Karriere als Rating-Analyst: Die Zukunft der Anderen
Junior-Analyst Simon Vohwinkel erzählt von seinem Berufseinstieg in eine spannende Branche

- Simon Vohwinkel | Foto: Michael Godehardt
Sie bewerten die Kreditwürdigkeit von Firmen und Banken und bringen damit zuweilen ganze Volkswirtschaften in Bedrängnis: Ratingagenturen sind mächtige Akteure auf dem Finanzmarkt. Junior-Analyst Simon Vohwinkel (28) führt Ratings für Unternehmen des gehobenen Mittelstandes durch und ist sich bewusst, dass er zumindest ein stückweit deren Zukunft in seinen Händen hält.
Sie bringen Staaten in Finanznot und lassen weltweit die Börsen erzittern. Sie senken den Ausblick für Griechenland, sie stufen italienische Banken herab, sie zweifeln an der Eurozone und drohen selbst den USA mit Abwertung. Wenn man die Schlagzeilen verfolgt, erscheinen Ratingagenturen als regelrechtes Teufelswerkzeug.
Als willkürliche Machthaber, die die Wirtschaftskrise erst verursacht und dann angeheizt haben. Die Kritik bezieht sich jedoch vor allem auf die Vormachtstellung der drei weltweit mächtigsten Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch – allesamt US-Agenturen – und einen ganz speziellen Arbeitsbereich: die Länder-Ratings.
Buchstaben, die die Welt bedeuten

- Simon Vohwinkel im Gespräch mit UNICUM | Foto: Michael Godehardt
Simon Vohwinkel hat damit herzlich wenig zu tun. Dabei ist er seit April 2011 Junior-Rating-Analyst bei der Creditreform Rating AG in Neuss. Die deutsche Ratingagentur beurteilt jedoch nicht die Kreditwürdigkeit von Staaten, ihr Schwerpunkt sind Unternehmen des gehobenen Mittelstands. Schließlich braucht jedes Unternehmen, jede Bank, die sich von Investoren am Kapitalmarkt Geld besorgen will, ein Urteil über ihre Kreditwürdigkeit.
Vohwinkel und seine Kollegen vergeben dazu verschiedene Bonitätsnoten. Die Skala beginnt in der Regel mit der Bestnote "AAA" und endet bei "D" – wenn der Schuldner nicht mehr bezahlen kann. Je besser das Urteil ausfällt, desto günstiger sind in der Regel Kredite.
Doch wie kommt ein Analyst eigentlich zu dieser Note? Erst einmal benötigt er sechs bis acht Wochen Zeit und einen Partner. Denn bei der Creditreform Rating AG arbeiten immer ein Senior- und ein Junior-Analyst zusammen. Hinzu kommen ein großer Unterlagenstapel mit den letzten Jahresabschlüssen, unterjährigen BWAs – Betriebswirtschaftliche Auswertungen, die Zahlen zur aktuellen Lage des Unternehmens liefern – oder Soll-Ist-Vergleichen, und ein Managementgespräch vor Ort.
"Üblicherweise schickt uns das Unternehmen alle benötigten Unterlagen vor dem Gespräch zu", sagt Vohwinkel. Und wenn nicht? "Dann werden die fehlenden nachgefordert. Offene Fragen werden ohnehin im Gespräch geklärt", sagt der 28-Jährige. In seinem Beruf brauche man schon Durchsetzungskraft. Im Großen und Ganzen seien die Unternehmen jedoch kooperativ. Schließlich wünschen sie ja selbst auch eine zügige Erstellung des Ratings. Und zahlen dafür immerhin rund 30.000 Euro.
"Im Rahmen des Ratings wird dann die Vielzahl von Unterlagen ausgewertet", erklärt Vohwinkel. Alle Informationen werden durch interne und externe Vergleichsdaten auf ihre Verlässlichkeit überprüft. Die quantitativen Analysen werden durch qualitative ergänzt, die Faktoren wie Kunden- und Lieferantenbeziehungen, Marktumfeld, Finanzmanagement und Strategie miteinbeziehen. Abschließend erarbeiten die Analysten einen Ratingvorschlag, schreiben einen ausführlichen Bericht und stellen die Ergebnisse einem Ratingkomitee vor. Erst das Komitee legt dann die endgültige Note fest.
