Kita-Chaos: Uni-Abschluss reicht nicht für Job als Erzieherin
Probleme beim Berufseinstieg für Erziehungswissenschaftler

- Franziska Gebauer arbeitete schon während des Studiums als Tagesmutter | Foto: Thorsten Thierbach
Bundesweit suchen Kitas und Kindergärten händeringend nach Erzieherinnen. Doch studierte Erziehungswissenschaftler mit Praxiserfahrung sind dem Freistaat Sachsen nicht gut genug.
"Es frustriert mich, dass ich nicht für Kinder da sein darf"
Franziska Gebauer aus Dresden hat einen Traumberuf: Sie will Erzieherin werden und einmal Kitas leiten. Dafür hat die 30-Jährige ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, neun Semester Erziehungswissenschaften an der TU Dresden studiert. Franziska machte mehrere Praktika in Kindergärten, arbeitete immer wieder als Tagesmutter und erinnert sich: "Unser Professor hat uns während des Studiums immer wieder erklärt, dass wir als Erziehungswissenschaftler sogar flexibler einsetzbar wären als zum Beispiel Sozialpädagogen."
Doch da hat der Professor die Rechnung ohne das sächsische Kultusministerium gemacht. Denn als sich die Erziehungswissenschaftlerin nach ihrem Magister-Abschluss im Frühjahr 2011 auf eine der 250 offenen Stellen bei der Stadt Dresden bewirbt, traut sie ihren Ohren kaum. Sie sei für den Beruf der Erzieherin nicht ausreichend qualifiziert, heißt es in der Absage.
Die Begründung liefert Arnfried Schlosser, Referatsleiter beim sächsischen Kultusministerium: "Erziehungswissenschaften, Diplompädagogik und Magister Artium enthalten in den seltensten Fällen vertiefte sozialpädagogische Inhalte, die dann auch noch die Praxis in Kindertageseinrichtungen einschließen." Schlosser verweist dazu auf die Qualifikations- und Fortbildungsverordnung des Freistaats.
Franziska Gebauers Fall landet zur nochmaligen Prüfung beim zuständigen Landesjugendamt. Das lässt sich die genauen Lehrinhalte der Absolventin zeigen, kommt aber zum selben Ergebnis: Die Erziehungswissenschaftlerin ist für den Beruf der Erzieherin ungeeignet. Für die 30-Jährige absolut unverständlich: "Ich kann es nicht begreifen, wie es sein kann, dass händeringend Erzieher gesucht werden und die, die mit Freude und Leidenschaft den Beruf ausüben wollen, nicht zugelassen werden. Es frustriert mich, dass ich nicht für Kinder da sein darf."
KURIOS: EIN MAGISTER DER ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTEN DARF ERZIEHER AUSBILDEN, ABER NICHT ALS ERZIEHER ARBEITEN

- Franziska Gebauer mit Schützling Moritz | Foto: Thorsten Thierbach
Um doch noch als Erzieherin arbeiten zu können, müsste die Hochschulabsolventin erneut die Schulbank drücken, eine berufsbegleitende Fachschulausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin machen. Aber auch Arnfried Schlosser weiß, dass das keine akzeptable Möglichkeit für Hochschulabsolventen ist: "Allerdings könnten die Kandidaten bereits während dieser 4-jährigen Ausbildung in einer Kita arbeiten und werden als Fachkraft anerkannt."
Lutz Stephan von der zuständigen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Leipzig hält das für überflüssig. Seiner Meinung nach bringen studierte Erziehungswissenschaftler die geforderten pädagogischen Fachkenntnisse in ausreichendem Maße mit: "Zum Beispiel darf ein Magister der Erziehungswissenschaften im Bereich von Kinderheimen, der Erziehungsberatung, im Bereich der Ausbildung von Erzieherinnen tätig werden, nur nicht selbst in einer Kindertageseinrichtung arbeiten. Das finde ich skandalös." Der Gewerkschaftler macht allerdings Hoffnung und erklärt: "Ich habe schon den Eindruck, dass sich etwas bewegt. Ich habe recht gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit dem sächsischen Kultusministerium. Wir sind gemeinsam der Auffassung, dass wir in einigen Professionen darüber nachdenken müssen, wie wir geeignete Anpassungen und Weiterbildungen ausgestalten."
Doch wie immer die auch aussehen mögen, für Franziska Gebauer aus Dresden kämen sie zu spät. Im Unterschied zum sächsischen Kultusministerium und dem zuständigen Landesjugendamt nämlich gibt es durchaus Akteure im Bildungsbereich, die sie für bestens qualifiziert halten. Die Dresdner Evelyn-Kunze-Stiftung zum Beispiel will einen Privatkindergarten eröffnen und hat die Absolventin im Sommer 2012 kurzerhand eingestellt. Jetzt erarbeitet sie Erziehungskonzepte und plant deren Finanzierung. Geht die Kita 2013 an den Start, soll Franziska Gebauer nicht nur in ihrem Traumberuf als Erzieherin arbeiten können, sondern auch die Leitung der Einrichtung übernehmen.
Kurz & Kompakt
- Absolventen mit einem Abschluss in Erziehungswissenschaft hält das Sächsische Kultusministerium für nicht geeignet, als Erzieher zu arbeiten.
- In Sachsen hat sich die Zahl der ausgebildeten Erzieher(innen) in den vergangenen zehn Jahren fast verzehnfacht.
- Der Freistaat geht davon aus, 2013 jedem Einjährigen einen Kita-Platz zu gewährleisten.









