Die letzten Biotope des Diploms

von Anke-Elisabeth Schoen
Immer noch ein beliebtes Dokument: das Diplom.

Die Universität Köln und weitere Hochschulen der Republik möchten ihre Diplom- und Magisterstudierende los werden. Andere halten an den Diplomstudiengängen fest. Besonders in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen gilt ein Diplom "Made in Germany" als Qualitätssigel. UNICUM verrät euch, warum das so ist.

Eine Hochschule, an der Studierende noch ein Diplom erwerben können, ist die Technische Universität (TU) Dresden. Neben zahlreichen Bachelor- und Masterstudiengängen bietet sie 16 verschiedene Diplomstudiengänge an. Laut Homepage der TU Dresden wurde an den Fakultäten Elektrotechnik, Informationstechnik, Maschinenwesen, Verkehrswissenschaften und Bauingenieurwesen das Diplom „nie aufgegeben.“ An der Fakultät für Informatik wurde der Diplomstudiengang für das Wintersemester 2010/11 wieder neu aufgelegt.

„Wir haben in Sachsen eine Besonderheit im Hochschulrecht“, erklärt Cornelia Blum, Studienberaterin an der TU Dresden. Für einige Studiengänge, beispielsweise für die Ingenieurwissenschaften, „genießt das Diplom weltweit einen sehr guten Ruf.“ Die „Marke“ solle deshalb erhalten bleiben. Das Niveau entspräche dem eines Masterabschlusses. Die TU Dresden schätzt, dass das Diplom in manchen Fächern einen höheren Stellenwert genießt als ein Master es tut.

Ähnlich strukturiert wie Bachelor und Master

Auch in anderen Bereichen gibt es an der TU Dresden Wahlfreiheit bei den Abschlüssen. Der Studiengang Lebensmittelchemie beispielsweise kann auf Diplom oder Staatsexamen studiert werden. Trotzdem ist das Diplom kein selig machendes Allheilmittel gegen die Bologna-Reform. „Die Diplomstudiengänge sind modularisiert und an den europäischen Hochschulraum angepasst“, so Cornelia Blum. Credit Points müssen also auch die Studierenden an der TU Dresden sammeln.

Die Vorteile, die man sich aufgrund des Bologna-Prozesses erhofft habe, sollen so auch in den Diplomstudiengang integriert werden. Die Diplomstudiengänge seien ähnlich strukturiert wie die Bachelor- und Masterstudiengänge. Die Prüfungen sind studienbegleitend, das Vordiplom gibt es nicht mehr. Was bleibt dann noch vom „alten“ Diplom? Das Hauptmerkmal sei die durchgängige Struktur. Die Studierenden können nach dem Bachelor nicht in einen Master mit einer anderen Ausrichtung wechseln. Ohnehin sei der Bachelor kein zum Beruf befähigender Abschluss, so Cornelia Blum.

In den geisteswissenschaftlichen Fächern sinnvoll

Auf den inneren Aufbau des Studiengangs hätten Bachelor und Master keinen Einfluss. Studiengänge, die sehr verschult waren, seien es auch heute noch. Umgekehrt gelte dies auch für Fächer mit einer hohen Wahlfreiheit. „Das ist weniger eine Frage von Bachelor und Master als viel mehr der Fachkultur“, betont Cornelia Blum. Dennoch ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass einige Bundesländer die Bologna-Reform torpedieren. Auch Mecklenburg Vorpommern führte vergangenes Jahr Diplom wieder ein. Im Hochschulgesetz ist geregelt, dass die Absolventen auf Antrag nicht einen Master, sondern ein Diplom verliehen bekommen können. Ähnliches gilt für Fachhochschulen. Auch hier können die Studierenden ihren Bachelorgrad in das Diplom tauschen. Vorraussetzung ist allerdings, dass sie 240 Leistungspunkte erreicht haben und rund acht Semester studiert haben.

Studienberaterin Cornelia Blum bezeichnet den Wechsel auf Bachelor und Master in den Geisteswissenschaften als „sinnvoll“. An der TU Dresden seien die Geisteswissenschaften „die Vorreiter“ in der Bachelor/Masterumstellung. Die Berufswege seien flexibler. Die Studierenden könnten sich nach dem Bachelor spezialisieren und sich fachlich neu orientieren. „Die Resonanz auf die Diplomstudiengänge ist sehr positiv“, erklärt Cornelia Blum, „wenn wir die TU Dresden auf Messen vertreten, sprechen uns viele Interessierte auf das Diplom an.“ Einige Studienanfänger würden sich auch aufgrund der Diplomstudiengänge für die TU Dresden entscheiden. Natürlich gäbe es auch skeptische Stimmen.

Bologna im Kern richtig

Stefan Grob, Pressesprecher des Deutschen Studentenwerks (DSW), bezeichnet das Festhalten an den „alten“ Studiengängen als „Abwehrschlacht“. Es seien Argumente, die die Hochschulen bereits vor zwölf Jahren hätten nennen können. Das Vorhaben, einen europäisch einheitlichen Hochschulraum zu schaffen, wurde bereits 1999 beschlossen. Bis zum Jahr 2010 sollte die Reform abgeschlossen sein. Der Bologna-Prozess beruht auf einer völkerrechtlich nicht bindenden Erklärung, die in Deutschland weitest gehend umgesetzt wurde. „Es gibt einige Studiengänge, die bisher noch nicht umgestellt sind und auf absehbare Zeit nicht umgestellt werden“, so Stefan Grob. Dazu gehören unter anderem jene Studiengänge, die mit einem Staatsexamen abschließen.

Trotz aller Kritik an der Bologna-Reform habe sie im Kern viele gute Ideen: Vergleichbarkeit der Abschlüsse, modularer Aufbau des Studiums, Mobilität, praxisnahe Ausbildung und die kürzere Studiendauer. Es sei nicht richtig, aus „historischen oder marketingtechnischen Gründen“ die Studiengänge Bachelor und Master „aufzuweichen“, so Stefan Grob. Ein föderalistisch motivierter Wettbewerb um bessere Abschlüsse gehe zu Lasten der Studierenden. Nicht alle könnten in ein Land oder an eine Hochschule wechseln, an der es noch den Titel Diplom-Ingenieur gibt. „Es ist ein unüberlegtes Vorgehen. Die Hochschulen sollten sich fragen, ob sie wirklich im Sinne der Studierenden handeln“,  meint Stefan Grob.

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