Hobbits als Hobby: Tolkien-Illustratorin Anke Eißmann im Interview - Teil 2
Zum Kinostart von "Der Hobbit" im Dezember sprach UNICUM mit der Künstlerin

- "Escaping from the Black Riders" von Anke Eißmann | Foto: Privat
Anke Eißmann (35) gehört zu Deutschlands bekanntesten Hobbit-Illustratorinnen. Ihre Werke sind in zahlreichen Büchern über J. R. R. Tolkien zu finden. Zum Kinostart von "Der Hobbit" im Dezember sprach die studierte Grafik-Designerin mit UNICUM über die Buchverfilmungen, Tolkien-Fans und ihren jetzigen Beruf als Kunstlehrerin.
"Früher galt an der Uni Fantasy als trivialer Abklatsch"
UNICUM: Gehen wir zurück in deine Vergangenheit: Du hattest in der Schule mit deinen Lehrern das Abkommen, dass du im Unterricht zeichnen durftest, aber wenigstens aufpassen musstest. Wäre dein Leben anders verlaufen, wenn deine Lehrer weniger tolerant gewesen wären?
Eißmann: Ich hatte es wahrscheinlich trotzdem gemacht! Die größte Unterstützung waren aber meine Eltern, die mich immer gefördert haben und auch nicht schockiert waren, als ich etwas Künstlerisches studieren wollte. Außerdem hatte ich das Glück, dass ich in der Schule einen guten Kunst-LK hatte. Da wurde nicht gesagt: "Fantasy geht gar nicht." Das war an der Uni anders, aber da habe ich dann teilweise einfach komplett andere Sachen gemacht.
War damals Fantasy an der Uni verpönt?
Das hat sich mittlerweile wahrscheinlich geändert, aber als ich vor 15 Jahre mein Studium in Weimar begonnen habe, galt im ganzen akademischen Bereich Fantasy als trivialer Abklatsch. Das war nichts, womit man sich wissenschaftlich oder künstlerisch beschäftigte – oder sein Geld verdiente, obwohl es damals schon viele bekannte Illustratoren in diesem Genre gab. Aber auch Illustrationen an sich galten damals nicht als Kunst, höchstens als Gebrauchskunst – dieser Makel heftet der Kunstform auch noch heute an. Auf der einen Seite hat man die freie Kunst, die Fine Arts. Auf der anderen Seite die Illustration. Das ist ein Unterschied, den ich und viele andere nicht sehen. Ich habe meine Illustrationen schon in Galerien ausgestellt, und man kann auch Kunstwerke zum Illustrieren verwenden.
Sind Illustrationen im Zeitalter des Comicbooms nicht mittlerweile besser angesehen?
Da hat sich schon etwas getan. Aber es hängt natürlich davon ab, mit wem man redet. Auch im Bereich Fantasy gibt es ja mittlerweile ganze Lehrstühle, die sich z.B. mit Tolkien beschäftigen. Von der Deutschen Tolkiengesellschaft treffen wir uns ebenfalls einmal im Jahr für ein internationales wissenschaftliches Seminar. Das alles wäre vor 20 Jahren nicht möglich gewesen oder nur als kleine Nischenveranstaltung.
Du hast ja zuerst Visuelle Kommunikation in Weimar studiert, dann warst du für ein Grafikdesignstudium in England …
Nach England bin ich durch ein Auslandssemester gekommen. Ich wollte eigentlich von Anfang an in Richtung Illustration gehen, aber das gab es an meiner Uni in Deutschland nicht. Hier habe ich fast nur Video und Trickfilme gemacht. Nach meinem Abschluss in Weimar habe ich dann noch ein Jahr in England drangehängt und Grafikdesign studiert. Danach habe ich überlegt: "Was machst du jetzt? Schön während meines Studiums habe ich freiberuflich gearbeitet. Aber wenn man kein Vitamin B hat, ist es sehr schwer, davon zu leben. Ich habe dann an der Volkshochschule Kurse gegeben. Da habe ich gemerkt, dass mir das Lehren an sich Spaß macht, weil man da in Kontakt mit anderen steht. Als freiberufliche Illustratorin ist man relativ für sich, hat zwischendurch höchstens mal ein Gespräch mit einem Verlag. Man macht dann das, wofür man bezahlt wird, aber irgendwie hat mir das nicht gereicht.
