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  1. #1
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Glamorellis. Ein Lesungsbericht

    Glamorellis

    Eine Lesungsbericht

    Er trägt einen schwarzen Anzug und ein schwarzes Hemd, ohne Krawatte. Er ist kaum größer als 1,70m und macht einen leicht pummeligen Eindruck, wie jemand, der zuviel Fast Food isst. Sein rotblonder Haarschopf lässt vermuten, daß seine Vorfahren aus Irland in die Vereinigten Staaten kamen. Obwohl er über 40 ist, hat er den Charme eines kleinen, verschmitzten Jungen. Man hat eher das Bedürfnis, ihn zu beschützen als ihn wegen seiner schonungslosen Literatur zu hassen. Man möchte ihn in Schutz nehmen vor der bösen, bösen Welt, die er beschreibt, die er beschrieben hat, in „Less Than Zero“, in „The Rules Of Attraction“ und natürlich in „American Psycho“.
    Bret Easton Ellis ist nach Europa gekommen, um sein neues Buch vorzustellen. Es heißt „Lunar Park“ und wird als „teil-biografisch“ beschrieben, weil der Autor selbst darin auftritt. Aber nicht alles, was in „Lunar Park“ passiert, ist authentisch. Von der fiktiven Ehefrau gibt es sogar eine eigene Homepage, sie heißt: www.jaynedennis.com. So vermischen sich Wahr- und literarisch-künstlerische Freiheit.
    Durch schmuddeliges Regenwetter, in abendlicher Dunkelheit, bin ich zur Lesung von Bret Easton Ellis gelaufen, vorbei an abbruchreifen Messegebäuden, an einer schäbigen Uferpromenade entlang, die zeigt, daß Köln seine Rheinufer nicht leiden kann, noch nie leiden konnte. Sie immer als Störung aufgefasst hat, als überflüssige Wasserfläche, die hinter dem Dom beginnt und nicht einmal die Kraft hat, den ganzen Schmutz, der sich in der Stadt angesammelt hat, wegzuspülen.
    Soweit passt Bret Easton Ellis ganz gut zu Köln. Das „Theater am Tanzbrunnen“, in dem die Lesung stattfindet, ist nicht schäbig. Ganz im Gegenteil, es hat sich passend zur Veranstaltung herausgeputzt. Auf der Bühne steht ein Tisch für drei Personen, dahinter eine mit Stoff schwarz verhangene Rückwand. Recht und links befinden sich weiße, aufrecht montierte Banner, die von unten rot angeleuchtet werden. Dadurch, daß das Licht an den Seiten abfällt, bekommen die Banner eine säulenartige Struktur. Zusammen mit dem roten Teppich am Eingang passt das Ganze gut zu Ellis‘ Oeuvre, vor allem zu „Glamorama“.
    Schließlich läuft eine Dame vom litcologne-Veranstalter auf die Bühne und kündigt die Hauptakteure des Abends an. Neben Herrn Ellis kommt auch noch ein deutscher Theaterschauspieler und ein Journalistin, sie heißt Susanne Weingarten. Die Journalistin, von der man vorher gesagt, sie lebe ansonsten in Los Angeles, würde aber sich jedes Jahr für die litcologne freinehmen, moderiert. Zuerst werden der Autor (auf englisch) und der Schauspieler (auf deutsch) ein paar Passagen aus „Lunar Park“ abwechselnd vorlesen. So geschieht es. Beide lesen sehr aufgeräumt und recht gestenreich vor. Für meinen Geschmack etwas zu aufgeräumt. Ich merke wieder einmal, wie unterschiedlich man einen Text lesen kann. Während ich eine lapidare, leicht tonlose Weise bevorzuge, scheinen es viele Menschen zu mögen, daß man die Stimme bei der direkten Rede anhebt, was mich aber eher an frühkindliche Somniationsstratgien einer sogenannten Gute-Nacht-Geschichte erinnert als einem modernen Roman von Bret Easton Ellis, der doch wohl eher für Erwachsene gedacht ist. Es wird recht viel vorgelesen und man bekommt ein guten Eindruck davon, was einem erwartet, wenn man „Lunar Park“ lesen will. Danach macht die Moderatorin ein Interview mit Bret Easton Ellis. Weil es sein erster Abend der Lesereise in Europa ist, hat das Frage- und Antwortspiel noch etwas frisches, ungezwungenes. Es geht so aufgeräumt weiter, wie schon die Lesung war. „I‘ve never seen so many germans in one room. What a crowd!“ sagt er einmal und manche verstehen „kraut“ statt „crowd“ und lachen.