Innenansichten verschiedenster Unternehmen
In solchen Momenten ist Simon Vohwinkel froh, dass er ein Auslandssemester in Stockholm absolviert hat: "Dort habe ich gelernt, wie man sich richtig präsentiert." Während seines Wirtschaftsstudiums in Bochum hätten fast nie Referate angestanden. Und nach dem Studium habe er auch noch nicht so genau gewusst, was er machen wollte – bis er die Stellenausschreibung der Creditreform Rating AG gesehen hat. "Die hat mich sofort angesprochen", erinnert sich der Bochumer, der nun jeden Tag mit der Bahn aus dem Ruhrgebiet ins niederrheinischen Neuss pendelt. "Die Anforderungskriterien wie Teamfähigkeit und analytisches Denken haben gepasst. Außerdem hat mich gereizt, dass man mit vielen verschiedenen Unternehmen zusammenarbeitet."
2011 hatte Vohwinkel etwa 20 Termine bei Unternehmen. Die meisten davon in Deutschland, immer öfter ist er jedoch auch europaweit unterwegs. In den USA können institutionelle Investoren die Ratings der Creditreform Rating AG bisher noch nicht nutzen. "Wir streben aber eine Zulassung für den amerikanischem Markt an", sagt Pressesprecherin Sabrina Schnaudt. Das Unternehmen ist zurzeit, neben sieben weiteren deutschen Agenturen, von der europäischen Finanzmarktaufsicht (ESMA) als EU-Ratingagentur zugelassen. Damit ist es verpflichtet, die Qualitätskriterien der ESMA, wie Objektivität und Unabhängigkeit, einzuhalten. Gemäß der entsprechenden Verordnung dürfen in Europa keine Ratingagenturen ohne Genehmigung der EU tätig werden – eine Folge der Finanzkrise.
Immer wieder gibt es auch Bestrebungen, ein europäisches Gegengewicht zu den drei marktbeherrschenden US-Agenturen zu schaffen. Zuletzt versuchte die Unternehmensberatung Roland Berger Investoren für dieses ambitionierte Projekt zu gewinnen. Europa hat großes Interesse daran, das US-amerikanische Oligopol zu knacken. Europäische Politiker werfen den US-Agenturen vor allem vor, mit ihrer Herabstufung hoch verschuldeter Euro-Staaten die Euro-Krise verschärft zu haben.
Die großen Drei vergeben zusammen geschätzte 95 Prozent aller Ratings weltweit. Es gibt zwar in fast allen Ländern Ratingagenturen, doch viele haben sich auf bestimmte Geschäftsbereiche spezialisiert. Standard & Poor‘s, Moody‘s und Fitch hingegen geben auch übergreifende Urteile über die Zahlungsfähigkeit von Ländern ab. Zudem wurden sie 1975 von der US-Börsenaufsicht als quasi-amtliche Bonitätsprüfer anerkannt. Das Resultat: Heute orientiert sich der größte Teil der Finanzwelt am Rating dieser Agenturen. Allerdings müsse sich eine neu geschaffene Agentur, die ein Gegengewicht dazu bilden will, auch erst das Vertrauen der Märkte erarbeiten, gibt Sabrina Schnaudt zu bedenken.
Creditreform Gruppe
Branche: Wirtschaftsinformationen, Forderungsmanagement
Mitarbeiter: circa 4.000 in Deutschland, 4.500 in Europa
Jahresumsatz: 488 Mio. Euro in Deutschland, 543 Mio. Euro in Europa
Einstiegschancen: Als Unternehmen auf Wachstumskurs sucht die Creditreform Gruppe weiterhin Verstärkung, sei es als Kundenbetreuer, Rechercheur, Inkasso-Spezialist, Konjunkturforscher, Software-Entwickler oder Azubi.
Weitere Infos: www.creditreform.de