Du hast dich dann für eine Lehrerlaufbahn entschieden.
Bei den Kursen an der Volkshochschule musste ich auf Zack sein und mich da ständig selber weiterbilden, das hat mir gefallen. Dann wurden an meiner alten Schule Kunstlehrer gesucht. Ich hatte zwar keine pädagogische Ausbildung, das hat aber niemanden interessiert. Es gibt ja die Möglichkeit Vertretungsverträge zu vergeben. Ich bin ich dann mit einer relativ geringen Stundenzahl eingestiegen und hatte direkt die Hardcore-Klassen 7 und 9. Ich weiß gar nicht, ob heute noch so ins kalte Wasser geschmissen wird. Mir wurde einfach gesagt: „Das ist der Lehrplan, das muss irgendwie gemacht werden. Sie schaffen das schon.“ Ich habe dann mehrere Jahre mit diesen Vertretungsverträgen fast voll gearbeitet und mir immer mehr angeeignet. Solche Verträge gingen aber immer nur für ein Schuljahr, in den Sommerferien war man dann arbeitslos. Ich habe mich irgendwann dann in Frankfurt an der Uni für ein Lehramtsstudium eingeschrieben, mit Englisch als Zweitfach und hatte auch eigentlich vorgehabt das durchzuziehen. Das Kunststudium haben sie mir anerkannt, dank meines Englandaufenthaltes auch einen Großteil des Englischstudiums. Ich hätte die Grundausbildung, Pädagogik, Didaktik usw. machen müssen.
Du hast also noch einmal von vorne studiert?
Nein, denn während meines ersten Semesters bin ich auf die Möglichkeit gestoßen, als Quereinsteiger mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium die berufsbegleitende Ausbildung zum Lehrer zu machen. Ich habe dann diese eine Art des verkürzten Referendariats gemacht, bestimmte Module belegt und abschließend das 2. Staatsexamen regulär nachgemacht. Und dann war noch die Frage, ob wir Quereinsteiger noch verbeamtet werden können, das musste juristisch geklärt werden, aber das ist jetzt auch möglich. Von daher bin ich jetzt richtig Lehrer und über einen Umweg reingekommen.
Wolltest du denn nicht z.B. als Grafikdesignerin in einer Agentur arbeiten?
Ich finde es gut, wenn meine Schüler aus dem Leistungskurs in Richtung Design oder Mediendesign gehen wollen. Wenn sich jemand dafür interessiert, sollen er oder sie das auch machen. Da viele Möglichkeiten, auch für eine Festanstellung bestehen. Ich wollte das aber nicht. Ich wollte schon immer meine eigene Arbeit machen. Natürlich im Auftrag, aber ich wollte mich nicht irgendwie einer Hierarchie unterordnen müssen.

- "Nightwatch" von Anke Eißmann
"Fan-Sein ist heutzutage akzeptierter"
Wie wichtig war der bereits erwähnte England-Aufenthalt für dich?