    Zwischendurch schaue ich mir das Publikum an. Viele sind so zwischen 20 und 25 Jahre alt und müssen noch halbe Kinder gewesen sein, als „American Psycho“ in Deutschland erschien. Nun gut, ich war noch ein halbes Kind, als Thomas Bernhard starb, trotzdem lese ich seine Werke und gehe auf Lesungen, bei denen aus diesen Werken gelesen wird. Normalerweise sind Lesungen grundsätzlich derart rentnerverseucht, daß man fast den Eindruck bekommt, daß außer den Alten überhaupt niemand mehr liest. Nicht so bei Bret Easton Ellis. Ich kann mich nicht erinnern, während des ganzen Abends im „Theater am Tanzbrunnen“ auch nur einen einzigen Rentner oder eine einzige Rentnerin gesehen zu haben. Dafür sind überdurchschnittlich viele Menschen anwesend, die ich des öfteren gerne etwas despektierlich als „Püppchen“ bezeichnen: Mädchen, die man wohl oder übel schon als Frauen bezeichnen muß, die sich in meinen Augen aber noch nicht so recht für diese Bezeichnung qualifiziert haben. Manche von ihnen scheinen mir, zusammen mit ihrem meist smarten männlichen Anhang, direkt einem Buch von Bret Easton Ellis entsprungen zu sein. Vor und nach der Veranstaltung lausche ich ungeniert dem ein oder anderen Gespräch unter den Anwesenden. Offenbar war die Lesung für viele so eine Art Freitagabenderöffnungsveranstaltung, nach der man noch zusammen in einen „Club“ geht, zumindest aber in eine schicke Bar oder Kneipe. Es sei ihnen unbenommen. Bret Easton Ellis würde es gefallen, glaube ich. Einige sind einfach nur so mitgekommen, wie ich raushöre, mit der Freundin oder mit der Clique und das, obwohl die Eintrittskarte doch recht teuer war, wie ich finde.
    Nach der Lesung kann man vom Autor signieren lassen. Und tatsächlich steht der halbe Saal im Foyer, um dieses Angebot in Anspruch zu nehmen. Herr Ellis scheint der langsamste Unterschreiber der Welt zu sein, ich habe den Eindruck, ich stehe stundenlang an derselben Stelle und es geht nicht vorwärts in der Schlange. Albernerweise habe einige gleich fünf oder sechs Bücher dabei. Ich habe nur eins dabei, nämlich die englischsprachige Ausgabe mit dem typographisch perforierten Schutzumschlag. Sehr schön. Richtig bibliophil. Traut man den Amerikanern eigentlich gar nicht so richtig zu. Die Ausgabe sieht sehr gut aus, die deutsche ist, besonders das Paperback, richtig hässlich. Und Herr Ellis lässt es sich auch nicht nehmen, jeden, der vortritt, mit einem launigen Witz oder Anmerkung zu bedenken. Das Signieren ist so wie die Stimmung des ganzen bisherigen Abends: aufgeräumt. Als ich endlich zu ihm vorgedrungen bin, sage ich, was ich will und quittiere seinen Witz mit einem gequälten Lächeln. Ich verstehe nicht, warum die Raucher, die sich die ganze Zeit während der Lesung zusammenreißen konnten, jetzt das Foyer, wo die Signiererei stattfindet, zuqualmen müssen. Während ich wartete, habe ich Kopfschmerzen bekommen. Als ich wieder an der schäbigen Uferpromenade zur U-Bahn zurücklaufe, hat es immer noch nicht aufgehört zu regnen.
    Ich hätte ein paar Xanax und etwas Klonopin nehmen soll, bevor ich zur Lesung aufbrach.
    Geändert von Thomas Bernhard (13-03-2006 um 16:17 Uhr) Grund: Kleine rsfs korrigiert
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
    Dem Narren ein Denkmal.
    Dem Reimliebhaber ein Gedicht.

