Occupy Germany: „Wir sind die 99 Prozent“

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New York, Sydney, London, Frankfurt am Main: Tausende Menschen protestieren vor den Finanzzentren der Welt. Arbeitslose und Studenten aber auch Wohlhabende fordern lautstark ein Ende der globalen Finanzdiktatur.
„Das System ist in einer Sackgasse“, sagt Doro von Occupy-Germany trocken. Sie will ihre Identität nicht preisgeben, ruft mit unterdrückter Rufnummer an. Sie sagt, sie habe 30 Jahre als Bankerin gearbeitet, weiß, wovon sie redet. Nachverfolgen lässt sich das nicht. Doch um Einzelpersonen geht es den Finanzmarkt-Kritikern nicht. „Wenn eine Masse sich global zusammentut, müssen die gewählten Volksvertreter doch in der Lage sein, die Stimmen der Leute zu hören.“ Die Protestler kommen aus unterschiedlichen Schichten. Die Bandbreite reicht vom Gutverdiener, über Studenten bis hin zu Arbeitslosen.
Laut Doros Aussage spricht jeder Occupy-Teilnehmer für sich, für sein persönliches Anliegen. Occupy will keine monothematische Protestbewegung sein. „Das ist auch gut so“, meint die ehemalige Bankerin. „Wenn wir nur ein einziges Ziel formulieren, kommen die sogenannten Experten und zerreden alles.“ Im Kern geht es den meisten Teilnehmern jedoch um eine grundlegende Kritik am globalen Bankensystem. „Wir sind die 99 Prozent der Erdbevölkerung, die unter dem einen Prozent der Elite zu leiden hat.“ Doro ist die ausartende Rohstoff-Spekulation ein Dorn im Auge. „An den Märkten wird mit der achtfachen Menge des eigentlichen Ernteertrags gehandelt. Das ist Irrsinn.“ Zudem setzt sie sich für mehr Transparenz in der Politik ein. Sie nennt Deutsche Bank-Chef Josef Ackermanns 60. Geburtstagsfeier auf Kosten der Steuerzahler und das Geschacher um Verwaltungsratposten bei Politikern als negative Beispiele. Andere setzten sich für einen starken Mittelstand oder die Regulierung der Banken ein.
Globale Bewegung
Böse Zungen könnten behaupten, dass da wieder ein Trend aus Übersee rübergeschwappt ist. Doch damit würde die globale Occupy-Bewegung verkannt. Am 17. September versammelten sich Tausende Amerikaner im Zuccotti-Park nahe der New Yorker Wall Street, um gegen die Macht der Finanzwelt zu protestieren. Nach dem Vorbild der arabischen Revolution sollte „der Diktatur des Geldes“ ein Ende gesetzt werden. Analog zum Tahir-Platz wurde der Zuccotti-Park in Liberty Plaza umbenannt.
Den Protestlern von Occupy Wall Street scheint der Atem nicht auszugehen. Seit Wochen besetzen sie Lower Manhattan. Die Bewegung hat sich schnell in andere US-Städte ausgebreitet und mittlerweile auch den Rest der Welt erreicht.
Startschuss war der vergangene Samstag, den die spanische Antikapitalismus-Bewegung ¡Democracia real YA! (Echte Demokratie, jetzt) als Tag „um über den notwendigen globalen Wandel zu sprechen“ ausgerufen hat. Ohne Parteien, ohne Gewerkschaften und ohne Gruppen, die den Menschen sagen, was sie tun sollen. Dem Aufruft folgten Tausende Menschen in 951 Städten und 82 Ländern.
In Deutschland entstanden binnen kürzester Zeit diverse Occupy-Ableger. Die bislang größte Versammlung fand am 15. Oktober in Frankfurt am Main statt. Mithilfe der Globalisierungskritiker Attac, den Netzrebellen von Anonymous, der Linken und der Piratenpartei kamen laut Behördenangaben mehr als Tausend Menschen zur Demo vor der Europäischen Zentralbank. Weitere Demos sind unter anderem in Berlin, Düsseldorf und Hamburg sind angekündigt.
Der Austausch findet primär über das Internet statt. „Ohne das Netz hätte die Bewegung sicherlich nicht so schnell Fahrt aufgenommen“, ist sich Doro sicher. Durch die starke Präsenz bei Facebook und Twitter sind auch die Medien schnell auf die Protestler aufmerksam geworden. Doro selbst steht ständig mit anderen Occupy-Gruppen auf der ganzen Welt in Kontakt. Wie lange die Protestwelle noch anhält, weiß sie nicht. Doch noch ist Doro überzeugt, etwas ändern zu können. „Wir breiten uns wie eine Lawine aus. Wir sind die 99 Prozent.“









