Hendrik Bluhm im Interview
„Ich fühle mich manchmal wie in Star Trek“
Wenn man so will, ist Hendrik Bluhm der neue Stern am Wissenschaftshimmel. Mit nur 31 Jahren ist er Professor und hat seit kurzem einen Lehrstuhl für experimentelle Festkörperphysik in Aachen inne. Er setzte sich gegen 53 nominierte Nachwuchsforscher durch und gewann jüngst den Förderpreis der„Alfried-Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung“. Was das Ganze mit Star Trek zu tun hat, das erfahrt ihr bei UNICUM.de im Interview.
Im Oktober wird ihnen der mit einer Million dotierte Förderpreis der„Alfried-Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung“ verliehen. Wie fühlen Sie sich als plötzlicher „Millionär“?
Die eine Million Euro, die ich als Preisgeld erhalten habe, ist ausschließlich für die Forschung gedacht. Das Geld entspricht ungefähr dem Jahresbudget des Lehrstuhls. Das Tolle an dem Preisgeld ist, dass wir bei risikoreichen Projekten nicht auf Drittmittel angewiesen sind. Die Förderung zieht sich über fünf Jahre und wird das Budget ergänzen.
Was wollen Sie mit dem Geld erforschen?
Mein Hauptforschungsgebiet sind die sogenannten Spinqubits. Ich entwickle neuartige elektronische Bauelemente, die in der Zukunft erheblich leistungsfähigere Computer möglich machen könnten. Wir befinden uns momentan noch in der Grundlagenforschung. Wir arbeiten an einzelnen Informationselementen, die irgendwann zu zehntausenden und hunderttausenden zusammengesetzt werden müssen.
Mit ihren bisherigen Erkenntnissen haben sie wesentlich dazu beigetragen, die Leistung von Computern bei bestimmten Anwendungen zu steigern. Was fasziniert Sie besonders daran?
Es ist eine ideale Kombination aus Grundlagenforschung und Anwendung. Dabei geht es nicht nur darum technische Probleme zu lösen, sondern wirklich zu verstehen, wie diese Elemente funktionieren. Die Datenverarbeitung soll auf ganz neue physikalische Grundlagen gestellt werden. Ich fühle mich manchmal ein bisschen wie in Star Trek. Es wäre eine konzeptionelle Revolution.
Wo begegnen wir Ihnen im Alltag?
Zunächst eher weniger. Es dauert lange, bis diese Erkenntnisse tatsächlich reif für den Markt sind. Die derzeit bekannten Anwendungen sind sehr speziell. Man weiß zwar nicht, wo die Forschung hinführt, es ist aber nicht unbedingt absehbar, dass diese Anwendung in jedem Wohnzimmercomputer zu finden sein wird.
Sie haben sowohl in Freiburg als auch an der Stanford University in Kalifornien studiert und an der renommierten Harvard University geforscht. Wenn sie amerikanischen mit den deutschen Universitäten vergleichen – was sind die wesentlichen Unterschiede?
Der markanteste Unterschied ist, dass die Universitätslandschaft sehr differenziert aufgebaut ist. In den USA gibt es sehr wenige, herausragende Universitäten, auf denen auch viele ehrgeizige Studenten anzutreffen sind. Dann gibt es viele Unis, die sich auf die Undergraduates spezialisiert (Studenten studieren hauptsächlich den B.A. Anmerkung der Red.) haben.
Vermissen Sie denn hier eine Spezialisierung an den Universitäten?
Bisher kann ich das nicht so sagen. Sicherlich, das deutsche Forschungssystem könnte mehr Dynamik entwickeln. Mit den eingesetzten Ressourcen könnte unter dem Strich mehr raus kommen. Was nicht ist, kann aber noch werden. Ich sehe das eigentlich relativ positiv. Ich werde oft gefragt, was mich zurück nach Deutschland gezogen hat. In den USA ist auch nicht alles besser.
Aber Sie begrüßen die neuen Studienabschlüsse?
Ich glaube, sie sind dynamischer aber manchmal unnötig formal. Es wird sehr viel Wert auf Anerkennbarkeit gelegt. Ich habe manchmal Bedenken, dass es eine gewisse Scheingenauigkeit erzeugt. Aber da ist sicherlich noch einiges im Umbruch.
