Coworking – ein Selbstversuch
UNICUM stellt die Gemeinschaftsbüros der Zukunft vor. Willkommen im Betahaus!

- Mehr als einen Tisch und einen Laptop braucht es oft nicht. | Foto: Jupiterimages
Ein Coworking Space ist ein Ort, an dem sich Menschen zum Arbeiten treffen, die dafür nicht viel mehr als Laptop und Telefon brauchen. Etwa 100 solcher Orte gibt es inzwischen in Deutschland. UNICUM Autorin Yvonne Pöppelbaum hat vor kurzem ebenfalls ein Plätzchen in einem Gemeinschaftsbürokomplex bezogen. Ihr Erfahrungsbericht.
Ich coworke, du coworkst, er coworkt – oder workt er vielleicht co? Dieser beinahe sprachpoetische Gedanke geht mir in der U3 auf dem Weg zu meinem neuen Schreibtisch durch den Kopf. Haltestelle Feldstraße, gleich neben dem Pauli-Stadion am Millerntor. Hier muss ich raus. Ab heute gehe ich zum Arbeiten ins betahaus (www.hamburg.betahaus.de). Da wartet nicht nur ein Schreibtisch auf mich, sondern gleich ganz viele.
"Zuhause hätte ich vermutlich zwischendurch kurz die Waschmachine angestellt"
"Willkommen im betahaus", sagt Seda. "Such dir einfach einen Platz aus." Für 149 Euro im Monat kann ich das Umzugschaos zuhause erst einmal ignorieren. Soviel zahle ich für zwölf betahaus-Tage pro Monat, inklusive W-LAN sowie Schließ- und Postfach. Das alles habe ich zu Hause auch. Dafür fehlen da arbeitende Menschen. Die wiederum gehören im betahaus zum Konzept. Hier sitzen Programmierer, Grafiker, Berater, IT-Start-ups und Co. unter einem Dach.
Ich suche mir einen Platz am Fenster und tippe das W-LAN-Passwort ein. Neben mir schreibt Petra an ihrer Abschlussarbeit über Softwarearchitektur, hinter mir brütet eine Gruppe Programmierer über einer neuen App. Hinten rechts skypt Hélène mit einem Auftraggeber in Paris. Ein guter Ort zum Arbeiten. Mails beantworten, Blogbeiträge redigieren, Vokabellisten korrigieren, Lernvideos
checken. Bis mittags schaffe ich eine ganze Menge. Zu Hause hätte ich vermutlich zwischendurch kurz die Waschmaschine angestellt oder einen Schrank zusammengebaut – und mich am Abend gefragt, wo denn die Zeit geblieben ist.
Als nächstes rufe ich Axel Haunschild an, um mit ihm über Coworking zu reden. Haunschild ist Professor an der Leibniz-Universität Hannover und forscht zu neuen Beschäftigungs- und Arbeitsorganisationsformen. Am Telefon verrät er mir, warum Coworking Spaces besser als Online- Partnerbörsen sind und was die Französische Revolution damit zu tun hat. "Coworking Spaces bieten einen alternativen Gemeinschaftsraum", sagt Haunschild. Eine Kombination aus Freiheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Die Freiheit, selbst unternehmerisch tätig zu sein und allein oder in Projekten mit anderen zusammenzuarbeiten. Die Möglichkeit, die Gemeinschaft im Coworking Space zu nutzen, um die Bürogemeinschaft im Unternehmen zu ersetzen. Sich austauschen zu können, Feedback zu bekommen, "Kollegen" zu haben.
Inzwischen schicken auch Unternehmen einzelne Mitarbeiter oder kleine Teams in Coworking Spaces, damit sie eine Zeit lang aus dem Unternehmenstrott rauskommen. "Die Idee ist ja vor allem auch, auf Gleichgesinnte zu treffen oder auf andere Kreative, so dass sich Kooperationen oder gemeinsame Projekte ergeben", erklärt Haunschild. "Das ist im Coworking Space wesentlich fluider, als es innerhalb von Unternehmensgrenzen sein könnte." Da ist sie, die Revolution.
Theoretisch könnte man auf den realen Austausch verzichten. Projektpartner kann man schließlich auch über Online-Plattformen und andere soziale Netzwerke finden. Aber ob man dann gut zusammenarbeitet? "Es geht auch um Vertrauen oder eine Art Zutrauen. Das Gefühl, gerne mit einem Partner zusammenarbeiten zu wollen", sagt Haunschild. "Das ist wie bei den Partnerbörsen im Netz: Nur weil man ein paar Fragen beantwortet hat und es ein paar Übereinstimmungen gibt, heißt das noch lange nicht, dass man tatsächlich gut zueinander passt." Die Phase des Kennenlernens könne man jedenfalls mithilfe von Informationstechnologien nicht einfach überspringen.
"Ein guter Ort, um auf dem laufenden zu bleiben. Kein guter ort zum telefonieren"
Meine Kennenlernphase im betahaus riecht inzwischen leicht nach indischem Curry. Heute ist Montag und Montag ist Betalunchtag. Wer mag, bringt sein Essen mit, gegessen wird gemeinsam. "Wir haben uns was Neues ausgedacht", verkündet betahaus-Geschäftsführerin Lena Schiller-Clausen dem guten Dutzend versammelter Coworker. In Zukunft werde der montägliche Betalunch nicht nur zum gemeinsamen Essen und Vernetzen genutzt, ab sofort gebe es auch Futter fürs Hirn. Zehn Minuten, gleich nach dem Essen.
"Ich fange heute an und erzähle euch was über Canvas." Canvas. Ob man das essen kann? Ich beiße in meinen Apfel und versuche nicht allzu fragend zu gucken. Im Home-Office hätte ich vermutlich bis heute nichts vom Business Model Canvas gehört. Ein guter Ort, um auf dem Laufenden zu bleiben.
Am Nachmittag muss ich telefonieren. Neues Projekt, Honorar verhandeln, Details klären. Wie war das noch mit Vertraulichkeit und Datenschutz? Kein guter Ort zum Telefonieren. "Bestimmte Tätigkeiten kann ich eben nicht ausüben, wenn Leute um mich rum sind", sagt Haunschild. "Das ist eine interessante Frage, wie man im öffentlichen Raum mit vertraulichen Unternehmensinformationen arbeiten kann." Auf die Lösung kann ich heute nicht warten – ich gehe nach draußen. Gut, dass es in Hamburg auch Tage gibt, an denen es nicht regnet.
Zurück an meinem Schreibtisch habe ich genug für heute. Mir schwirrt der Kopf
von Networking, Coworking, Canvas und Co. Morgen arbeite ich zuhause. Die Sache mit der Wäsche hat ja auch ihre Vorteile …
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