Boombranche Ingenieurdienstleistung
Mangel schafft Wachstum

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Engineering Services sind gefragt wie selten zuvor. Auch weil sich die Ingenieurdienstleister als flexibles Scharnier im Arbeitsmarkt bewährt haben. Die Branche wächst, muss nun aber mit steigender Fluktuation fertig werden.
In vielen Branchen gibt es derzeit Vakanzen

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Der treueste Begleiter des Ingenieurberufs ist – der Mangel. Wie ein chronisch wundgelegener Patient klagt die Industrie seit Jahren über offene Stellen, die zu vergebenen Umsatzchancen führen. Auch die jüngste Vermisstenmeldung klingt beunruhigend: Im September 2012, so berichten der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, seien 80.500 Stellen in Ingenieurberufen unbesetzt gewesen. Die größten Vakanzen treten dabei derzeit in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik (25.500) sowie der Energie- und Elektrotechnik (18.700) auf.
Auf der anderen Seite waren rund 23.250 Ingenieure arbeitslos gemeldet, die meisten davon in den Branchen Bau, Vermessung und Gebäudetechnik, Architektur (zusammen 7.666) sowie in der technischen Forschung und Produktionssteuerung (6.375). Lediglich in zwei von acht Kategorien, die im "VDI-/IW-Ingenieurmonitor" aufgeführt werden, war der Bedarf geringer als die Zahl der Arbeitslosen. Allein in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik beträgt die Relation acht zu eins. "Trotz der sehr positiven Entwicklung bei den Absolventenzahlen bleiben Ingenieure die Engpassqualifikation am deutschen Arbeitsmarkt", resümiert VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs.
Für Ingenieurdienstleister ist diese Situation günstig und schwierig zugleich. Die Firmen übernehmen von Industriebetrieben zeitlich befristete Aufträge und setzen ihre Mitarbeiter auf Basis des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes dort ein. Da es in vielen Branchen derzeit Vakanzen gibt, sind Ingenieurdienstleister wie Ferchau, Brunel & Co stark gefragt. "Das Geschäftsmodell einer projektbasierten und flexiblen Unterstützung durch hoch qualifizierte Ingenieure, Techniker und Informatiker hat sich bei vielen Unternehmen etabliert", berichtet Gerjan Mazenier, Chef von Brunel Deutschland, das im vergangenen Jahr kräftig zugelegt und seinen Umsatz auf 152 Millionen Euro geschraubt hat.
Vor allem für Maschinenbau, Elektrotechnik sowie Energie- und Kraftwerksbau suchten die Kundenunternehmen hoch qualifiziertes Personal. Das gilt sowohl für die kurzfristige und schnelle Bewältigung von Auftragsspitzen als auch für langfristige Projektunterstützung. Die Dienstleister haben allerdings ein ähnliches Problem wie ihre Auftraggeber: Qualifiziertes Personal ist nicht so einfach zu finden. Frank Ferchau räumt ein, dass der Aufwand für die Rekrutierung in den vergangenen Jahren größer geworden sei. "Nicht mehr der Kandidat bewirbt sich bei unterschiedlichen Firmen, sondern jetzt ist es umgekehrt", nennt der geschäftsführende Gesellschafter von Ferchau Engineering, etwas zugespitzt, einen der wesentlichsten Unterschiede. Die Gummersbacher Firma ist führend im Markt der Engineering-Dienstleister, beschäftigt rund 5.200 Ingenieure (Anteil 60 Prozent), IT-Consultants (20 Prozent), Techniker (15 Prozent) und Technische Zeichner (5 Prozent) in mehr als 50 Niederlassungen und Standorten sowie über 60 technischen Büros. Gegenüber 2011 soll der Umsatz in diesem Jahr um rund 20 Prozent auf 450 Millionen Euro steigen.
Probezeit der besonderen Art