In den USA ist es selbstverständlich, dass die Studenten Studiengebühren zahlen. Sind Studiengebühren in Deutschland ein geeignetes Mittel um der chronischen Unterfinanzierung der Universitäten entgegen zu wirken?
Ich würde es von der Finanzierung abkoppeln. Es ist schon so, dass die Kombination aus Studiengebühren und Exzellenzinitiative den Universitäten einen wichtigen Spielraum geschaffen hat. Die Lehre zu verbessern, z.B. durch neue Geräte für Laborpraktika, wird erst durch zusätzliche Gelder möglich. Wir bewegen uns gerade aus dem Status Quo heraus. Insofern sind solche Sachen sehr wichtig. Aber ob es jetzt aus einer direkten Finanzierung kommt oder aus Studiengebühren, ist von Seiten der Uni eher zweitrangig.
Mit ihren 31 Jahren sind Sie ein sehr junger Professor. Wie erklären Sie sich ihren Erfolg?
Das gibt es mehrere Faktoren. Begeisterung fürs Fach, Beharrlichkeit und in die USA zu gehen hat sicherlich auch geholfen. Manchmal frage ich mich, ob man in Deutschland nicht zu viel Respekt vor den guten US-UNIs hat. Da wird auch nur mit Wasser gewaschen. Und natürlich hatte ich auch Glück, dass an der RWTH Aachen jemand mit meinen Interessen gesucht wurde. Die fachliche Ausrichtung hat gepasst und ich wollte wieder nach Deutschland zurück. Letztendlich hat alles geklappt.
Konnten Sie denn ihre eigene Zeit als Student richtig genießen oder haben Sie immer sehr engagiert gelernt?
In den ersten zwei Jahren meiner Promotion habe ich es auf acht Wochen Urlaub gebracht und sehr viel unternommen. Dazwischen habe ich sehr viel gearbeitet. Keine Frage, ich stecke sehr viel Energie in die Forschung. Andere Dinge müssen nun kürzer treten.
Sie sind mittlerweile im Arbeitsalltag angekommen.
Das auf jeden Fall. Es ist eine große Umstellung für mich, jetzt in der Lehre zu arbeiten und Studenten zu betreuen. Im Grunde macht mir die Arbeit mit den Studenten Spaß. Besonders wenn ein Dialog zustande kommt und interessante Fragen gestellt werden. Für die Vorbereitung von Vorlesungen brauche ich allerdings noch viel Zeit.
Wie ist das mit Frauen in ihrem Fach: Warum studieren nur so wenig Frauen die sogenannten MINT Fächer?
Ich tendiere zu der Annahme, dass es schon gewisse Charakteristika des Fachs gibt, die eher Männer als Frauen ansprechen. Sicher spielt dabei auch eine Rolle, dass es immer als klassisches Männerfach angesehen wird. Es ist ein raues Umfeld, das vielleicht Frauen weniger zusagt als Männern. Der Leistungsdruck ist sehr hoch. Aber das Problem liegt weniger in der Zahl der Studienanfängerinnen als darin, welcher Anteil von ihnen auf eine Professur berufen wird. Es ist einfach schwierig, eine Professur mit einer Familie zu vereinbaren. Eine Professur erfordert einen sehr hohen Zeitaufwand. Ich glaube, dazu sind sehr wenige Frauen bereit. Wenn ich dafür eine Patentlösung hätte...
Haben Sie ein Vorbild?
Was mich zum Physikstudium angetrieben hat, war der Wunsch, dass, was ich in populärwissenschaftlichen Büchern über die Relativitätstheorie oder Quantenmechanik gelesen habe, selber zu verstehen. Insofern ist Wissen, das von Einstein, Heisenberg und Schrödinger kommt, auch inhaltlich ein Leitfaden für mich gewesen.
Was würden Sie Abiturienten mit auf dem Weg geben, die Physik als Studienfach in Betracht ziehen?
Physik ist ein sehr interessantes Fach, was sehr flexibel einsetzbar ist. Auch in der Wirtschaft sind Physiker gefragt. Aber es ist nicht jedermanns Sache. Man benötigt Leidenschaft und Talent. Jeder sollte sich kritisch fragen, ob es das richtige Fach ist. Und wenn es das ist, kann man damit viel Vergnügen haben und es steht einem sehr viel offen.










