Alternativer Berufseinstieg: Teach First
Vom Lehren lernen

- Foto: Teach First Deutschland
Um die Chancengleichheit ist es an deutschen Schulen eher schlecht bestellt. Teach First Deutschland versucht das zu ändern. Je zwei Jahre lang werden Top-Absolventen verschiedenster Fachrichtungen an Brennpunktschulen eingesetzt, um das Kollegium zu unterstützen. Wer das meistert, muss sich um die eigene Karrierekeine Gedanken machen.
Bachelor of Arts in International Business and Cultural Studies, Master of Science in International Management – Anián Staudigl ist 26 Jahre alt und hat bereits zwei Jahre in einem größeren Unternehmen gearbeitet. Am Hagemannshof 5, gleich an der A42, Abfahrt Gelsenkirchen-Bismarck, würde man einen Absolventen wie ihn eigentlich nicht vermuten.
Seit Februar arbeitet Staudigl an der Mulvany-Realschule als Fellow des Programms Teach First Deutschland. Damit ist er einer von rund 80 Top-Absolventen, die zurzeit an Schulen in sozialen Brennpunkten eingesetzt werden, um die Lehrer zu unterstützen, Förderunterricht und AGs anzubieten und den Schülern Ansprechpartner und Vorbild zu sein.
Warum er das macht? „Ich glaube, jeder Fellow bringt eine gehörige Portion Idealismus mit“,sagt Staudigl. „Durch das Programm erhalten Kinder und Jugendliche eine Chance, die oft sehr schlechte Startbedingungen haben und sonst vielleicht eher abgehängt würden.“
"Ich komme gut mit den Schülern klar. Es macht mir Spaß" | Anián Staudigl
Seit 2009 gibt es Teach First Deutschland. Nach dem Vorbild von Teach For America und Teach First (Großbritannien) gegründet, werden die Fellows nach einem strengen Auswahlverfahrenin einem dreimonatigen Pädagogik-Crashkurs auf den Schuleinsatz vorbereitet. Während ihrer Arbeit an den Schulen gibt es regelmäßig weitere Schulungen und Seminare. Bezahlt wird der Einsatz mit monatlich 1.700 Euro.
Verglichen mit dem Einstiegsgehalt in Unternehmen ist das nicht viel und ein Zuckerschlecken ist der Job im Klassenzimmer auch nicht: „Das ist schon ein Kulturschock, den man da erlebt“, räumt Anián Staudigl ein. Das System Schule funktioniere völlig anders als ein großes Unternehmen. „Da ich noch relativ jung und nicht so wahnsinnig autoritär bin, hatte ich anfangs schon Bedenken“,sagt der 26-Jährige. „Aber ich komme gut mit den Schülern klar. Es macht mir Spaß.“
In der Wirtschaft sind die Programmteilnehmer sehr begehrt: „Klar sind die Fellows für Unternehmen hochinteressant. Das sind Absolventen, die fachlich herausragend sind und sich darüber hinaus in besonderer Weise sozial engagieren“, sagt ChristinaMüschen, Pressesprecherin von DeutschePost DHL, einem der Gründungsförderer von Teach First Deutschland.
Die Fellows müssen sich zwei Jahrelang auf unterschiedliche Schüler und Situationen einstellen und sich im Klassenraumdurchsetzen. „Wer das kann, der ist fürden Einsatz im Unternehmen erprobt“, so Müschen.
Wer Schulklasse kann, kann auch eine Abteilung leiten
Im Herbst 2011 hat Deutsche Post DHL sieben Fellows aus dem ersten Jahrgang eingestellt. Einer davon ist Johannes Knabe. „Vor ein oder zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich mal bei der Post arbeiten würde“, sagt der 30-Jährige, der erst Kognitionswissenschaften studiert und dann in England in Informatik promoviert hat.
Von 2009 bis 2011 hat er als Fellow in der Stadtteilschule Finkenwerder in Hamburg Informatik unterrichtet, mit Schülern Lego-Robotergebaut und ein Projekt betreut, bei dem Schüler ihr Computerwissen an ältere Menschen aus dem Stadtteil weitergegeben haben. „Davon haben beide Seiten profitiert. Das Wissen der Schüler war gefragt und ist ganz praktisch wertgeschätzt worden und die älteren Menschen haben den Umgang mit dem Computer gelernt und sind mit jungen Leuten in Kontakt gekommen“, sagt Knabe.
"Man lernt, mit Menschen umzugehen" | Johannes Knabe
An seinen ersten Tag als Fellow kann sich der 30-Jährige noch gut erinnern: „Das war schon eine Herausforderung, sich trotz aller Unsicherheit keine Blöße zu geben“, sagt er. Man habe zwar erst mal einen Neuheitsbonus, „nach ein paar Wochen testen die Schüler dann aber schon ihre Grenzen aus“. Da sei dann Klassenraummanagement gefragt. „Man muss den Schülern klar sagen, wenn eine Grenze überschritten wurde“, so Knabe.
Umgekehrt müsse man natürlich auch loben und belohnen: „Positives Feedback ist genauso wichtig.“Wenn alles gut läuft, profitieren die Schüler von Angeboten, die es sonst nicht gäbe, und die Fellows lernen von und mit den Schülern. In Amerika, wo das Programm Teach For America schon seit 1990 läuft, sagt man, wer es schaffe, einen Klassenraum unter Kontrolle zu halten, der könne auch eine Abteilung leiten.
„Da ist schon was dran“, findet Knabe. „Man lernt auf jeden Fall, mit Menschen umzugehen, und bekommt stets eine direkte Rückmeldung, ob etwas gut oder schlecht war. “Knabe ist nach seiner Zeit als Fellow problemlos ins Unternehmen gewechselt. „Für mich hat sich das Programm auf jeden Fall gelohnt. Ohne TFD wäre ich sicher nicht hier gelandet“, sagt er.
Aktuell forscht er in der Abteilung ‚Innovation Brief’ an neuen Geschäftsfeldern – und profitiert dabei auch von seinen Erfahrungen an der Schule. Bei neuen Projekten gebe es viele Schnittstellen mit anderen Unternehmensbereichen. „Da muss manmit allen reden, für Ideen begeistern und Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Knabe. „Das ist imKlassenraum ganz ähnlich.“









