Karriere mit Risiken und Nebenwirkungen
Ein Fallbespiel aus der Pharmazie

- Elena Regner in ihrer Apotheke | Foto: Nina Weymann-Schulz
Raus aus der großen Stadt? Und dann auch noch eine eigene Apotheke eröffnen? Elena Regner (29) liegt überhaupt nicht im Trend und ist froh darüber: Sie ist seit Anfang des Jahres Besitzerin einer kleinen Apotheke in der Provinz.
Alles ist überschaubar
Eine lange Straße, gesäumt mit Einfamilienhäusern, die Busse fahren im Stunden-Takt: ein Supermarkt, ein Lotto-Geschäft und an der Ecke: die Lilien-Apotheke mit großer Glasfront. Hier am Rande Gifhorns, dem 42.000-Einwohner-Städtchen in Niedersachsen, betreibt Elena Regner seit Anfang 2012 ihre Apotheke.
Alles ist überschaubar: Vom hellen, modernen Verkaufsraum blickt man direkt auf einen Arbeitsplatz, an den langen, massiven Apothekerschränken vorbei, bis hinten ins Labor. Es gibt vier angestellte Mitarbeiterinnen, zwei Botenfahrer und eine Reinigungskraft. "Als ich die Apotheke übernommen habe, wurde als Erstes renoviert und neu eingerichtet. Der Vorbesitzer hatte noch die Ausstattung aus den frühen Achtzigern", sagt Regner und schiebt lässig die Kittelärmel hoch.
Familie und Freunde haben bei der Modernisierung mitgeholfen. Bedient wurden die Kunden weiterhin: "Anfang Januar wurde zum Beispiel das erste Mal die Miete abgebucht – ohne dass überhaupt irgendein Kunde da war", erzählt die junge Apothekerin etwas erschrocken über ihre ersten Erfahrungen als Apotheken-Besitzerin.
"Man braucht gute Nerven und gute Freunde"
Nach dem Pharmaziestudium und ihrer Zulassung als Apothekerin von der TU Braunschweig arbeitete sie zunächst in einer großen Innenstadtapotheke. Sechs Kassen, 20 Mitarbeiter und meist lange Warteschlangen. "Ein hoher Stressfaktor, bei dem vor allem der Kundenkontakt zu kurz kam. Das war reinste Massenabfertigung", sagt Elena Regner. Der Grund dafür ist, dass es seit 2004 keine Preisbindung mehr für rezeptfreie Medikamente gibt, die Sonderangebote boomen. Viele Apotheken haben sich aufgrund des Preiskampfes deshalb zu sogenannten Filialapotheken zusammengeschlossen und werben gemeinsam mit reduzierten Preisen.
Den Preiskampf macht die Lilien-Apotheke im ländlichen Gifhorn nicht mit. Elena Regner setzt lieber auf Service. Hier in ihrer Apotheke begrüßt sie manche Kunden schon mit Namen und weiß, wegen welchem Medikament sie vermutlich kommen. "In der großen Apotheke war man schon eher genervt, wenn mal ein Kunde zum Erzählen stehen blieb. Hier hat man öfter mal Zeit dafür", strahlt die Gründerin. Etwa 150 Kunden kommen pro Tag in ihre Apotheke, die meisten seit Jahren. Obwohl im Schnitt in Deutschland sechs Apotheken pro Woche schließen, müssen die Kunden der Lilien-Apotheke nicht auf eine wohnortnahe Medikamentenversorgung verzichten.
Durch ein Inserat einer Fachzeitschrift wurde Elena Regner auf den Verkauf der Apotheke aufmerksam. "Es waren nur die ersten Ziffern der Postleitzahl bekannt. Meine Großeltern kommen aus der Nähe und ich war als Kind oft hier", erzählt Elena Regner. "Allerdings hier direkt hinzuziehen, könnte ich mir nicht vorstellen." Sie selbst nimmt lieber die 30-minütige Autofahrt von der nächstgrößeren Stadt Braunschweig in Kauf.
"Am Anfang meines Studiums habe ich überhaupt nicht daran gedacht, eine eigene Apotheke zu haben", jetzt bilanziert die 29-Jährige: "Es macht Spaß. Man braucht aber auch gute Nerven, gute Freunde und eine gute Familie."
Und wie sieht es mit der Finanzierung aus? "Mein Eigenkapital war schon in der Vorbereitung aufgebraucht", erzählt die Gründerin. Aber die Banken hielten die kleine Apotheke für ein vielversprechendes Projekt und haben sie bei der Finanzierung unterstützt. Vermutlich hat Elena Regner sie auch mit ihrem Unternehmergeist und ihrem ungebrochenen Optimismus überzeugt. "Selbst wenn zehn Prozent der Apotheken schließen, muss man eben aufpassen, dass man nicht eine davon ist", sagt sie und strahlt. Die Apotheke soll bald auch einen Webshop bekommen, "aber nicht, weil ich mir Sorgen mache, dass die Kunden wegbleiben", sagt sie, "sondern einfach als Zusatzservice".
Kurz & kompakt
- Derzeit kann man an 22 Universitäten in Deutschland Pharmazie studieren.
- Das Studium umfasst vier Jahre an der Universität und ein Jahr praktische Ausbildung.
- Pro Woche schließen im Schnitt sechs Apotheken in Deutschland.
- In den nächsten zehn Jahren wird etwa ein Drittel der Apothekeninhaber das Rentenalter erreichen.









