Sackgasse Magisterstudium: Streit um Zwangsexmatrikulationen
Felix Massenbach (27) studiert Mittlere und Neuere Geschichte im Hauptfach, Politik und Germanistik im Nebenfach auf Magister. Er lernt an der Universität zu Köln und befindet sich im 12. Semester. Der Student gehört somit zu einer seltenen, bald vom Aussterben bedrohten Spezies an den Universitäten.
Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen darf er seinen Lebensraum allerdings weitere zwei Semester behalten. Seinem Härteanfall, er leidet unter einer schweren Gehbehinderung, wurde stattgegeben. Bis zum Ende des Wintersemesters 2011/12 hat er nun Zeit, sein Grundstudium abzuschließen. Andernfalls droht ihm das gleiche Schicksal wie 32 seiner Kommilitonen: Sie wurden zwangsexmatrikuliert.
Ursprünglich waren 1600 Studierende mit dem Studienziel Diplom oder Magister an der Universität Köln von der drohenden Exmatrikulation betroffen, weil sie die Regelstudienzeit weit überschritten hatten. Einige stellten einen Härtefallantrag, andere waren lediglich „Karteileichen“. Übrig blieben jene 32 Studierenden. Betroffen sind die Magisterstudiengänge an der philosophischen Fakultät und die Diplomstudiengänge an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. Deren Auslaufordnungen besagen, bis wann das Grundstudium abgeschlossen sein muss. Wer bis dahin sein Studium noch nicht beendet hat, dem droht die Exmatrikulation. Stichtag war der erste April, der Beginn des neuen Sommersemesters.
Nicht immer Äquivalent im Bachelor

- Albertus Magnus war Magister in Köln. Nachfolger wird es voraussichtlich bald nicht mehr geben (Fresko von 1352, Treviso).
"Viele Studenten der Magister- und Diplomstudiengänge haben bisher ihr Grundstudium nicht abgeschlossen", stellt Pressesprecherin Merle Hettesmeier fest. Die Universität habe sie angeschrieben, auch die jeweiligen Fakultäten hätten beratend zur Seite gestanden. Außerdem habe die Universität ihnen bei der Immatrikulation deutlich gemacht, dass die Studiengänge auslaufen. Die zweite AStA-Vorsitzende Katharina Sass räumt zwar ein, dass die Universität die Studierenden bei der Einschreibung auf die Auslaufordnung hingewiesen habe, dass dies während des Studiums allerdings kein "großes Thema" war.
Uni-Sprecherin Merle Hettesmeier macht deutlich, dass es nicht so weit hätte kommen müssen: "Es gab Studierende, die die Beratung in Anspruch genommen, dann aber nicht reagiert haben." In vielen Fällen hätten sie auch noch in den Bachelor wechseln können. Katharina Sass sieht das anders. "Für das Fach Politikwissenschaften gibt es kein Äquivalent im Bachelor." Ein exmatrikulierter Student der Politikwissenschaften musste sich für die fachnahen Sozialwissenschaften bewerben, bekam allerdings an der Universität Köln keinen Studienplatz mehr. "Das ist natürlich bitter", kommentiert Katharina Sass.
Gravierende persönliche Probleme
Viele der Studierenden hätten „gravierende persönliche Probleme“, so die Studentensprecherin. Es seien Menschen, die sich ihr Studium selbst finanzieren und deshalb viel arbeiten müssten. Sie hätten ihren BAföG-Anspruch verloren, weil sie das Fach gewechselt oder Familieangehörige gepflegt haben, aktuell aber keinen Anspruch mehr auf einen Härtefallantrag hätten. Einem Studenten mit drei Kindern sei der Härtefallantrag nicht bewilligt worden, weil die Kinder die Altersgrenze überschritten hatten. Studierende seien aufgrund von Gremienarbeit abgelehnt worden, obwohl ihnen dadurch keine Nachteile hätten entstehen dürfen. Ein Student sogar trotz chronischer Krankheit und Attest. „Es war ein relativ undurchsichtiges Verfahren“, meint Katharina Sass.
Pressesprecherin Merle Hettesmeier will den Verdacht ausräumen, dass Studenten aus „politischen oder individuellen“ Gründen an der Universität „nicht gewollt“ seien. „Die Universität ist eine öffentliche Behörde. Das hat nichts mit Vorlieben oder Abneigungen zu tun.“ Dennoch nimmt Katharina Sass die Universität in die Pflicht. „Die Uni muss Beratungsangebote schaffen, um den Studierenden zu helfen.“ Schließlich profitiere auch die Universität von weniger Studienabbrechern. Viele Langzeitstudierende schämten sich und würden das Problem deshalb nicht offen ansprechen. „Das macht es natürlich zusätzlich schwer, an gesicherte Informationen zu kommen.“
Rauswurf keine Seltenheit
Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk (DSW) stellt klar: „Im Jahr 2011 kann natürlich niemand darüber überrascht sein, dass es nun Bachelor- und Masterstudiengänge gibt.“ Grundsätzlich sei die Universität dazu verpflichtet, die Studierenden auf das Auslaufen der Magister- und Diplomstudiengänge hinzuweisen. „Wenn Härteanfälle aus unverständlichen oder fragwürdigen Argumenten abgelehnt werden sollten, dann wäre dies fragwürdig.“
„Für die Betroffenen ist es die Exmatrikulation ein großes Problem“, sagt Felix Massenbach. Der Student sammelte Unterschriften und sprach mit anderen Leidtragenden. Er will gegen die Universität Köln vorgehen, auch mit juristischen Mitteln. „Ich bin guter Dinge, dass wir mit unseren Klagen Erfolg haben“, sagt der Student. Die Realität spricht allerdings eine andere Sprache. Wie der Spiegel jüngst berichtete, sind Rauswürfe an Universitäten gang und gäbe. Allerdings stießen bisher keine Exmatrikulationen auf ein derart großes mediales Echo wie die in Köln.










