Jährlich gehen Zehntausende Musikhochschüler den Weg in den Musikhochschulstumpfsinn und werden von ihren unqualifizierten Lehrer zugrunde gerichtet, dachte ich. Werden unter Umständen berühmt und haben doch nichts begriffen, dachte ich bei meinem Eintritt in das Gasthaus.
Und vor allem geht es um Musik im <Untergeher>, beziehungsweise und die Erzeugung desselben mittels eines Flügels, eines Steinway oder eines Bösendorfers, denn die drei Klaviervirtuosen, seien sie es nun oder nicht, Wertheimer, Glenn Gould und der Ich-Erzähler, spielen natürlich nicht auf einem Schifferklavier.
Thomas Bernhard in Köln, das passt eigentlich nicht so recht zusammen. Ich bin trotzdem auf eine der beiden Lesungen gegangen, nämlich die am Sonntag nachmittag. Das Wetter sommerlich warm, die Veranstaltung in Rodenkirchen, eine der besseren und nicht ganz so runtergekommenen Wohngegenden in Köln, direkt am Rhein gelegen. Zwei Doppelvierer werden auf dem Bootssteg des Rudervereines zu Wasser gelassen, danach springen ein paar Kinder ins Wasser. Ich bin zu früh dran und lese noch ein paar Kapitel in „Killing Paparazzi“(Robert Everesz macht ziemlich kurze Kapitel). Dann ist es kurz vor vier und ich suche das Haus der Tongers, in dem die Lesung stattfinden soll. Ich habe es auch gleich gefunden, weil ich nach dem Weg gefragt habe, obwohl ich keine Frau bin. Der Veranstaltungsort ist - sehr altruistisch - ein Privathaus, gehobenes Bildungsbürgertum, würde ich sagen, mit Terrasse zum Rhein raus. Eigentlich ziemlich riskant, den in Köln läuft man immer in Gefahr, sich ein paar Freaks einzuhandeln. Aber die Tongers sind sehr gut vorbereitet und haben alles im Griff, es kommt nur Bildungsbürgertum, die meistens jenseits der 45. Die Freaks saufen und spritzen sich wahrscheinlich schon für das EM-Viertelfinale breit. Ich sitze neben einem Pärchen, das ungefähr das gleiche Alter wie ich hat und damit sind wir schon so etwas wie der Kindergarten. Es geht los. Der Hausherr liest selbst. Die Reihen sind bis fast auf den letzten Platz gefüllt, es ist warm, aber nur leicht stickig. Ich erzähle das, weil die zwei Rentnerinnen neben mir schon nach einer halben Stunde nervös und zickig werden, so von wegen, es wäre zu heiß und sie bekämen keine Luft und so, kurz vor der Pause fangen sie richtig an zu pöbeln. Jaja, Alter geht offenbar im seltensten Falle mit Weisheit und Gelassenheit daher. Nach der Pause sind sie weg. Ich will nicht behaupten, daß ich mich in der ersten Hälfte sehr wohl gefühlt hätte, in meinen Beinen steckt das ganze Wochenendtraining und ich kann sie nicht ausstrecken. Aber Thomas Bernhard oder einen gewissen Masochismus zu ertragen, das wäre dann auch nichts für mich gewesen. Das gehört einfach dazu, daß man ein bisschen leidet.
Zwischen den einzelnen Textpassagen wird übrigens ein wenig geklimpert. Die Goldbergvariationen von Bach. Die spielen in dem Buch ein zentrale Rolle. Ich sage geklimpert nicht abfällig, ich habe überhaupt keine Ahnung von Musik. Von Bach kenne ich nur diese Toscana (Dakota?) und die ist erheblich pompöser als die Goldbergvariationen. Was ja auch zu erwarten gewesen wäre, wenn ich mich erinnert hätte, daß es im Untergeher explizit drinsteht, daß der Bach das als Einschlafhilfe geschrieben hat (sic!).
