Sieger-Pirat: Fabio Reinhardt zieht ins Berliner Abgeordnetenhaus

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Es ist die Wahl-Sensation am gestrigen Sonntag in Berlin: Mit 8,9 Prozent, so das vorläufige Ergebnis, zieht die Piratenpartei ins Berliner Landesparlament. Einer der voraussichtlich 15 künftigen Fraktionsmitglieder ist der Student Fabio Reinhardt. UNICUM.de hat sich am Tag nach dem Sieg mit ihm unterhalten.
Ganz nüchtern und konzentriert klingt Fabio Reinhardt am Tag nach dem bisher spektakulärsten Erfolg seiner Piratenpartei: „Um drei, halb vier bin ich heute Morgen ins Bett gegangen, aber die Euphorie ist schnell von mir abgefallen. Jetzt bin ich mit den Gedanken schon dabei, wie das denn künftig alles funktioniert.“ Sehr wahrscheinlich alle 15 Listenkandidaten der jungen Partei werden, dem hohen einstelligen Ergebnis sei Dank, ins Parlament einziehen. Fabio ist einer von ihnen und einer von zwei Studenten, auf die bald eine nicht unerhebliche Doppelbelastung und ein neues Leben zukommt.
„Wir haben eigene Ideen, eigene Ideale, eine eigene Arbeitsweise“, betont Fabio das Einzigartige der Piraten. Trotzdem bleibt er Realist, was die kommende politische Alltagsarbeit angeht: „Wir wollen einen anderen Stil reinbringen, die Bürger stärker beteiligen, aber da gibt es natürlich die eingeschliffenen Vorgehensweisen der Verwaltung und der anderen Fraktionen. Ich denke, wir werden uns irgendwo in der Mitte treffen.“
In dem, was den Mitgliedern der Piraten oft vorgeworfen wird, nämlich über bestimmte Politikbereiche kaum Bescheid zu wissen, sieht Fabio Reinhardt nichts Negatives: „Wir stehen zu unseren Fehlern und Schwächen, statt Plattitüden von uns zu geben.“ Mit dem Personenkult der anderen Parteien wollen die Piraten brechen: „Es gibt eine ‚Personenfixiertheitsverdrossenheit’. Wenn es heißt, wählt den Wowereit, wählt die Künast, die verstehen alles und werden das schon machen, dann ist das nicht glaubwürdig. Wir wollen keine Fokussierung auf Einzelne.“
Nerd-Klischee? Kein Problem!
Mit dem gängigen Klischee der Nerd-Partei kommt Fabio gut klar: „Ich halte das nicht für schädlich. Wenn wir für eine Partei von jungen Leuten gehalten werden, die sich schnell in Themen einarbeiten können, dann ist das auch sympathisch. Es gibt einfach ein Bedürfnis nach Einordnung. So stehen die Grünen vor allem für Umwelt und die FDP für Steuersenkungen.“ Das in der Öffentlichkeit stark mit den Piraten verbundene Thema Internet stand im Berliner Wahlkampf übrigens nicht im Vordergrund. „Unsere Hauptschlagworte waren ‚Transparenz’ und ‚Beteiligung’. Wir wollen transparent arbeiten und politische Prozesse offenlegen.“
Dem grandiosen Ergebnis der Piraten steht das Desaster der FDP gegenüber. Sind die Piraten die liberale Partei der Zukunft? „Vor zwei Jahren kam das Schlagwort ‚freies Internet’ auf, mit dem wir identifiziert wurden. Nun benutzt auch die FDP den Begriff Freiheit. Aber viele sind enttäuscht darüber, was die FDP unter Freiheit versteht“, sagt Fabio Reinhardt. Er distanziert sich unter anderem von der „unsolidarischen Euroskepsis“ der Freien Liberalen und einer Politik für Besserverdienende: „Was hat das mit Freiheit zu tun?“
Auch, wenn das Berliner Ergebnis wohl nicht repräsentativ für die ganze Bundesrepublik ist (Fabio Reinhardt sieht aktuell eine bundesweite Stammwählerschaft von rund zwei Prozent), scheinen die Piraten doch die Chance auf eine nicht unbedeutende politische Zukunft zu haben, gerade auch international. Fabio: „Wir sind eine globale Bewegung und in 37 Ländern aktiv. Rickard Falkvinge, der schwedische Gründer der ersten Piratenpartei hat das Ergebnis der Berlinwahl als zweiten großen Aufbruch nach der Erringung von zwei Mandaten fürs Europaparlament im Jahr 2009 bezeichnet.“
Bald Kanzlerkandidat?
Das transnationale und generationsbewusste Denken und Handeln der Piraten lässt sich an einem Beispiel demonstrieren. „Wir waren mit einigen Bloggern die ersten, die über die Unruhen in Spanien berichtet haben. Die großen Medien kamen erst Tage später“, ruft Fabio Reinhardt in Erinnerung.
Was die konkrete Zukunft in Berlin betrifft, will er keine Versprechungen machen. „Ich persönlich habe bürgerrechtliche Themen, wie zum Beispiel die Kontrolle der Polizei, im Kopf, aber ich kann nicht sagen, dies und jenes will ich erreichen. Wir müssen uns erst strukturieren.“ Insgesamt gelte für die fünfjährige Legislaturperiode: „Das ist ein unglaublich langer Zeitraum. Unsere Partei gibt es ja gerade mal ebenso lange.“
Ein politisches Ereignis in zwei Jahren hat Fabio allerdings schon auf dem Schirm: „Bei der Bundestagswahl stellen wir selbstverständlich einen Kanzlerkandidaten.“ Das meint er allerdings im Gegensatz zu einem ehemaligen FDP-Vorsitzenden (noch) nicht ganz ernst.

- Foto: Ben de Biel
Zur Person:
- Fabio Reinhardt ist 1980 geboren und wuchs in Münster auf.
- Nach dem Abitur leistete er Zivildienst in Braunschweig.
- Von 2002 bis 2009 studierte er Geschichte und Politikwissenschaft (M.A.) an der TU Braunschweig.
- Seit 2007 arbeitet er in der Piratenpartei mit, zog 2009 nach Berlin und studiert derzeit an der Freien Journalistenschule.
Weitere Infos:
- Fabio Reinhardt: http://pirat.fabioreinhardt.de/
- Piratenpartei Berlin: http://berlin.piratenpartei.de/
- Piratenpartei Deutschland: www.piratenpartei.de/









