Arztkarriere: Stadt oder Land?
Nach dem Studium stehen junge Mediziner vor der Qual der Wahl

- Medizinstudium – und dann? | Foto: Thinkstock
Welcher Einstieg ist für Nachwuchsmediziner der beste: in einer Klinik oder in einer Praxis? In der Stadt oder auf dem Land? Ein Patentrezept gibt es nicht – wohl aber praktische Tipps, um der beruflichen Zukunft eine gute Diagnose auszustellen.
Akuter Ärztemangel auf dem Land
Blut, Schweiß und Tränen lassen den Weg ins Berufsleben oft zur Rutschbahn geraten. Das gilt für kaum jemanden so sprichwörtlich wie für examinierte, approbierte Medizinstudenten: Wer sich nach Uni und Studium vom Assistenz- zum Facharzt fortbildet, sich also medizinisch spezialisiert, ist sowohl körperlich als auch seelisch heftig gefordert. Da ist es wichtig, das für sich passende Umfeld für den Berufseinstieg zu suchen und genau zu überlegen, ob man die Weiterbildung lieber im Uniklinikum einer Großstadt oder in einem kleinen Krankenhaus beziehungsweise einer Praxis – womöglich sogar auf dem Land – machen will.
Welcher Weg der bessere ist, hängt vor allem davon ab, wo der Assistenzarzt später beruflich hinwill, sagt Stefanie Gehrlein, 47, Justiziarin beim Bundesverband des Marburger Bundes, dem Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e. V.: "Wenn man sich vorstellen kann, nach der Facharztprüfung nicht nur in einer Klinik zu arbeiten, sondern als Angestellter auch in Vollzeit oder Teilzeit in einer Arztpraxis oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum, oder wenn man sogar die Idee hat, sich später mit einer eigenen Praxis niederzulassen, dann sollte man so früh wie möglich praktische Erfahrung in der hausärztlichen Versorgung sammeln."
Auch Dr. Florian Teeg konnte sich schon zu Beginn seiner Zeit als Assistenzarzt vorstellen, später als Allgemeinmediziner niederzulassen. Dennoch findet der 39-Jährige, der mittlerweile eine eigene Praxis als Facharzt für Innere Medizin leitet, seine Weiterbildungszeit in einem Klinikum wertvoller als die in einer Arztpraxis, wo Assistenzärzte obligatorisch auch einen Teil ihrer Ausbildung absolvieren. "Gerade die Anfangsjahre sollte man als Jungmediziner lieber in einer Klinik verbringen", findet Teeg. "Dort wechseln die Patienten schneller, man hat einen besseren Austausch unter den Kollegen, eine bessere Supervision und sieht viel von spezialisierten Fachabteilungen."
In welchem Klinikum er seine Weiterbildung genoss, will Teeg nicht sagen; in seinem Buch "Von Bluterguss bis Exitus" berichtet er sehr offen von seinem Alltag als Assistenzarzt. "Da möchte ich nicht, dass jemand glaubt, sich wiederzuerkennen", sagt Teeg. Nur so viel verrät er: seine Weiterbildung fand in einem großen Klinikum in einer großen Stadt statt, eine Kombination, die nach wie vor vielen jungen Ärzten am attraktivsten erscheint und mit zum akuten Ärztemangel auf dem Land beiträgt, der Reiner Kaminski so viel Kopfzerbrechen bereitet.
Seit Ende Mai 2011 ist Kaminski Ansprechpartner für die Initiative "StadtLandPraxis", die für den Landkreis Harburg in Niedersachsen ins Leben gerufen wurde, um junge Landärzte zu gewinnen. Denn die werden in der Region dringend gebraucht, bekräftigt der 54-jährige Experte. "Für unseren Landkreis mit 245 000 Einwohnern haben wir zurzeit rund 120 Hausärzte", so Kaminski. "Bis zum Jahr 2020 werden etwa 50 ihre Praxis aus Altersgründen aufgeben müssen, wir schlittern auf eine absolute Unterversorgung zu." Deshalb umwirbt er junge Mediziner wie zum Beispiel Dr. Fabian Wahls: Der 32-jährige Assistenzarzt macht gerade seine Weiterbildung zum Allgemeinmediziner im Krankenhaus Winsen, dem Verwaltungssitz des Landkreises Harburg mit gerade mal rund 34 000 Einwohnern.
"Die mit einer Praxis verbundenen wirtschaftlichen Risiken gelten als unkalkulierbar"
Wahls kommt aus einem ländlichen Vorort von Hamburg, hat in der Hansestadt studiert, sich für die Facharztausbildung jedoch mit Absicht ein kleines Krankenhaus wie das Winsener ausgesucht: "Ich mag die Ruhe auf dem Land und die persönliche Atmosphäre im Krankenhaus. In der Klinik sind die Wege kurz, hier kennt man sich, es ist nicht so anonym wie in einem großen Klinikum. Und man lernt schneller, selbstständig zu arbeiten."
Mit Hilfe der Initiative "StadtLandPraxis" hat Wahls schon zu vielen Landärzten im Landkreis Harburg Kontakt geknüpft. Ab 2013 will er auch einen Teil seiner Weiterbildung in einer Landpraxis machen. "Ich kann mir vorstellen", sagt er, "später dann nicht mehr in einer Klinik zu arbeiten, sondern mich mit einer eigenen Praxis als Landarzt niederzulassen." Sicher nicht die schlechteste Idee. In den Kliniken erwartet gerade junge Ärzte ein ziemlich straffes Programm. "Die Arbeitsbelastung in den Kliniken", sagt Justiziarin Gehrlein vom Marburger Bund, "ist hoch"; Florian Teegs Buch spiegelt den immensen Leistungsdruck in einer großen Klinik anschaulich wider.
Positiv ist auch, dass sich die Verdienste inzwischen angeglichen haben: Ein Assistenzarzt, der in einer Hausarztpraxis seine Weiterbildung durchläuft, verdient genauso viel wie ein Assistenzarzt in einer Klinik. "Maßgeblich dafür verantwortlich ist das Förderprogramm 'Weiterbildung Allgemeinmedizin', das seit dem 1. Januar 2010 weiterbildungsberechtigten Arztpraxen ermöglicht, von den Krankenkassen und den kassenärztlichen Vereinigungen den entsprechenden Zuschuss zu erhalten, der die frühere Verdienstlücke schließt", erklärt Gehrlein.
Aber sei es nun auf dem Land oder in der Stadt: "Der Trend geht mehr und mehr in Richtung Angestellten-Verhältnis", so die Justiziarin. "Die mit einer Praxisgründung oder -übernahme verbundenen wirtschaftlichen Risiken gelten als unkalkulierbar." Es sei denn, man plant die Praxis auf dem Land, hält Reiner Kaminski von der Initiative "StadtLandPraxis" dagegen: Denn anders als in einer großen Stadt mit mehr fachlicher Konkurrenz wäre es kein Problem für einen jungen Arzt, sich auf dem Land schnell den so nötigen Stamm treuer Patienten aufzubauen – und damit eine gesunde berufliche Zukunft zu sichern.
UNICUM Buchtipp: Geschichten aus dem Krankenhaus
Gestern noch im Hörsaal, heute auf der Intensivstation: Sehr ehrlich, selbstkritisch, aber auch äußerst unterhaltsam berichtet Florian Teeg über seine Anfangszeiten als Mediziner an einer großen Uni-Klinik.
Dr. med. Florian Teeg: „Von Bluterguss bis Exitus. Aus dem Alltag eines Assistenzarztes“, Heyne 2012, ISBN: 978-3-453-60254-0, 14,90 Euro










