Euro 2012: Platzverweis für die Studis
Vorbereitungen für die Fußball-EM laufen aus dem Ruder

- Foto: Claudio Villa © Getty Images
Von Vorfreude ist an den ukrainischen Unis kurz vor der Fußball-Europameisterschaft nichts zu spüren. Verkürzte Semester und Zwangsräumungen der Wohnheime für die EM-Touristen drücken die Stimmung.

- Stadion und Hotel in der Ukraine | Foto: Lesya Yurchenko
Die Studenten in den EM-Städten der Ukraine wissen schon seit mindestens einem Jahr, dass sie vieles opfern müssen für das "historische Ereignis". So bezeichnen die Verantwortlichen gerne die EURO 2012, die zwischen dem 8. Juni und 1. Juli in Polen und der Ukraine stattfindet. Rund 11 Milliarden Euro wird in der Ukraine für die Vorbereitungen ausgegeben, beinahe das Dreifache der WM in Südafrika. Trotz dieser gigantischen Summe mangelt es im Land an preiswerten Hotels für Tausende von Besuchern.
Für die fehlenden Unterkünfte müssen nun rund 30 Studentenwohnheime in den Austragungsorten Kiew, Charkow, Lviv und Donezk Fußballfans als Hotels dienen. Damit die Wohnheime rechtzeitig geräumt werden, wurde das Sommersemester einfach um einen Monat gekürzt, per Verordnung des Bildungsministeriums. Alle Prüfungen, Klausuren und Praktika mussten bis Ende Mai abgeschlossen sein. Das Ergebnis: Die meisten von den EM-Vorbereitungen betroffenen Studenten hatten an jedem Samstag zusätzliche Lehrveranstaltungen, um die vorgegebenen Fristen einzuhalten.
Die Studenten wissen nicht, ob sie nach der EM in ihre Wohnheime zurückkehren können

- Katja Odarchenko | Foto: Lesya Yurchenko
Für die meisten stellt aber die Unklarheit darüber, welche Wohnheime wann für die EM Gäste geräumt werden müssen, das größte Problem dar, erzählt Katja Odarchenko, die an der Uni Kiew Biologie studiert. Als Aktivistin des Jugendflügels der oppositionellen Partei "Batkivschtschyna", deren Anführerin Julia Timoschenko seit einigen Monaten eine umstrittene Gefängnisstrafe verbüßt, setzt sie sich für ihre Kommilitonen ein. Seit Anfang April können Zimmer in den Wohnheimen der biologischen Fakultät der Kiewer Uni als Hotelzimmer gebucht werden. "Man kann sie schon im Netz reservieren. Zur gleichen Zeit haben die Studenten aber noch keine offiziellen Benachrichtigungen darüber bekommen, dass sie ausziehen müssen. Sie wissen nicht, wann genau sie ihre Zimmer räumen müssen, wohin mit dem vielen Kram und ob sie nach der EM in ihre Wohnheime zurückkehren können. Unklar ist auch, wer die Miete in den drei Monaten Sommerpause zahlt und die Zimmer danach in Ordnung bringt", zählt Katja die vielen offenen Fragen auf.
Iryna Maruschtschak studiert in Kiew und teilt sich ihr 16-Quadratmeter-Zimmer mit sieben Kommilitoninnen. Die Studentin des Touristikmanagements weiß schon seit Monaten, dass sie zur EM aus ihrem Zimmer raus muss. Zusammen mit ihren Freundinnen sucht die Studentin gerade eine Bleibe in der Hauptstadt. "Wir leben zu acht in einem Zimmer, also wird eine kleine Wohnung für fünf echt kein Problem werden", merkt Iryna sarkastisch an.

- Foto: Lesya Yurchenko
Das Wohnheim, in dem Iryna wohnt, liegt in der Stadtmitte. Möbliert ist ihr Zimmer nur mit vier Etagenbetten, andere Möbel fehlen. Als Doppelzimmer für EM-Touristen soll es bis zu 80 Euro kosten. Fragt man die Verantwortlichen in der Ukraine nach den Umständen der "EURO-Räumung", betonen sie den angeblichen Vorteil der Aktion: Die Wohnheime werden nach Jahrzehnten endlich einmal renoviert. Sichtbare Ergebnisse sind etwa in Irynas Fall die extra installierten Aufzüge im neunstöckigen Wohnheim. Für studentische Nutzung waren sie jedoch erst einmal gesperrt. "Dafür sind wir durchs Treppensteigen etwas fitter geworden", versichern die Betroffenen. Iryna und ihre Mitbewohner nehmen die Umstände noch mit Humor und hoffen, dass ihr Land die Europameisterschaft ohne größere Blamagen übersteht. An der traditionellen Gastfreundlichkeit der Ukrainer haben nämlich selbst die chaotischen Vorbereitungen bisher nichts geändert.

- Foto: Goodshoot
Kurz & Kompakt
- Die Ukraine gab für die Vorbereitungen zur EM nach vorläufigen Schätzungen rekordverdächtige 11 Milliarden Euro aus.
- Alleine in Kiew werden rund 14 000 Touristen in studentischen Unterkünften untergebracht.
- Eine Übernachtung soll rund 80 Euro pro Nacht kosten, ukrainische Studenten zahlen umgerechnet 13 Euro pro Monat.









