigt, glaubte ich doch, ich sei falsch informiert gewesen. Es ging zwar immer noch um eine rein nationale Sache ohne irgendeine internationale Bedeutung, aber „Deutscher Meister“, nun gut, dachte ich, da sei noch zu akzeptieren, daß man ein wenig Musik mache und feiere. Zufällig überblätterte ich jedoch einige Tage später in der FAZ nicht schnell genug die unzähligen Sportseiten, die sich ausschließlich mit dem sog. „runden Leder“ beschäftigen und las, daß ein Club aus Stuttgart deutscher Meister im Fußballspielen geworden sei. Das Problem war: ich wohne gar nicht in Stuttgart und wunderte mich nun erst recht über die meisterlichen Feierlichkeiten. Kurz vertiefte ich mich in diese Ligatabellen. Bei „Liga“ denke ich zwar immer zuerst an Superhelden-Gemeinschaften aus den Comics meiner Kindheit, aber offenbar denkt man auch beim Fußball, man habe übernatürliche Kräfte. Dort, in diesen Tabellen, musste ich erkennen, daß die örtlichen Fußballfreunde mitnichten „Meister“ geworden waren: Sie führten lediglich die B-Tabelle an; in der ersten Gruppe waren 18 Mannschaften versammelt, der heimische Fußballverein war also de facto nur 19. geworden. Drei Mannschaften sollten in der nächsten Saison in die sekundäre Liga herabgestuft werden. Man könnte also etwas gefälliger rechnen und ihnen den 16. Platz zugestehen, aber sehr viel glanzvoller ist das auch nicht. Ich sprach das auf dem nächsten Stammtisch an und prompt wurde mir entgegnet, bei meiner Sportart würde ja sowieso nur geschummelt und unlautere Mittel eingesetzt und es sei ja alles Betrug und man legte mir nahe, ich könne „ja nur gewinnen, wenn ich alle Fakten auf den Tisch“ lege und den „Bann des Schweigens breche“. „Hä?“ fragte ich in die Runde und überlegte mir, ob man tatsächlich meine wenigen Teilnahmen an einigen Jedermannrennen wie der Radsporttag auf dem Hockenheimring, das Turmbergrennen und ein paar Stadtmeisterschaften auf der Radbahn meinte. Als ich vor zwei Jahren erzählte, daß ich auf der deutschen Hochschulmeisterschaft 24. geworden war (in der Hobbyfahrerklasse!), hatte das noch keinen interessiert. Nun hielt man mir vor, diesen Typen, die, wie sie in BILD gelesen und auf RTL gesehen haben wollten (sonst streiten sie immer ab zu wissen, was in diesen Boulevardmagazinen verbreitet wird), diesen Typen, denen sei ich doch schon viele Male begegnet. Ja, bekannte ich, auch ich stand schon am Straßenrand, als die Pelotons von Deutschland-Tour und Giro d‘Italia vorbeirauschten und bei einem Tour de France - Prolog in belgischen Lüttich sei ich sogar schon mal durchs Fahrerlager geschlendert. Ha! fiel man mir ins Wort, Die Belgier! Da seien doch die Allerschlimmsten und in diesen Fahrerlagern, da seien doch diese ganze Dopingdealer gewesen, diese Pfleger und Teamchefs und man sei gerne „im gegenseitigen Einvernehmen“ bereit, meine Entscheidung anzunehmen, wenn ich nicht mehr am Stammtisch teilnehmen wolle. Ich dachte eigentlich daran, noch einen draufsetzen, zu sagen, daß ich sogar mal eine sportmedizinsiche Untersuchung an der Uniklinik Freiburg gemacht habe und außerdem wegen meines allergisch bedingten Asthmas hin und wieder etwas Sulbutamol nehme, aber das ließ ich dann doch lieber. Jedenfalls waren und sind meine gesamten gesammelten Wettkampfergebnisse so schlecht, höchstens mittelmäßig mit ein paar wenigen, unbedeutenden Amateur-Erfolgen, daß ich so frei von allen Verdächtigungen sein solte, daß man eigentlich MICH sofort zum Chef vom T-Mobile-Radsportteam machen sollte. Ich werde jetzt trotzdem eine Weile nicht am Stammtisch teilnehmen und warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist und die Bierbrüder und -schwestern etwas anderes gefunden haben, worüber sie sich echauffieren können. Vielleicht stirbt das Eisbärbaby Knut vorzeitig und auf unnatürliche Weise...
Gestern abend beim Radtraining kamen mir in einer Engstelle zwei Autos entgegen. Sie hatten die Baustelle auf ihrer Seite, also ausdrücklich und nachweislich keine Vorfahrt. Es war Ihnen egal. Sie drängten mich ganz nach rechts ab und pöbelten mich auch noch an. Genervt und erschöpft kehrte ich heim und klagte der Freundin mein Leid, daß nun offenbar alle Rennradfahrer vogelfrei seien und daß die Autofahrer noch schlimmer als bisher sie nach Belieben abdrängen und über den Haufen fahren würden. Ich erwartete, daß sie mich in ihre Arm schloß und tröstete, statt dessen fragte sie nur, ob das Zeug eigentlich impotent machen würde.Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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Von Thomas Bernhard im Forum KuschelnAntworten: 18Letzter Beitrag: 08-07-2007, 02:51


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