Super wichtig! Ich mochte England vorher schon, deshalb wollte ich gerne dahin. Das hat mich nicht nur von der Sprache-, sondern auch von der Persönlichkeitsentwicklung weitergebracht. Man lernt viel über sich selbst, man ist viel eigenständiger. Das ist schon etwas anderes, wenn man komplett auf sich gestellt ist. Für mich war es auch eine Umstellung vom Studieren her. Das Diplom-Studium in Weimar war ziemlich frei, wir haben hauptsächlich Projektarbeit gemacht und uns passende Seminare und Fachkurse ausgesucht. In England war im Bachelor-Studium dagegen richtig der Daumen drauf, da war alles vorgeschrieben, da hatte man ganz harte Deadlines. Das Studium war für drei Jahren angelegt, und wegen der wirklich hohen Studiengebühren, musste man das auch in dieser Zeit schaffen. Zum Glück wurde mein Auslandssemester von Erasmus übernommen und für das drangehängte Jahr habe ich ein Stipendium bekommen, sonst wäre das richtig fett teuer geworden. Aber die Aufenthalte waren für mich total wichtig, so habe ich z.B. gelernt, wie man auch kreativ ist, wenn es mal nicht so läuft.
Haben dich deine Erfahrungen in England als Tolkien-Künstlerin beeinflusst?
Wahrscheinlich schon irgendwie. Ich habe natürlich nochmal genauer geguckt, was wohl Tolkien inspiriert hat. Ich war z.B. ein paar Mal in der Gegend, in der auch er aufgewachsen ist und gelebt hat, also die Umgebung von Oxford oder die Westmidland Area. Wenn man einmal da war, dann weiß man genau, woher alles aus Tolkiens Werken kommt. Ich habe so ein bisschen Quellenforschung betrieben, das war wichtig. Ich kann jetzt nicht sagen, das mich etwas konkret inspiriert hat, es war einfach diese ganze Atmosphäre. Ich bin immer noch extrem anglophil und so oft es geht da.
Du zeichnest ja neben Tolkien vorwiegend altertümliche oder mythologische Themen – wie wäre es aber mal mit etwas Modernen wie z.B. Harry Potter. Reizt dich so etwas gar nicht?
Harry Potter vielleicht nicht, aber seit zwei Jahren gucke ich eine gewisse britische Fernsehserie und seitdem bin ich extrem „sherlocked“ (Gemeint ist die BBC-Serie "Sherlock Holmes"). Momentan mache ich viel Fan-Art, obwohl ich das beim Tolkien-Fandom anfangs immer so von oben herab betrachtet habe. Aber jetzt bin ich selbst völlig dabei.
Interessieren dich auch Conventions?
Ich war natürlich auf einigen Ring*Cons. Was mich weniger interessiert sind die ganzen Schauspieler, was ich ganz gerne habe, sind diese ganzen Blicke hinter die Kulissen. Gerade Maskendesign oder Kostümbild finde ich sehr interessant. Und es ist natürlich toll die ganzen Fans zu sehen: da steckt so viel Kreativität in verschiedenen Bereichen: Sei es Fan-Art, Kostüme bzw. Cos-Play, Fanfiction Musik, einfach alles Mögliche. Das inspiriert einen selbst ganz viel. Fan-Sein ist heutzutage auch akzeptierter. Früher wurde man immer ein bisschen belächelt. Es gibt da zwar immer noch Klischees und Menschen, die damit überhaupt nichts anfangen können. Wobei ich ehrlich sein muss: Mir sind die, die sich für überhaupt nichts begeistern können, und sei es ein Fußballverein oder sonstiges, mir echt suspekt. Denn ich glaube, das sind die, die echt gefährlich sind, weil die gar kein Ventil haben.
Kannst du dir vorstellen, jemals ohne die Beschäftigung mit Tolkien zu leben?
Eigentlich nicht. Das ist schon so tief drin. Was mich im Moment zum Beispiel sehr beschäftigt ist Tolkiens eigene Biografie. Gerade die Zeit, die er im ersten Weltkrieg verbracht hat, diese ganze Atmosphäre, das ist eine sehr spannende Epoche. Dazu gibt es einige gute Publikationen. Wenn bei Tolkien die Begeisterung für einen Aspekt nachlässt, findet man einfach sofort immer wieder was anderes. Da gibt es so viel, dass man ein Leben lang dabei bleiben kann. (lacht)

- "Sméagol and the Ring": Zeichnung für den "Beyond Bree"-Kalender 2013 von Anke Eißmann
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