„Die Wirklichkeit wird ausgeblendet“
Wissenschaftler Gerd Bosbach begründet, warum es aus seiner Sicht keinen Fachkräftemangel gibt und warum Arbeitgebern und der Politik die Debatte gelegen kommt.
Herr Bosbach, haben wir in Deutschland nun einen Fachkräftemangel oder nicht?
Gerd Bosbach: Eindeutig, nein. Natürlich gibt es Bereiche, in denen Stellen aus Sicht der Unternehmen nicht schnell genug oder in ausreichender Zahl besetzt werden können. Aber man muss sich nicht einmal tief in die Zahlen eingraben, um zu erkennen, dass der Fachkräftemangel herbeigeredet wird.
Das müssen Sie erklären.
Bosbach: Schauen Sie: Wenn in einem Markt Knappheit herrscht, also die Nachfrage höher ist als das Angebot, dann steigen die Preise. Übertragen auf die Situation auf dem Arbeitsmarkt, bedeutet das: Es müsste deutlich steigende Gehälter und erheblich weniger befristete Arbeitsverträge geben. Ein weiteres Indiz ist, dass die Weiterbildungsbranche derzeit am Boden liegt. Denn wenn es an bestimmten Qualifikationen wirklich fehlen würde, dann ließen Unternehmen ihre Mitarbeiter entsprechend schulen.
Personalchefs und Verbandsmanager bestätigen allerdings, dass es große Probleme gibt, offene Stellen adäquat zu besetzen.
Bosbach: Da wird die Wirklichkeit aber ganz schön ausgeblendet. Viele Arbeitssuchende bekommen trotz guter Qualifikation oft schlecht bezahlte Jobs, zum Teil sogar nur als Zeitarbeit und weit unter ihrer Qualifikation. Absolventen bekommen erst mal Praktika angeboten, auch das ist noch übliche Praxis. Nach verzweifelter Fachkräfte-Suche sieht das nicht aus. Hinzu kommt, dass gerne alles über einen Kamm geschert wird: So ist die Zahl der Beschäftigten in den meisten naturwissenschaftlich-technischen Berufen zwischen 2008 und 2010 sogar überdurchschnittlich stark gesunken, die Zahl der Arbeitslosen gestiegen. Laut Bundesagentur für Arbeit kamen im Oktober 2010 beispielsweise auf 2657 arbeitslose Chemiker und Chemieingenieure ganze 288 offene Stellen.
Was werfen Sie den Unternehmen vor?
Bosbach: Wir stellen immer wieder fest, dass Kandidaten, die vielleicht nur acht von zehn geforderten Qualifikationen besitzen, aus dem Raster fallen und nicht eingestellt werden. Man hat also den perfekten Bewerber im Blick und ist oft nicht bereit, Mitarbeiter mit guter Basisqualifikation zu nehmen und sie dann durch Weiterbildung im Unternehmen für das jeweilige Jobprofil fit zu machen. Das war früher gang und gäbe. Aber selbst bei den eigenen Mitarbeitern knausern die Arbeitgeber häufig, wenn es um weiterqualifizierende Maßnahmen geht. Dabei käme das unmittelbar dem Unternehmen zugute.
Aber wer hat denn etwas von einer Phantom-Debatte um Fachkräftemangel?
Bosbach: Dadurch hält man die Preise für Arbeitskräfte niedrig. So wird derzeit gefordert, dass Nicht-EU-Ausländer schon eine Arbeitsgenehmigung erhalten sollen ab einem Mindestgehalt von 40 000 Euro statt, wie es bislang der Fall ist, von 66 000 Euro. Arbeitgeber haben offensichtlich ein Interesse daran, billige Mitarbeiter anzuwerben und damit auch den einheimischen Fachkräften weiter Konkurrenz zu machen. So verschafft man sich eine komfortable Situation, um steigende Gehaltsansprüche abzuwehren. Und der Politik kommt die Debatte sehr gelegen: Sie lenkt davon ab, dass es immer noch zu viel Arbeitslosigkeit gibt und Hartz IV reformiert gehört.
Die Arbeitslosenquote bewegt sich doch auf niedrigem Niveau?
Bosbach: Das verkauft die Regierung gerne so. Tatsache aber ist: Im September dieses Jahres gab es offiziell 2,8 Millionen Arbeitslose. Die Bundesagentur für Arbeit spricht ehrlicher von einer Unterbeschäftigung von 3,9 Millionen fehlenden Stellen. Wie sehen die restlichen Fakten aus? Bei der Bundesagentur sind 4,5 Millionen Arbeitssuchende gemeldet und die Anzahl der erwerbsfähigen Bezieher von Arbeitslosengeld I oder II beträgt sogar 5,2 Millionen!
Jetzt rühren Sie aber im großen Topf. Wir reden über Fachkräfte.
Bosbach: Ich rede auch über Fachkräfte, denn unter den genannten 5,2 Millionen befinden sich auch sehr viele Fachkräfte. Nur wird deren Potenzial nicht erkannt, die Arbeitgeber interessieren sich kaum für diese Klientel.
Laut Frank-Jürgen Weise, dem Chef der Bundesagentur für Arbeit, wird die Lücke an Fachkräften immer größer, bis zum Jahr 2025 könnte sich der Mangel auf sechs bis sieben Millionen auswachsen.
Bosbach: Damit veröffentlichte Weise nur das „Worst Worst Case“–Szenarium des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), dessen Modellannahmen völlig unrealistisch sind und deshalb weitgehend verschwiegen werden. Das Schlimme dabei ist: Wenn solche Zahlen erst mal in der Öffentlichkeit sind, werden sie von den Medien aufgegriffen und permanent wiederholt, statt sie zu hinterfragen.

- Prof. Dr. Gerd Bosbach | Foto: www.rheinahrcampus.de
Professor Dr. Gerd Bosbach, 58, früher unter anderem für das Statistische Bundesamt tätig, lehrt Statistik, Mathematik und Empirie an der Fachhochschule Koblenz, Standort Remagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Statistik-Missbrauch, Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsstatistik, volkswirtschaftliche Aspekte der Gesundheitsfinanzierung. Großen Widerhall in den Medien findet sein zu Jahresbeginn erschienenes Buch „Lügen mit Zahlen – Wie wir mit Statistiken manipuliert werden“, das er zusammen mit dem Politologen Jens Jürgen Korff geschrieben hat.










