Hobbits als Hobby: Tolkien-Illustratorin Anke Eißmann im Interview - Teil 1
Zum Kinostart von "Der Hobbit" im Dezember sprach UNICUM mit der Künstlerin

- "Escaping from the Black Riders" von Anke Eißmann | Foto: Privat
Anke Eißmann (35) gehört zu Deutschlands bekanntesten Hobbit-Illustratorinnen. Ihre Werke sind in zahlreichen Büchern über J. R. R. Tolkien zu finden. Zum Kinostart von "Der Hobbit" im Dezember sprach die studierte Grafik-Designerin mit UNICUM über die Buchverfilmungen, Tolkien-Fans und ihren jetzigen Beruf als Kunstlehrerin.
"Man ist nicht alleine mit seiner Begeisterung"

- Anke Eißmann bei der Ausstellung ihrer Werke in der Stadtbibliothek Aachen (läuft noch bis zum 12.01.) | Foto: UNICUM
UNICUM: Zum Kinostart des "Hobbit"-Films sind Tolkiens Werke populär wie nie. Warum üben sie eine solche Faszination aus?
Anke Eißmann: Es hat sicherlich damit zu tun, dass diese Welt, die Tolkien erschaffen hat, so detailliert und vielschichtig ist, dass sie die Leser auf unterschiedliche Art und Weise anspricht. Jeder findet seine Nische. Es wird den Werken ja immer wieder Eskapismus vorgeworfen, die Fans flüchten alle nur vor der Realität – aber es ist ganz gut, wenn man so einen Ausgleich hat. Ich habe festgestellt, dass viele Leute, die sich sehr intensiv mit Tolkien beschäftigen, die Realität – was auch immer das ist – reflektierter betrachten.
Letztendlich geht es um universelle Dinge, wie z.B. den ewigen Kampf „Gut gegen Böse“…
Genau, und heutzutage werden auch die ökologischen Aspekte wichtiger. Ich will jetzt nicht sagen, dass man Tolkien als Öko bezeichnen kann, aber er hatte da schon ein gewisses Denken, was z.B. die Industrialisierung anbetrifft, oder eben eine ablehnende Einstellung zum Krieg, weil er das einfach alles miterlebt hat. Es ist gut, sich mit so etwas zu beschäftigen – auch auf eine derart gefilterte Art. So etwas inspiriert ungemein.
Du bist durch den Zeichtrickfilm von Bakshi zum ersten Mal auf „Herr der Ringe“ aufmerksam geworden. Was hat dich damals daran gereizt?
Die Tatsache, dass der Bakshi-Film die Geschichte nicht zu Ende erzählt, hat mich zu den Büchern gebracht, weil ich einfach wissen wollte, wie es ausgeht. Ich habe den ersten Teil fast direkt im Anschluss gelesen und vieles aus anderen Büchern wiedererkannt. Als Kind habe ich z.B. die Werke von Astrid Lindgren oder Ottfried Preußler geliebt, und viele Sachen, die mich daran fasziniert hatten, kamen auch im "Herr der Ringe" vor, aber im Gesamtpaket – das fand ich toll. Außerdem habe ich herausgefunden, dass ich darin eine künstlerische Inspiration finde. Damals als Teenager habe ich sehr viele Pferde gezeichnet – wunderbar, die gab es auch im "Herr der Ringe". Dann kamen irgendwann die Menschen, die Landschaft und die Architektur dazu. Und man kam auch mit anderen Fans ins Gespräch: das war schön, weil man zum einen Feedback bekam und zum anderen merkte, dass man nicht alleine mit seiner Begeisterung ist.
Und heute?
"Der Herr der Ringe" hat zwar ein Happy End, aber es ist doch ein relativ düsteres Ende. Nach den letzten Seiten setzt dann immer ein Blues ein, gegen den es nur ein Heilmittel gibt: Entweder von vorne anfangen oder alles andere lesen, was es noch von Tolkien gibt, wie z.B. den "Hobbit" oder das "Silmarilion". Das hat sich dann bei mir festgesetzt.
Apropos "Festsetzen": Ist es heutzutage nicht schwer, eigene Tolkienbilder zu gestalten, wo wir doch die Szenen aus dem Film so deutlich vor Augen haben?
Ich hatte das Glück, dass ich zehn Jahre vor den Filmen sowohl die Bücher von Tolkien gelesen, als auch während des Studiums mit dem Illustrieren angefangen habe. Meine eigene Version war gefestigt. Und, ich gebe es offen zu: Ich bin kein Fan dieser Verfilmungen. Es gibt viele Aspekte, die ich daran schätze, z.B. die künstlerische Arbeit. Die Making-ofs kann ich mir Nonstop angucken – die Filme nicht. Die Macher haben es sich zu einfach gemacht, was die Adaption der Geschichte anbetrifft, die haben sich zu sehr vor irgendwelchen Hollywoodklischees verbeugt. Da hätte ich mir etwas anderes gewünscht.
Bekommst du denn von Fans Feedback wie: "Das sieht aber anders aus als im Film"?
Da ich nicht nur Sachen zum "Herr der Ringe" mache, sondern auch z.B. zum "Silmarilion" eigentlich relativ wenig. Was ich am häufigsten zu hören bekomme ist: "Ach, das gab’s da ja auch". Die Tolkienwelt ist ein sehr kreatives Fandom, da gibt es viele Illustrationen – und natürlich auch veröffentlichte Illustratoren, die teilweise bei den Filmen mitgewirkt haben. Da versuche ich schon Szenen und Charaktere auszuwählen, die nicht so häufig dargestellt werden.