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Dass nicht alle Absolventen und Young Professionals geradewegs in Konzerne strömen oder sich automatisch an klassische Arbeitgeber binden wollen, hat nachvollziehbare Gründe. Selbst in Zeiten, in denen qualifizierte Bewerber oftmals unter mehreren Angeboten wählen können. So sind Ingenieurdienstleister ein Sprungbrett für den Berufseinstieg, ohne dass sich die Jungakademiker gleich auf ein Unternehmen festlegen müssen. Vielmehr haben sie die Chance, unterschiedliche Auftraggeber kennenzulernen und durch den Einsatz in verschiedenen Projekten ihre eigenen Stärken und Vorlieben herauszufinden. Zugleich entwickeln sie berufliche Fertigkeiten und Fähigkeiten, die ihr künftiges Jobprofil schärfen. Manche Mitarbeiter empfinden das – vorausgesetzt der Dienstleister agiert professionell und bezahlt fair – als Probe- und Probierzeit der besonderen Art. Hinzukommt eine weitere Gruppe, die vom Angebot der Engineering Services profitiert: Die Generation 50plus kann bei den Dienstleistern oftmals einfacher Tritt fassen als anderswo.
Laut Marketingleiter Stefan Eichholz zählt bei Ferchau etwa ein Drittel der Belegschaft "zu den Jungingenieure, die drei Jahre bei uns sind. Die meisten davon werden von unseren guten Kunden abgeworben." Was unterstreicht, dass die Engineering-Dienstleister auch eine Scharnierfunktion im Arbeitsmarkt einnehmen und indirekt als Mittler zwischen Fachpersonal und stellenbietenden Unternehmen fungieren. Für diese ist der Einsatz der Projektkräfte längst zu einem relevanten Rekrutierungskanal von neuem Personal geworden. Umgekehrt kann auch der Dienstleister profitieren. Der Wechsel eines Mitarbeiters zum Kunden ist nicht nur Teil des Geschäftsmodells, sondern bringt auch mit sich, dass in den Unternehmen mit der Zeit immer mehr Ehemalige als Ansprechpartner und Entscheider fungieren. Das erweist sich oft als Vorteil, weil sich dadurch beide Seiten besser kennen.
Die Marktforschung Lünendonk geht 2012 von einem auf rund 7,8 Milliarden Euro wachsenden Marktvolumen der Technologieberatung und Engineering-Dienstleistung aus. Die hohe Nachfrage führe zu steigenden Honorarsätzen bei den führenden Anbietern. Laut der im August erschienenen Lünendonk-Analyse erwarten die Engineering-Services-Anbieter für das kommende Jahr einen Anstieg für Beratungsaufträge auf durchschnittlich mehr als 907 Euro pro Tag. Bei den Realisierungsleistungen rechnen sie mit einem Tagessatz von rund 700 Euro. "In der Entwicklung der Honorarsätze spiegelt sich der Fachkräftemangel deutlich wider", erklärt Lünendonk-Partner Hartmut Lüerßen. "Weil die Unternehmen nur begrenzt bereit sind, Kompromisse bei den Anforderungen an die Skills der Berater zu machen, sind steigende Honorare eine logische Konsequenz."
Bei der Auswahl der Dienstleister legen die Auftraggeber großen Wert auf deren Qualität, wie eine aktuelle Ferchau-Studie bestätigt. Genaue Kenntnis über die Bedürfnisse des Unternehmens sowie die technischen Projektanforderungen gehören zu den wichtigsten Bewertungskriterien, ebenso wie die gezielte Vorauswahl von passenden Projektmitarbeitern. "Fachkompetenz wird mit einem Gesicht verbunden, das heißt: einem persönlichen Ansprechpartner, der den Kunden und seine Prozesse kennt. Ingenieure, die mit Ingenieuren sprechen – das ist der Gegenentwurf zum
Call Center", erläutert Ferchau-Manager Eichholz.
Von der Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt haben die Anbieter von Technologie-Beratung und Engineering Services in den vergangen Jahren wirtschaftlich enorm profitiert. Andererseits bringt der allgemeine Fachkräftemangel in den Ingenieur- und IT-Berufen auch spezielle Probleme mit sich. Laut Lünendonk ist die Fluktuationsrate im Vergleich zur Vorjahresstudie (16,2 Prozent) weiter gestiegen – auf durchschnittlich mehr als 18 Prozent. "Auch wenn der Großteil der Mitarbeiter zu einem Kundenunternehmen wechselt, könnte die Fluktuation zu einem echten Wachstumshemmnis werden", prognostiziert Mario Zillmann, Leiter
Professional Services bei Lünendonk.