  2. #2
    Avatar von Asrael
    Asrael ist offline "Student" (20-79 Beiträge)
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    Der Autor hätte interessiert. Buch und Lese-Auswahl hätten interessiert. Der "launige Witz" zu Deiner Unterschrift hätte ungemein interessiert. Der Rest (Köln und Zuhörerschaft) ist austauschbar bis langweilig.
    Interesse an einem nagelneuen kostenlosen Laptop von Acer, Toshiba oder IBM?
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  3. #3
    Thomas Bernhard ist offline "Rektor" (3000 - 5999 Beiträge)
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    Lieber Asrael,

    Autor und Buch werden genannt, und zwar gleich zu Beginn des zweiten Absatzes. Da ich keinen journalistischen, sondern eher einen literarischen Anspruch an den Text erhebe, habe ich auch nicht im ersten Satz oder im ersten Absatz die üblichen W-Fragen (Wer? Wo? Was? usw.) beantwortet, sondern den Leser erst kurz etwas im Dunkelen gelassen, etwas retadiert, die Spannung leicht erhöht, bevor ich dann die harten Fakten nannte. Wobei ich, glaube ich, in einem anderen Beitrag ("Litcologne") hier in diesem Forum, schon angekündigt habe, daß ich auf diese Lesung gehe und "Glamorellis" ist auch ein Hinweis auf den Autor. Die Lese-Auswahl wurde natürlich nicht explizit genannt. Glaubst du wirklich, auf Lesungen wird z.B. gesagt "Herr Ellis liest jetzt Seite 23 in der Originalausgabe und dann liest Herr Soundso Seite 27, ab dem dritten Absatz.". Neee, oder?
    Den "launigen Witz" habe ich ganz bewußt nicht beschrieben, weil das dann gleich so anekdotenhaft wird und Anekdoten sind mir ein Greuel, Anekdoten sind überhaupt das allerschlimmste in ihrer jovialen Seeligkeit und ihrem nur scheinbar vorhandenen Erkenntniswert.
    Thomas Bernhard ist Student im dritten Semester, dass ihn zum Diplom-Rezipienten formen soll.
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  4. #4
    Avatar von Asrael
    Asrael ist offline "Student" (20-79 Beiträge)
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    Mein Beitrag war wohl zu knapp gehalten. Ich finde, du "berichtest" viel vom Drumherum, jedoch wenig von der "Lesung" an sich. Insofern werden die durch den Untertitel geweckten Erwartungen ettäuscht. Die Person des Autors im speziellen Rahmen wird ausgespart, auch der verlesene Text und das Buch als solches hätten näherer Erwähnung bedurft, um deinen Text lebhafter und nicht sooo blutarm wirken zu lassen. Die "Anekdote" hätte eine nette vielleicht sogar den Autor oder sein Publikum entlarvende Schlusspointe abgeben können. Findest du nicht?
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  5. #5
    Kumo Gast
    Zitat Zitat von Asrael
    Mein Beitrag war wohl zu knapp gehalten. Ich finde, du "berichtest" viel vom Drumherum, jedoch wenig von der "Lesung" an sich. Insofern werden die durch den Untertitel geweckten Erwartungen ettäuscht. Die Person des Autors im speziellen Rahmen wird ausgespart, auch der verlesene Text und das Buch als solches hätten näherer Erwähnung bedurft, um deinen Text lebhafter und nicht sooo blutarm wirken zu lassen. Die "Anekdote" hätte eine nette vielleicht sogar den Autor oder sein Publikum entlarvende Schlusspointe abgeben können. Findest du nicht?
    Die Trennung zwischen "Drumherum" und "Lesung an sich" kann man so gar nicht machen, und wird ja gerade durch diesen Bericht in Frage gestellt. Statt diesen Aspekt als Ausgangspunkt einer Kritik zu nehmen, Asrael, könnte man ihn als Ausgangspunkt einer Interpretation des Textes nutzen. Es gibt Definitionen von Literatur, die das Durchbrechen eines Erwartungshorizontes zum zentralen Kriterium machen. Enttäuschungen können dabei die Funktion übernehmen, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen.

    Ich finde den Bericht insofern recht gelungen, dass er sich gerade nicht um (journalistische) Objektivität bemüht, sondern gerade die Subjektivität des Berichtenden hervorhebt.
    Geändert von Kumo (13-03-2006 um 17:20 Uhr)

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