Schmerzhaftes Studium

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Hannah Küßner (24) hat Morbus Crohn. Das bedeutet, die Studentin lebt mit täglichen Magen-Darm-Krämpfen und Schmerzen. Dennoch lässt sich nicht von ihrem Studium abbringen und hilft zudem anderen Betroffenen.
Auf den ersten Blick ist Hannah eine ganz normale Studentin. Blonde lange Haare, Piercings, Jeans. Ein Lächeln im Gesicht, einen Milchkaffee vor sich auf dem Tisch. Doch dieser erste Eindruck täuscht, denn Hannah ist zu 40 Prozent behindert. Sie leidet an der Autoimmunerkrankung Morbus Crohn, die dafür sorgt, dass Hannah ständige Schmerzen im Bauch hat. Die chronisch entzündliche Darmerkrankung kann jeden treffen, besonders häufig jedoch junge Erwachsene.
Hannah erfährt mit 15, dass sie an Morbus Crohn leidet, lebt einige Jahre weitgehend beschwerdefrei mit der Krankheit, bis sie mit 18 Jahren bei einem Autounfall schwer verletzt wird. Ihr Darm wird zerfetzt, sie wird operiert, nimmt stark ab und entgeht knapp einem multiplen Organversagen. Seitdem hat Hannah gelernt, mit einer Krankheit zu leben, die bisher unheilbar ist – und unberechenbar.
Hat Hannah einen Krampf darf niemand sie anfassen
Von einem Moment auf den anderen kann ein Krampf in ihrem Magen dafür sorgen, dass sie vor Schmerzen nicht mehr aufrecht stehen kann. „Meine Freunde sind das schon gewohnt, sie warten dann kurz und dann gehen wir weiter.“ In diesen Momenten, sagt Hannah, dürfe sie keiner anfassen, niemand ihr zu nahe kommen. Wann der Schmerz sie erwischt, kann sie nie voraussagen, nur dass er kommt, ist klar. Täglich, meistens drei Mal: „Manchmal wache ich auf und frage mich, wann es heute passieren wird.“
Die Ursachen von Morbus Crohn sind weitgehend unbekannt. Forscher gehen von einer vererbten Krankheitsbereitschaft aus. Die Krankheit bringt einige Unannehmlichkeiten mit sich: Durchfall, Gelenkschmerzen, Augenentzündungen. Sie ist ein Teufelskreis, denn aus den Schmerzen werden wegen des Schlafmangels Müdigkeit und Konzentrationsprobleme. Unter diesen Umständen eine Vorlesung zu besuchen oder gar Klausuren zu schreiben, ist manchmal unmöglich. Doch trotz der Krankheit war für Hannah klar, dass sie studieren wird. In Mannheim macht sie ihren Bachelor in Kultur und Wirtschaft.
Dozenten reagieren unterschiedlich auf Hannahs Problem. Kürzlich fordert eine Professorin sie auf, zu unterlassen, während der Vorlesung Joghurt zu essen. Für Hannah jedoch ist regelmäßiges Essen unerlässlich: „Es schmerzt weniger, wenn man viele kleine Mahlzeiten zu sich nimmt als ein paar große, denn dann hätte der geschundene Darm noch mehr zu arbeiten und man kriegt Schmerzen. “Am Ende der Veranstaltung geht sie nach vorne und erklärt ihre Situation. „Dann zeigen sich die meisten Lehrenden doch verständnisvoll. “Mittlerweile studiert Hannah an der HWR Berlin den Masterstudiengang „Non-Profit-Management und Public Governance“.
Statistisch gesehen hat jeder Mensch einen Morbus-Crohn-Erkrankten im Bekanntenkreis
Und sie gründete den Verein studiCED, der sich für chronisch kranke Studierende einsetzt. Ein paar Mal die Woche bekommt sie E-Mails mit Anfragen betroffener Studenten, die sie um Unterstützung bitten. Die Umstellung auf Bachelor und Master und mit diesen der Zwang, einen strikten zeitlichen Ablaufplan einzuhalten und regelmäßig bei den Veranstaltungen anwesend zu sein, macht vielen Studenten mit chronischen Krankheiten das Leben schwer. „Wer nicht zum Seminar kommt, hat innerhalb eines bestimmten Zeitraumes ein Attest vorzulegen. Wenn es mir schlecht geht, kann ich mich aber nicht zum Arzt schleppen“, sagt Hannah und spricht damit aus, was viele chronisch kranke Studenten belastet. Hannah wünscht sich in erster Linie mehr Flexibilität an den Hochschulen. Etwa, dass chronisch Kranke in Teilzeit studieren können.
Wie viele Studenten mit Morbus Crohn es an ihrer Hochschule gibt, weiß Hannah nicht. Das ist für die meisten ein Tabuthema. „Wer redet schon gerne über Durchfall? Dabei hat statistisch gesehen jeder Mensch einen an Morbus-Crohn-Erkrankten im Bekanntenkreis. “Die 25-Jährige selbst macht um ihre Krankheit kein Geheimnis. Und aufhalten lässt sie sich von ihr schon gar nicht, auch wenn sie weiß, dass in den nächsten Jahren immer wieder Operationen auf sie zukommen werden.
„Den Gedanken ‚Warum ich?’ gestatte ich mir nur ein Mal im Jahr.“ Ihr großes Ziel ist es, für eine Non-Profit-Organisation im Ausland zu arbeiten. Schon mit 16 Jahren ging sie für ein Auslandsschuljahr nach Mexiko. „Meine Mutter und mein Arzt waren erst nicht begeistert, aber sie wussten, dass ich mich sowieso nicht davon abbringen lasse. Und am Ende ging alles gut.“









