Handbuch einer tollkühnen Krisenreporterin
Rosie Garthwaites "Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt"
Es ist nicht zu weit hergeholt, Rosie Garthwaite als Elternschreck zu bezeichnen. Mit 18 trat sie der Armee bei, mit 22 ging sie als Krisenreporterin in den Irak. Ihre Überlebensratschläge hat die 30-Jährige in einem Buch zusammengefasst.
„Im Nachhinein betrachtet“, sagt Rosie Garthwaite, „war es ziemlich irre 2003 nach Irak zu gehen.“ Die Britin war damals 22 Jahre alt und hatte gerade ihren Abschluss in Geschichte in Oxford gemacht. „Ich wollte Karriere als Journalistin machen und war auf der Suche nach Erfahrungen.“ Die sollte sie in dem krieggebeutelten Land finden. Die Blondine lebte sieben Monate in Basra, fernab der sicheren Green Zone. Dort begann sie für das Baghdad Bulletin zu schreiben, eine halbmonatliche englischsprachige Zeitung, während ihre Eltern im beschaulichen Norfolk vor Sorge um ihre Tochter kein Auge zudrücken konnten.
Völlig unvorbereitet war Rosie nicht. Mit 18 absolvierte sie ein Brückenjahr bei der britischen Armee. „Das war im Grunde eine Werbetour für die Army. Ich bin um die Welt gereist und habe Leuten von meinen Erlebnissen berichtet.“ Während sie gelernt hat, was ihr Körper und Geist unter extremem Druck leisten können, freute sich die Armee über die gute Publicity. „Dort habe ich meinen Platz in der Welt kennengelernt.“ Zudem hat ihr das harte Militärtraining wichtiges Basiswissen für ihre spätere Tätigkeit als Krisenreporterin vermittelt.
„Du darfst das alles nicht zu ernst nehmen und an dich herankommen lassen. Das Leben ist sonst einfach zu grausam.“
Einiges davon ist in Rosies „Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt“ geflossen. In dem faszinierenden Ratgeber berichtet sie über ihre Erfahrungen und lässt viele Weggefährten zu Wort kommen. Solltet ihr euch jemals in ein Krisengebiet verirren, erfahrt ihr dort beispielsweise, wie ihr in der Wüste aus Verbandszeug einen Tampon bauen könnt oder ein Minenfeld erkennt. Aber auch, wie ihr einen Aufruhr unbeschadet übersteht (einige Ägypten- und Tunesien-Urlauber können ein Lied davon singen). Rosies Nummer-eins-Überlebenstipp betrifft aber nicht nur Reiselustige oder Krisenreporter: Trage einen Sicherheitsgurt. „In Krisengebieten sterben nämlich mehr Menschen auf der Straße als sonst wo.“
Dort hätte auch die Karriere der mittlerweile 30-jährigen ein jähes Ende finden können. Gegen den Rat ihres irakischen Fahrers steuerten sie und ein Journalisten-Kollege mitten in einen Aufruhr. Ihr Auto steckte auf einer Kreuzung fest, als ein Mann an die Fensterscheibe klopfte – in den Händen zwei Granaten. Der beherzte Tritt ihres Kollegen rettet ihr letztlich das Leben. „Das hat mich gelehrt, immer auf die Ortsansässigen Leute zu hören. Sie müssen schließlich ihren Alltag in dem Krisen-Chaos bewältigen.“ So lehrreich dieser Vorfall war, Angst als blonde Frau aus dem Nahen Osten zu berichten, hat sie nicht. Ganz im Gegenteil: Sie fühlt sich als ausländische Frau in der männerdominierten arabischen Welt privilegiert. „Die meisten Korrespondenten hier sind Frauen. Sie werden überall als Gäste behandelt und bekommen so häufiger einen Zugang zu beiden Seiten der Geschichte. Meine männlichen Kollegen werden von den Stammesführern eher als Bedrohung angesehen.“
Während ihrer Zeit in Irak musste Rosie mit vielen grausamen Bildern fertig werden. Einige davon verkaufte sie als Fotografin der Nachrichtenagentur Reuters. Darauf angesprochen, wie sie mit dem Blut und Terror um sie herum fertig wird, antwortet sie: „Mit Humor. Du darfst das alles nicht zu ernst nehmen und an dich herankommen lassen. Das Leben ist sonst einfach zu grausam.“
Wie grausam beweist die Geschichte, der sie ihre Karriere zu verdanken hat. Rosie deckte einen Folterskandal der britischen Armee auf, bei dem der Iraker Baha Mousa in Gefangenschaft ums Leben kam. Nachdem sie die Fakten mehrfach geprüft und den Artikel geschrieben hatte, wartete sie zehn Tage, bis sie die Geschichte veröffentlichte. Sie wollte ihren alten Kameraden bei der Armee keinen Bärendienst erweisen. Aus diesem Grund rief sie am Abend der Veröffentlichung bei der Pressestelle der Armee an, um sie persönlich über den Inhalt des Artikels zu informieren.
Von da an gab es kein zurück mehr. Rosie hatte sich einen Namen gemacht. Doch ihr Ruf eilte ihr voraus. Reuters wollte sie nicht einstellen, da sie „zu viele Risiken auf sich nahm.“ Sie sollte letztlich 2006 bei Al Jazeera in Doha ihre neue Heimat finden. Im Sommer 2011 wurde ihr dieser Arbeitsplatz jedoch zu langweilig. Sie kündigte den sicheren Schreibtischjob, um ihre eigene Independent-Dokumentationsfirma zu gründen. „Ich möchte wieder Geschichten machen und nicht in der Redaktion hocken und auf Berichte warten. Ich möchte meine journalistischen Wurzeln wieder aufleben lassen: Mit den Leuten am Boden zu sprechen.“ Bislang hat Rosie die Risiken richtig eingeschätzt. Ob dieser Schritt richtig oder irre war, wird die Zukunft zeigen.
Rosie Garthwaite
„Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt“
320 Seiten
Bloomsbury Berlin












