Sprachwissenschaftler-Karriere: Ein Linguist in Hollywood
Paul Frommer erfindet Sprachen für Kinofilme

- Aus der Sprache der Na'vi | Foto: youtube.com/USCStevens (Channel der University of Southern California)
Über 6.000 Sprachen werden auf der Erde gesprochen. Dank Paul Frommer gibt es auch in der Fantasy-Welt zwei mehr. Der Linguistik-Professor konstruierte die Alien-Sprachen in den Kinofilmen „Avatar“ und „John Carter“.
Wenn Paul Frommer seine E-Mails öffnet, erwarten ihn schon mal merkwürdige Sprachfetzen. Doch die Absender sind nicht etwa dubiose Spam-Mailer. Es sind vielmehr leidenschaftliche Fans des Kinoerfolgs von 2009: „Avatar“, die sich mit dem Erfinder der Sprache ihrer Lieblingsfiguren unterhalten wollen. Dabei bekommt es der Linguistik-Professor der University of Southern Californiaim Alltag eher mit Businessmenschen als mit Aliens zu tun. Doch wieso bewarb sich der ehemalige Direktor des Fachbereichs „Management Communication“ für einen Zweitjob bei der Hollywood-Produktion?
„Meine Leidenschaft für Sprache in Kombination mit meiner Begeisterung für Fantasy – das hat gepasst.“ Das sah auch James Cameron so und stellte ihn ein. Der Regisseur wollte nicht, dass die Na’vi bloß sinnlose Laute von sich geben. Ob das Publikum wirklich merkt, dass sich die blauen Fabelwesen in wohlgeformten Sätzen unterhalten? Paul Frommer ist sich sicher: „Auch wenn man nicht jedes Wort oder jeden Satz versteht, spürt man auch als Laie eine Einheitlichkeit. Dadurchentsteht eine zusätzliche Ebene, die in den Film hineinzieht.“
Den selben Effekt wollten auch die Macher des Films „John Carter“ nutzen, der Anfang 2012 ins Kino kam, und verschafften dem Linguistik-Experten einen weiteren Auftrag. Die Tharks, grüne echsenartige Wesen, sollten sich vernünftig unterhalten können. Seine Arbeit vergleicht er mit der eines Kochs: „Ich mixe viele einzelne Zutaten zusammen, bis die perfekte Kombination entsteht.“
„Du wirst heute nicht König“ hört man im Film als „Tet pa Jeddak kwapej“
Als Vorlage für den Film diente die Barsoom-Romanserie von Edgar Rice Burroughs aus dem Jahr 1917. Der Autor notierte darin rund 420 Worte in der Tharks-Sprache. Paul Frommer hatte also schon ein Grundrezept. „Beim Hinzufügen weiterer Wörter habe ich mich dann am Klang orientiert“, erläutert er im Interview und ergänzt: „Ich habe alle Töne und Tonkombinationen aufgespürt und daraus Lautsysteme entwickelt.“
Würde der ursprüngliche Erfinder noch leben, sollte es ihm daher vorkommen „wie eine natürliche Erweiterung seines erfundenen Wortschatzes“. Bei der Entwicklung der Alien-Grammatik hatte Paul Frommer hingegen freie Hand. Nur möglichst einfach sollte sie sein. Schließlich heißt es in der Romanvorlage: „Innerhalb einer Woche konnte ich alle meine Bedürfnisse formulieren, verstand dabei alles, was mir gesagt wurde.“
Der Linguist entschiedsich für die Satzstruktur: Verb, Subjekt, Objekt. „Im Grunde hat man sechs Kombinationsmöglichkeiten. Ich habe mich für die entschieden, die etwas weiter weg vom Englischen und trotzdem nicht zu exotisch ist.“ Den Satz „Du wirst heute nicht König“ hört man im Film als „Tet pa Jeddak kwapej“. Die wörtliche Übersetzung lautet: „Nicht werden Jeddak (König) heute.“
„Ich liebe deutsche Lyrik. Goethe kann ich ganz akkurat rezitieren.“ | Paul Frommer
Wichtig sei auch gewesen, dass die Wörter nicht besonders modifiziert werden. Am Deutschen mit den vielen Kasusendungen hat er sich daher wohl nicht orientiert. Dabei gefällt dem Sprachenliebhaber Deutsch ganz gut: „Ich liebe deutsche Lyrik. Goethe kann ich ganz akkurat rezitieren.“ Die harte Aussprache, bei der vor allem die Konsonanten betont werden, ist daher die größte Herausforderung.
Als Orientierungshilfe für Tharks-Hauptdarsteller Willem Dafoe und die anderen Schauspieler stellte Paul Frommer Tondateien als Aussprachehinweise zur Verfügung. „Zusätzlich schrieb ich Dialoge in Englisch auf und setzte die konstruierte Sprache daneben.“ Die Arbeit am Set hat er einer Dialekttrainerin überlassen.
Auch so hat das Hollywood-Projekt schon mehrere Monate in Anspruch genommen. Eine Investition, die sich zumindest im Fall von „Avatar“ schon gelohnt hat. „Rund um den Film hat sicheine große Community entwickelt. Es gibt sogar Kurse, in denen sich die Fans die Na’vi-Sprache gegenseitig beibringen“, erzählt Paul Frommer und ergänzt: „Viele können sie mittlerweile besser als ich.“