Die Art, in dem der Hausherr den Untergeher vorliest, ist so gar nicht nach meinem Geschmack, aber von einem objektiveren Standpunkt aus gesehen ist sie wahrscheinlich ganz annehmbar. Ich habe den Eindruck, viele der Anwesenden haben noch nie eine Zeile von Thomas Bernhard gelesen, finden es wohl tres chic, am Sonntagnachmittag auf eine Lesung in Rodenkirchen zu gehen. Es wird übrigens auch viel gelacht, ich finde Bernhard stellenweise auch auf eine gewisse, sehr subtile Art humorvoll. Laut Lachen würde ich deswegen nicht, aber der Rheinländer ist da ja ganz anders gestrickt.
Nach rund zwei Stunden ist es vorbei und ich fahre befriedigt nach Hause. <Literatur in den Häusern der Stadt> (so der Name für das gesamte Programm), eine gute Idee. Und völlig karnevalsfrei.
Daß wir auf dem Land mit den in alle Zeit und in alle Zukunft unlösbaren Problemen der Welt auf die viel rücksichtslosere Weise konfrontiert sind als in der Stadt, in welcher wir uns ja, wenn wir wollen, vollkommen anonymisieren können, dachte ich, daß uns die Scheußlichkeiten und die Fürchterlichkeiten auf dem Land direkt ins Gesicht geschlagen werden und wir ihnen nicht auskommen und daß uns dieses Scheußlichkeiten und Fürchterlichkeiten, wenn wir auf dem Land leben, mit Sicherheit in der kürzesten Zeit zugrunde richten, dachte ich, seit ich weg bin.
(Beide Zitate natürlich aus dem Untergeher)
Thema: Thomas Bernhard - Lesung
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Ergebnis 1 bis 5 von 5
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14-06-2004 12:15 #1
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Thomas Bernhard - Lesung
Am Samstag, den 26. (um 19:30 Uhr) und am Sonntag den 27.Juni (um 16 Uhr) wird in Köln-Rodenkirchen Thomas Bernhard gelesen (von dem echten Thomas Bernhard, nix von mir). Und zwar aus dem "Untergeher".
Das ist eine Veranstaltung von "Literatur in den Häusern der Stadt", die vom 24.-27.Juni stattfindet.
Das komplette Programm ist unter www.kunstsalon.de zu erfahren.Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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28-06-2004 16:16 #2
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Der Erlebnisbericht
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29-06-2004 11:33 #3
Hallo Thomas,
ich kenne zwar den "echten" Thomas Bernhard nicht und finde die Zitate eher abschreckend, aber dein Erlebnisbericht fand ich lustig und Robert Everesz kenne ich, aber nicht dein Buch, sondern "Shooting Elvis", das hat mir echt gefallen!
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08-07-2004 16:25 #4
"Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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Hallo Miss Marple,
ja, "Shooting Elvis" ist sowas wie der direkte Vorgänger von "Killing Paparazzi", im letzteren wird die Protagonistin Nina Zero, ob sie es will oder nicht, mit neuen Ungeheuerlichkeiten konfrontiert...Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
Dem Narren ein Denkmal.
Dem Reimliebhaber ein Gedicht.
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17-07-2004 00:02 #5
"Absolvent" (80-149 Beiträge)
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Wieso hat´s Dich befriedigt, wenn die Lesung "so gar nicht nach Deinem Geschmack" war? - Und wieso befriedigt Dich ein Roman, in dem "es vor allem um Musik" "geht", von der Du "überhaupt keine Ahnung" hast?Die Art, in dem der Hausherr den Untergeher vorliest, ist so gar nicht nach meinem Geschmack [...] Und vor allem geht es um Musik im <Untergeher> [...] ich habe überhaupt keine Ahnung von Musik. [...] Nach rund zwei Stunden ist es vorbei und ich fahre befriedigt nach Hause.
- "Gehört [es] einfach dazu, daß man ein bisschen leidet"? 
Gruß, der UnversteherGeändert von Unheimlicher Gast (17-07-2004 um 18:41 Uhr)
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