Arbeit am Risiko

Wie Techniker der Allianz Risiken prüfen

von Kathrin Steinbichler
Alles im Blick: Johann Landmann, Werkstattleiter
des AZT in München
Foto | Jürgen Stein

Wer Risiken falsch einschätzt, kann viel Geld verlieren. Im Allianz Zentrum für Technik in München arbeiten Ingenieure daran, Risiken zu erkennen, zu berechnen und so gering wie nur möglich zu halten.

Für die meisten Menschen, die an diesem schlichten, fast spröde aussehenden Bürogebäude in München-Zorneding vorbeifahren, ist das mannsgroße Ding vor dem Laborgebäude am Eingang nur ein rostiges Stück Metall. Für Dr. Johannes Stoiber ist es Erinnerung und Mahnung zugleich. Die Radwelle einer Turbine, die einmal in einer Fabrik in Leipzig eingebaut war, ist fast exakt in der Mitte der Länge nach gespalten. "Das war 1994", erzählt Stoiber, "tragischerweise hat es bei dem Unfall vier Tote gegeben." Die Ursache: ein Material- und Verarbeitungsfehler. Alle baugleichen Maschinen wurden damals sofort gestoppt. Und Stoibers Arbeitgeber sollte danach die Gründe und Ursachen für den Unfall herausfinden.

Seit den späten 1920er Jahren untersuchen Techniker der Allianz sogenannte Schadensfälle, 1932 richtete der Versicherungskonzern die erste eigene Materialprüfstelle ein - das weltweit erste Institut seiner Art. Schon kurz nach seiner Gründung beschäftigt sich das Allianz Zentrum für Technik (AZT) - heute eine 100-prozentige Tochter des Konzerns - mit einem spektakulären Fall: dem gebrochene Antriebsmotor des Luftschiffs "Hindenburg". "Nichts, was der Mensch herstellt, ist davor geschützt, kaputtzugehen", sagt Stoiber, einer von zwei Geschäftsführern des AZT. Wenn aber etwas einmal kaputtgegangen ist, dann arbeiten der 50-jährige Ingenieur und seine Mitarbeiter in ihren Büros in Neuperlach und in den Laborräumen in Zorneding daran, "mögliche Ursachen herauszufinden und dadurch die Risiken zu minimieren". An diesem Tag etwa hat Dr. Thomas Griggel, einer von insgesamt zwölf Ingenieuren des AZT und mit 34 der derzeit Jüngste im Team, vier längliche, silbern glänzende Bolzen geliefert bekommen.

Der gebürtige Regensburger hatte Maschinenbau studiert und an der Münchner TU in Getriebetechnik promoviert, das Jobangebot der AZT danach nahm er gerne an: "Die Arbeit ist sehr vielfältig und spannend, es kommt jedes Mal was Neues auf den Tisch." Heute eben diese Bolzen, die Bauteile eines Greifers einer Müllverbrennungsanlage sind. "Die wollen jetzt wissen, ob es an der Maschine liegt oder am Bauteil. Bei welchem Hersteller oder Zulieferer also der Wurm drin ist."

"Ein bisschen ähnelt die Arbeit einem Detektiv"

Jährlich 250 bis 300 sogenannte Schadensfälle untersucht das AZT, das ein Teil der Allianz Risk Consulting GmbH ist, etwa zwei Drittel davon werden von Allianz-Kunden eingereicht, rund ein Drittel davon sind freie Kunden. "Wir haben uns einen Ruf erarbeitet", sagt Stoiber - die Expertise des AZT wird weltweit geschätzt. Auf jeden der derzeit 12 Ingenieure des AZT kommen im Durchschnitt 20 bis 25 Fälle pro Jahr, das Auftragsvolumen entspricht rund drei Millionen Euro Umsatz. Fälle, das klingt wie bei einem Detektiv, und "ein bisschen ähnelt die Arbeit dem auch", meint Stoiber, "nur sag' ich immer: Der Derrick war immer in einer Stunde fertig mit seinem Fall, bei uns dauert das ein bisschen länger." Manchmal braucht es nur eine Woche, um eine Antwort zu finden, manchmal auch ein Jahr. Alle zwei, drei Wochen kommt ein Fall, "der erfordert, sich vor Ort ein Bild zu machen", sagt Stoiber - dann geht es auf Dienstreise. Kolumbien, Brasilien, Mexiko, die USA - Stoiber ist herumgekommen bei seiner Suche nach den Fehlern und Risiken der Technik.

Eigene Fehler sollten Stoiber und seine rund 20 Mitarbeiter möglichst nicht machen - an ihren Gutachten hängen nicht nur hohe Geldbeträge, um die es bei Versicherungsfällen geht, sondern es schließen sich auch Fragen des Arbeitsschutzes an, also die Fürsorge für Menschen. So wie bei der Radwelle aus Leipzig, die so danach nie mehr produziert wurde. Seit einigen Jahren, sagt Stoiber, wächst nun vor allem die Auftragslage im Bereich der Erneuerbaren Energien. "Die Getriebe in den Windrädern etwa waren am Anfang nur sehr schlecht ausgelegt für die Anforderungen", sagt Stoiber, der deshalb schon ein Windrad mitten in der Nordsee angeflogen hat - das AZT hat sie durch seine Analysen mit weiterentwickelt. Als Nächstes lässt Stoiber auf dem flachen Werkstattdach des AZT eine Solaranlage installieren. "Wir wollen beobachten, wie sich die Solarmodule verändern und ab wann mit Materialschäden eine Leistungseinbuße verbunden ist." Außerdem, ergänzt Stoiber," sparen wir so auch ein schönes Stück Strom". Er denkt eben immer ans große Ganze.

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