Recrutainment: Baggern für den Job

von Ariane Breyer
Recruitainment | Foto: Millus
Foto/Illustration: Millus

Segeln mit dem Vorstand, Beachvolleyball mit dem Personalchef. Bei Recrutainment-Events kann man Unternehmen auf ganz unverkrampfte Art kennenlernen. Doch was bringen die Spaß-Bewerbungen Unternehmen und Absolventen wirklich?

Kristina von Gehlen kaut noch an ihrem Sandwich, als plötzlich eine freundlich winkende Frau in Sportklamotten vor ihr steht. „Guten Morgen, ich bin Joana aus der Personalabteilung!“ Das erste Treffen mit einem potenziellen Arbeitgeber ist normalerweise eine eher förmliche Angelegenheit. Aber die 22-jährige Kristina hat sich mit der WFI Summer Challenge für die unverkrampfte Variante entschieden. Konkret bedeutet das: Badehose statt Businessoutfit, High five statt Small Talk.

Die WFI Summer Challenge ist eine Art Massen-Recruiting-Event für Studenten der Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften. Drei Junitage lang kämpfen die zukünftigen High Potentials zusammen mit einigen der angesagtesten Arbeitgeber um den ersten Platz in Beach-Disziplinen. Nebenbei wird noch der eine oder andere Plausch über Praktika und Firmenphilosophie gehalten, bis sich am Abend alles an den nahegelegenen Baggersee verlagert, zur Grillparty.

Gucken, wie die Stimmung beim Arbeitgeber ist

Dabei muss am Ende nicht immer ein Job oder ein Praktikum rausspringen, manche wollen auch nur mal gucken, wie so die Stimmung bei ihrem Traumarbeitgeber ist. Fast 900 Studenten waren 2012 dabei, zum Mitspielen, Anfeuern oder um ein Bier mit einem der Firmenvertreter zu trinken.

Das alljährliche Wochenende in Ingolstadt ist nur ein Beispiel für eine Entwicklung im Personalwesen, die das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden will. Für den Trend gibt’s mittlerweile auch einen eigenen Begriff: Recrutainment. Dabei soll ein spielerischer Rahmen die Bewerbungssituation auflockern. Und das geht nicht nur am Strand.

Die selbst ernannten „Möglichmacher“ bringen auf ihrer Uni-Tour Studenten nicht nur das Facility Management näher, sondern auch den Kopfball-Tischtennis-Trendsport Headis. Die Unternehmensberatung Accenture veranstaltet Schneemobil-Rennen im österreichischen Zell am See und McKinsey lädt zum Skifahren in den Nobelort Kitzbühel.

Neue Lässigkeit

Die neue Lässigkeit kommt beiden Seiten zugute. „Ich war das ganze Wochenende über ich selbst und war überhaupt nicht angespannt“, sagt Kristina nach der WFI Summer Challenge, die in Ingolstadt derzeit ihre Bachelor-Arbeit in BWL schreibt. Sie hatte sich für das Team von Kienbaum Consultants beworben.

Der familiäre Umgang der Mitarbeitergefiel ihr gut. Die Sympathie war beidseitig: Kristina hat schon die Rückmeldung bekommen, sie und die anderen Teilnehmer hätten einen „super Eindruck“ gemacht. Ihre Bewerbungsunterlagen für ein Praktikum hat sie nicht auf das Online-Portal hochgeladen, sondern gleich an Joana aus der Personalabteilung gemailt.

Die Recrutainment-Philosophie ist, dass Firmen und Studis bei dem mehrtägigen Turnier einen authentischeren Eindruck voneinander bekommen. „Niemand kann sich ein ganzes Wochenende lang verstellen und nur die Tipps aus Bewerbungsratgebern befolgen“, sagt Thomas Lacher, einer der Koordinatoren der WFI Summer Challenge. Der 24-Jährige studiert im sechsten Semester BWL.

"War of Talents" auf dem Spielfeld

Damit ist er selbst einer der gut ausgebildeten Absolventen, die immer begehrter werden – und das auch wissen. Karrieremessen und Assessment Centerseien ihm zu steif, sagt er. „Der Bewerber ist da immer in einer untergeordneten Situation.“

Die Summer Challenge versteht er als Mix aus Sportevent und Karrieremesse: Firmen können ihr Image polieren, Studenten können sich ganz ungezwungen über berufliche Perspektiven informieren. Thomas Lacher stellt fest: „Unternehmen sind bereit, für gute Mitarbeiter immer mehr Aufwand zu betreiben, um an die besten Kräfte zu kommen.“

Der „War of Talents“ tobt daher nun auch auf dem Spielfeld. Dort präsentieren sich die Firmen so nahbar wie möglich, denn ihre potenziellen Mitarbeiter sind wählerisch. „Auch wenn wir uns um unsere Bewerberzahlen keine Sorgen machen müssen: Um die Top-Absolventenkon kurrieren wir natürlich immer mit anderen Unternehmen“, bestätigt Thomas Fritz, der Recruiting-Director von McKinsey.

Interesse an Work-Life-Balance stärker als früher

Dadurch würden die Bewerber anspruchsvoller, interessierten sich mehr als früher für die Work-Life-Balance. „Es geht darum, sie wirklich für uns und die Beratung zu begeistern.“ Artjom Kartaschow ist einer dieser High Potentials mit guten Karten auf dem Jobmarkt. Der 26-Jährige bastelt gerade an seinem deutsch-niederländischen Master in Finance und Controlling.

Weil er unter anderem fließend Russisch spricht, will er einen Beraterjob mit Osteuropabezug: „Und in dem Bereich ist Roland Berger einfach am besten aufgestellt.“ Anstatt gleich Bewerbungen zu schreiben, hat er mit den Jungs von Roland Berger Volleyball gespielt, um erst mal das Team kennenzulernen. Dieses flog in der Vorrunde raus – dafür hat Artjom jetzt die Handynummer des Personalchefs.

Gerade Beraterfirmen setzen auf Recrutainment

Dass gerade Beraterfirmen auf Recrutainment setzen, ist kein Zufall. „Wir arbeiten in ständig wechselnden Teams zusammen“, erklärt PwC Recruiting-Chef Folke Werner. „Deshalb bringen wir unsere Bewerber gern in außergewöhnliche Situationen.“ Wie bei den PwC-Segeltörns, den „Sail Adventures“. Dort, so Werner, zeige sich dann, wie die Leute sich in einer Gruppe verhalten.

Probleme gebe es eigentlich nie. „Es ist schließlich keine reine Spaßveranstaltung, das ist auch den Teilnehmern klar.“ Immerhin geht es um den zukünftigen Job. Wer mitreist, hat im Regelfall nicht nur ein Urlaubsbedürfnis, sondern ernste Absichten. Einer, räumt Werner ein, kam nach einem etwas längeren Abend mal zwei Stunden zu spät zum morgendlichen Treffen.

„Dem war das irre peinlich“, lacht Werner. Das Praktikum hat der Langschläfer dann doch bekommen. Schließlich sind die Sail Adventures ja eben eines gerade nicht: ein klassisches Bewerbungsgespräch.


Kurz und kompakt

  • Recrutainment bezeichnet eine Bewerbung in einer spielerischen Form, zum Beispiel einem Sportevent.
  • Für Informatiker organisiert die Agentur „Young Target“unter anderem Java Barbecues, IT Krimi Dinner und Hackathons.

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