- "Frodo grieves for Bilbo" von Anke Eißmann

- "Sam and Frodo" von Anke Eißmann
"Das Wichtigste beim Zeichnen ist: Üben, üben, üben!"
Welche Figur zeichnest du am liebsten aus den Tolkien-Werken?
Mein Lieblingscharakter ist Faramir – wer die Filme kennt, kann verstehen, dass mir diese auch deswegen nicht besonders gut gefallen. Und ich mag die Hobbits sehr gerne, weil ich finde, dass die sehr nah an uns dran sind.
Wenn ich als Kunst-Null einen Hobbit malen will: Worauf muss ich achten?
Es kommt natürlich ein wenig auf den Anspruch an, sprich: ob es eher ein Comic- oder ein naturalistischer Hobbit werden soll. Dann hat Tolkien zu den Hobbits einiges gesagt, das sollte man sich noch einmal gründlich durchlesen. Ich arbeite ja als Kunstlehrerin und sage meinen Schülern immer wieder: Sucht euch Vorlagen. Bei Hobbits fällt mir auf, dass sie – selbst, wenn sie naturalistisch sein sollen – immer ein wenig ins Comichafte gehen. Die Füße sind immer etwas zu groß, die Proportionen stimmen nie ganz. Ich stelle sie mir dabei eigentlich wie kleine Leute vor. Das Wichtigste beim Zeichnen ist aber: Üben, üben, üben!
Deine Illustrationen sind meist Aquarell-Zeichnungen, warum?
Zum einen geht relativ schnell und man muss nicht die ganze Zeit Terpentine einatmen. Ich mag auch die Tatsache, das Aquarell ein wenig unberechenbar ist. Es macht oft, was es will. Gerade, wenn man mit mehr Wasser arbeitet, verläuft die Farbe viel. Man kann das zwar ein wenig beeinflussen, aber man sieht am Ende immer noch, dass das Bild gemalt ist. Das finde ich für Illustrationen sehr wichtig, weil dann der Leser, der die Bilder sieht, diese akzeptieren kann, aber daneben noch die eigene Vorstellung hat. Extrem fotorealistische Kunst nimmt viel mehr Einfluss auf unser eigenes Bild. Und wenn dann da die Details nicht stimmen, ist das unangenehm. Je abstrahierter eine Illustration ist, umso mehr kann man das als Alternative zu seiner eigenen Fantasie ansehen.
Also sind deine Illustrationen mehr als eine Anregung zu verstehen?
Genau. Natürlich habe ich schon den Anspruch, alles authentisch darzustellen und so, wie es im Buch beschrieben ist. Da müssen dann auch die die Kostüme sowie die Waffen und Rüstungen stimmen. Es gibt viel Tolkien-Kunst, die dieses „Heroic Fantasy“-Klischee erfüllt. Da sieht man einige Herren, die leichtbekleidet ohne Polsterung unter dem Kettenhemd da stehen. Aber wenn man das selber einmal anhatte, dann weiß man, dass ein Kettenhemd auf nackter Haut nicht geht. (lacht)
Du begeisterst dich neben Kostümen auch für Rollenspiele. Haben sich diese Hobbies aus deiner Tolkien-Begeisterung heraus entwickelt?
Das mit den historischen Kostümen wäre sicherlich so gekommen. Und ins Rollenspiel bin ich eigentlich über „Star Wars“ gekommen (lacht). Aber natürlich gibt es auch Mittelerde-Rollenspiele, also konnte man da gleich weitermachen. Das hätte sich wahrscheinlich auch alles ohne „Herr der Ringe“ so entwickelt.
Gibt es ein Ziel, das du mit deinen Tolkien-Illustrationen erreichen willst?
Also, wenn der Verlag Harper Collins mich um die Illustration eines Buches bitten würde, dann würde ich mehr als dankend annehmen. (lacht) Einige meiner Werke sind natürlich publiziert, z.B. von Walking Tree Publishers, die wissenschaftliche Sekundärliteratur zu Tolkien vertreiben. Es wäre dennoch schön, wenn es eine offiziell von mir illustrierte Ausgabe geben würde. Leider ist es extrem schwer, da einen Fuß in die Tür zu bekommen.
Weil es so viele andere Illustratoren gibt?
Ja, und weil die Verlage vorsichtig geworden sind. Und gerade Harper Collins, die die Haupt-Copyright-Inhaber sind, haben natürlich berühmte Illustratoren wie Alan Lee oder John Howe an der Hand. Solange die arbeiten, ist es ganz schwer, da etwas zu kriegen. Der deutsche Verlag Klett-Cotta macht so gut wie nichts eigenes, sondern nutzt die Darstellungen aus den englischen Ausgaben.
Aber du bist eine von Deutschlands bekanntesten Tolkien-Illustratoren...
Man ist halt übers Internet sehr bekannt, aber weniger, weil man viel publiziert. Es gibt auch nicht viele, die das in einem professionellen Stil betreiben. Natürlich gibt es in der Deutschen Tolkiengesellschaft gute Künstler, oder Leute wie Jenny Dolfen, die eben viel im Web machen. Das ist aber auch schön so: Man steht auf diese Weise Kontakt mit den Fans, und darum geht’s eigentlich – zumindest mir.
Eine Frage zwischendurch: Du total nett und bodenständig – ist es nicht merkwürdig einen Wikipedia-Eintrag zu haben?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wer den Eintrag gemacht hat. Das hat mich auch etwas überrascht. Aber ich find‘s nett. (lacht)
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